Künstler? Handwerker? Wohl beides, denn bei Alexander Queisser lassen sich keine klaren Grenzen ziehen. Er arbeitet an den Schnittstellen von bildender Kunst, Handwerk und räumlicher Gestaltung, wobei sich seine Auseinandersetzung mit Wand, Oberfläche und Material über viele Jahre hinweg aus künstlerischer Praxis, handwerklicher Ausbildung und kontinuierlicher Recherche entwickelte. Erste gestalterische Einflüsse stammen aus der Street-Art- und Graffiti-Szene, in der er Mitte der 2000er Jahre als selbstständiger Illustrator und Gestalter tätig war. Doch neben großformatigen Arbeiten im urbanen Raum beschäftigte er sich auch früh mit Zeichnung, realistischer Malerei und der Wirkung gealterter, abstrakter Hintergründe. Bereits hier zeigte sich sein persönliches Interesse an Materialität, Schichtung und atmosphärischer Tiefe, die später zunehmend in den Mittelpunkt seiner Arbeit rückten.

Nach dem Umzug nach Zentralamerika widmete sich Alexander Queisser intensiv dem Zeichnen und Malen. Weitergereist nach Nicaragua, kam er erstmals näher mit der klassischen Ölmalerei der amerikanischen Schule in Berührung. Die Begegnung mit einem traditionellen Maler beeinflusste seinen Zugang zu Farbe, Oberfläche und Komposition schließlich nachhaltig. Bei seinem darauf folgenden Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, unter anderem in Kalifornien sowie in Oregon, dem Herkunftsstaat seiner Mutter, entwickelte er seine künstlerische Praxis im Austausch mit dem amerikanischen Künstler Franklin Andrew Williams weiter und vertiefte seine Auseinandersetzung mit figurativer Malerei und räumlicher Wirkung.

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Für das Hotel Zola komponierte Alexander Queisser das Wandkunstwerk "La Rève", inspiriert von Schriftsteller Emile Zola. © Composing the Raw

Schatzkiste der Erfahrung

Nach seiner Rückkehr nach Europa zog Alexander Queisser 2010 nach Wien und setzte dort zunächst seine Tätigkeit als Illustrator fort. Vier Jahre arbeitete er für das Medienbüro Delicate, wo er an Illustrationen für unterschiedliche grafische Anwendungen und Publikationsformate arbeitete. Parallel dazu begann sich sein Interesse zunehmend von der klassischen Bildfläche hin zur Wand als räumlichem und materiellen Medium zu verschieben, und er beschloss, die Ausbildung zum Tapezierer und Raumausstatter zu absolvieren. In dieser Zeit setzte er sich intensiv mit Putzaufbauten, Beschichtungssystemen und historischen wie zeitgenössischen Techniken der Oberflächengestaltung auseinander.

Eine prägende Erfahrung machte Queisser während seiner Ausbildung im Malerhandwerk. Bei Renovierungsarbeiten wurden mehrere Schichten alter Tapeten entfernt und darunter Wände freigelegt, die durch Zeit, Nutzung und Alterung gezeichnet waren. Die sichtbaren Patinaschichten, Brüche und zufälligen Überlagerungen offenbarten eine eigenständige Ästhetik, die sein Verständnis von Oberfläche grundlegend veränderte. Die Wirkung dieser gealterten Strukturen beeinflusste seinen weiteren gestalterischen Weg nachhaltig und führte später zur Gründung seines eigenen Studios „Composing the Raw“. Aber dazu noch später. Von nun an galt: Die Wand war für ihn nicht länger nur Träger einer Gestaltung, sondern selbst Ausgangspunkt und Inhalt der räumlichen Auseinandersetzung.

Seine eigentliche Palette besteht aus den unterschiedlichsten Techniken, die er auf seinen Reisen, von seinen Begegnungen und in seinen Ausbildungen gesammelt hat. © Composing the Raw
© Composing the Raw

Entdeckung der Oberflächen

Als ausgebildeter Malermeister, Beschichtungstechniker und Raumausstatter entwickelte Alexander Queisser in den folgenden Jahren eine intensive Beschäftigung mit historischen und zeitgenössischen Techniken der Oberflächenbearbeitung. Dabei interessierte ihn insbesondere das Potenzial traditioneller Materialien und Beschichtungssysteme – von klassischen Leimfarben bis hin zu Kaseinfarben –, deren Eigenschaften sowohl bauphysikalisch als auch gestalterisch relevant sind. Seine Arbeit bewegt sich seither im Spannungsfeld zwischen handwerklicher Präzision, künstlerischer Recherche und materialorientierter Raumgestaltung. 2017 legte er die Prüfung zum Malermeister und Beschichtungstechniker ab und machte sich im selben Jahr selbstständig.

In den ersten Jahren arbeitete Alexander Queisser eng mit Stone Age Österreich zusammen und gehörte zu den ersten Handwerkern im Wiener Raum, die Beton-Ciré- und Mikrozementoberflächen ausführten. Parallel dazu vertiefte er kontinuierlich sein Wissen über historische Architekturoberflächen und traditionelle Verarbeitungstechniken. Zwischen 2021 und 2025 absolvierte er mehrere berufsbegleitende Fortbildungen am Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege Kartause Mauerbach. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit Kalktechnologien, historischen Putzfassaden, Gesimstechniken sowie traditionellen Kalk- und Glättverfahren wie Marmorino und Stucco Lustro. Ergänzend dazu nahm er an mehreren Kursen des österreichischen Bundesdenkmalamts zu Architekturoberflächen und historischen Kalktechniken teil.

Für Alexander Queisser ist die Wand eine Art "Leinwand", auf der er Gefühle, Stimmungen und Atmosphäre zum Ausdruck bringen kann. © Composing the Raw
© Composing the Raw

Auf Spurensuche

Über die vergangenen siebzehn Jahre dokumentierte und archivierte Alexander Queisser zudem nahezu unermüdlich verwitterte Wände, gealterte Materialien und fragmentierte Oberflächen unterschiedlichster Herkunft. Aus dieser fortlaufenden Recherche entstand das sogenannte „Raw Archive“, eine Sammlung aus Materialstudien, fotografischen Dokumentationen und strukturellen Beobachtungen, die ihm bis heute als gestalterische Referenz dient. Das Archiv umfasst verwitterte Putzoberflächen, Metall, Stein sowie Spuren von Nutzung, Alterung und Transformation. In diesen außergewöhnlichen „Wänden der Welt“, deren gezeichnete Oberflächen, verblasste Pigmente und Schichtungen er über Jahre hinweg gesammelt und untersucht hat, findet der Wandkünstler unter anderem die Inspiration für seine Projekte.

Die Beobachtungen aus diesem Archiv bilden die Grundlage für neue Materialkompositionen und Wandkonzepte, die mit Brüchen, Überlagerungen und sichtbaren Alterungsprozessen arbeiten. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Oberflächen, die ihre Geschichte nicht verbergen, sondern offenlegen. Die jeweiligen Räume und Orte spielen dabei eine wesentliche Rolle: Jede Wandgestaltung entsteht im Dialog mit der architektonischen Situation sowie mit der Geschichte und Atmosphäre des jeweiligen Kontextes. Dabei werden Farbe, Struktur und Material nicht dekorativ eingesetzt, sondern als räumliche Elemente verstanden, die Wahrnehmung und Stimmung beeinflussen.

Die Arbeit wird begleitet von einer ­unbändigen Lust am Experimemtieren. © Composing the Raw
Eine eigene Welt für sich: Das umfassende Archiv des Wandkünstlers. © Composing the Raw

Stille Schönheit

In seinem Studio Composing the Raw gestaltet Alexander Queisser heute großformatige Wandgestaltungen ebenso wie im Atelier gefertigte Paneele und Wandbehänge. Die Arbeiten entstehen für Architekt*innen, Innenausstatter*innen, Hotel- und Gastronomieprojekte, Einzelhandelsflächen, Kunstsammlungen sowie für private Auftraggeber*innen. Ausgangspunkt jedes Projekts bildet ein von ihm entwickeltes Narrativ, verbunden mit einem ortsspezifischen Materialkonzept. Entwurfsskizzen, Materialstudien und Musterflächen dienen dazu, räumliche Atmosphären und Oberflächenwirkungen präzise auszuarbeiten und den jeweiligen Projekten eine eigenständige Form zu geben.

So verbinden die Arbeiten von Composing the Raw Geschichte und Tradition mit experimenteller Neugier und energiegeladener Schaffensfreude. Im Zusammenspiel von zeitgenössischem Materialdesign und patinierter Malerei, entstehen bei Alexander Queisser schließlich Oberflächen, deren Wirkung aus der Faszination für das, was dahinter steckt, entsteht und die sich bewusst von industriell standardisierten Lösungen im Interior Design absetzen. Jede Arbeit entsteht als Unikat und entfaltet ihre Ausdruckskraft aus dem Dialog zwischen Struktur, Pigment und Licht. Bis heute versteht Alexander Queisser seine Praxis als fortlaufende Untersuchung von Material, Oberfläche und Raum – mit der Wand als Ausgangspunkt einer eigenständigen ästhetischen Sprache. ■

Alexander Queisser in seinem Raw Archive. © Composing the Raw