Österreich ist anders – jedenfalls, was die Struktur der Bauwirtschaft anbelangt: In Europa werden im Durchschnitt zwei Drittel der Wertschöpfung des Bauwesens im Bestand erzielt und nur ein Drittel im Neubau. „In Österreich ist es umgekehrt“, erläutert Wolfgang Amann, Chef des renommierten Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW). Diese Schere hat sich im Zuge der Finanzkrise 2008/2009 aufgetan. Amann: „Damals brach der Neubau in vielen Ländern sehr stark ein und blieb auf einem niedrigen Niveau. In Österreich hat er sich viel schneller erholt und lief lange sehr gut.“

Bestand statt Neubau

Das hat sich bekanntlich geändert. Der Neubau – vor allem im Wohnbau – steckt seit geraumer Zeit in einer hartnäckigen Flaute. Viele Unternehmen widmen sich daher verstärkt dem Bestand. Dazu zählen mittelständische Betriebe wie Handler Bau oder Leyrer + Graf (siehe die Artikel auf Seite 14 bis 16 und 18 bis 19). Die Bauzeitung wollte wissen, wie es das Baugewerbe mit dem „Bauen im Bestand“ hält – und widmete daher ihre aktuelle Umfrage diesem Thema.

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Die Ergebnisse zeigen ein eindeutiges Bild: Für 76 Prozent der befragten Unternehmen ist das Bauen im Bestand bereits sehr wichtig (43 Prozent) oder wichtig (33 Prozent). Nur eine kleine Minderheit misst dem Bestand derzeit eine geringe Rolle bei – 10 Prozent halten Sanierung, Umbau und Revitalisierung für bedingt wichtig. Nur für 14 Prozent spielen diese Aktivitäten praktisch keine Rolle.

Klare Mehrheit

Noch eindeutiger fällt der Blick in die Zukunft aus. 76 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Bauen im Bestand im Vergleich zum Neubau an Bedeutung gewinnen wird. Die restlichen 24 Prozent rechnen mit einer stabilen Entwicklung. Von einem Verlust an Bedeutung geht niemand aus.

Damit bestätigt sich ein Trend, der sich seit dem Einbruch im Wohnbau immer deutlicher abzeichnet: Der Bestand wird vom Ausweichprogramm zur strategischen Säule. Wer heute im Baugewerbe erfolgreich sein will, muss nicht nur neu bauen können, sondern vor allem mit bestehenden Gebäuden umgehen können. Für viele Betriebe ist das keine kurzfristige Reaktion auf die Krise, sondern eine dauerhafte Verschiebung im Markt.

Das Bauen im Bestand stellt die Betriebe allerdings vor besondere Herausforderungen. Die größte stellte keine Überraschung dar: Die meisten Nennungen erhalten in der Umfrage die Problemfelder „Genehmigungsverfahren und Auflagen“ sowie „Bauphysikalische Probleme im Bestand“. Jeweils 62 Prozent der Befragten betrachten dies als große oder sehr große Hürde. 57 Prozent nennen die „Koordination beim Bau im laufenden Betrieb“, 52 Prozent die „unklare Bestandsdokumentation“ und 43 Prozent „Kosten- und Terminunsicherheit“.

Verkürzte Verfahren bitte

Abschließend wollte die Bauzeitung wissen, wo Gesetzgeber und Behörden ansetzen müssten, um das Bauen im Bestand zu erleichtern. Ein Teilnehmer bringt es in zwei Worten auf den Punkt: „Verkürzte Behördenverfahren“. Ein anderer holt etwas weiter aus: „Die Schutzziele sind vom Gesetzgeber vorgegeben und sind so umzusetzen. Die Behörde sollte die Möglichkeit der lösungsorientierten Planung im Sinne der Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben durch Vorsprache des Planers anbieten. Dadurch sollte ein kürzeres Bewilligungsverfahren zu erwarten sein.“

Ein weiterer Teilnehmer schlägt vor, höhere Baudichten zuzulassen, Abstandsregeln „maßvoll“ zu ändern und lange Verfahren durch den Verzicht auf die Vorschreibung von Bebauungsplänen in bereits bebauten Grundstücken zu vermeiden. Eine andere Antwort fällt wiederum kurz aus – und dürfte vielen Vertreterinnen und Vertretern der Branche aus dem Herzen sprechen: „Bürokratieabbau und Förderungsmanagement.“