Gedenkjahr 2020

Persönliche Erinnerungen zum Kriegsende 1945

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Elfriede Zahlner erinnert sich an Gespräche mit längst verstorbenen Glaserkollegen zu ihren Jahren im Krieg.

15.12.2020
120 Jahre Glaser-Zeitung Elfriede Zahlner
© Archiv Elfriede Zahlner
Gruppenbild des Einsatzes von 31 Wiener Glasern in Stettin. Der junge Mann vorne in der Mitte hält eine Glastafel in der Hand, die Aufschrift lautet „Glaser-Einsatz Stettin A.G. Wien“.

Die meisten Erzählungen stammen naturgemäß von meinem Schwiegervater Gustav Zahlner. In der Vorkriegszeit war es schwer Arbeit zu finden und ebenso eine Lehrstelle. Gustav hatte Glück, er wurde 1933 bei der Firma Ziegler, damals in der Kirchstetterngasse 26–28 in Wien Ottakring, aufgenommen und zum Glasschleifer ausgebildet.
Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 wurde auch für die jungen Männer Österreichs der „Reichsarbeitsdienst“ verpflichtend. Er dauerte ein halbes Jahr und galt als „Ehrendienst am deutschen Volke“, war für gemeinnützige Arbeit bestimmt, zu wahrer Arbeitsauffassung und Achtung der Handarbeit.

Gustav Zahlner wurde 1939 eingezogen. Er erzählte, wie fleißig er gearbeitet hatte. Zuerst in Bayern in der Landwirtschaft. Feuchte Wiesen drainagiert, Gräben gemacht, Rohre gelegt, Verbindungen für Sauger und Sammler gebaut. Dann kam er in ein Nürnberger Lager zum Straßenbau, hat Steine geklopft und händisch gesetzt.
Bevor der Krieg mit Polen begann, kam er nach Ostpreußen auf große Güter mit riesigen Feldern, um die Ernte einzubringen. Sonntags war frei, die Entlohnung war 25 Pfennig pro Tag. Kurze Zeit arbeitete er bei einem Ortsbauernführer, da wurde er besser verpflegt.
Danach arbeitete er wieder als Glasschleifer bei der Firma Ziegler. Doch schon 1940, Gustav Zahlner war 21 Jahre alt, wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Viele Stationen erlebte er während des Krieges. Gustav wurde in Steyr zum Kanonier und Fernsprecher ausgebildet, kam ins Schwabenland, dann nach Klagenfurt, später nach Frankreich zum Grenzschutz zur Schweiz. Über die Steiermark ging es mit dem Balkanfeldzug nach Griechenland. Als dort der Krieg 1941 zu Ende war, mussten die Soldaten in den eisigen hohen Norden marschieren. Er sprach von -42 Grad Kälte in Finnland und Norwegen, wo auch für ihn dann nach vier Jahren Frieren der Krieg zu Ende war.
Im hohen Alter fragte ihn eine Krankenschwester, ob er genug Bewegung mache und spazieren gehe. In seiner launigen Art antwortete er: „Schwester, ich bin vom Norden bis Griechenland zu Fuß unterwegs gewesen, das reicht für drei Leben“.

Ein anderer Glasermeister, von eher schmächtiger Statur, erzählte mir, dass der Kriegseinsatz für ihn als jungen Menschen ganz schrecklich war. Er wurde zuerst auf Flugplätzen eingesetzt und kam dann auch nach Norwegen zum Einmarsch. Dort wurde er zum Erschießungskommando eingeteilt. Es zielten jeweils mehrere Soldaten gleichzeitig, so dass es offen blieb, wer den tödlichen Schuss abgab. Er musste schießen, denn es wurde streng  kontrolliert, ob wirklich jeder einen Rückschlag hatte, denn ohne hätte es für ihn fatale Folgen gehabt.

In Wien begannen indes die Abmeldungen jüdischer Glaserbetriebe und Glasschleifergewerbe und später die großen Deportationen. Dabei waren auch mehrere Glaser, wie sich auf den diversen Internetseiten nachvollziehen lässt. In einem alten Karteikasten der Innung sind zu dieser Zeit viele Abmeldungen vermerkt. Die wohl markanteste war, weil sehr eindeutig, jene des Salomon Goldstein, geboren 12.09.1883 in Lemberg, Glasschleifergewerbe seit 28.11.1916 in Wien 6., Schmalzhofgasse 18, mit dem Wortlaut: „lt. B.H. 6/7 – G 59/38 am 3.5.1940 erloschen zufolge Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft“. Geschrieben in Kurrentschrift.
Einige Betriebe bekamen neue, nichtjüdische Eigentümer. Manche jüdische Glaser konnten den Betrieb noch rechtzeitig veräußern. Einer Notiz der Deutschen Glaserzeitung zufolge, gab es in Wien zurzeit des Anschlusses 58 jüdische Glasereien, ein Jahr später waren davon sieben in arische Hände übergegangen.

Aus der Arisierungs-Statistik: "In der Ostmark gab es im März 1938 59 jüdische Glasereien ..." Von ihnen waren am 31. März 1939 sieben in "arische Hände übergegangen".
© Archiv Elfriede Zahlner

Als das Ende des Krieges nahte, wurde noch versucht, alles was möglich war, zum Kriegsdienst zu verpflichten. So musste Alt-Innungsmeister Ossi König aus Baden bei Wien, damals 16 Jahre alt, drei Monate vor Kriegsende seine Lehre abbrechen und wurde zur militärischen Ausbildung eingezogen. Robert Kalb, Wiener Glasermeister im 6. Bezirk, wurde fünf Monate vor Kriegsende zum Deutschen Volkssturm eingezogen, obwohl ihm bis dahin absolute Untauglichkeit für den Kriegsdienst zugestanden worden war.

Der Krieg endete am 9. Mai 1945. Verzweiflung und Trauer machte sich breit. Gustav Zahlner hatte kein Zuhause mehr, wusste nicht wohin, doch den Krieg hatte er unverletzt überstanden. Einige der heimgekehrten Glaserkollegen erzählten mir von Granatsplittern in ihrem Körper, die sich kein Arzt zu entfernen wagte. Sie litten bis ins hohe Alter an Schmerzen. Die Trauer um die vielen gefallenen nahen Angehörigen verging nie. Einige Glasermeister erzählten mir mit Tränen in den Augen von dieser Zeit, und das, obwohl mittlerweile schon Jahrzehnte vergangen waren.

Kriegsbedingte Zwangseinsätze der Glaser

Vorerst mussten die jungen Gesellen in den Krieg ziehen. Meist blieben die älteren Meister in ihren Geschäften zurück. „Betriebsführer“, wie die Gewerbeinhaber neuerdings zu heißen hatten, konnten auch eine „Uk-Stellung“ erhalten. Das bedeutete „unabkömmlich“. Die Glaser waren schließlich wichtige Handwerker, denn durch Bomben und Beschuss gingen viele Fensterscheiben kaputt. Sie wurden stattdessen zu Reichssondereinsätzen zur Behebung von Fliegerschäden einberufen, vorerst im Heimatbezirk. Dies galt als Kriegsersatzdienst.

1940 begann die feindliche Luftwaffe in Deutschland einzufliegen, worauf Maßnahmen zur Behebung außergewöhnlicher Schäden ergriffen werden mussten. Vorerst wurden nur die Glaser des Bezirks herangezogen, was aber schon bald nicht mehr ausreichte. Ab 1941 gab es daher Einsatzpflicht nicht nur für Meister. Auch Gesellen und Lehrlinge ab dem zweiten Lehrjahr unterlagen nun den Anweisungen des vom Reichsinnungsmeister bevollmächtigten Obermeisters, in Wien Adolf Wagrandl. Durch die heftigen Bombardierungen in Norddeutschland reichten die eigenen Glaser nicht mehr aus, daher wurden unsere Wiener Glaser abkommandiert. Die Einsätze durften nicht verweigert werden, nach dem Ordnungsstrafrecht wurden hohe Strafen angedroht. Im Reichssondereinsatz galt höchste Dringlichkeitsstufe, alle anderen Arbeiten hatten zu ruhen.

Die Wiener Innung als Einsatzstelle leitete die Einsätze wie ein Unternehmen. Sie bezahlte sämtliche Ausgaben, der Reingewinn wurde pro Kopf an die teilnehmenden Unternehmer ausbezahlt. Es waren aber auch Gattinnen, Töchter und Angestellte dienstverpflichtet. Sie hatten in der Innung die administrativen Arbeiten zu erledigen.

Ich durfte bei alten Glaserkollegen Gruppenbilder kopieren. Sie zeigten die Gruppe des jeweiligen Einsatzes. 47 Glaser vom Einsatz in Berlin, 19 vom Einsatz in München vom 13.3. bis 17.4.1943, 15 vom Einsatz in Rostok 1942, und 31 vom Einsatz in Stettin. Der junge Mann vorne in der Mitte hält eine Glastafel in der Hand, die Aufschrift lautet „Glaser-Einsatz Stettin A.G. Wien“. In der Mitte der obersten Reihe ist eine junge Frau zu sehen. Wer sie war, wird man wohl nicht mehr herausfinden können.
Frauen – das war ein zusätzliches Problem. Die längst verstorbene Glasermeisterin Hedwig Werning wurde ebenfalls 1944 nach Norddeutschland befohlen, als einzige Frau in der Männergruppe. Weil sie schwanger war, „durfte“ sie hier arbeiten. Neun Wochen in Gumpoldskirchen, sieben Wochen in der Hinterbrühl und sechs Wochen auf dem Wienerberg. Stundenlange Fensterreparaturen, kilometerlange Fußwege, die Bomben hatten bereits die öffentlichen Verkehrsmittel zerstört. Sie erinnerte sich bei einem gemeinsamen Gespräch, mit Grauen an die für sie unmenschlichen Strapazen. Obwohl die Männer auf den Fotos relativ freundlich in die Kamera schauen, waren sie doch recht verdrossen, erzählte man mir. Denn kaum war ein Straßenzug fertig verglast, kam der nächste Angriff und wieder war alles kaputt.

Erinnerungen aus Gesprächen von Elfriede Zahlner.

120 Jahre Glaser-Zeitung

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