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Im Gespräch wird schnell deutlich, dass es Aimée Michelfelder und Jurek Brüggen nicht um Architektur im herkömmlichen Sinn geht. Vielmehr verstehen sie ihre Arbeit als aktiven Eingriff in gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Zusammenhänge. Ihr Ansatz zielt darauf ab, bestehende Strukturen neu zu denken, Potenziale sichtbar zu machen und Architektur als Werkzeug für Veränderung einzusetzen. Wie dieser Anspruch konkret wird und welche Rolle Eigeninitiative dabei spielt, erläutern sie im Interview.

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Architektur & Bau FORUM: „Wie weiter?“, habt ihr zu Beginn des diesjährigen Turn-on Festivals gefragt. Es geht um Architektur, die Räume schaffen muss, um notwendige Veränderungen voranzutreiben, und um eine andere Baukultur insgesamt. Wie geht ihr da heran?

Jurek Brüggen: Das Wichtigste ist, eigene Initiativen zu starten und Architektur weniger als Dienstleistung zu verstehen, sondern mehr als Möglichkeit, tatsächlich etwas zu bewirken. Im Vortrag haben wir das „Zukunft gestalten“ genannt. Darin liegt eine große Chance der Architektur. Als umfassendes Metier betrifft sie so viele Bereiche der Gesellschaft, des Handwerks, des Zusammenlebens. Es besteht die Chance, nicht nur schöne Häuser zu gestalten, sondern grundlegend nachzudenken: Wer wohnt wie, mit wem? Wer sind die Eigentümerinnen, wer die Nutzerinnen? Wie wird gebaut, woher kommen die Ressourcen? Diese Fragen können wir angehen, indem wir selbst Initiative ergreifen.

Ihr seid kein klassisches Architekturbüro, sondern eine „Association“. Wofür steht das, und wer ist dabei?

Aimée Michelfelder: AFEA, Association for Ecological Architecture, steht dafür, dass wir aktiv auf Menschen zugehen – auf Behörden, Politiker:innen, Eigentümer:innen. Wir warten nicht auf eine E-Mail oder einen Anruf. Wir fahren Fahrrad, gehen spazieren, sehen etwas und halten inne: Hier schlummert Potenzial. Da startet ein Prozess – atypisch, weil wir ihn selbst initiieren und weiterverfolgen. Wer das dann genau umsetzt, ist zunächst zweitrangig.

Jurek Brüggen: Unser Berliner Team umfasst knapp zehn Architekt:innen. Aimée und ich haben AFEA gemeinsam gegründet, aber viele, die mit uns arbeiten, führen gleichzeitig eigene Studios. Das macht das Team aus.

Verwalterinnenhaus Komturei
Komturei Werben: Verwalterinnenhaus 1992 © Anne Schwalbe

Bieten klassische Architekturwettbewerbe nicht die Möglichkeit, sich mit eigenen Ideen einzubringen?

Jurek Brüggen: Aus meiner Sicht gar nicht. Direkt nach dem Studium haben wir mit einem Wettbewerb begonnen – und die Erfahrung gemacht, dass die Themen, die uns wichtig sind, längst entschieden waren. Was wir vorgeschlagen haben, war bereits obsolet, als die Jury zusammenkam.

Aimée Michelfelder: Unsere Entwürfe passten nicht zum vorgegebenen Rahmen. Wir scheiterten etwa an der Fensterfläche – dabei war unser Terrassenhaus ohne Aufzug und mit viel Fensterfläche gerade deshalb einfach im Unterhalt. Nichtsdestotrotz finden wir diese Wettbewerbsbeiträge extrem relevant, weil sie Antworten auf wichtige Themen geben.

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Das Gebaute kann nicht getrennt von der Natur gesehen werden – ihr versucht, beides gemeinsam zu denken. Wie funktioniert das?

Jurek Brüggen: Aus unserer Sicht ist es falsch zu denken, es gäbe auf der einen Seite die natürliche Natur und auf der anderen das Menschliche, Kulturelle, wo man eingreift. Schützen ist nicht genug. Ökologische Architektur – in der Regel Passivhäuser – wird immer noch so gedacht, dass Gebäude Objekte in einer natürlichen Umgebung sind, die diese möglichst wenig schädigen. Das ist eine merkwürdige Art, dieses Verhältnis zu sehen. Beides müsste gemeinsam betrachtet werden – dann könnte ein Gebäude der Biodiversität nützen, Energie produzieren und in Wechselwirkung mit der Umgebung stehen.

In eurem Projekt in Stendal baut ihr Plattenbauten in Wohnhäuser um – ihr betont bewusst „Wohnhäuser“, nicht „Wohnungen“. Die Initiative entstand, weil ihr großen Leerstand saht, während gleichzeitig Wohnungen gesucht wurden?

Aimée Michelfelder: Mit diesem Projekt lässt sich ein wichtiger Grundsatz erklären: Wir nehmen den Bestand maximal ernst. Bestand ist nicht nur der bauliche Bestand, sondern auch der Wunsch nach einem Eigenheim mit Garten und eigener Haustür. In Stendal machen wir ein Angebot, wie man mit genau diesen Wünschen umgehen kann, die ein großer Teil der Gesellschaft hat.

Jurek Brüggen: Wir sagen: Alles ist Bestand. Nicht nur das Bestandsgebäude, sondern auch die ökonomischen Verhältnisse, die Lebensgewohnheiten, die familiären und finanziellen Sorgen. Das sind Themen, die analysiert und beachtet werden müssen – und aus denen wir im besten Fall einen kohärenten Entwurf entwickeln.
So war das auch in Stendal. Für viele Architektinnen ist das Einfamilienhaus eine kritische, fast verpönte Planungsaufgabe. Wir sehen es umgekehrt: Es ist ein zutiefst architektonisches Problem, dass tausende Plattenbauten abgerissen und gleichzeitig Einfamilienhäuser gebaut werden, nur weil Erstere nicht den Wünschen der Menschen entsprechen. Aufgabe von Architektinnen ist es, eine Lösung zu finden und beides zu kombinieren.
In einem Zeitungsartikel lasen wir: „Zu wenig Bauland in Stendal“ – obwohl wir wussten, dass dort tausende Wohnungen abgerissen werden. Wir haben gesucht, gefunden, gefragt – und der Gemeinde vorgeschlagen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie sich alle Qualitäten eines Einfamilienhauses in einem großen Bestandsblock realisieren lassen.
Man kann diese Blöcke von oben herab auseinandernehmen – Platten wegnehmen und wiederverwenden, Einschnitte mit neuen Eingängen setzen. Im Grundriss funktioniert das wie ein Einfamilienhaus: eigene Eingangstür, verschiedene Zimmer, dahinter Garten mit Terrasse – und dazu noch ein wunderbarer Ausblick. Unten gibt es Reihenhäuser mit Garten in der gemeinschaftlichen Grünfläche, oben erschließen Einschnitte die oberen Häuser. Wir haben das die „vertikale Straße“ genannt – eine Verlängerung der Quartierstraße.

Diese vertikalen Straßen erfüllen mindestens zwei Aufgaben: das Bedürfnis nach Privatheit mit eigenem Eingang – und gleichzeitig Begegnung und Kommunikation. War das von Anfang an geplant?

Jurek Brüggen: Die vertikale Straße war die Voraussetzung dafür, dass wir die oberen Einheiten wirklich als Häuser denken konnten – sie war fast der Beginn des Projekts. Am Anfang dachten wir, es handle sich um einen Stützenplattenbau. Aber es sind massive, tragende Wände im 6×6-Meter-Raster. Der entscheidende Hinweis kam aus dem, was vor Ort bereits gemacht wird: Fünfgeschosser werden auf zwei oder drei Geschosse zurückgebaut – ohne Terrassierung, weil die oberen Wohnungen leer stehen und es keinen Aufzug gibt. Daraus entstand die Idee, einen Einschnitt von fünf auf ein Geschoss zu setzen und dort mit einem offenen Treppenhaus und gemeinschaftlichem Vorbereich eine Straße zu schaffen.
Das ist auch das Schöne: In Einfamilienhausquartieren, wo alles privatisiert wird, ist die Straße der letzte öffentliche Ort – wo Kinder spielen, mit Kreide gemalt wird, Fahrradfahren gelernt wird.

Ihr versteht Architektur als Lebensraumgestaltung, auch für biodiverse Gemeinschaften. Architektur wird aber hauptsächlich aus menschlicher Perspektive geplant. Es wird viel über Artensterben und Klimakrise geredet, es gibt Passivhäuser, aber der Mensch bleibt der Hauptakteur. Wie schafft ihr es, den Perspektivwechsel zu erzielen und Biodiversität wirklich einzubringen?

Aimée Michelfelder: Ganz konkret haben wir in Werben einen Ornithologen zur Planung hinzugezogen – und dessen Wissen ist direkt in die Architektur eingeflossen. Die Fialen – diese kleinen Türmchen auf dem denkmalgeschützten Haus – mussten wir wieder aufbauen. Weil wir nicht der Form wegen Dinge rekonstruieren, sondern gerne eine Nutzung integrieren, sind jetzt verschiedene Nester eingebaut – je nach Vogel- oder Fledermausart. Das ist auch ein Plädoyer dafür, dass der Einbezug solcher Expert*innen ein normaler Bestandteil von Architektur und Entwerfen wird.

Jurek Brüggen: In dem Projekt hat dieser Ornithologe die stellvertretende Bauherrenrolle für die Vögel übernommen – war auf der Baustelle und hat den Handwerkern erklärt, wie er es für die Vögel gerne hätte. Die Grundvoraussetzung dafür ist, den Dualismus aufzubrechen: Natur und Mensch sind nicht zwei grundverschiedene Dinge. Beide sind voneinander abhängig – deshalb sollte man auch gemeinsam planen.

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In eurem Studium waren solche Konzepte kaum vertreten. Inzwischen habt ihr selbst Lehraufträge. Wie setzt ihr darin euren ganzheitlichen Ansatz um?

Aimée Michelfelder: Ein Thema war „Find Your Darling“: Die Studierenden sollten eigene Initiativen suchen, die sie für spannend oder wichtig halten. Viele haben brisante Themen gefunden, Akteur:innen kontaktiert – Eigentümer:innen, Bauverwaltung, Denkmalbehörde, Naturschutzverbände – und viele Informationen gesammelt. Dann haben sie versucht, direkt vor Ort Einfluss zu nehmen: mit Installationen, Aktionen, Befragungen, Interviews. Es ging immer darum, realen Einfluss zu haben – neben dem Entwurf auch eine Intervention zu planen, die man sofort umsetzen könnte.

Im Projekt in Werben sieht man diese Vielschichtigkeit – verschiedene Perspektiven, ein modulares Konzept mit wiederverwendbaren Holzbalken, eine diverse Gemeinschaft aus Seniorenwohnheim, Kreativwerkstätten, Arbeitslofts und Ferienwohnungen. Wie reagieren mögliche Bauherr*innen darauf?

Aimée Michelfelder: Werben haben wir selbst initiiert. Dieser Hof, diese ehemalige Komturei, hat eine wahnsinnige Geschichte, die dort aber ein bisschen schlummert. Weil wir das Projekt so gerne machen wollten, war die erste Frage: Was braucht diese kleine Stadt? Die Nutzungsmischung ist bottom-up entstanden – das Senior*innenwohnen etwa war ein herzlicher Wunsch des Bürgermeisters, damit die älteren Menschen im Ort bleiben können. Im Moment sind wir selbst die Bauherren. Das erschreckt uns nicht – wir finden es spannend und glauben, dass es die richtige Mischung für den Ort ist.

Jurek Brüggen: Die Planung der Finanzierung ist Teil der Planungsaufgabe – und der Betrieb auch. Wir planen den Betrieb der Ferienwohnungen mit lokalen Mitarbeiterinnen und Produkten aus der Region. Im nächsten Schritt wollen wir für das Wohnprojekt eine Genossenschaft gründen. Das Modell: Wir machen einen Vorschlag, wie es gestaltet und betrieben werden könnte, suchen damit die künftigen Bewohner*innen, die dann eine Genossenschaft gründen – und uns wieder mit der Planung beauftragen.

Verwalterinnenhaus
Komturei Werben: Verwalterinnenhaus 2025  © Anne Schwalbe

Bei euch geht es auch um Geschichte – nicht nur die gebaute Umwelt, sondern alles, was darin steckt. Wie greift man darauf zurück, und wie wird sie wieder spürbar?

Aimée Michelfelder: Oft kommen Menschen aus dem Ort und erzählen von ihrer persönlichen Geschichte – das freut uns sehr. Wir sind erst vor sechs Jahren hingekommen, aber andere waren schon vor 50 Jahren da. Das wertzuschätzen, ist sehr wichtig im Umgang mit den Menschen überall dort, wo wir Projekte haben.
Wir lassen Geschichte an der Architektur sichtbar, machen aber auch unsere eigenen Entscheidungen ablesbar. Wir zeichnen und bauen nichts nach, außer die Denkmalpflege wünscht es. Das Ziel – wie beim Verwalterinnenhaus  in Werben – sind gut ablesbare, zeitgemäße Volumen und Materialien: Von außen soll man erkennen, was von unserer Zeit ist und was seit 150 Jahren da steht. Und wir denken auch daran: Wenn in 80 Jahren jemand anderes kommt – wie kann auch er oder sie in der Architektur erkennen, was bauhistorisch ist und was dazugekommen ist?

Ihr seht euch also in einem Kontinuum und Dialog – mit dem Bestand, der Historie, den Menschen, den Tieren und Pflanzen. Was sind eure nächsten Projekte?

Aimée Michelfelder: Im Mai sind wir zehn Tage lang in einer Gemeinde im Kanton St. Gallen unterwegs: zehn Einfamilienhäuser, jeden Tag eins – Case Studies. Wir versuchen, diese Häuser mit minimalinvasiven Transformationen flexibler zu machen. Einfamilienhäuser können oft nicht gut mit den Veränderungen mitgehen, die im Leben passieren – dabei ist es wertvoller Lebensraum. Aber er wird zur finanziellen Belastung, irgendwann ist man alleine, wenn die Kinder ausziehen. Wir machen zehn Vorschläge, wie man diese Häuser fit macht – damit die Menschen möglichst lange dort bleiben und sich bei Bedarf temporär Mitbewohner*innen dazuholen können, ohne an Privatsphäre einzubüßen.

Dazu passt vielleicht, dass Schönheit bei euch anders gedacht wird – nicht als das Geometrisch-Akkurate, sondern diverser, gemischter. Wie kann man erreichen, dass Menschen das auch so wahrnehmen?

Jurek Brüggen: Für uns ist Schönheit das Abbild eines kohärenten Prozesses – aus der Analyse von „Alles ist Bestand“. Das ist vermutlich kleinteiliger und diverser als die Ästhetik des Bauhauses, aber auch ganz anders als jene von Hundertwasser – denn uns ist wichtig, dass alles, was wir machen, einen Grund hat und in sich schlüssig ist. Wir wollen gar nicht so viel gestalten. Uns ist wichtig: Warum ist es so? Macht es aus dem Prozess heraus Sinn? Ästhetik ist aus unserer Sicht nie absolut, immer kontextabhängig – aber trotzdem klar definierbar und nie beliebig. Uns ist wichtig, dass man es auch klar benennen kann.

Also so etwas wie eine eigene Dynamik, die da vorhanden ist.

Jurek Brüggen: Genau. Projekte sind für uns immer ein bisschen wie Geschichten – mit einem Narrativ, bei dem die einzelnen Entscheidungen aufeinander aufbauen. Und dann ergibt sich so eine Geschichte aus den Umständen und macht sich im besten Fall selbstständig.

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Die Personen

Aimée Michelfelder und Jurek Brüggen

Aimée Michelfelder, geboren 1993 in der Schweiz, hat Architektur an der FHNW in Muttenz und an der Universität der Künste Berlin studiert. Sie ist seit Februar Assistentin am Institut Architektur an der FHNW in Muttenz. Mitgründerin der AFEA.

Jurek Brüggen, geboren ebenfalls 1993 in Berlin, hat Architektur an der ETH Zürich studiert. 2025 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Rom Casa Baldi und Gastprofessor am KIT Karlsruhe mit dem Schwerpunkt Umgang mit dem baulichen Bestand. Seit April 2026 Gastdozent Entwurf an der RWTH Aachen. Mitgründer der AFEA.