Ein Raum, der Licht und Zeit einfängt
In Seoul hat 2025 das erste Museum für Fotokunst eröffnet. Die Architekturbüros Jadric, Wien und 1990uao, Seoul waren Sieger im offenen, internationalen Wettbewerb mit 73 Einreichungen. Seit Mai bietet das Fotomuseum Raum für Ausstellungen. Es vereint äußere, visuelle Werte mit inneren und wurde mit dem Austria Green Planet Building Award ausgezeichnet.
Eine anthrazitfarbene Skulptur aus locker geschichteten Levels – wie ein leicht verdrehter Stapel von Dias gestaltet sich das neue Fotomuseum. Der Entwurf ist eine Ko-Kreation der Architekturbüros Jadric und 1990uao aus Wien und Seoul und wurde im Mai 2025 fertiggestellt. Es ist die bisher einzige öffentliche Institution für Fotokunst in Südkoreas Hauptstadt.Das Konzept des 7.048 Quadratmeter großen Museums orientiert sich zum einen am essenziell fotografischen Element Licht. Fotografie ist „Malen mit Licht“, schreiben die Architekten. Hinzu kommen die typisch architektonischen Elemente der Formgebung. Architektur ist entsprechend das „Spiel der Formen im Licht“.

Eine Fassade wie eine Kamera-Blende
Die leicht geschwungene Fassade aus grauen Aluminiumpaneelen erinnert an das Funktionsprinzip einer Kamera-Blende. Sie ändert sich gemäß der Perspektive der Besucher*innen. Wie ein Kontrapunkt steht das dunkle Gebäude neben einem hellen Rundbau, dem Robot & AI Museum des türkischen Architekturbüros Melike Altınışık. Die unmittelbare Nachbarschaft dieser Museen stellt auch inhaltliche Fragen auf: wo ein Archiv mit Fotokunst gerade der menschlichen Kreativität Anerkennung zollt, holt die künstliche Intelligenz bereits mit maßgeschneiderter Glätte zur Antwort aus.
Die beiden Institutionen sind Teil der neuen Kunst- und Kulturmeile im Stadtviertel Chang-dong, Dobong-gu. An einer großen Eventhalle für K-Pop wird noch gebaut. Das Viertel liegt im Norden von Seoul unweit des Han-Flusses. Das neue Fotomuseum ist Zweigstelle des Seoul Museum of Art und verkörpert einen zukunftsorientierten öffentlichen Raum, der Ost und West, Vergangenheit und Zukunft, Kunst und Architektur miteinander verbinden will.

Öffentlicher Raum, kuratiert für Bilder
Der Eintritt ist, wie in vielen koreanischen Museen, frei und trägt zu einer urbanen Dialogkultur bei, in der Kultur und Freizeit aufeinandertreffen. Durch die Schichtung und Drehung im Sockelbereich der Fassade sollten ursprünglich teils sonnige, teils verschattete Sitzstufen und somit weiterer öffentlicher Raum entstehen. Momentan ist dieser Bereich jedoch aus Haftungsgründen abgesperrt. In der 10 Meter hohen Lobby befindet sich der Eingangsbereich, daneben das Photo Book Café, das mit klaren Linien dem Gesamtdesign entspricht. Die Möblierung ist von den Hauptelementen der Fotografie inspiriert, wie Frame, Aperture und RGB Farben (Rot, Grün, Blau). Im Obergeschoss befinden sich eine Foto-Bibliothek und ein Education Space.

Die gesamten Innenräume sind bewusst schlicht gehalten. Im ersten und zweiten Stock (im Museum nach amerikanischer Zählung „zweiter“ und „dritter Stock“) befinden sich die Ausstellungsräume, gefasst in grauem Beton. Hier ist eine klare Gegenposition zum neutralen „White Cube“ intendiert, eine Art begehbare Camera Obscura. Wie ein zurückgenommener Projektionsraum mit grauem Hintergrund dienen die Räume der vollen Konzentration auf die gezeigten Bilder. Die Fotografien sind die alleinigen Stars. Auch die dunklen Installationen an der Decke treten in den Hintergrund. Die Bühne gehört den Bildern.
Ein Foto ist das Resultat davon, einen Moment festzuhalten, schreibt Seong H San, Stadtarchitekt von Seoul in der Publikation zum Fotomuseum. Das koreanische Wort für „Foto“ könnte mit „die Wahrheit zeichnen“ übersetzt werden, während die Übersetzung des griechisch entlehnten Wortes „Photographie“ ein „Zeichnen mit Licht“ wäre, eine eher technische Beschreibung.

Gemeinsame Vision und nachhaltige Strategie
Mladen Jadric betont das kollektive Schaffen in jedem künstlerischen und architektonischen Prozess. Gebäude entstehen durch die Zusammenarbeit vieler Expert*innen, Handwerker*innen, Ingenieur*innen, Inverstor*innen und Klient*innen. „Kommunikation und Sprache spielen eine wesentliche Rolle im interkulturellen Design-Zusammenarbeit. Effektive Strategien, inklusive visuelle Kommunikation, Storytelling und visuelle Sprache, helfen dabei, sprachliche Trennungen aufzuheben und wechselseitiges Verständnis zu fördern“ schreibt er.
Die Kombination von geraden Linien und Kurven, zwischen grau und schwarz changierend, schaffen eine fluide Ästhetik und verwandeln eine statische Struktur in eine einladende Umgebung. Die Zusammenarbeit der Architekturbüros aus Wien und Seoul hat zu einem harmonischen Konzept geführt, das über äußere Gestaltung hinausgeht und auch innere Werte wie Dialogfähigkeit und Interesse an unterschiedlichen Kommunikationstraditionen beinhaltet. Mladen Jadric (Jadric Architektur) bezeichnet es als „sichtbar gewordene gemeinsame Vision, eine Struktur, die nicht nur Kunst umrahmt, sondern auch einen sich entwickelnden kulturellen Dialog.“ Und Yoon Geun Ju (1990uao) bescheinigt dem neuen Kulturort die Eigenschaften Zeitlosigkeit und Zeitgenossenschaft.
Nachhaltigkeit war eine grundlegende Anforderung an das Gebäude. Die Energieversorgung erfolgt durch mehr als 50 Tiefensonden, Erdwärmespeicher und PV-Module am begrünten Dach mit Batteriespeicher. Recycelte Leichtbeton-Hohlelemente in der Fassade dienen als Hitzeschild. Und je nach Lichteinfall changiert das Erscheinungsbild in helleren oder dunkleren Tönen.

Projektdaten
- Projekttitel: Photography Seoul Museum of Art — Photo SeMA
- Architekturbüros: Jadric Architektur ZT GmbH (Wien, Österreich) & 1990uao (Seoul, Südkorea)
- Leitende Architekten: Mladen Jadrić & Yoon Geun Ju
- Standort: Chang-dong, Seoul, Südkorea
- Art: Offener internationaler Wettbewerb – 1. Preis
- Bauzeit: 2020–2025
- Eröffnung: 29. Mai 2025
- Bruttogeschossfläche: 7.048,52 m²




