Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ), zeigt sich erleichtert über das Vorhaben der Bundesregierung, die Speicherung von CO2 (CCS) in Österreich rechtlich zu ermöglichen. „Mit einer klar definierten Roadmap für Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und CO₂-Abscheidung zählen wir international zu den Vorreitern der industriellen Transformation,“ sagt Spaun. „Doch die letzte Meile auf dem Pfad der Dekarbonisierung können wir nur mit der Abscheidung, dem Transport und der Speicherung von CO₂ gehen. Darauf drängen wir bei den politischen Entscheidungsträgern bereits seit Jahren. Umso erfreulicher ist es, dass Finanzminister Markus Marterbauer jetzt den erforderlichen Rechtsrahmen schafft.“
Die Zeit drängt
Während die Zementindustrie ihre Dekarbonisierung vorangetrieben habe, „fehlten in Österreich bislang die rechtlichen Voraussetzungen für CCS“, so Spaun weiter. „Die Carbon-Management-Strategie war bereits 2024 Thema im Ministerrat – abgesegnet wurde sie, umgesetzt nicht.“ Während zuletzt europaweit 2,9 Milliarden Euro an Fördermitteln für 61 Projekte vergeben worden seien, sei Österreich bisher bei der Förderung von Klimaprojekten leer ausgegangen. Spaun: „Mit dem Rechtsrahmen erfolgt jetzt hoffentlich der erste Schritt! Ein koordinierter Infrastrukturplan eines CO₂-Pipeline-Systems samt Lagerstätten müssen folgen. Doch selbst wenn jetzt rasch gehandelt wird, die Zeit drängt.“
„Einzelne CCS-Projekte können in Österreich bereits in wenigen Jahren realisiert werden. Für die breite industrielle Anwendung ist CCS in Österreich frühestens ab 2040 realistisch. CCS ist nichts, was man in zwei Jahren aufstellt – das braucht jahrelange Vorbereitung, Genehmigungen und Infrastruktur“, erläutert der VÖZ-Geschäftsführer. Selbst wenn Österreich jetzt schnell handele, sei eine Nordsee-Anbindung realistisch nicht vor 2040 verfügbar. „Und warum sollten uns Nachbarländer in ihrer Pipeline-Planung berücksichtigen, wenn CCS bei uns bis vor Kurzem noch verboten war?“
Halb Europa sei bereits deutlich weiter. „Deutschland und die Schweiz planen Trassen, De-Risking-Modelle und internationale Anbindungen. Norwegen, Dänemark und Großbritannien zeigen, wie es geht: Der Staat übernimmt Verantwortung, stößt erste Projekte an und schafft damit Infrastruktur und Akzeptanz“, meint Spaun. „Wir haben hier enormen Aufholbedarf und ohne CO₂-Speicher, Pipelines und Mittel aus dem EU Innovation Fund sind Nullemissionen bis 2040 ein Wunschtraum.“
Neben der raschen Infrastrukturplanung eines CO₂-Pipeline-Systems samt Lagerstätten müssen aus Sicht der VÖZ zudem die Förderkriterien des EU-Innovationsfonds dringend überarbeitet werden. Der Fonds wird aus Einnahmen des EU-Emissionshandelssystems finanziert und fördert großvolumige Dekarbonisierungsprojekte, etwa CCUS/CCS, Wasserstoff und klimaneutrale Industrieprozesse. Ein Zementwerk, das weder an eine CO₂-Pipeline angeschlossen ist noch über geeignete Speicherstätten – etwa ausgebeutete Erdgas- oder Erdölfelder in unmittelbarer Nähe – verfügt, stehe vor gewaltigen Hürden bei der Dekarbonisierung.
Rund 40 Milliarden Euro stünden im EU-Innovationsfonds bis 2030 für die industrielle Dekarbonisierung zur Verfügung – doch Österreich drohe leer auszugehen. Denn gefördert werden vor allem Projekte, die möglichst kosteneffizient CO₂ reduzieren. Das verschaffe Standorten mit bereits vorhandener CCS-Infrastruktur – etwa Häfen, Pipelines oder nahe gelegenen CO₂-Speichern – einen strukturellen Vorteil. Es überrasche daher nicht, dass bislang kein österreichisches Klima- oder CCUS-Projekt beim EU-Innovationsfonds zum Zug gekommen ist, meint die VÖZ
„Hier braucht es dringend eine Kurskorrektur. Dekarbonisierung darf nicht allein nach Kosteneffizienz entschieden werden. Förderentscheidungen müssen auch industrie- und strukturpolitische Kriterien berücksichtigen und Transformation gerade dort ermöglichen, wo die infrastrukturellen Voraussetzungen schwieriger sind“, sagt VÖZ-Präsident Heimo Berger. „Sonst drängen wir ausgerechnet jene Unternehmen aus dem Markt, die effizient produzieren, Arbeitsplätze und Wertschöpfung sichern und gleichzeitig seit Jahrzehnten in ihre Transformation investieren. Das wäre ein industrie- und klimapolitisches Eigentor – gerade Österreichs Unternehmen produzieren bereits heute den Zement mit der niedrigsten CO₂-Intensität weltweit.“