Deutschland: Experte warnt vor tiefster Baukrise seit Jahrzehnten
Die deutsche Bauwirtschaft steckt nach Einschätzung des Bau- und Immobilienexperten Klaus-Peter Stöppler in einer tiefgreifenden strukturellen Krise. Eine rasche Erholung sei nicht in Sicht, das Jahr 2026 bringe voraussichtlich noch keine Trendwende.
Die deutsche Bauwirtschaft ist nach Einschätzung von Klaus-Peter Stöppler mit Beginn des Jahres 2026 in die größte Krise seit Jahrzehnten geraten. Die Branche leide unter einer bislang unbekannten Mehrfachbelastung, die ökonomische, politische, regulatorische und demografische Fehlentwicklungen gleichzeitig sichtbar mache, sagt der Bau- und Immobilienfachmann.
„Die Bauwirtschaft ist ein Frühindikator für die Gesamtwirtschaft. Die Baukrise ist daher ein Symptom für die grundlegende Schwäche des Wirtschaftsstandorts Deutschland“, so Stöppler. Das Land stecke weit über eine herkömmliche Konjunkturdelle hinausgehend in einer strukturellen Transformation, bei der bisherige Wirtschaftsmodelle nicht mehr funktionierten.
Historische Einordnung

Zur Einordnung verweist Stöppler auf frühere Krisenphasen der deutschen Bauwirtschaft. Nach dem Bauboom der 1950er- und 1960er-Jahre hätten die Ölkrisen der 1970er-Jahre zwar zu Einbrüchen geführt, der Bedarf an Wohnraum sei jedoch hoch geblieben. Auch die Rezessionen der 1980er-Jahre sowie die strukturelle Krise nach der Wiedervereinigung ab Mitte der 1990er-Jahre seien von anderen Rahmenbedingungen geprägt gewesen. Selbst die globale Finanzkrise 2008/2009 habe dank niedriger Zinsen und staatlicher Infrastrukturprogramme vergleichsweise rasch überwunden werden können. Es folgte ein historischer Boom im Wohnungsbau zwischen 2015 und 2021.
Mehrfachbelastung seit 2022
Seit 2022 werde die deutsche Bauwirtschaft laut Stöppler von mehreren Faktoren gleichzeitig getroffen. Er nennt eine Kostenexplosion von 30 bis 70 Prozent, historisch hohe Bauzinsen mit einem Rückgang der Neubaugenehmigungen um bis zu 40 Prozent, eine zunehmende Bürokratie, einen ausgeprägten Fachkräftemangel, Probleme in der Wohnungsbaupolitik sowie den Abbruch oder die Verschiebung von Bauprojekten in bislang unbekanntem Ausmaß.
„Es wurden und werden massenhaft Bauprojekte gestoppt oder verschoben – allein schon wegen astronomisch hoher Material- und Energiekosten“, sagt Stöppler. Hinzu komme das Ende günstiger Baukredite, das insbesondere den privaten Wohnungsbau stark getroffen habe. Gleichzeitig würden Genehmigungsverfahren und regulatorische Vorgaben viele Vorhaben zusätzlich verzögern oder verhindern.
Deutschland zählt nach Angaben des Experten zu den am stärksten regulierten Baumärkten Europas. Energieeffizienzvorgaben, Nachhaltigkeitsnormen, Lärm-, Brand- und Barrierefreiheit, eine komplexe Förderlandschaft sowie lange Genehmigungszeiten wirkten in Kombination mit steigenden Kosten besonders belastend für die Branche.
Bedeutung über Deutschland hinaus
Auch wenn sich Stöpplers Analyse ausdrücklich auf Deutschland bezieht, gelten viele der beschriebenen Rahmenbedingungen in Fachkreisen als Entwicklungen, die über den deutschen Markt hinaus Beachtung finden. Steigende Baukosten, hohe Zinsen, Fachkräftemangel und regulatorische Anforderungen prägen auch in Österreich die Diskussionen in der Bau- und Immobilienwirtschaft, wenngleich unter anderen strukturellen Voraussetzungen.
Zusätzlichen Druck erzeugt laut Stöppler der gesamtwirtschaftliche Abschwung in Deutschland. Sinkende Investitionsbereitschaft, strengere Kreditvergaben, verschobene öffentliche Projekte und Kaufkraftverluste wirkten sich direkt auf die Baukonjunktur aus. Die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien gehe zurück, Industrieinvestitionen würden vermehrt ins Ausland verlagert.
Als weiteren strukturellen Belastungsfaktor nennt Stöppler den demografischen Wandel. Über Jahre hinweg seien die Ausbildungszahlen in der Baubranche gesunken. Mit dem Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge fehlten nach seiner Einschätzung mehr als 200.000 Fachkräfte.
Insgesamt handle es sich um eine Systemkrise mit mehreren gleichzeitigen Belastungsfaktoren, resümiert der Experte. Frühere Baukrisen seien jeweils durch einzelne Auslöser geprägt gewesen, die aktuelle Lage sei in dieser Form ohne Beispiel. Einen vorsichtigen Lichtblick sieht Stöppler im angekündigten Gebäudetyp E, der in Deutschland sowohl für Neubauten als auch für den Bestand gelten soll. Ob daraus bereits 2026 spürbare Entlastungen entstehen, bleibt offen.




