Re-Use

Zweites Leben für Bauteile

Recycling
10.07.2024

Eine besondere Form der Kreislaufwirtschaft gewinnt auf der Baustelle immer mehr an Bedeutung: Re-Use. Ganze Bauteile werden aufbereitet und neu verwendet – oftmals für einen ganz neuen Zweck.
Stühle im alten Dusika-Stadion: zum Re-Use verwendet.

Wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt, hätten sie sich vielleicht den vorzeitigen Exitus durch Holzwurm gewünscht. Oder auch nicht. Wer weiß das schon. Die Rede ist von den ehemaligen Beichtstühlen, die früher in einem Priesterheim der Caritas im dritten Wiener Gemeindebezirk ihre fromme Pflicht taten. Sie – oder besser gesagt: ihre hölzernen Überreste – dienen nun als Verkleidung einer Bar im Hotel „Magdas“, das an gleicher Stelle errichtet worden ist.

Keine geschäftstüchtigen Wanderhirten

Zu verdanken haben die sakralen Einrichtungsgegenstände ihr Schicksal den „Materialnomaden“. Hinter diesen Namen verbirgt sich kein geschäftstüchtiger Stamm von Wanderhirten, sondern ein Wiener Büro, das kreislauffähige Prozesse in der Baubranche vorantreibt. Die Materialnomaden bieten Expertise zu Architektur, Stadtplanung, Baudurchführung und Restaurierung sowie Tragwerksplanung und angeleitetem Selbstbau. Sie widmen sich der Wiederverwendung von Bauteilen oder Baumaterialien. Fachleute sprechen hier auch von Re-Use.

Re-Use liegt als Teil der Kreislaufwirtschaft zwar im Trend, aber immer noch in den Anfängen. Peter Kneidinger, Co-Gründer und Co-Geschäftsführer der Materialnomaden, schätzt, „dass nur fünf bis zehn Prozent der Bauteile“, die in Europa derzeit bei Rückbauprojekten von Gebäuden erfasst werden, auch tatsächlich wiederverwendet werden. „Da verbirgt sich noch ein enormes Potential“, meint Kneidinger. „Diese Quote könnte man auf bis zu 90 Prozent steigern.“

Der Grundstein für Re-Use wurde in Österreich 2016 mit der Recycling-Baustoffverordnung gelegt. „Sie verpflichtet den Bauherrn, dass der Abbruch eines Bauwerks in Form eines Rückbaus zu erfolgen hat“, erläutert Thomas Romm, Co-Gründer und Vorstandsmitglied des Baukarussells – eine Genossenschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat „Drehscheibe für die zirkuläre Immobilienwirtschaft“ zu werden. Romm weiter: „Bauteile, die wiederverwendet werden können, müssen laut Verordnung so ausgebaut und übergeben werden, dass die Wiederverwendung nicht erschwert und unmöglich gemacht wird.“ Diese Verordnung wird zwar noch nicht aggressiv exekutiert. Das dürfte sich aber mit Blick auf die Klimaziele rasch ändern. Damit wird sie auch für das Baugewerbe rasch an Bedeutung gewinnen. 

Wiederverwenden lässt sich weitaus mehr, als der Laie auf den ersten Blick vermuten würde. Der Wiener Architekt Peter Thalbauer formuliert es so: „Es geht praktisch um alles, was man transportieren kann. Das Feld ist sehr breit. Es reicht von Holz aus Vollholzparkett und Dachböden über Stahlbetonträger und Betonfertigteile bis hin zu kleinen, scheinbar unwichtigen Dingen wie Fliesen oder Schildern.“

Im Fall des Magdas Hotels wurden neben den Beichtstühlen auch zahlreiche Leuchten reaktiviert. Sie wurden dafür neu zertifiziert und mit LED-Komponenten bestückt. In einem anderen Projekt mit Magdas, einem Social Business-Unternehmen der Caritas, führten die Materialnomaden Aluminium-Panelen eine neue Nutzung zu – und zwar die Panele der alten blau-weißen Schnellbahnmodelle 4020, die seit einiger Zeit von den ÖBB ausrangiert werden. Nun dienen sie als Wandverkleidung in der Magdas-Großküche in Wien-Liesing.

Auf der Jagd nach wiederverwendbaren Bauteilen und Baumaterialien wurden die Materialnomaden auch beim Projekt Grellgasse fündig. Dort halfen Sie beim Bau einer Wohnanlage auf dem Gelände der ehemaligen OMV-Zentrale in Wien-Floridsdorf – und auch hier waren sie kreativ: Auf dem Spielpatz der Wohnanlage befindet sich ein grünes Konstrukt aus Stahl, dessen Einzelteile ihr Leben als Passagierlift bei der OMV begonnen haben. Auf dem Steinweg, der über den Spielplatz führt, liegen Steinplatten, die früher Teil der Gebäudefassade waren.

Das Team von Baukarussell berät Bauherren bei der Konzeption und Umsetzung der Rückbau-Maßnahmen. Dazu gehört auch eine Kosten-Nutzen-Analyse der vorliegenden Optionen zu Beginn des Projekts: „Was kostet der Abbruch von bestimmten Bauteilen? Und was kostet es, wenn ich es sie behutsam demontiere und anschließend mit einem Wiederverkaufswert auf den Markt bringe?“, so Vorstand Romm. „Oftmals ist die Wiederverwendung die bessere Variante.“

An die Anfangsphase eines Projekts fällt auch die sogenannte „Erkundung“ des Bestandsgebäudes. Mit der Recycling-Baustoffverordnung sind „Schad- und Störstofferkundungen“ zur Pflicht geworden. Bei Schadstoffen handelt es sich um gesundheitsgefährdende Stoffe wie beispielsweise dem berüchtigten Asbest. Störstoffe heißen so, weil sie beim sortenreinen Trennen für das Recycling stören – das können zum Beispiel Holz oder Pappe sein, die nicht mit mineralischen Materialien wie Beton, Ziegel oder Fliesen vermengt werden dürfen. Der Fokus liegt bei der Erkundung in der Praxis derzeit vor allem auf den Schadstoffen. Baukarussell-Vorstand Romm fordert, dass auch mehr Augenmerk auf die Wiederverwendung gelegt wird.

Die Materialnomaden arbeiten daran, aufbereitete Bauteile als industrielle Produkte auf den Markt zu bringen. Bei drei Produkten ist ihnen das bereits gelungen: In Zusammenarbeit mit dem Spezialisten Weitzer Parkett bieten sie den sogenannten „ReParkett“ an – einen Massiv-Parkett, der aus bis zu 200 Jahre alten, wiederaufbereitete Parkettböden besteht. Bei Produkt Nummer zwei handelt es sich um Rasterspiegelleuchten und bei Produkt Nummer drei um Außenraumbeläge. „Für diese drei Produkte steht der gesamte Stream – von der Demontage über die Wiederaufbereitung bis hin zum Verkauf“, so Geschäftsführer Kneidinger. „Bei weiteren Bauteilen beginnen wir gerade mit der Entwicklung der Prozesse“ – dazu gehören Brandschutztüren, Glasscheiben aus Mehrfachverglasungen und Betonfertigteile. Kneidinger: „Wir sehen noch viele Möglichkeiten.“

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