Interview

"Man sieht sich immer zwei Mal"

Peter Krammer, Branchensprecher der Bauindustrie, über Materialengpässe, Effizienzsteigerungsansätze und Nachhaltigkeitsbestrebungen.

08.06.2021
Bauindustrie
Sonja Meßner
08.06.2021
© Strabag SE

Die Baubranche boomt, die Herausforderungen werden aber dennoch nicht weniger. Wie die Bauindustrie mit Material­engpässen umgeht, warum die Trennung von Planung und Ausführung immer wieder diskutiert wird und welches Thema in den nächsten Jahren in der Baubranche Priorität haben muss – darüber haben wir mit Peter ­Krammer, ­Branchensprecher der Österreichischen Bauindustrie und Vorstandsmitglied der Strabag SE gesprochen.

Die Materialkrise ist derzeit das beherrschende Thema. Wie geht die Bauindustrie mit diesem Problem um?

Peter Krammer: Die Materialengpässe bereiten uns natürlich einiges an Kopfzerbrechen. Die Unternehmen versuchen mit Kunden zu verhandeln, um Teilleistungen nach hinten zu verschieben, sind im Kontakt mit Herstellern, um Materiallieferungen umzudisponieren, und versuchen auch die Performance des eigenen Einkaufs weiter zu steigern.

Zeigen die Kunden Verständnis für diese herausfordernde Situation?

Krammer: Grundsätzlich ja. Wir kommen aus einer Pandemie-Situation – aus einem Tal der Tränen –, da ist das Verständnis aktuell ausgeprägter. Allerdings handelt es sich bei den Verzögerungen aktuell nur um ein paar Wochen. Es wird sich zeigen, ob das Verständnis noch so groß ist, wenn die Projekte vielleicht erst ein halbes Jahr später fertig werden.

Erwarten Sie, dass die Rohstoffknappheit noch ­Monate oder länger anhält?

Krammer: Mein Gefühl sagt mir, dass es Ende des dritten bzw. im vierten Quartal besser wird. Es hängt aber auch von den Ursachen der Preissteigerungen ab. Zum Beispiel ist bei den Erdölderivaten wie den Dämmstoffen die ­Lieferkette praktisch komplett abgerissen, da die Kerosin­produktion, die für die Herstellung von Kunstharz benötigt wird, zurückgefahren wurde. Das ist klar eine Folge der Corona-Pandemie. Und natürlich halten Großhändler auch Rohstoffe zurück, um die aktuelle Situation auszunutzen. Das ist wohl ganz schlicht und einfach Marktwirtschaft, und damit muss man um­gehen können. Aber man trifft sich immer zweimal im Leben – mindestens.

Denken Sie, dass sich die Materialengpässe negativ auf die Baukonjunktur auswirken werden?

Krammer: Seitdem es nachhaltig niedrige Zinsen gibt, ist die Bauindustrie einer jener Industriebereiche, die sehr stark davon profitieren. Ich denke, das wird sich auch in Zukunft nicht dramatisch ändern. Was in Österreich noch dazukommt, ist die Investitions­prämie, die meiner Meinung nach sensationell funktioniert hat. Allerdings hat sie nun dazu geführt, dass wir sehr viele Aufträge, die über diese Investitions­prämie laufen, jetzt ausführen müssen. Dadurch wird aktuelle Situation weiter verschärft.

Von vielen Seiten wird zum Beispiel eine Verlängerung der Abwicklungsfristen bei der Investitionsprämie gefordert. Könnte das helfen?

Krammer: Der Markt wird sich zum Teil auch selbst regulieren, aber alles, was die Situation entzerrt, hilft.

Neben den Rohstoffpreisen werden derzeit alternative Vertragsmodelle häufig diskutiert. Sind diese auch schon in der Praxis angekommen, oder spielt sich das Thema hauptsächlich in den Medien und auf Veranstaltungen ab?

Krammer: Es ist auf jeden Fall in der Praxis angekommen. Es gibt mittlerweile etliche Projekte auf Basis von Partnering-Modellen oder Teamconcept-­Modellen, wie wir es in der Strabag nennen. In Deutschland ­setzen wir bereits seit 15 Jahren erfolgreich Partnering-­Modelle um. Es hat aber großer Anstrengung bedurft, dieses Thema auch in Österreich einzuführen. Mittlerweile hat aber die Österreichische Bautechnik ­Vereinigung (ÖBV, Anm.) unter Leitung von Andreas Fromm (Asfinag, Anm.) auch eine Richtlinie zu diesem Thema herausgebracht.

Warum hinkt Österreich bei Themen wie diesen oft hinterher?

Krammer: Dazu muss man in die Vergangenheit schauen. In Deutschland hat sich die Zahl der am Bau Beschäftigten zwischen 1995 und 2005 halbiert und auch die Anzahl der am Markt agierenden Unternehmen reduziert. Gleichzeitig sind die umzusetzenden Projekte deutlich größer. Deswegen haben Auftrag­geber früh gefragt, ob es sinnvoll ist, Hundertschaften von Techniker*innen auf den Baustellen zu haben, die nur ihre Interessen verfolgen. Oder man reduziert diese Anzahl, spart damit Overhead-Kosten und versucht das Projekt gemeinsam nach vorne zu treiben. Alternative Vertragsmodelle sind schließlich kein Selbstzweck. Der Auftraggeber will ein möglichst günstiges qualitativ hochwertiges Projekt mit möglichst wenigen Irritationen zur richtigen Zeit umsetzen. Das Bauunternehmen hingegen hat das Bestreben, möglichst effizient dieses Projekt zu einem möglichst günstigen Preis abzugeben. Die Schnittmenge, die sich bei solchen Vertragsmodellen ergibt, ist sehr groß. Das ­Problem dabei ist der ­Informationsverlust zwischen den Projekt­beteiligten und den einzelnen Projekt­phasen. Diese Sequenzierung ist auch der Hauptgrund für die fehlende Effizienzsteigerung am Bau. Wie soll man als Bauunternehmen die beste technische und wirtschaftliche Lösung finden, wenn man nicht genügend Vorlaufzeit hat? Worum es mir geht, ist die Integration ­aller am Bau Beteiligten zu einem frühen Zeitpunkt.

Die Integration aller am Bau Beteiligten zu einem frühen Zeitpunkt ist die einzige Möglichkeit, Know-how-Verlust zu vermeiden und die Effizienz zu steigern.
 

Peter Krammer, Obmann des FV Bauindustrie

Gemeinsam das Bestmögliche aus einem Projekt herauszuholen sollte aber auch ohne alternative Vertragsmodelle das Ziel sein.

Krammer: Das ist es ja auch. Es gibt auch im alten Vergaberegime eine Masse an Projekten, bei denen sich Auftraggeber und Ausführende an einen Tisch gesetzt haben und Probleme erörtert und gelöst haben. Dennoch ist durch die Sequenzierung im Vorfeld ein Know-how-Verlust entstanden, den wir als Ausführende erst im Laufe der Bauabwicklung aufholen können – oder eben auch nicht.

Das heißt, es geht Ihnen nicht zwingend um eine Abschaffung der Trennung und von Planung und Ausführung, sondern vielmehr um ein frühes Miteinander?

Krammer: Es geht vor allem um eine gemeinsame frühe Befassung mit dem Projekt. Der momentan häufig diskutierte Begriff des „Notar des Bauwesens“ ist dabei völlig althergebracht. Es wissen doch alle – angefangen bei den Auftraggebern über die Planer und die Ausführenden –, was ihre Aufgaben sind, und es wird hoffentlich jeder sein jeweiliges Know-how optimal einsetzen. Es braucht keinen Notar, sondern eine optimale Lösung.

Wie sich auch in der Diskussion rund um die ZTG-Novelle zeigt, fürchten aber einige Planer einen Kompetenzverlust. Können Sie diese Sorge nachvollziehen beziehungsweise denken Sie, dass kleinere Planungsbüros langfristig auf der Strecke bleiben werden?

Krammer: Nein, das glaube ich nicht – eher umgekehrt. Es ist eine Chance für die Planerschaft, Qualität zu beweisen und sich nicht hinter ihren Standes­dünkeln zu verstecken. Wenn sie progressiv und innovativ arbeiten, werden sie auch gesehen.

Das Thema BIM scheint durch die aktuellen Herausforderungen etwas in den Hintergrund zu treten. Dabei tut sich auch hier einiges – wie z.B. der Merkmalservice der ÖBV oder der ASI-Merkmalserver. Wäre eine einheitliche Strategie nicht sinnvoller?

Krammer: Zum ersten Mal kommen wir nun in eine Phase, in der die Diskussion rund um BIM versachlicht wird. Früher galt BIM immer als Heilsbringer, als Lösung für alles. Jetzt erkennt man langsam, was BIM tatsächlich ist, wo die Chancen liegen, aber auch, welche Restriktionen es gibt. In Österreich wird das Thema BIM nicht übergeordnet koordiniert, und sowohl Auftraggeber als auch Ausführende entwickeln ihre eigenen Merkmalbibliotheken mit unterschied­lichen Schwerpunkten. Deshalb haben wir in der ÖBV damit begonnen, mit dem Merkmalservice eine Art Übersetzungsprogramm zu konzipieren, damit sich die einzelnen Merkmale in den jeweiligen Merkmalservern der Unternehmen miteinander verstehen. Die Initiative von Austrian Standards, einen Merkmalserver zu gestalten, widerspricht dem ja nicht. Es ist eben ein Merkmalserver, den man in den Merkmalservice einspielen kann. Ein Ziel des Merkmalservices ist es zum Beispiel zu erkennen, dass 95 Prozent der Attribute in Österreich gleich sind. Dann könnte man diese standardisieren. So weit sind wir aber noch nicht.

Wie weit ist das Projekt Merkmalservice?

Krammer: Die Matching-Plattform gibt es, jetzt ist man gerade dabei, möglichst viele Informationen aus den verschiedenen Merkmalservern zu implementieren. Später sollen diese Attribute dann mittels KI ­analysiert und zugeordnet werden. Wir sind derzeit in einer erweiterten Probephase.

Sehen Sie den Merkmalservice als eine mittel­fristige Lösung, bis sich letztendlich doch ein einheitlicher Merkmal-Content durchgesetzt hat?

Krammer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Als vor zwanzig Jahren die Smartphones aufkamen – hätten Sie damals gedacht, dass nur zwei Betriebssysteme übrig bleiben? Ich weiß es nicht.

BIM war lange das Thema Nummer eins in der Baubranche. Was ist für Sie das nächste Zukunftsthema?

Krammer: Für mich ist in den vergangenen Monaten Nachhaltigkeit stark in den Fokus gerückt und hat der Digitalisierung und BIM klar den Rang abgelaufen. Das Thema kommt nun langsam auch in den Vergabemodellen an, wenn auch noch nicht in ausreichendem Maße. Seit vergangenem Herbst gibt es auch in der ÖBV einen Arbeitskreis, der sich mit der Ausarbeitung nachhaltiger Vergabekriterien und ökologischer Baumaßnahmen befasst. Das ist sehr spannend, aber keine Sekunde zu früh. Konkret wird dabei nicht nur der Lebenszyklus zu betrachten sein, sondern auch der Carbon-Footprint des Baus selbst – angefangen bei Baumaterialien, Maschinen und auch den Bauunternehmen. Wir als Strabag haben beispielsweise einen Nachhaltigkeitsplan aufgestellt, damit auch wir das Ziel Österreichs, bis 2040 klimaneutral zu sein, unterstützen.

Ein Ausblick – wie wird das nächste Jahr werden?

Krammer: Wenn ich die konjunkturelle Lage in der Bauwirtschaft betrachte, sehe ich das heurige Jahr sehr positiv und auch das kommende Jahr noch sehr gut. Wie es nach 2022 weitergeht, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Es steht eine Steuerreform an, ­Corona hat ein riesiges Loch in die Budgets gerissen. Das heißt, es wird eingespart werden müssen und wir werden sehen, wie sich das mittelfristig auf die Infrastrukturinvestitionen auswirkt. Das ist ein Unsicherheitsfaktor, aber ich sehe keinen großen Einbruch. Für das heurige und das nächste Jahr bin ich jedenfalls zuversichtlich.

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