Für den diesjährigen Baukulturgemeinde-Preis hat der Verein LandLuft Gemeinden in ganz Österreich besucht, die mit innovativen Ideen zeigen, wie lebendige Ortszentren und qualitätsvolle Baukultur gelingen können. Die Juryreise führte zu Projekten, die beispielhaft zeigen, wie bestehende Bausubstanz erhalten und Orte nachhaltig weiterentwickelt werden können.

Das ganze Interview als Podcast hören!

Werbung
Dachgespräch Frankenburg: Das Dach als System
Mehr Fläche war das Ziel. Mehr Haltung das Ergebnis. Für die neue Produktionshalle der Schmid Baugruppe entstand in Frankenburg ein Dach, das Abdichtung, Dämmung, Begrünung, PV und Absturzsicherung als Gesamtsystem vereint.
mehr erfahren

Architektur & Bau FORUM: Welche Eindrücke haben Sie auf der Reise durch die Bundesländer gewonnen?

Anneke Essl: Wir haben rund 90 engagierte Menschen in sieben Gemeinden getroffen, die Vorzeige-Projekte umsetzen – darunter Gemeindepolitiker*innen, Architekt*innen, Raumplaner*innen und Privatpersonen. Das war beeindruckend. Unser Motto „Baukultur machen Menschen wie du und ich“ hat sich bestätigt.

Wie läuft die Reise ab, und wie ist die Jury zusammengesetzt?

Anneke Essl: Wir waren mit einem Redaktionsteam unterwegs, das unsere Ausstellung und ein Buch erstellt. Die Ausstellung resultiert aus dem Ergebnis des Baukulturgemeinde-Preises und tourt dann mehrere Jahre durch Gemeinden. Begleitet wurden wir von der Kernjury.  Das waren Daniel Fügenschuh von der Bundeskammer der Ziviltechniker*innen, Barbara Steinbrunner als Raumplanerin. Für den internationalen Blick von außen begleitete uns Katja Fischer von der Stiftung Baukultur in Thüringen, außerdem, für den Gemeindepreis besonders wichtig, ein ehemaliger Bürgermeister: Arnold Hirschbühl aus Krumbach in Vorarlberg. Es war eine sehr wertschätzende Begegnung mit den Gemeinden.

Wie ist der Verein entstanden und wofür steht er?

Joseph Mathis: Der Verein wurde vor 25 Jahren gegründet, um das gute Bauen in ländlichen Räumen aufzuspüren. Der Baukulturgemeinde-Preis ist sein Herzstück. Damit einher geht der Aufbau einer Baukultur-Community oder eines Netzwerks, von dem letztlich alle profitieren. Man beschäftigt sich bei Architektur und Gestaltung ja nicht nur mit dem guten Beispiel. Baukultur ist ein umfassendes Tool für Gemeindeentwicklung, weil sie auch soziale Agenden beinhaltet.

Dazu gehört ein lebendiger Ortskern, weil er Kommunikation verdichten kann. Deswegen ist ein Anspruch von LandLuft, Zentren wiederzubeleben. Wie schafft man das?

Joseph Mathis: Eine Belebung gelingt nur, wenn man die Frequenz der Teilnehmer am Ort wieder erhöhen kann. Besonders für Kinder und Familien sind öffentlich zugängliche Räume zentral. Trofaiach (Steiermark) z. B. integrierte die Musikschule in ein leer stehendes Gebäude. Es gibt eine ganze Reihe von Schrauben, an denen man drehen muss. Es ist ein schwieriges Unterfangen.

Anneke Essl im Podcast Studio

Anneke Essl

Unser Motto lautet „Nutzen, was da ist“ – Materialien, Ressourcen, Menschen.

Anneke Essl: Ich ergänze ein Beispiel: In Pöttelsdorf (Burgenland) mit 800 Einwohnern war das Leben wegen eines nahen Fachmarktzentrums mehr und mehr aus dem Dorf entwichen. In einem großen Prozess und mit guter Architektur gelang die Wiederbelebung der Dorfmitte. Was wir bei LandLuft machen, ist Storytelling. Baukultur ist eine Haltungsfrage, wie, was, und wo wir bauen oder auch nicht bauen. Es geht um Qualität von Entscheidungen und Gestaltung. Dazu gehört auch die Einsicht, dass man nicht alle Entscheidungen allein trifft.

Besichtigung des Dorfzentrums von Pöttelsdorf (Burgenland)
Besichtigung des Dorfzentrums von Pöttelsdorf (Burgenland) © Christoph Kleinsasser

Architektur ist mehr als die gebaute Umwelt und schafft eine Atmosphäre. Wie erleben es Menschen in den Gemeinden, wenn etwa alte Gebäude einfach abgerissen werden und stattdessen ein neuer Klotz aufgestellt wird?

Joseph Mathis: Wenn ein altes Gebäude abgerissen wird, fehlt ein Stück Identität. Damit verbunden sind viele persönliche Geschichten. Letztlich geht es darum, den herrschenden Leerstand zu minimieren und weniger neues Bauland auszuweisen. Gemeinden, die aktiv werden, sind Vorbilder. Viele haben inzwischen Bewusstsein für sparsamen Umgang mit Grund und Boden. Dass Einfamilienhäuser teuer geworden sind, führt zu positiven Folgen: gemeinschaftliches Wohnen. Das macht mich zuversichtlich.

Anneke Essl und Josef Mathis beim Juryhearing in Trofaiach
Anneke Essl und Josef Mathis beim Juryhearing in Trofaiach © Christoph Kleinsasser

Anneke Essl: Unser Motto lautet „Nutzen, was da ist“ – Materialien, Ressourcen, Menschen. Im ländlichen Raum gelingt vieles einfacher, weil Menschen an einem Strang ziehen. Der Bausektor verantwortet 40 Prozent der CO₂-Emissionen weltweit. Ein bestehendes Gebäude nutzen bedeutet: die aufgewendete Energie nutzen, Abfall und Transportwege vermeiden. Dieser Klima-Aspekt ist für die Gemeinden nicht vordergründig, aber extrem wichtig.

Das ganze Interview als Podcast hören!

Wie kommt es dazu, dass man zusammen am Tisch sitzt und redet? Wie kann man das vorhandene soziale Potenzial nutzen?

Anneke Essl: Das funktioniert durch unsere Ausstellung. Wir vergeben den Preis alle fünf Jahre, denn hinter solchen Prozessen stecken langwierige Strategien. Wir wollen vor allem andere über Jahre hinaus inspirieren und Bewusstsein bilden. Die letzte Ausstellung war in knapp 40, unser Film in über 50 Gemeinden zu sehen. Man knüpft an eigene Themen an. Wir laden einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin aus einer Preisträger-Gemeinde mit einem ähnlichen Problem ein und lassen sie sprechen.

Das Posthus in Egg (Vorarlberg)
Das Posthus in Egg (Vorarlberg) © Christoph Kleinsasser

Joseph Mathis: Baukultur kommuniziert man, indem man kleine Dinge umsetzt und darüber redet. In unserer Gemeinde, Zwischenwasser, haben wir eine Auszeichnung für gutes Bauen erfunden – eine 40-Euro-Plakette. Vor großem Publikum erhält der Ausgezeichnete eine kleine Plakette, die er an sein Haus schrauben kann. Der große Vorteil ist, dass bei der Verleihung oder der Übergabe dieses Preises etwa 400 Leute anwesend sind. Die reden dann über dieses kleine Ereignis.

Anneke Essl: Das machen wir bei LandLuft im Großen. Nach der Auslobung des Preises im September haben 44 Gemeinden aus ganz Österreich eingereicht. 14 Gemeinden wurden eingeladen, nach Trofaiach zu kommen, wo ein großes Jury-Hearing stattfand. Der Saal war bummvoll. Die Gemeinden hörten sich gegenseitig zu, konnten voneinander lernen. Es geht auch darum, das Positive des eigenen Tuns zu erkennen. So ergibt sich ein wertschätzendes Netzwerk. Die Gemeinden bereiten dafür ihre Projekte auf, bemerken oft erst, was sie konkret gut machen. So werden sie zu unseren Botschaftern.

An welche Beispiele denken Sie da?

Anneke Essl: Im Bregenzerwald haben Egg und Bezau eine vielseitige Vorbildstellung.  Oberhofen (Tirol) aktivierte einen 400 Jahre alten Gasthof, da wurde der Denkmalschutz zum Ermöglicher. Griffen (Kärnten) zeigt durch den Umbau einer Schule, dass auch Gebäude aus den 60er Jahren Charisma haben. Durch die Straßengestaltung wurde der starke Verkehr verringert und der Platz gelang mit Re-Use-Elementen.

Die Ortseinfahrt von Griffen (Kärnten)
Die Ortseinfahrt von Griffen (Kärnten) © Christoph Kleinsasser

Das sind hauptsächlich Projekte, die für öffentliche Zugänglichkeit geschaffen werden wie Schulen. Wie gelingt es, Private einzubeziehen?

Anneke Essl: Die Gemeinde nimmt Vorbildrolle ein und schafft Signalwirkung. Eine Dynamik wird ausgelöst, eine Aufbruchsstimmung entsteht. Private ziehen nach, wenn sie eingebunden sind. Man kann einen Ort nicht beleben, wenn private Besitzer und Besitzerinnen nicht auch investieren, vermieten oder engagiert sind.

Das ganze Interview als Podcast hören!

Ein anderes Thema ist Abwanderung in die Städte, die vielleicht dadurch verhindert wird, weil eine neue Attraktivität der Orte entsteht. Welche konstruktiven Maßnahmen beobachten Sie?

Joseph Mathis: Es zeichnet sich eine Trendwende ab: Junge Leute entdecken auch wieder das Land. Soziale Aspekte wie Kinderbetreuung, Wohnraum für junge Familien sind zentral. Wenn man an mehreren Ecken arbeitet, gelingt Wiederbelebung.

Gibt es da Best-Practice-Beispiele, die Sie uns nennen könnten?

Joseph Mathis: Oft gibt es seitens Privateigentümer:innen Vorbehalte, Gebäude zur Verfügung zu stellen. Tirol etwa bietet „sicher Vermieten“ an: Die Gemeinde übernimmt, der Eigentümer hat kein Risiko. Und Waidhofen an der Ybbs (Niederösterreich) sowie Trofaiach haben einen Innenstadtkoordinator, einen „Kümmerer“. Der Innenstadtkoordinator von Trofaiach, Erich Biberich, zeigt, dass sich jemand um den Leerstand kümmern muss. Jemand, der die Menschen kennt und zusammenbringt, der mit den Eigentümer:innen spricht, weiß, wo es einen Leerstand oder eine Förderung gibt. In Waidhofen ist es gemeinsam mit dem Kümmerer, Hans Stixenberger, gelungen, den oberen und den unteren Marktplatz zu mehr als 90 Prozent wieder zu befüllen. Nicht jede Gemeinde kann sich einen Kümmerer leisten, aber auch Bauberatungs-Gutscheine helfen.

Zuerst aber muss die Gemeinde Langfristgedanken sortieren und definieren, wohin sie will. Dann trifft man Einzelentscheidungen leichter. Oft erkennt man in der Tagespolitik ein Problem und löst es adhoc, schafft dabei aber ungewollterweise fünf andere Probleme. Das vermeidet man durch langfristige Überlegungen. Man muss ein Ziel formulieren, dann kann man auch die entsprechenden Maßnahmen setzen.

Wie wird ein solches Zielbild entwickelt?

Anneke Essl: Als Kulturverein machen wir Bewusstseinsarbeit. Wenn eine Gemeinde ein Problem hat, ist die negative Stimmung oft sehr stark. Wir machen dann den Auftakt, unterstützen dabei, in die Lösungssicht zu kommen. Dann braucht es externe Begleitung.

Joseph Mathis: Es geht darum, das Problem zu erkennen und ortsspezifische, individuelle Lösungen zu finden. Immer mehr Gemeinden arbeiten professionell daran, und es gibt gute Instrumente. Das macht mich zuversichtlich.

Die Gemeindevertretung am Rimml-Areal in Oberhofen im Inntal
Die Gemeindevertretung am Rimml-Areal in Oberhofen im Inntal © Christoph Kleinsasser

Das ganze Interview als Podcast hören!

Die Personen

Anneke Essl studierte Architektur an der TU Graz und an der Artesis Hogeschool Antwerpen. Forschungsstipendium für Havanna, Kuba. Sie arbeitete u. a. bei Ralph Erskine (Stockholm) und Roland Rainer (Wien) mit, war 2005–2019 im Programmteam des Architekturzentrum Wien und ist seit 2019 Geschäftsführerin von LandLuft – Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen. Zu ihren Projekten für LandLuft zählen u. a. „Lust auf Baukultur“ für das Salzkammergut (2024), die Filmproduktion „Stadt Land Boden“ mit Regisseur Robert Schabus (2023), die Ausstellung „Boden g’scheit nutzen“ (2021), das Forum Baukulturverantwortliche der Länder (seit 2020) sowie die Baukulturregion Alpenvorland mit der ARGE Baukultur konkret (2020).Seit 2024 Vorständin „Open House Wien“ und Expertin für Österreich beim European Prize for Urban Public Space.

Josef Mathis übernahm 1980 im Alter von 29 Jahren das Bürgermeisteramt der Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg, wurde sechsmal wiedergewählt und ist seit Juni 2013 im Ruhestand. Er ist als Experte für Baukultur und Raumplanung tätig, Mitglied der Initiative vau|hoch|drei, Obmann des Vereins Zukunftsorte sowie Vorstandsmitglied bei LandLuft, wo er sich für gemeinwohlorientierte Gemeindeplanung und Klimaschutz einsetzt. Als Bürgermeister initiierte er Projekte mit Schwerpunkt auf Bürgerbeteiligung, Baukultur und regionaler Kooperation. Ein zentrales Instrument war der jährliche „Freiwilligentag“, an dem sich rund 130 Einwohner an gemeinnützigen Arbeiten wie Wanderwegsanierungen oder der Pflege von Gebäudeaußenanlagen beteiligten.

Bildergalerie: Alle Fotos von Christoph Kleinsasser

Trofaiach wurde 2021 als Baukulturgemeinde ausgezeichnet
Trofaiach wurde 2021 als Baukulturgemeinde ausgezeichnet. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Impression der Juryreise, Bezau
Impression der Juryreise, Bezau. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Anneke Essl und Josef Mathis beim Juryhearing in Trofaiach
Anneke Essl und Josef Mathis beim Juryhearing in Trofaiach. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Der Proberaum im Haus der Vereine in Gamlitz
Der Proberaum im Haus der Vereine in Gamlitz. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
In Ried im Innkreis wurde eine Giesserei revitalisiert
In Ried im Innkreis wurde eine Giesserei revitalisiert. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Die Gemeindevertretung am Rimml-Areal in Oberhofen im Inntal
Die Gemeindevertretung am Rimml-Areal in Oberhofen im Inntal. Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Das Posthus in Egg (Vorarlberg)
Das Posthus in Egg (Vorarlberg), Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Die Ortsmitte von Bezau (Vorarlberg)
Die Ortsmitte von Bezau (Vorarlberg), Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Umbau der Mittelschule in Griffen (Kärnten) zu einem Bildungs- und Sportzentrum
Umbau der Mittelschule in Griffen (Kärnten) zu einem Bildungs- und Sportzentrum, Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Die Ortseinfahrt von Griffen (Kärnten)
Die Ortseinfahrt von Griffen (Kärnten), Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Besichtigung des Dorfzentrums von Pöttelsdorf (Burgenland)
Besichtigung des Dorfzentrums von Pöttelsdorf (Burgenland), Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen
Jury, LandLuft Team und Vorstand beim Hearing des 5. Baukulturgemeinde-Preises in Trofaiach
Jury, LandLuft Team und Vorstand beim Hearing des 5. Baukulturgemeinde-Preises in Trofaiach, Foto: Christoph Kleinsassermehr anzeigen