Gelebte Altstadterhaltung

Symbiose zwischen Alt und Neu

Bauzustand
27.09.2018

Architekt Christian Andexer gelang es, mit seinem Entwurf f√ľr den Neu- und Umbau eines unter Denkmalschutz stehenden Geb√§udes in der Grazer Altstadtschutzzone einen f√ľr ‚ÄěBauen im Bestand‚Äú beispielhaften Wohnbau zu realisieren.

Es gibt viele Gr√ľnde, u. a. Bodenknappheit im innerst√§dtischen Bereich, Potenzial der historischen Bausubstanz, Tourismus, Prestige, Denkmal- und Ortsbildschutz etc., die daf√ľr sprechen, bestehende Geb√§ude zu sanieren und im Altstadtbereich zu bauen. Aber nur selten findet man Investoren, die Qualit√§ten des Altbaus erkennen, ein Bewusstsein f√ľr nachhaltigen Ressourcenumgang besitzen und f√ľr eine behutsame Erneuerung l√§ngere Verfahren in Kauf nehmen, um historische Bausubstanzen und -juwelen f√ľr die n√§chste Generation zu erhalten.
In der Grazer Griesgasse entsteht derzeit genauso ein Best-Practice-Beispiel, f√ľr das sich bereits 2014 zwei private Bauherren mit je einer nebeneinander befindlichen Liegenschaft, bestehend aus einer Baul√ľcke und einem Altbestand, zusammengetan und einen einstufigen Realisierungswettbewerb unter f√ľnf Teilnehmern ausgelobt haben. Im Verfahren nach ‚ÄěGrazer Modell‚Äú, das in Kooperation mit der Stadt Graz und der ZT-Kammer f√ľr st√§dtebauliche Schwerpunktprojekte durchgef√ľhrt wird, konnte sich Architekt Christan Andexer mit seinem sensiblen Eingriff und Neubauentwurf gegen namhafte B√ľros wie Artec Architekten, Bramberger architects, ¬≠Dietmar Feichtinger Architectes und Klaus Steinbauer durchsetzen. Im Zuge der Planung wurden die beiden Parzellen zu einem Grundst√ľck zusammengelegt, wodurch baurechtliche Bestimmungen wie Abstandsregelungen, Brandschutzbestimmungen etc. erleichtert wurden und die konzeptionelle Idee, der historisch in diesem Viertel typischen langgezogenen Hofbebauung zu entsprechen, realisiert werden konnte. Die behutsame Adaptierung des Altbaus zu zeitgem√§√üen barrierefreien Wohnungen und umgekehrt die Wiederaufnahme von historischen baulichen und strukturellen Elementen zeigen, wie moderne wechselwirksame Interpretationen von Bauen im Bestand m√∂glich werden.¬†

Bauen im Bestand
Um eine Einheit zwischen Neu- und Bestandsbau herzustellen, hat Christian Andexer wesentliche st√§dtebauliche Merkmale der Hoftypologie und bauliche Elemente wie die Laubengangerschlie√üung √ľbernommen. Auch zahlreiche formale Entwurfsdetails wie Traufen- und Firsth√∂hen, Geb√§uder√ľckspr√ľnge und die Ausbildung einer Reiche sind dem umliegenden historischen Bestand entnommen. Die Reiche, ein schmaler Zwischenraum zwischen zwei Geb√§uden, unterst√ľtzt stra√üenseitig die optische Eigenst√§ndigkeit des Neubaus, erh√§lt die Kleinteiligkeit des Stra√üenzuges und erf√ľllt auch heute noch seine historische Funktion der Ableitung von Regenwasser, Bel√ľftung von Nebenr√§umen und Brandschutz. Viele der Grazer Reichen, deren Bezeichnung sich vom Brandl√∂schen mittels Menschenketten, die Wassereimer durch-‚Äěreichten‚Äú, ableiten, sind kaum einen Meter breit, wurden aber dennoch oft auch als Verbindungs- und Durchg√§nge benutzt.¬†
Zudem springt die Neubaufassade in ann√§hernd gleicher Tiefe wie der unmittelbar benachbarte Bestand zur√ľck, spielt damit die Eckrisalite der beiden angrenzenden Altbauten frei und bildet dadurch im Erdgescho√ü einen √ľberdeckten Vorbereich und in den Obergescho√üen durchg√§ngige Balkone aus. ‚ÄěSpanische W√§nde‚Äú, Schiebefaltl√§den, die als Sichtschutz fungieren, geben der Fassade eine bewegte H√ľlle, deren √Ėffentlichkeit und Privatheit sich individuell regulieren l√§sst, und fassen den Freiraum zur Stra√üe hin. Eine Pergola als Abschluss im obersten Gescho√ü sorgt f√ľr die notwendige optische Leichtigkeit, damit sich der Neubau in der Baul√ľcke, trotz seiner f√ľnf Gescho√üe, der Umgebung unterordnen kann.

Der Entwurf
Der Entwurf mit insgesamt 23 Wohneinheiten besteht eigentlich aus drei Bauteilen: dem denkmalgesch√ľtzten sp√§tbarock-biedermeierlichen dreigescho√üigen Bestand mit ausgebautem Dachgescho√ü, einem stra√üenseitig in die Bau¬≠l√ľcke gestellten Neubau und einem neuen Hofgeb√§ude. Die angebaute Hofbebauung staffelt sich von einem drei- auf einen zweigescho√üigen Bauteil nach hinten ab. Der dreigescho√üige mittlere Verbindungsteil beherbergt drei Einzimmerwohnungen.¬†
Der stra√üenseitige Neubau teilt sich mit dem denkmalgesch√ľtzten Altbau, dessen Grundstruktur und Elemente erhalten blieben, eine gemeinsame hofseitige Treppen- und Laubengangerschlie√üung. Beide Bauteile beherbergen schmale, auf die gesamte Bauk√∂rpertiefe durchgesteckte und damit querbel√ľftete, zweiseitig belichtete 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen von 32 bis 43 Quadratmetern im Neubau, 50 bis 55 Quadratmetern im Altbau. Diese Grundrisstypologie verzichtet auf klassische Raumaufteilungen wie Vorraum etc. und wird √ľber die Wohnk√ľche direkt betreten. Im Kern befindet sich das barrierefreie Bad, das √ľber Oberlichten nat√ľrlich belichtet wird.
Der zweite Neubau ist eine der s√ľdlichen Grundst√ľcksgrenze folgende Hofbebauung, bestehend aus drei √ľber Atrien zweiseitig belichtete und bel√ľftete 3-4-Zimmer-Maisonettewohnungen mit 80 bis 96 Quadratmetern. Die nicht einsehbaren, s√ľdlich orientierten Atrien sind kleine private Gartenoasen und R√ľckzugsorte mitten in der Grazer Altstadt. Stra√üenseitig im Erdgescho√ü des Neu- sowie des Bestandgeb√§udes sind Gesch√§ftsfl√§chen vorgesehen. Direkt dahinter werden Nebenr√§ume wie Abstell-, Fahrrad- und M√ľllraum angeordnet. Durch die Erschlie√üung aller Wohnungen √ľber den alten Stra√üenzugang, der √ľber einen kleinen Lichthof direkt in den gemeinsamen Innenhof f√ľhrt, k√∂nnen sich nachbarschaftliche Beziehungen ergeben. Zumal auch das bestehende n√∂rdliche Hofgeb√§ude derzeit f√ľr weitere Wohnungen neu saniert wird. Der langgestreckte Innenhof bildet im vorderen Bereich einen zentralen gemeinschaftlich nutzbaren Platz aus. Im hinteren Teil werden die Hofwohnungen direkt erschlossen.

Konstruktion
Die Neubauten wurden in Niedrigenergiestandard entsprechend der Steierm√§rkischen Wohnbauf√∂rderung ausgef√ľhrt und das Flachdach nach Vorgaben der Stadtplanung Graz extensiv begr√ľnt. Alt- sowie Neubau sind an das Fernw√§rmenetz angeschlossen. Die nicht unterkellerten, sandbeige verputzten Neubauten aus Stahlbeton mit W√§rmed√§mmverbundsystem weisen einen hohen Ausf√ľhrungsstandard auf: u. a. Holzfenster, raumhohe Hebeschiebet√ľren bei den Balkonen, Holzb√∂den, Fu√übodenheizung etc. Mit derselben Sorgfalt wurde auch bei der Sanierung des Altbestands vorgegangen, u. a. wurde die Fassade durch einen Restaurator fachm√§nnisch instandgesetzt, Kastenfenster saniert und rekonstruiert, das Dach mit der historischen Altstadtmischung gedeckt, der First verm√∂rtelt etc.
Die Architekturqualit√§t zeigt sich bei diesem Bauvorhaben nicht nur in der Kombination von traditionellem Handwerk mit modernen Materialien, sondern auch in zahlreichen weiteren Details der behutsamen Neuinterpretation, um die Lebendigkeit und Lebensqualit√§t der Altstadt auch f√ľr n√§chste Generationen zu bewahren ‚Äď das ist Altstadterhaltung.¬†

PROJEKTDATEN

Wohnbau Griesgasse 30, Graz

Auftraggeber  Wohnen Griesgasse 30 Gesm.b.H. & Co KG 
Architekt, Ausschreibung,Projektleitung                           Christian Andexer Architekt
Projektmitarbeiter Johann Timmerer-Maier DI, Stefan Brandtner DI 
Kostenkontrolle, √ĖBA Bmst. Ing. Willi Moder
Statik Ziviltechnikerb√ľro Acham
Baumeisterarbeiten Pongratz Bau Gesellschaft mbH, Graz
Haustechnik Zach GmbH, Pöllau
Elektrotechnik Pichler Gesellschaft mbH, Weiz
Schlosser Metallbau Melcher GesmbH, St. Rupprecht an der Raab 
Bautischlerarbeiten Tischlerei Schilli GmbH, Halbenrain
Aufzugsanlage Thyssenkrupp, Graz
Restaurator Hubert Schwarz Restaurator
Haustechnik Pongratz BaugesmbH
Elektrotechnik TB Ogrisek& Knopper
Bauphysik Rosenfelder & Höfler TB Bauphysik
Brandschutzkonzept Norbert Rabl ZT GmbH
Wettbewerb geladener 1-stufiger Realisierungswettbewerb 2014, 1. Preis 
Bauaufgabe Assanierung, Um- und Neubau
Nutzflächen 1378 m² Alt- und Neubau
Bruttogeschoßfläche 1887 m²
Baubeginn  2017
Fertigstellung 2018

ARCHITEKTEN
ARCH. DIPL. ING. CHRISTIAN ANDEXER
geboren in Salzburg, B√ľro seit 1991 in Graz,
zahlreiche Bauten im historischen und sozialen Kontext, SV Altstadterhaltung in Salzburg (SVK) und Graz (ASVK); Verfasser Masterplan World Heritage Graz, Core zone and Palace Eggenberg; WKE Experte Graz f√ľr EU ‚Äď URBACT II ‚Äď HerO Project ‚ÄěHeritage as opportunity‚Äú

Werke (Auswahl)
Wohnen Griesgasse 28 und 30, Graz 2018 in Bau; ASFINAG Autobahnmeisterei, Bruck an der Leitha, 2018 in Bau; Umbau Landespflegezentrum Bad Radkersburg 2010‚Äď2018; Innenraumgestaltung Seniorenzentrum Robert Stolz, Graz 2018; Zu- und Umbau Bezirksgericht F√ľrstenfeld, 2016; Sanierung Reitschulgasse 25, 2015; Kleinwasserkraftwerk Maria Alm 2014; Neu- und Umbau Pflegewohnheim Aigner Rollet, Graz 2013; Sanierung Klosterwiesgasse 3, Graz, 2013; Revitalisierung Amtshaus Obdach 2012; Sanierung Sporgasse 12 und 14, Graz, 2011; Erweiterung Kindergrippe T√∂llergraben, Kapfenberg, 2009

Auszeichnungen (Auswahl)
Deutscher Bauherrenpreis f√ľr Europadorf Ro√ülau; Europa Nostra Auszeichnung f√ľr Revitalisierung Reinerhof Graz; Geramb Rose f√ľr Kinderkrippe T√∂llergraben Kapfenberg; Partner Green Building Programme EU Commission f√ľr Pflegewohnheim Rosenhain Graz; Sonderpreis Land Steiermark f√ľr beispielhafte Revitalisierung Sporgasse 12‚Äď14 Graz
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Branchen
Architektur