Umfrage

Die Glasbranche in der Corona-Krise

Bauglasmarkt
01.02.2021

Aktualisiert am 01.02.2021

Wie hat die Glasindustrie die Corona-Krise bis jetzt überstanden? Ist in den nächsten Monaten mit Lieferengpässen zu rechnen? Wie lauten die Prognosen von Brancheninsidern für das heurige Jahr? Antworten auf diese Fragen gaben uns Vertreter der heimischen Glas- und Zulieferindustrie.

Wie geht es der Glasbranche nach knapp einem Jahr Corona-Krise

Franz Schreibmaier, Geschäftsführer Bohle GmbH:

„Als weltweit agierendes Unternehmen können wir klar definieren, dass bei allen widrigen Umständen, die es 2020 gab und 2021 noch geben wird, die Glasbranche in Mitteleuropa und Österreich sehr gut durch diese herausfordernde Zeit gekommen ist. Wie uns bekannt ist, hatten einige Unternehmen im Herbst 2020 sogar zu viel Arbeit, sodass Projekte schon auf 2021 verschoben wurden. 

Mittlerweile ist Corona „immer nähergekommen“ und es gibt kaum noch einen Betrieb, der nicht direkt oder indirekt durch Quarantäne-Maßnahmen betroffen ist. Dies wirkt sich natürlich irgendwann auch auf die Lieferkette aus. Sei es, weil kurzfristig Produktionen stillgelegt werden, LKW-Fahrer ausfallen, Grenzkontrollen den freien Warenverkehr behindern oder Produktionsbetriebe kein Rohmaterial bekommen. Glücklicherweise sind wir bei Bohle davon wenig bis kaum betroffen und die Lieferkette funktioniert weitestgehend.  

Eine Prognose für 2021 ist nahezu unmöglich, weil niemand Ahnung hat, welche Coronavirus-Mutationen noch auftauchen und welche Maßnahmen im Zuge dessen nötig sein werden, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.
Was man mit Gewissheit sagen kann: Es gibt durch die Lockdowns massive Schäden in der Wirtschaft, und deshalb werden auch die verfügbaren finanziellen Mittel kaum für Investitionen zum Einsatz kommen. Vor allem im Bereich Gastronomie und im Beherbergungsbereich, wo üblicherweise vor der neuen Saison und nach der – meist erfolgreichen – Saison saniert wurde, wird es vermutlich wenig Renovierungen und kaum Umbauten geben. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass in der Glasbranche auch 2021 genügend Arbeit vorhanden sein wird.“

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Harald Bissenberger, Prokurist Ertl Glas AG:

„Im Jahr 2020 waren im ersten Lockdown alle großen Baustellen eingestellt und die Privatkunden natürlich verunsichert. Dieser Mengenrückgang wurde aber durchwegs durch den positiven Auftragseingang im Rest des Jahres wieder fast egalisiert. Man kann sagen, dass es durch die Pandemie keine wesentlichen Auswirkungen auf unsere Glasbranche gegeben hat. 

Glasengpässe gibt es sehr wohl. Aus heutiger Sicht sind diese noch nicht aufgehoben. Eine bestimmte Produktgruppe lässt sich nicht benennen, da es an vielen Fronten abwechselnd immer wieder Probleme mit Lieferungen gibt. Wir hoffen jedoch, dass sich diese Situation, in den nächsten zwei bis drei Monaten beruhigt. Eine zuverlässige Aussage kann leider nicht getroffen werden, da es auch seitens der Großindustrie keine Zusagen bzw. Aussagen gibt.

Eine grundsätzliche Prognose ist schwierig. In Zeiten der Globalisierung reicht es oft, wenn ein Staatsführer etwas Unangemessenes sagt, dann wird schon wieder Krise oder Rezession geschrieben. Das ist automatisch eine negative Beeinflussung, auch der Realwirtschaft gegenüber, obwohl absolut nicht notwendig.

Was jedoch absolut real ist, ist eine durch die Verknappung des Rohglases – aus welchen Gründen auch immer – extrem ausfallende Preiserhöhung im ersten Quartal. Auch weitere Erhöhungen seitens der Glas-Großindustrie sind nicht auszuschließen. Eine derart erdrückende bzw. hemmungslose Vorgangsweise in Bezug auf Erhöhungen und dieses Ausmaß habe ich in mehr als 30 Jahren noch nicht erlebt.
In Bezug auf Mengen, Auftragsauslastung im Bau- und Baunebengewerbe bin ich aber positiv gestimmt. Es zeichnet sich, sobald die Pandemie halbwegs im Griff ist, eine Investitionswelle nicht nur bei privaten Auftraggebern, sondern auch im öffentlichen Bereich ab. Nach der Devise „Investiere in der Not, so nutzt es in der Zeit“.

Persönlich hoffe ich, dass sich in Österreich mehr als 70 Prozent als Vorsorge gegen das Coronavirus impfen lassen. Denn das ist die Voraussetzung, um sich wieder den wirklichen wichtigen Aufgaben widmen zu können, anders werden wir sonst nie aus dem Schlamassel herauskommen.“

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Harald Kraus, Geschäftsführer K & K ProVitrum:

„Als Mitte März 2020 der erste Lockdown verkündet wurde, war nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern auch die Wirtschaft in ,Schockstarre‘, was sich auch in unseren dadurch bedingten, von heute auf morgen reduzierten, Auftragseingängen besorgniserregend bemerkbar machte. Dieser Zustand entspannte sich dann ab Mai 2020 über den Sommer, wobei wir erstaunlicherweise auch in dieser Zeit unerwartet große Einzelaufträge für ESG-Öfen, Digitaldrucker für keramische Farben und auch andere Maschinen erhielten. Ab August erholte sich das Geschäft in großen Schritten und wir können seither – wenn wir unser gesamtes Verkaufsgebiet betrachten – einen Rekord an Maschinenaufträgen über die gesamte Bandbreite von kleinen Einzelmaschinen bis hin zu großen Anlagen für den industriellen Einsatz verzeichnen. Auch das Geschäft mit Bearbeitungswerkzeugen, Laminierfolien und diversem Equipment läuft gut. Natürlich gibt es in den einzelnen Ländern unseres Marktes entsprechende Unterschiede im Geschäftsgang, aber der positive Trend ist insgesamt deutlich spürbar.

Nach der Schockstarre im letzten Frühjahr hat sich die Glasbranche – die ja traditionell immer ganz gut durch Krisen gekommen ist – aus unserer Sicht insgesamt gut erholt und wir sind wirtschaftlich kurz- und mittelfristig sehr optimistisch.
Von Fall zu Fall kann es derzeit noch zu Lieferverzögerungen kommen, da immer wieder Lieferanten oder deren Zulieferanten von Corona-Fällen im Betrieb betroffen sind. Aber unsere Lieferanten und wir unternehmen alles Erdenkliche, um allfällige Verzögerungen so kurz wie möglich zu halten.

In punkto Gesundheit muss man natürlich noch sehr vorsichtig sein und die Durststrecke bis zur Impfung durchstehen, dann wird sich sicher auch das private und gesellschaftliche Leben schnell erholen, was meine Frau Zita meine Familie, mein K & K-Team und ich schon sehr herbeisehnen. Zusammenfassend freue ich mich, einmal mehr ganz klar zu erkennen, dass die Glasbranche eine wirklich gute und solide Branche ist – wir sind stolz, Mitglied dieser Branche zu sein!“

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Wolfgang Pichler, Vertriebsleiter/Salesmanager Pilkington Austria GmbH:

„Die Glasbranche hat es vor allem im ersten Lockdown, sprich März bis Juni 2020, stark getroffen. Hier gab es einen Umsatzeinbruch von 20 bis 25 Prozent. Danach hat sich die Branche schnell erholt, und man konnte einen Aufholbedarf spüren. Im Dezember 2020 waren die Mengen vor allem bei Projekten wieder etwas rückläufig und Baustellen wurden früher als gewohnt winterdicht gemacht.

Die Lieferengpässe von Basisglas, die sich bereits im Oktober 2020 abzeichneten, werden sich auch im ersten Halbjahr 2021 fortsetzten, da stillgelegte Wannen noch nicht aktiviert werden konnten. Das betrifft alle Glasarten, aber speziell Sondergläser. Da die Basisglas Preise erheblich gestiegen sind bzw. weiter steigen, werden auch Verarbeiter zeitnah eine Preiserhöhung umsetzen müssen.

Eine Prognose für das ,Glas-Jahr 2021‘ ist schwierig abzugeben, da einen großen Einfluss die Dauer des derzeitigen Lockdowns hat bzw. ob noch weitere kommen. Weites wird entscheidend sein, wie investitionsfreudig die stark angeschlagene Tourismusindustrie ist. Grundsätzlich glauben wir an einen starken Anstieg des Glasbedarfs, wenn sich die Lage der Covid-Neuninfektionen beruhigt hat, und die Menschen zu einem halbwegs ,normalen‘ Alltag zurückkehren können.“

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Gottfried Brunbauer, CEO Lisec:

„Die Maschinen- und Anlagenhersteller für die Glasver- und -bearbeitung sind, wie der gesamte Maschinen- und Anlagenbau, von der Corona-Pandemie erheblich betroffen. Dies nicht zuletzt wegen der aufgrund der unsicheren Lage spürbaren Investitionszurückhaltung vieler Kunden. Dazu kommt, dass das Geschäft mit einem Anteil von rund 90 Prozent sehr stark exportorientiert ist und auch in hohem Maß von der Möglichkeit abhängt, die Maschinen und Anlagen weltweit vor Ort bei den Kunden installieren und in Betrieb nehmen zu können. In diesem Punkt wird das Geschäft auch durch die internationalen Reisebeschränkungen zusätzlich beeinträchtigt.

Die Glasver- und -bearbeiter haben im Frühjahr, während des ersten Lockdown, einen vorübergehenden Einbruch des Geschäftes gespürt. Nachdem der Bau jedoch relativ rasch wieder angelaufen ist und aus dem Privatbereich ab dem zweiten Quartal ein spürbarer Investitionsschub gekommen ist, ist das zweiten Halbjahr zum Teil sogar besser verlaufen als im Vorjahr, wodurch für die meisten unserer Kunden das Gesamtjahr insgesamt zufriedenstellend verlaufen ist und auf dem Niveau des Vorjahres lag.

Die Lieferketten im Maschinenbau sind nach wie vor aufrecht, wir rechnen auch in der nächsten Zeit mit keinen kritischen Lieferengpässen bzw. Unterbrechungen der Lieferketten.
Im Bereich der Glasverarbeitung hat sich die Situation bezüglich der Versorgung mit Floatglas durch die (vorübergehende) Stilllegung einiger Float-Tanks, die bis dato noch nicht wieder hochgefahren sind, im Laufe des zweiten Halbjahres 2020 angespannt, wiewohl es bis dato noch zu keinen signifikanten Engpässen gekommen ist. Unseres Erachtens sollte sich die Versorgung durch die Wiederinbetriebnahme von Float-Tanks nach Abschluss von Revisionsarbeiten im Laufe des Jahres 2021 wieder entspannen oder zumindest nicht weiter verschärfen.

Unsere Prognose für das ,Glas-Jahr 2021‘ ist, dass das Geschäft für die Maschinen- und Anlagenbauer auch in diesem Jahr noch verhalten bleiben und sich erst nach der Sommerpause im Gleichklang mit der Entspannung der gesamtwirtschaftlichen Lage weltweit robuster erholen wird. Im Bereich der Glasver- und -bearbeitung sollte das Geschäft neben der aufrechten Baukonjunktur weiterhin vom Investitionsschub im Privatbereich unterstützt werden bzw. sind auch durch die diversen öffentlichen Förderungs- und Konjunkturmaßnahmen Impulse zu erwarten, sodass das ,Glas-Jahr 2021‘ letztlich nicht schlechter werden sollte als 2019 oder 2020."

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Gerald Wiesbauer-Pfleger, Geschäftsführung Glas Wiesbauer GmbH & Co KG:

„Ich glaube, dass das Jahr 2021 für die Glasbranche ähnlich verlaufen wird wie 2020. Flexibilität ist gefragt, von großem Vorteil ist, wenn man breitbeinig aufgestellt ist – also verschiedene Kundenkreise bzw. Tätigkeitsfelder hat – Schleiferei/Montage bzw. Großkunden/Einzelkunden bzw. Tischler/Glaser/Metallbranche. Die Investitionsprämie zeigt durchaus ihre Wirkung, auch im Privatbereich wird viel investiert.

Durch die Lieferengpässe muss man weit im Voraus planen, den Lagerstand groß halten. Auf Sondergläser gibt es zum Teil schon Lieferzeiten von zwei bis drei Monaten. Und es vergeht kaum ein Quartal, wo die Einkauf-Preise nicht steigen. Zudem leidet die Qualität enorm, da auch sehr minderwertige Gläser am Markt sind. Was auf jeden Fall fehlt, ist der persönliche Kundenkontakt und auch das Zusammenkommen innerhalb der Glasbranche.“

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