Interview

„Kleine Projekte gibt es für mich nicht“

19.01.2026

Mit dem neuen Photography Seoul Museum of Art realisierte der Wiener Architekt Mladen Jadrić einen der derzeit bemerkenswertesten Kulturbauten Asiens. Im Interview spricht er über internationale Zusammenarbeit, Maßstäbe in der Architektur und die Bedeutung von Ort, Kultur und Nachhaltigkeit.

Der Architekt Mladen Jadrić ist nicht nur durch seine Projekte in Europa und Asien bekannt, sondern auch als Lehrender an der TU Wien und gefragter Teilnehmer internationaler Ausstellungen – von der Architekturbiennale in Venedig bis zur Seoul-Biennale in Korea. Sein jüngstes Projekt, das neue Fotomuseum in Seoul, das in Kooperation mit dem Architekturbüro 1990uao aus Seoul entstanden ist, verbindet experimentelle Architektur mit nachhaltiger Technologie und wurde dafür bereits mehrfach ausgezeichnet.

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Susanne Karr, Architektur und Bau Forum: Im Norden von Seoul entsteht gerade ein neuer Kulturbezirk und ich hatte das Glück, mir das neue Fotografie-Museum vor Ort ansehen zu können. Mit seinem dunklen Outfit wirkt es neben dem hellen Robot and AI Museum sehr elegant. Durch sein zurückgenommenes Design bietet es auch im Inneren eine perfekte Bühne für Fotografien. Das Gebäude wurde mit dem Austria Green Building Award ausgezeichnet – es ist etwa durch Photovoltaikanlagen, Erdwärme und mehr sehr nachhaltig konzipiert. Wie übersetzt ihr nachhaltige Gesamtkonzepte in konkrete gestalterische Entscheidungen?

Advertorial

Mladen Jadrić: Wir haben es mit einem speziellen, technisch sehr gut ausgestatteten Museum zu tun. Der Bedarf an klimatisierten Räumen, von 0°, 7°, 14° bis zu Zimmertemperatur, war enorm. Wir wussten von Anfang an, dass energetische und ökologische Fragen eine große Rolle spielen würden und haben Materialität und Konstruktion parallel zur Architektur mitgedacht, ebenso die große Masse des Gebäudes. Wir wollten nicht erst später die typischen Probleme wie konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit lösen.
Um Geothermie zu nutzen, wurden 54 Tiefenbohrungen durchgeführt. Das Dach ist vollständig mit Solarpaneelen ausgestattet. Diese Maßnahmen wurden von Anfang an in die Planung integriert.

© Namgoon Sun, Architektur: Jadric Architektur ZT GMBH

Die Idee von Partizipation und Kooperation steht bei euren Projekten immer im Zentrum. Es gibt regen Austausch mit den Bauherr*innen, den Auftraggeber*innen, aber auch mit den Menschen, die in der Nähe eurer Gebäude leben. Wie lief das in diesem Fall?
Der Auslober stellte vor rund zehn Jahren grundsätzliche Fragen: Was soll in diesem Museum gezeigt werden? Die gesamte Geschichte Koreas hätte den Rahmen gesprengt, also musste eine Auswahl getroffen werden. Allein das Thema Koreakrieg hätte sämtliche verfügbaren Lagerräume gefüllt.
Zwei Kongresse wurden organisiert, mit Kurator*innen, Fotograf*innen und politischen Vertreter*innen. Daraus ergaben sich erste inhaltliche Linien, die zum Fundus für das Museum führten.
Mit dem Credo „Museum is not enough“ entstand früh eine kollaborative Herangehensweise. Die Zusammenarbeit mit dem Kurator verlief von Anfang an hervorragend, ebenso mit der Stadt Seoul als Investorin.
Man muss lernen, Verantwortung zu teilen und Expertise dort zuzulassen, wo sie gebraucht wird. So hatten wir am Ende nach sechs Jahren intensiver Arbeit gemeinsam ein gutes Projekt geschaffen. In der heutigen Architekturplanung ist das selbstverständlich: Es gibt keine „Stararchitekten“ mehr – wir arbeiten alle in großen Teams, in denen jede*r eine Rolle spielt.

© Namgoon Sun, Architektur: Jadric Architektur ZT GMBH

Wir sprechen über Seoul, das ist nicht gerade ums Eck. Wie kommt man dorthin? Wie entstand die Kooperation?
Seit etwa 25 Jahren bin ich in Ostasien aktiv, vor allem durch meine universitäre Tätigkeit. Ich leite Austauschprogramme mit China, Korea und mehreren japanischen Universitäten. Ich halte mich an das Motto von Glenn Murcutt, man solle den Ort, an dem man bauen möchte, gut kennen. Nach ersten Projekten in China haben wir uns nach Korea gewagt. Seit wir vor rund zwölf Jahren mit unserem Kooperationspartner 1990uao den Wettbewerb für das Museum gewonnen haben, sind wir in Seoul aktiv. Das war in einer Phase, in der Südkorea sich stark international geöffnet und viel investiert hat, etwa in eine Architektur-Biennale.
Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vorher haben wir zum Beispiel in Hangzhou, China, ein Dorf für die Asiatischen Spiele geplant. Nach unserem Masterplan entsteht dort ein Stadtteil für rund 60.000 Menschen. Zwei Brücken und noch einige weitere Projekte wurden bereits realisiert.
Ich spreche oft von „wir“, weil ich mich als Teil eines Teams sehe. Ich arbeite nie allein – Kolleg*innen, Partner*innen vor Ort in China, Korea und Japan sowie mein Team in Wien spielen immer eine zentrale Rolle. Es sind oft internationale Kooperationen, die ausgezeichnet funktionieren.

Mladen Jadrić
Mladen Jadrić ©ÖWV

Weitsicht, die Fähigkeit, auch Elemente anderer Kulturen aufzugreifen, ist ein wesentlicher Teil architektonischer Kreativität. Gerade Wien lebt seit über 150 Jahren vom kulturellen Austausch.
Mladen Jadrić

Ihr plant Projekte in sehr unterschiedlichen Größen – Stadtplanung, Brücken, aber auch Wohnhäuser. Wie entscheidet ihr, was ihr macht?
Kleine Projekte gibt es für mich nicht – man kann ein Leben lang an einem einzigen Sessel arbeiten. Der Maßstab ist relativ. In China habe ich die Jahre des Baubooms miterlebt. Im Jahr 2000 war ich als Gastprofessor in Melbourne und habe auf dem Weg dorthin einen Zwischenstopp in Hongkong gemacht – das hat mich so beeindruckt, dass ich danach 25 Jahre lang immer wieder zurückgekehrt bin. Dort wurde mir klar: In solchen Dimensionen zählen nicht einzelne Objekte, sondern städtebauliche Konzepte, große Planungsideen. Der Maßstab ist ein anderer – das hat meinen Blick auf Architektur stark verändert.
Das war ein Maßstabssprung, den man erst sicher verstehen muss, bevor man sich traut, Projekte zu starten. Wir sind oft nach China und Korea gereist, um uns mit den dortigen Architekten und Architektinnen auszutauschen, haben Workshops mit Kolleg*innen aus chinesischen und koreanischen Universitäten ins Leben gerufen. Später kam auch Japan dazu. Wir organsieren seit über 23 Jahren Austauschprogramme und bieten mittlerweile sogar ein Double-Degree-Programm an, bei dem Studierende ein Jahr in China oder ein Semester in Japan oder Korea verbringen. Diese Erfahrung ermöglicht wertvolle Selbstreflexion und das Erleben einer völlig anderen Welt. Junge Leute erhalten die Möglichkeit, ihre Perspektive zu erweitern, gerade wenn sie in Kulturen eintauchen, die so anders sind.
China, Korea und Japan sind Universen für sich. Es wäre für einen Intellektuellen fast unangemessen, diese Kulturen nicht zu kennen. Es gehört heutzutage einfach zur Ausbildung dazu.

Masterplan Hangzhou
Masterplan Hangzhou; Visualizations: © Claudio Anderwald Computergraphics, Architektur: © Jadric Architektur

Städte wie Seoul und Wien haben aber ganz unterschiedliche Dimensionen. Ein Vergleich ist schon auf dieser Ebene schwierig, oder?
Absolut. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der Urbanisierung und der jeweiligen Kultur ist nötig. Konsens scheint zu bestehen, dass die massiven Migrationsströme aus ländlichen Regionen Chinas und anderer Länder in die großen Städte nur dort bewältigt werden können. Man erinnert sich an ähnliche Diskussionen wie man Städte für die Zukunft bauen soll, aus dem Europa der 80er und 90er Jahre. Berlin galt damals als Modellstadt für den Wiederaufbau und für die gesamte Stadtplanung Europas. Diese Diskussionen sind nun in einem anderen Maßstab und Kontext wieder aktuell.

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Es geht also um eine Fortsetzung dessen in anderem Maßstab?
Ja, mit dem Alter kann man Erfahrungen sammeln und sie teilen. Irgendwann wächst man in diese Herausforderungen hinein.

Was sind die größten Unterschiede in der Baukultur zwischen Europa und Asien?
Der größte Unterschied ist der Maßstab. Als ich in den 80er und 90er Jahren studierte, galt Tokio als das Gegenteil von allem, was wir hier kannten. In Tokio konnte man trotz der riesigen Dimensionen eine Intimität erleben. Später habe ich verstanden, dass es vor allem die Geschwindigkeit ist, mit der Städte wie Peking und Shanghai entwickelt wurden. Dahinter stehen sehr alte Kulturen, die nun endlich ihre Chance haben, sich zu entfalten. Das ist etwas, das viel zu wenig in unseren Medien behandelt wird – wir hören immer nur die negativen Nachrichten. Aber in der Kultur hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren eine enorme Veränderung vollzogen. Es gibt eine Vielzahl fantastischer Architekt*innen, Maler*innen und Künstler*innen, die nun international Anerkennung finden. Es gibt einen enormen Qualitätsschub.

Hangzhou-Bridges
Hangzhou-Bridges © Fotos und Architektur: Mladen Jadric, Sun Tongyu, Xu Kai, Klaus Semsroth

Was waren zu Beginn die größten Herausforderungen in Asien?
Oft geht es um die Mentalität. In Wien haben wir eine gewisse Flexibilität, die es uns ermöglicht, Probleme schnell zu lösen. In vielen asiatischen Ländern, besonders in China und Korea, sind die Hierarchien strenger, und die Regeln müssen sehr genau befolgt werden. Es war schwierig, aus diesem Korsett auszubrechen, und das hat mich zu Beginn irritiert. Wenn man diese Herausforderungen akzeptiert, kann man das größere Ziel dahinter verfolgen. Man muss einfach weitermachen.

Auf eurer Website findet sich das Zitat „Die besten Orte der Welt sind bereits vergeben, neue können nur erfunden werden.“ Welche „besten Orte“ sind gemeint? Und wie kann man neue „erfinden“?
Das ist eine sehr tiefgehende Frage. Die besten Orte, an denen Städte gegründet wurden, sind aus vielen praktischen Gründen dort, wo sie heute sind, ob wegen des Klimas, des Zugangs zu Wasser oder von Ressourcen. Als ich Anfang des 21. Jahrhunderts in China war, hatte ich eine weitere Erkenntnis: Die besten Orte in der Welt, diese wunderschönen Städte, mussten plötzlich für 1,5 Milliarden Menschen neu erfunden werden. Das erfordert immense Kreativität und Erfindungsreichtum.
In diesem Zusammenhang habe ich über die „Gründung“ von Städten nachgedacht. Wie kann man neue Städte oder neue „beste Orte“ erfinden, wenn die idealen Küstenregionen und Buchten bereits alle besiedelt sind? Ich glaube, als Architekt*innen ist das unsere wichtigste Aufgabe – mit Fantasie und Visionen neue Ideen zu entwickeln.

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Was steht als nächstes Projekt an? Geht es zurück nach Europa oder bleibt ihr in Asien?
Ich komme gerade von einer Baustelle in Wien – wir realisieren einen geförderten Wohnbau, eines meiner Lieblingsprojekte. Aktuell haben wir 25 Architekturstudierende aus Sydney zu Besuch, mit denen ich zusammen mit einer Kollegin von der UNSW (University of New South Wales) jedes Jahr einen Workshop organisiere – gemeinsam mit TU-Studierenden. Wir erkunden Wien Tag für Tag auf der Suche nach den interessantesten Wohnbauten der letzten 100 Jahre – auch zeitgenössische. Parallel dazu bauen wir in einem sehr sensiblen Gebiet in Korea, nördlich der Stadt Daegu, eine kleine Siedlung für Wissenschaftler*innen. Der Ort ist Teil eines UNESCO-geschützten Dorfes. Wir sind als geladenes Architekturbüro dabei und übernehmen einen kleinen Teil. Ich freue mich darauf.

Wohnhaus Welingergasse
Wohnhaus Welingergasse Foto © Pez Hejduk Architekturfotografie, Architektur: © Jadric Architektur

Ist das ein Forschungszentrum?
Ein Zentrum zum Forschen, aber auch zum Leben. Wissenschaftler*innen sind spezielle Menschen, die spezielle Räume brauchen. Es geht vor allem darum, einen Ort zu schaffen, an dem sie sich wohlfühlen, damit sie kreativ bleiben können. Es gibt keine festgelegte Nutzung, und sie können dort so lange bleiben, wie sie möchten.

Stehen eure Gebäude in Beziehung zur traditionellen koreanischen Architektur? Oder verfolgt ihr einen ganz anderen Ansatz?
Wir versuchen, die traditionellen sogenannten Hanok-Häuser neu zu interpretieren. Ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt – gemeinsam mit Kolleg*innen von der National University in Busan und meinen Studierenden habe wir ein Buch zu dem Thema geschrieben. Vor einem Jahr habe ich mich zum ersten Mal an ein Projekt gewagt, das sich explizit auf die Neuinterpretation dieser Bauform bezieht – und sie ist spannend. Vor kurzem hatten wir im Künstlerhaus in Wien die Ehre, Seung H-Sang, wahrscheinlich den bedeutendsten Architekten Koreas, als Gast zu begrüßen. Dabei wurden auch Beispiele traditioneller koreanischer Architektur aus seinem Büro IROJE architects & planners in zeitgenössischer Form präsentiert.

Könnten solche Erfahrungen auch einmal in ein Wiener Projekt einfließen?
Absolut. Weitsicht, die Fähigkeit, auch Elemente anderer Kulturen aufzugreifen, ist ein wesentlicher Teil architektonischer Kreativität. Gerade Wien lebt seit über 150 Jahren vom kulturellen Austausch. Von der Semper’schen Antikenrezeption über den Orientalismus bis zum Japonismus – es gibt viele Einflüsse, deren Ursprünge vielen gar nicht bewusst sind.
An einer meiner Lieblingsstellen bei Italo Calvino wird Marco Polo gefragt, warum er immer nur über dieselbe Stadt spricht. Und er antwortet sinngemäß, er spräche immer über Venedig, weil er das am besten kenne und einen Fixpunkt brauche, um sich zu orientieren. Das trifft es sehr gut. Man braucht einen Anker, um zu reflektieren. Solche Vergleiche helfen auch, sich selbst besser zu verstehen.

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Zur Person

Mladen Jadrić
Mladen Jadrić ©ÖWV

Mladen Jadrić ist Architekt und Mitbegründer von Jadric Architektur ZT GmbH in Wien. Er realisiert internationale Projekte in Europa und Asien und lehrt an der TU Wien. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf öffentlichen Kulturbauten und internationaler Zusammenarbeit. Zu seinen jüngsten Projekten zählt das Photography Seoul Museum of Art, das in Kooperation mit dem Architekturbüro 1990uao entstand.