Baufahrzeuge sind das Rückgrat von Baustellen, die verwendeten Fahrzeuge transportieren Beton, Schüttgut, Stahl und Spezialladungen, nicht selten unter härtesten Bedingungen und mit engen Zeitfenstern versehen. Doch die Fahrzeuge, die mittlerweile – zumindest zum Teil – auf Baustellen rollen, sind technologisch eine gänzlich andere Generation als noch vor wenigen Jahren. Elektrifizierung, vernetzte Telematik, intelligente Assistenzsysteme und erste Schritte in Richtung Teilautonomie verändern heute die Beschaffung, den Betrieb und die Logistik auf Baustellen. Diese Entwicklung geht auch an den LKW nicht vorbei.
Zwar bilden klassische Diesel-LKW nach wie vor das Rückgrat der Baustellenlogistik, Doch intelligente Fahrerassistenzsysteme, Telematiklösungen und elektrifizierte Antriebe gewinnen auch bei den Baustellenfahrzeugen zunehmend an Bedeutung. Zahlreiche Hersteller, wie beispielsweise Iveco, Man, Mercedes-Benz Trucks, Volvo Trucks oder Scania investierten zuletzt verstärkt in Digitalisierung und automatisierte Systeme. Gleichzeitig entwickeln Spezialisten wie Goldhofer, Humbaur, Schmitz Cargobull, Schwarzmüller oder auch Tatra neue Fahrzeug- und Transportkonzepte für die Anforderungen der Kund*innen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um technologische Fortschritte, vielmehr verändert sich die gesamte Logik des Baustellenverkehrs – von der Fahrzeugsteuerung über die Wartung bis hin zur datenbasierten Flottenoptimierung. Allerdings ticken die sprichwörtlichen Uhren in Österreich etwas langsamer, zudem kommen die aktuell eher verhaltene Baukonjunktur sowie die dazu gehörende Investitionszurückhaltung. Dennoch bleibt der Bedarf an leistungsfähigen Bau- und Transportfahrzeugen hoch – insbesondere im Infrastruktur-, Tunnel- und Tiefbau.
Der technologische Wandel schreitet trotzdem massiv voran, Man setzt beispielsweise verstärkt auf digitale Services und vernetzte Flottenlösungen für Bauunternehmen. Mit Plattformen zur Fahrzeugüberwachung, Wartungsplanung und Verbrauchsanalyse sollen Ausfallzeiten reduziert und Betriebskosten optimiert werden. Gleichzeitig investiert das Unternehmen in die Elektrifizierung schwerer Nutzfahrzeuge. Selbst künstliche Intelligenz (KI) spielt bei Man mittlerweile eine Rolle, ein KI-gestützter Assistent soll Antworten auf Fragen rund um die Einsatzdaten des Fuhrparks liefern.
Mercedes-Benz Trucks verfolgt ebenfalls einen digitalisierten Ansatz. Systeme zur Umfeldüberwachung, Assistenztechnologien für Abbiege- und Bremsvorgänge sowie cloudbasierte Fahrzeugdatenanalyse gehören beim Hersteller zunehmend zur Serienausstattung. „Digitalisierung gewinnt immer stärker an Bedeutung“, erläutert Jens Tittel, CEO Daimler Truck Austria. Digitale Services würden unter anderem ein effizienteres Flottenmanagement, transparentere Fahrzeugdaten, optimierte Wartungsplanung sowie höhere Fahrzeugverfügbarkeit ermöglichen. „Dadurch lassen sich Betriebskosten reduzieren und Prozesse im täglichen Einsatz effizienter gestalten.“

Einsatzverfügbarkeit erhöhen
Scania konzentriert sich wiederum auf effiziente Antriebslösungen und datenbasierte Betriebsoptimierung. Besonders im Bau- und Schwerlastsegment gewinnen intelligente Motorsteuerungen und vernetzte Services an Bedeutung. Ziel ist es, Kraftstoffverbrauch und Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Einsatzverfügbarkeit zu erhöhen.
Besonders große Fuhrparks profitieren von digitalen Flottenmanagementsystemen. Die Integration von Fahrzeugdaten in zentrale Baustellen- und Projektmanagementsysteme ermöglicht eine wesentlich präzisere Steuerung von Materialflüssen und Transportkapazitäten. Ein Segment, welches Volvo Trucks verstärkt anvisiert. Die Kombination aus Telematik, Ferndiagnose und vernetztem Flottenmanagement soll dabei nicht nur die Effizienz steigern, sondern gleichzeitig auch die Verfügbarkeit der Fahrzeuge deutlich erhöhen. Eine wichtige Rolle dabei spielen Predictive-Maintenance-Konzepte, also die vorausschauende Wartung auf der Basis von Fahrzeugdaten.
Auch Iveco entwickelt seine digitalen Plattformen kontinuierlich weiter. Im Fokus stehen dabei Fernwartung, Echtzeitdiagnose sowie die Integration alternativer Antriebssysteme in digitale Flottenlösungen. Gerade für Bauunternehmen mit gemischten Fuhrparks werde die zentrale Steuerung unterschiedlicher Fahrzeugtypen immer wichtiger, zeigen sich Branchenkenner überzeugt.
Schmitz Cargobull verfolgt einen ähnlichen Ansatz im Bereich Auflieger- und Trailer-Telematik. Moderne Trailer liefern heute eigenständig Daten zu Beladung, Reifenstatus oder Wartungsbedarf. Dadurch lassen sich Stillstandszeiten reduzieren und die Einsatzplanung verbessern. So rüstet der Hersteller seit dem vergangenen Jahr alle Sattelkipper „S.KI“ serienmäßig mit dem Telematiksystem „Trailerconnect“ aus. Dieses System beinhaltet verschiedene Überwachungs-, und Steuerungsfunktionen, die individuell nach Kundenanforderung gestaltet werden können und die Transparenz im Fuhrpark erhöhen und die Planbarkeit verbessern sollen. Neben Standard-Funktionen, wie Ortung, Flottenmanagement, Datentransfer oder dem Reifendruckkontrollsystem (RDKS), sind optional Funktionen wie ein Onboard-Wiegesystem und eine Bremsbelag-Verschleißanzeige zur Pannen- und Unfallvermeidung und zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit verfügbar.
Reifendruck in Echtzeit überwachen
Fahrzeugbetreiber können das Telematiksystem individuell anpassen, betont der Hersteller, neben Standardfunktionen stünde unter anderem auch ein Reifendruckkontrollsystem (RDKS) mit Autolocation zur Verfügung. RDKS überwache den Reifendruck in Echtzeit und warne bei plötzlichem oder schleichendem Druckverlust. So könnten Reifenpannen und kostspielige Folgeschäden vermieden sowie Reifenverschleiß und Kraftstoffverbrauch minimiert werden. Durch die Autolocation-Funktion würden zudem hauseigene Sensoren im Falle eines Reifenaustausches automatisch erkannt und der entsprechenden Radposition zugeordnet, wodurch der aufwendige und fehleranfällige Anlernprozess entfalle.
Über das Trailerconnect-Portal lässt sich der Status der Reifen und des gesamten Trailers in Echtzeit überwachen, bei Abweichungen erfolgen Alarmmeldungen per E-Mail, SMS oder Benachrichtigungen in der „besmart“-App für Fahrer*innen oder der „beuptodate“-App für Fuhrparkleiter*innen und Disponent*Innen. Die App bietet zusätzlich in Echtzeit einen Überblick über die wichtigsten Flottendaten und zeigt die Positionen der Trailer über eine Flottenkarte im Telematikportal via Google Maps an. Mittels Upgrade auf die „CTU-Pro Telematik-Hardware“ würden, betont der Hersteller, weitere Funktionen freigeschalten, wie etwa Auslesen und Transfer der EBS-Betriebsdaten, eine Bremsbelag-Verschleißanzeige sowie ein Onboard-Wiegesystem mit Bedienung über die besmart-App. Zudem kommen optionale Sicherheitsausstattungen wie beispielsweise eine Neigungswinkel-Warnfunktion, die Fahrer*innen bei ungünstigem Seitenneigungswinkel mit einem akustischen und optischen Signal warne sowie ein Kippwinkel-Warnsystem, das bei angekippter Mulde warnt.

Komplexer Verkehrsraum Baustelle
Auch die Entwicklung der Fahrerassistenzsysteme schreitet momentan rasant voran. Besonders im Baustellenumfeld gewinnen wenig überraschend Sicherheits- und Assistenztechnologien zunehmend an Bedeutung. Der Grund dafür liegt auf der Hand – Baustellen zählen zu den komplexesten Verkehrsräumen überhaupt. Wechselnde Verkehrsführungen, unübersichtliche Situationen, enge Rangierbereiche und der Mischverkehr mit Baumaschinen stellen hohe Anforderungen an Fahrer*innen und Fahrzeuge. So verfügen aktuelle Baufahrzeuge inzwischen über eine Vielzahl intelligenter Assistenzsysteme, unter anderem Abbiegeassistenten, adaptive Tempomaten, Notbremsassistenten, Spurhalteassistenten oder auch Rangier- und Rückfahrassistenten.
Mercedes-Benz Trucks gilt in diesem Bereich als einer der technologischen Vorreiter. Besonders die Integration mehrerer Sensorsysteme zur Umfeldüberwachung hat in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Auch Volvo Trucks und Scania investieren in aktive Sicherheitssysteme und automatisierte Fahrfunktionen. Ziel der Hersteller ist es, Fahrer*innen zu entlasten und gleichzeitig die Unfallwahrscheinlichkeit zu reduzieren. Man arbeitet wiederum an teilautomatisierten Fahrfunktionen. Zwar sind vollständig autonome Baustellen aktuell noch Zukunftsmusik, einzelne Funktionen werden aber bereits heute im Alltag eingesetzt. Etwa automatisierte Brems- und Stabilisierungssysteme oder intelligente Anfahrhilfen auf schwierigem Untergrund. Noch konzentriert sich die Entwicklung autonomer Baustellenfahrzeuge vor allem auf klar definierte Einsatzbereiche. So kommen teilautonome Transportlösungen mittlerweile immer öfter in geschlossenen Baustellen- oder Minenumgebungen zum Einsatz. Unternehmen wie Goldhofer treiben die Digitalisierung zudem im Schwertransportbereich voran. So werden etwa spezialisierte Schwerlastmodule werden zunehmend mit intelligenten Steuerungssystemen ausgestattet, um komplexe Transportbewegungen präziser und sicherer machen.
Doch die Realität auf Baustellen bleibt aktuell noch zu komplex, zu dynamisch und zu wenig standardisiert, um autonome Systeme flächendeckend einzusetzen. Künftig könnten allerdings digitale Zwillinge, KI-basierte Logistiksteuerung oder automatisierte Materialtransporte eine wesentlich größere Rolle spielen. Erste Pilotprojekte zeigen bereits, wie autonome Transportfahrzeuge in kontrollierten Baustellenbereichen eingesetzt werden können. Der entscheidende Faktor bleibt dabei die Wirtschaftlichkeit. Automatisierung muss einen konkreten Mehrwert bieten – sei es durch geringere Betriebskosten, höhere Sicherheit oder bessere Auslastung.
Weblinks
www.cargobull.com
www.goldhofer.com
www.iveco.com
www.man.eu
www.daimlertruck.com
www.scania.com
www.schwarzmueller.com
www.tschann.biz
www.volvotrucks.at
www.humbaur.com
Nachgefragt bei: Jens Tittel, Daimer Trucks Austria
Digitalisierung und Vernetzung gewinnen auch bei den Baufahrzeugen immer stärker an Bedeutung. Die Bauzeitung hat bei Jens Tittel, CEO Daimler Trucks Austria, nachgefragt, welche Hürden bei E-LKW bestehen und welche Trends die Zukunft der Baufahrzeuge prägen werden

Bauzeitung: Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung des LKW-Marktes in Österreich – insbesondere im Bau- und Baustellenumfeld?
Jens Tittel: Die aktuelle Entwicklung des Lkw-Marktes in Österreich bewerten ist insgesamt als herausfordernd zu bewerten. Gerade im Bau- und Baustellenumfeld ist die Marktlage derzeit angespannt und stark von den globalen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängig.
Welche technologischen Trends prägen derzeit die Entwicklung von Bau-LKW?
Wir sehen sehr positive Entwicklungen, insbesondere im Bereich der Dekarbonisierung und Elektrifizierung des Schwerverkehrs. Parallel dazu gewinnt die Digitalisierung immer stärker an Bedeutung. Digitale Services ermöglichen unter anderem ein effizienteres Flottenmanagement, transparentere Fahrzeugdaten, optimierte Wartungsplanung sowie höhere Fahrzeugverfügbarkeit. Dadurch lassen sich Betriebskosten reduzieren und Prozesse im täglichen Einsatz effizienter gestalten.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf modernen Sicherheits- und Assistenzsystemen. Gerade im Baustellenumfeld mit komplexen Verkehrssituationen leisten Systeme zur Umfeldüberwachung, Abbiegeassistenz oder Notbremsunterstützung einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit von Fahrer*innen und anderen Verkehrsteilnehmer*innen.
Welche Hürden bestehen aktuell bei der Einführung von E-LKW?
Die Herausforderungen unterscheidet sich im Bausegment teilweise deutlich von anderen Transportbereichen. Die Reichweite ist weniger das zentrale Thema, da viele typische Tagestouren bereits heute mit den verfügbaren Akkukapazitäten gut abgedeckt werden können.
Eine größere Herausforderung ist aktuell noch die Ladeinfrastruktur – z.B. direkt auf Baustellen. Aber auch hier gibt es positive Entwicklungen: Mobile und dezentrale Ladekonzepte gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Die Einsatzfälle im Bausegment sind sehr nutzlastsensitiv. Deshalb hängt alles von einer optimalen Abstimmung zwischen Fahrgestell und Aufbau ab. Eine Erhöhung der gesetzlich zulässigen Achslasten für batterieelektrische Nutzfahrzeuge könnte hier wesentlich dazu beitragen, die Praxistauglichkeit und Wirtschaftlichkeit von E-Lkw im Bauverkehr weiter zu verbessern.
Hr. Tittel, herzlichen Dank für das Gespräch.