Historisches Fensterglas wird in der Restaurierung häufig ersetzt – nicht, weil es unbrauchbar wäre, sondern weil es im Planungs- und Entscheidungsprozess bislang kaum für den Wiedereinsatz berücksichtigt wird. Ein Grund ist die verbreitete pauschale Annahme, historisches Glas sei grundsätzlich zu fragil, wahrscheinlich beschädigt oder technisch nicht integrierbar – häufig ohne objektbezogene Prüfung des vorhandenen Materials. Und während für den Austausch von Verglasungen klare Abläufe, Normen und Kostenrahmen existieren, bewegt sich Re-Use außerhalb etablierter Routinen und erfordert Abstimmungen, fachliche Bewertung und Erfahrung, da sie kein fester Bestandteil standardisierter Projektabläufe ist. 

Re-Use von historischen Gläsern

In einem aktuellen Projekt eines großen deutschen Baudenkmalsanierer sollen insgesamt fünfzig Fenster eines historischen Gebäudes energetisch saniert werden. Wegen des baugeschichtlich hohen Anspruchs und für maximale Nachhaltigkeit sollen dabei nicht nur die Holzrahmen und -profile aufgearbeitet werden, sondern auch die historischen Verglasungen: Die im Zylinderverfahren mundgeblasenen und mehr als 100 Jahre alten Einfachgläser sollen als wärmedämmende Isoliergläser zurück in die originalen Rahmen gelangen. Die notwendige Expertise in Sachen Re-Use bringt Sollingglas ins Projekt ein, die eine Methode entwickelt haben, um die historischen Gläser zu bewerten, zerstörungsfrei aus den Profilen zu entnehmen und mit wärmedämmbeschichteten dünnen Gegenscheiben zu rund 10 Millimeter schlanken Isoliergläsern zu verarbeiten. Nach entsprechender Bearbeitung der Profile gelangen sie so ertüchtigt wieder in die originalen Fenster. 

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Nach der Kartierung der Scheiben und Fenster erfolgt die thermische Vorbehandlung der historischen Fensterprofile im Ofen. Hier werden sie in einem sanften Temperaturanstieg auf die ideale Temperatur gebracht, sodass das Ausglasen und Entfernen von Kittresten anschließend per Hand erfolgen kann.
Nach der Kartierung der Scheiben und Fenster erfolgt die thermische Vorbehandlung der historischen Fensterprofile im Ofen. Hier werden sie in einem sanften Temperaturanstieg auf die ideale Temperatur gebracht, sodass das Ausglasen und Entfernen von Kittresten anschließend per Hand erfolgen kann. © Sollingglas

Ausglasen per Hand

Gerade wurden die ersten Scheiben ausgeglast, insgesamt sollen rund fünfzig Fenster (mit 200 Scheiben) denkmalgerecht saniert werden. Heiko Schanze, Geschäftsführer von Sollingglas erklärt: „Am Anfang steht die genaue Kartierung der Scheiben und Fenster, erkennbare Fehler werden eingezeichnet. Anschließend werden die Fensterprofile in den Ofen gelegt und in einem sanften Temperaturanstieg auf die ideale Ausglasungstemperatur gebracht.

Ausglasen und Entfernen von Kittresten in Handarbeit.
Ausglasen und Entfernen von Kittresten in Handarbeit. © Sollingglas

Das Ausglasen und Entfernen von Kittresten lässt sich nach der gezielten thermischen Vorbehandlung per Hand erledigen. Wichtig ist, dass die Scheiben gekennzeichnet und fenstergenau dokumentiert werden, um sie später sicher zuzuordnen.“Nach der Entnahme folgt die technische Bewertung der Gläser. Schanze erläutert: „Die in diesem Fall mundgeblasenen Scheiben unterscheiden sich deutlich von den gezogenen Industriegläsern des frühen 20. Jahrhunderts – in ihrer Materialzusammensetzung, Struktur, Dicke, Oberflächenbeschaffenheit und ihrem Spannungszustand. Diese Faktoren entscheiden, ob ein Glas zur Wiederverwendung geeignet ist.“ Das mundgeblasene Fensterglas des umfangreichen Projektes wurde hergestellt, indem der Glasmacher mit der „Pfeife“ einen Tropfen geschmolzenes Glas aus dem Ofen aufnahm und daraus eine langgestreckte Glasblase blies. Durch weiteres Blasen, Schwenken und Strecken wurde daraus ein langer Glaszylinder hergestellt und an beiden Enden geöffnet, sodass ein offenes Rohr entstand, das anschließend längs aufgeschnitten wurde. Durch das erneute Erhitzen im Streckofen konnte der Zylinder dann auseinandergeklappt und geglättet werden, sodass eine flache Glasscheibe entstand. Das Ergebnis: ein leicht welliges Fensterglas mit kleinen Unregelmäßigkeiten – typisch für ältere historische Gebäude vor dem 19. Jahrhundert. 

Prüfung entscheidet über Eignung für den Re-Use

Zur Prüfung identifizieren Schanze und seine Mitarbeiter nicht nur offensichtliche Schäden wie Risse, Ausbrüche oder starke Kantenverletzungen, sondern auch innere Spannungen und den Zustand der Glasoberfläche. Dies geschieht mit Spannungsmessungen im polarisierten Licht und Schattenbildprojektionen, die eine differenzierte Bewertung erlauben, ohne das Material zu verändern. Wenn die Funktion nicht beeinträchtigt wird, sind optische Alterungsspuren wie oberflächliche Kratzer, Schlieren oder leichte Korrosionserscheinungen nicht zwangsläufig Ausschlusskriterien. Ziel ist es, die Wiederverwendbarkeit objektbezogen einzuschätzen und mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen.

Nach der Entnahme folgt die Reinigung der Gläser und auch deren technische Bewertung.
Nach der Entnahme folgt die Reinigung der Gläser und auch deren technische Bewertung. © Sollingglas

Die Bewertung bildet die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen. Die anschließende Aufarbeitung der Verglasungen erfolgt unter Berücksichtigung aller Möglichkeiten. Die Scheibenoberflächen werden schonend gereinigt und evtl. nasschemisch so eingestellt, dass ein geeigneter Oberflächenzustand für die weitere Verarbeitung entsteht. „Vor allem ein sauberer, haftfähiger Rand ohne tiefergehende Risse ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Weiterverarbeitung zu Isolierglas und auch für die langfristige Gebrauchstauglichkeit“, erläutert Schanze. 

Isolierglasbau: Schlank und trotzdem leistungsfähig 

Sind alle historischen Scheiben entnommen und aufgearbeitet, erfolgt der Isolierglasbau. Die unter drei Millimeter dünnen mundgeblasenen Einfachgläser werden voraussichtlich mit einem vier Millimeter Abstandhalter und wärmedämmbeschichteten Innenscheiben zu etwa zehn Millimeter schlanken Isoliergläsern aufgebaut. Mit Argongas-Füllung erreichen die Isoliergläser später einen Ug-Wert von 2,5 W/(m2k), mit Kryptonfüllung sogar 1,9 W/(m2k). Final soll der Wiedereinbau in die restaurierten und entsprechend der höheren Dicke bearbeiteten Profile erfolgen. „Auch hier ist handwerkliche Präzision gefragt, um Spannungen zu vermeiden und die Langlebigkeit des Gesamtsystems sicherzustellen“, weiß Schanze. „Der gesamte Prozess ist anspruchsvoll und erfordert Erfahrung, Abstimmung und Zeit – er zeigt aber auch, dass die Wiederverwendung (Re-Use) von Glas kein theoretisches Konstrukt ist, sondern eine handwerklich beherrschbare Option, wenn sie frühzeitig berücksichtigt wird. Während ein Recycling auf die stoffliche Verwertung abzielt, bietet der Re-Use einen deutlich höheren Mehrwert in Bezug auf Authentizität und die Ressourcenschonung.“  

Sind die Gläser nutzbar, werden sie mit einer Gegenscheibe auf der Innenseite zu einem 10 Millimeter dünnen Isolierglas verarbeitet. Die historische Ästhetik des Gebäudes und die besondere Lichtstimmung, die mundgeblasene Verglasungen im Innenraum erzeugen, bleiben gewahrt – und die energetischen Werte verbessern sich deutlich.
Sind die Gläser nutzbar, werden sie mit einer Gegenscheibe auf der Innenseite zu einem 10 Millimeter dünnen Isolierglas verarbeitet. Die historische Ästhetik des Gebäudes und die besondere Lichtstimmung, die mundgeblasene Verglasungen im Innenraum erzeugen, bleiben gewahrt – und die energetischen Werte verbessern sich deutlich. © Sollingglas

Fazit: Re-Use frühzeitig prüfen 

Ob historisches Glas wiederverwendet werden kann, entscheidet sich im frühen Projektverlauf. Ausschreibungen, Leistungsverzeichnisse und technische Vorgaben legen fest, welches Verglasungssystem zum Einsatz kommt. Wird die Wiederverwendung nicht explizit vorgesehen, ist sie später kaum noch durchsetzbar. Hier tragen Bauherren, Denkmalbehörden, planende Büros und ausführende Gewerke Verantwortung. Insbesondere Handwerksbetriebe, die Fenster restaurieren oder erneuern, nehmen eine Schlüsselrolle ein und prägen die Entscheidungsfindung maßgeblich. Historisches Glas muss als bewertbare Bausubstanz verstanden werden – nicht als Störfaktor im Projektablauf. 

Mehr Informationen zu erfolgreichem Re-Use und zu Sollingglas findet man unter www.sollingglas.de.
(bt)