Zwanzig Jahre im Design: Das ist schon eine beachtliche Zeit, in jeder Hinsicht. Denn in dieser Zeitspanne haben sich nicht nur Materialien, Technologien und Produktionsweisen, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen an Gestaltung deutlich verändert. Die Vienna Design Week, 2006 ursprünglich gegründet von Lilli Hollein, Tulga Beyerle und Thomas Geisler, hat diese Veränderungen in diesen zwei Jahrzehnten begleitet und sichtbar gemacht, indem sie sich immer wieder selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit gemacht hat. So findet 2026, genauer gesagt von 25. September bis 4. Oktober 2026, die 20. Ausgabe des Festivals statt, ein Jubiläum, das einerseits als Rückblick, andererseits auch als Gelegenheit zur Standortbestimmung verstanden werden möchte. Bei den rund 200 Veranstaltungen an mehr als sechzig Orten stehen Ausstellungen, Interventionen, Kooperationen und Diskurse im Zentrum, die Design nicht auf das fertige Produkt reduzieren, sondern nach seinen Beziehungen zu Handwerk, Gesellschaft, Stadt, Material und Technologie fragen.

Das Team der Vienna Design Week: Laura Winkler, Alexandra Rauschgold, Alma Fiala, Gabriel Roland und Alexandra Brückner
Das Team der Vienna Design Week (v.l.n.r.): Laura Winkler, Alexandra Rauschgold, Alma Fiala, Gabriel Roland und Alexandra Brückner © Elsa Okazaki

Festivaldirektor Gabriel Roland beschreibt den runden Geburtstag ausdrücklich als einen Moment, dessen Bedeutung zunächst bestimmt werden müsse: „Ein runder Geburtstag, ein großes Jubiläum, ein Etappenziel – man muss erst einmal herausfinden, was so ein Moment für einen bedeutet.“ In den zwanzig Jahren sei die Vienna Design Week zu einem maßgeblichen europäischen Designfestival geworden, betont er und hebt dabei weniger eine bestimmte gestalterische Entwicklung hervor als die Funktion des Festivals als Plattform: Es habe „zahllose Impulse gesetzt, Menschen zusammengebracht, Projekte beauftragt, Orte entdeckt“. Gerade diese Aufzählung macht deutlich, wie weit das Selbstverständnis inzwischen reicht. Design wird nicht allein über Objekte definiert, sondern über Beziehungen, Prozesse und Orte. Gabriel Roland beschreibt die Geschichte des Festivals entsprechend mit Begriffen wie kritisch, innovativ, international und ortsspezifisch, und er sieht das Jubiläum als Anlass, „auf das Geschaffte zurückzuschauen, zu feiern und beherzt in die Zukunft zu blicken“.

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Jubiläumssymposium "The Stages of Design Grief"
Jubiläumssymposium "The Stages of Design Grief" mit Pete Fung. © Anwyn Howarth

Das Jubiläum ist daher auch eine Selbstbefragung. Beim Symposium „The Stages of Design Grief“ wird vor dem Hintergrund von Klimakrise, künstlicher Intelligenz und zunehmender gesellschaftlicher und politischer Unsicherheit nach der zukünftigen Rolle von Design gefragt. Die Anlehnung an die „Five Stages of Grief“ von Elisabeth Kübler-Ross ist dabei bewusst zugespitzt: Design soll sich mit der eigenen Verfasstheit beschäftigen und mit der Frage, wie viel Handlungsmacht eine Disziplin angesichts großer gesellschaftlicher Veränderungen tatsächlich besitzt. Ein Punkt, in dem sich das festival stets treu geblieben ist, denn seit jeher stellt Die Vienna Design Week die zentrale Frage selbst sehr direkt: „Welche Rolle will – und kann – Design künftig spielen?“

Die Festivalzentrale 2026 ist das Allianz-Gebäude von Harry Glück aus den 1970er-Jahren.
Die Festivalzentrale 2026 ist das Allianz-Gebäude von Harry Glück aus den 1970er-Jahren. © Christop Wimmer / Studio Sirene

Auch die Festivalzentrale selbst passt zu dieser Haltung. Sie befindet sich 2026 im ehemaligen Allianz-Bürohochhaus am Hietzinger Kai 101, einem von Harry Glück geplanten Bau aus den 1970er-Jahren. Ein Gebäude, das ursprünglich für Arbeit, Verwaltung und soziale Infrastruktur konzipiert wurde, wird temporär zum Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Damit setzt die Vienna Design Week ihre langjährige Praxis fort, wechselnde Orte, deren Schicksal oft noch unbestimmt ist, zu nutzen. Dabei werden die Architektur und ihre Geschichte Teil der Auseinandersetzung mit der Stadt. In diesem Fall steht das Gebäude zugleich für eine Stadtplanungsepoche, deren Vorstellungen von Arbeit, Wohnen und Gemeinschaft heute teilweise neu gelesen werden.

Tomas Alonso mit seiner Arbeit für die Wiener Silbermanufaktur.
Tomas Alonso mit seiner Arbeit für die Wiener Silbermanufaktur. © Kramar Kollektiv Fischka

Besonders deutlich wird die Kontinuität des Festivals bei den Passionswegen. Das älteste Format der Vienna Design Week bringt seit zwanzig Jahren internationale und österreichische Designer*innen mit Wiener Handwerksbetrieben zusammen. Die aktuelle Ausgabe verbindet drei neue Kooperationen mit einem Best-of aus zwei Jahrzehnten. Dabei ist entscheidend, dass die Projekte nicht unter Bedingungen klassischer Auftragsarbeit entstehen. Die Passionswege funktionieren als Dialoge „abseits kommerzieller Zwänge“, bei denen Designer*innen und Handwerker*innen Wissen teilen und gemeinsam neue Perspektiven auf Materialien, Techniken und Traditionen entwickeln. Nicht selten reichen die daraus entstehenden Kreativ-Beziehungen und Freundschaften, die weit über die Dauer des Festivals hinaus andauern.

Anna Paul mit ihrer Arbeit aus Seilen für Haanl.
Anna Paul ist für die Passionswege eine "Seilschaft" mit der Seilerei Haanl eingegangen. © Anna Paul

Anna Paul arbeitet für die neue Ausgabe mit der Floridsdorfer Seilerei Haanl zusammen. Das Projekt ist gerade deshalb interessant, weil es die Funktion des Materials zunächst zurücknimmt. Seit 1889 stellt Haanl Seile her. Das über Generationen weitergegebene Wissen ist geblieben, obwohl sich Materialien und Einsatzgebiete stark verändert haben und der Lehrberuf Seiler*in in Österreich bereits 1975 abgeschafft wurde. Gemeinsam mit dem Unternehmen entwickelt Anna Paul überdimensionierte Seilobjekte: zu kurz, um etwas zu verbinden, zu verzurren oder zu sichern – also genau jene Funktionen zu erfüllen, mit denen man Seile gewöhnlich verbindet. Stattdessen werden Struktur, Haptik, Gewicht und Volumen selbst zum Thema. In dieser gestalterischen Verschiebung verbirgt sich eine wichtige Botschaft: „Nicht das, was ein Seil kann, steht im Mittelpunkt, sondern das, was es ist.“

Ein Sitzmöbel aus Seilen von Anna Paul für die Seilerei Haanl.
Die Seile stehen bei dieser Arbeit von Anna Paul für sich selbst und nicht als Mittel zum Zweck. © Anna Paul

Damit wird aus einem Gebrauchsgegenstand ein räumliches und körperliches Objekt. Die Seile treten in Beziehung zum menschlichen Körper, laden in der Festivalzentrale zum Sitzen, Verweilen und Spielen ein. Das Projekt ist insofern exemplarisch für die Passionswege, bei denen das Handwerk ganz klar die Hauptrolle spielt: Tradition wird nicht museal konserviert, sondern durch eine andere Perspektive auf ihre materiellen Eigenschaften untersucht. Die handwerkliche Kompetenz des Betriebs bleibt dabei Voraussetzung für das Experiment. Design ersetzt das Handwerk nicht, sondern braucht dessen Wissen, um mit den Möglichkeiten des Materials überhaupt arbeiten zu können.

Die Wiener Juweliere Köchert arbeiteten im Rahmen der Passionswege mit Christophe de la Fontaine zusammen.
Die Wiener Juweliere Köchert arbeiteten im Rahmen der Passionswege mit Christophe de la Fontaine zusammen. © Christoph Wimmer

Eine andere Art der Verschiebung findet bei „Uniform“ statt, der Kooperation von Christophe de la Fontaine mit A.E.Köchert Juweliere. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Schmuck traditionell vor allem für Frauen entworfen wird, während Männer deutlich seltener als Zielgruppe angesprochen werden. De la Fontaine entwickelt daraus einen Unisex-Ansatz, der nicht einfach bekannte Schmuckformen neutralisiert. Stattdessen sucht er nach einer neuen Formensprache und orientiert sich zunächst an industriellen und technischen Objekten: Zahnräder, Kettenriemen, Antriebswellen und Mechaniken. Deren Ästhetik entsteht aus Wiederholung, Bewegung und Verbindung. Diese Eigenschaften werden in die Welt der Haute Joaillerie übertragen.

Christophe de la Fontaine leiß sich für seine Arbeit von industriellen Details inspirieren.
Christophe de la Fontaine leiß sich für seine Arbeit von industriellen Details inspirieren. © Christoph Wimmer

Interessant ist daran vor allem die Frage nach der kulturellen Codierung eines Produkts. Schmuck wird nicht nur über Materialwert und handwerkliche Präzision definiert, sondern auch über Vorstellungen davon, wer ihn trägt und wie ein bestimmtes Objekt gelesen wird. „Uniform“ versucht, diese Zuschreibungen zu lockern. Die Kollektion soll Schmuck unabhängig von Geschlecht und traditionellen Vorstellungen tragbar machen. Design wird damit zu einer Form kultureller Übersetzungsarbeit: Eine bestehende Kategorie wird nicht abgeschafft, sondern über Form, Funktion und Zielgruppe neu interpretiert.

Groovido setzt sich mit den verborgenen Schönheiten am Hietzinger Friedhof auseinander.
Groovido setzt sich mit den verborgenen Schönheiten am Hietzinger Friedhof auseinander. © Christoph Wimmer

Groovido arbeitet mit der Hietzinger Friedhofsgärtnerei Blumen Weisz an „Illusion of Forever“. Im Mittelpunkt steht ein Handwerk, das eng mit Wiener Bestattungskultur verbunden ist: das Binden von Trauerkränzen. Bemerkenswert ist deren Konstruktion. Während andernorts häufig Kranzkörper aus Stroh verwendet werden, werden Wiener Trauerkränze traditionell auf wiederverwendbaren Metallgerüsten aufgebaut, die normalerweise von den Blumen verdeckt werden. Groovido macht gerade das Unsichtbare sichtbar und untersucht das Verhältnis zwischen dem Vergänglichen und dem Dauerhaften, also zwischen den Blumen, die verwelken, und einem Gerüst, das bleibt.

Das Projekt von Groovido holt gemeinsam mit Blumen Weisz bereits Vorhandenes vor den Vorhang.
Das Projekt von Groovido holt gemeinsam mit Blumen Weisz bereits Vorhandenes vor den Vorhang. © Christoph Wimmer

Damit richtet sich der Blick auf eine Form von Design, die weniger mit spektakulärer Innovation als mit dem genauen Beobachten vorhandener Praktiken zu tun hat. Ritual, Erinnerung und handwerkliches Wissen werden nicht voneinander getrennt betrachtet. Der Ort verstärkt diese Ebene: Gegenüber von Blumen Weisz liegt der Hietzinger Friedhof, auf dem unter anderem Otto Wagner, Gustav Klimt, Koloman Moser und Hans Hollein begraben sind. Gestaltung, Handwerk, Tod und Erinnerung treffen hier räumlich aufeinander.

Der Schauraum und die Werkstatt von Schuhmachermeister Markus Scheer ist nur ein Schauplatz der
Der Schauraum und die Werkstatt von Schuhmachermeister Markus Scheer ist nur ein Schauplatz der "Passionswege Perspectives". © Peter Rigaud

Zum Jubiläum werden fünf Wiener Traditionsbetriebe – Wiener Silber Manufactur, Rudolf Scheer & Söhne, Lobmeyr, Wäscheflott und Mühlbauer – zu „Passionswege Perspectives“. Ihre Archive und Geschäftsräume werden im Zuge dessen zu Orten des Rückblicks. Dabei geht es nicht nur um die Objekte früherer Kooperationen, sondern um die Beziehungen, die daraus entstanden sind. Die Vienna Design Week macht damit sichtbar, dass Gestaltung häufig in einem Prozess entsteht, der sich nicht vollständig planen lässt. Begegnungen zwischen Designer*innen und Handwerker*innen können zu neuen Materialien, Techniken oder Formen führen, aber auch zu langfristigen Kooperationen.

Zwischen Materialexperiment, Konstruktion und Poesie – hier die Arbeit von Maurizio Filippi. © Maurizio Filippi

Ein ähnlicher Perspektivwechsel findet bei Fokus statt. Für die fünfte Ausgabe der Gruppenausstellung hat die Schweizer Kuratorin Connie Hüsser rund vierzig internationale Positionen ausgewählt. Im Mittelpunkt steht „Leichtigkeit“ – allerdings nicht ausschließlich als physische Eigenschaft. Die Ausstellung versteht Leichtigkeit auch als atmosphärische und gestalterische Qualität. Hüsser formuliert dazu: „Leichtigkeit bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein.“ Die ausgewählten Arbeiten reichen von schwebenden und durchlässigen bis zu fragilen Objekten. Damit wird eine Eigenschaft untersucht, die sowohl Konstruktion als auch Wahrnehmung betrifft.

Fokus bietet experimentellen, konzeptionellen und künstlerischen Herangehensweisen an das Design von Gegenständen ein Spielfeld - hier die Arbeit von Jenna Kaës.
Fokus bietet experimentellen, konzeptionellen und künstlerischen Herangehensweisen an das Design von Gegenständen ein Spielfeld – hier die Arbeit von Jenna Kaës. © Jenna Kaës

Fokus steht damit exemplarisch für eine Seite des Festivals, die sich stärker mit experimentellen und konzeptuellen Entwürfen beschäftigt. Dem gegenüber steht „Design Everyday“, das bereits zum zehnten Mal österreichisches Produktdesign und alltagstaugliche Gebrauchsgegenstände betrachtet. Gerade diese Gegenüberstellung ist interessant: Auf der einen Seite das einzelne, teilweise experimentelle Objekt, auf der anderen Seite Dinge, die ihren Wert erst im täglichen Gebrauch beweisen. Die Jubiläumsausgabe fragt damit indirekt auch danach, was gutes Design im Alltag eigentlich ausmacht und wie sich gestalterische Qualität in einer immer größeren Warenwelt erkennen lässt.

Leichtigkeit im Hier und Jetzt - die Arbeit von Yoomin Sun.
Leichtigkeit im Hier und Jetzt – die Arbeit von Yoomin Sun. © Yoomin Sun

»Ein runder Geburtstag, ein großes Jubiläum, ein Etappenziel – man muss erst einmal herausfinden, was so ein Moment für einen bedeutet. In der Zeit, die ein Mensch braucht, um erwachsen zu werden, ist die VIENNA DESIGN WEEK zu einem der maßgeblichen Designfestivals in Europa geworden. Als Plattform, die sich mit der Rolle von Design in Gesellschaft und Welt auseinandersetzt, hat sie zahllose Impulse gesetzt, Menschen zusammengebracht, Projekte beauftragt, Orte entdeckt – schön, kritisch, innovativ, herzlich, international und ortsspezifisch – mit ihrem ganz eigenen Charakter eben. Das Jubiläum ist für uns Anlass, auf das Geschaffte zurückzuschauen, zu feiern und beherzt in die Zukunft zu blicken.«
— Gabriel Roland, Direktor der VIENNA DESIGN WEEK

Festivaldirektor Gabriel Roland.
Festivaldirektor Gabriel Roland. © Elsa Okazaki

Eine weitere aktuelle Designfrage stellt „Urban Food & Design“ mit den „Wiener Farben“. Im Rahmen der Vienna werden Farbstoffe aus bislang ungenutzten organischen Reststoffen aus Wien gewonnen. Nachdem erste Proben 2025 präsentiert wurden, geht es 2026 stärker um praktische Anwendungen, insbesondere im Textilbereich. Die Modedesigner Stefan Decker entworfenen Arbeitsjacken aus recycelten T-Shirts für die Teams der Biofabrique Vienna und der Vienna Design Week zeigen, wie aus einem Materialexperiment ein konkreter Gebrauchsgegenstand werden kann. Die gestalterische Aufgabe liegt hier nicht allein in Farbe oder Form, sondern in der Frage, wie lokale Reststoffe in neue Produktionszusammenhänge überführt werden können.

© Robert Puteanu

Noch weiter öffnet sich der Designbegriff bei „MissionAcoustic Manifesto“. Das Format verbindet Design mit Raumakustik, Wissenschaft und Technologie. Experimentelle Prototypen werden gemeinsam mit der Universität für angewandte Kunst Wien, Studierenden, Designer:innen und Akustikmarken entwickelt. Entscheidend ist dabei die Erweiterung der Gestaltung über die visuelle Ebene hinaus. Räume werden auch über Klang, Material und akustische Wahrnehmung entworfen. Das Projekt zeigt damit eine Entwicklung, die für die gegenwärtige Designpraxis zunehmend wichtig wird: Designer*innen arbeiten an komplexen Systemen und müssen Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander verbinden.

© Leonie Felger

Auch die Ausbildung nimmt in der Jubiläumsausgabe einen besonderen Stellenwert ein. Das Format „Debüt“ präsentiert vier Ausbildungsstätten aus Österreich, Deutschland und Luxemburg. Dabei sollen ausdrücklich nicht die Institutionen selbst im Vordergrund stehen, sondern deren pädagogische Ausrichtung und die daraus hervorgehenden Arbeiten. Das Spektrum reicht von regenerativen Zukunftsszenarien bis zu Projekten, die Beziehungen jenseits des Menschlichen untersuchen. Designausbildung wird damit nicht nur als Vermittlung von Methoden und Fertigkeiten verstanden, sondern als Ort, an dem sich entscheidet, welche Fragen die nächste Generation von Designer:innen überhaupt stellen wird.

© Gilles Gardula

Auch das Social-Design-Format „Stadtarbeit“ verschiebt die Frage vom gestalteten Objekt hin zu sozialen Situationen. Zum Jubiläum beschäftigen sich drei Interventionen mit dem Thema Feiern. Leon Theodor untersucht mit „Achtung, Tor öffnet automatisch!“ die Schwelle zwischen privaten Garagen und öffentlichem Stadtraum. Rollbare Partytische sollen Garagenfeste aus dem halbprivaten Raum hinaus auf die Straße bringen. Die Pressemitteilung beschreibt das Projekt als Experiment, einen von Subkultur und Hobbyismus geprägten Raum für die Stadt zu öffnen. Design wird dabei ausdrücklich als „Werkzeug für neue soziale Vernetzungen“ eingesetzt.

Charlie Schneider, Deepshikha Pegu und Mildred Cheng sind Saliva Collective.
Charlie Schneider, Deepshikha Pegu und Mildred Cheng sind Saliva Collective. © Saliva Collective

„Dark Times“ des Saliva Collective nähert sich dem Feiern aus einer anderen Richtung. Rituale der Dunkelheit werden mit chinesischem Mondfest, europäischen Erntefesten und dem indischen Diwali verbunden. Die Dunkelheit wird nicht als Defizit verstanden, sondern als kulturell und sozial produktiver Zustand. Die Kulturwissenschaftlerin Brigitte Felderer formuliert den gesellschaftlichen Kern des Projekts mit einem Satz, der über das konkrete Festival hinausweist: „Gerade unter unsicheren Umständen ist es nach wie vor dringend notwendig, zusammenzukommen, um gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten.“ Aus dieser Perspektive werden Listening Sessions, Workshops, nächtliche Wanderungen und ein gemeinsames Essen zu Bestandteilen eines gestalteten sozialen Raums.

Saliva Collective erforscht die politischen Zusammenhänge und Geschichten hinter alltäglichen Materialien, Zutaten und Sinneserfahrungen und nutzt diese als Katalysatoren, um Gemeinschaft zu schaffen, den Dialog zu fördern und neue gesellschaftliche Narrative zu entwickeln.
Saliva Collective erforscht die politischen Zusammenhänge und Geschichten hinter alltäglichen Materialien, Zutaten und Sinneserfahrungen und nutzt diese als Katalysatoren, um Gemeinschaft zu schaffen, den Dialog zu fördern und neue gesellschaftliche Narrative zu entwickeln – wie dieses für das Format Stadtarbeit. © Saliva Collective

„A Glass of Waves“ von Your Club Is Not My Club fragt wiederum, wie Menschen gleichberechtigt miteinander feiern können. Ein multisensorisches Soundsystem wird mit einem begehbaren Glaskubus zu einem mobilen Club verbunden. Dabei geht es um die Zugänglichkeit von Musik und um Inklusion in der Clubkultur. Der Entwurf soll einen Raum zwischen Gehörlosen- und Elektromusikcommunity schaffen und zugleich die Grenze zwischen Innen und Außen verwischen. Auch hier liegt die eigentliche Designleistung nicht in einem einzelnen Objekt, sondern in der Gestaltung einer Situation und ihrer sozialen Bedingungen.

Formensprache entsteht zwischen technischer Präzision und emotionaler Freiheit - hier die Arbeit von Iranzo.
Formensprache entsteht zwischen technischer Präzision und emotionaler Freiheit – hier die Arbeit von Iranzo. © Clap Studio

Das Jubiläum bringt damit unterschiedliche Vorstellungen von Design zusammen. Bei den Passionswegen geht es um Material und Handwerk, bei Fokus um Wahrnehmung und Atmosphäre, bei Urban Food & Design um Stoffkreisläufe, bei MissionAcoustic um die Verbindung von Raum und Klang, bei Debüt um die nächste Generation und bei der Stadtarbeit um soziale Beziehungen. Diese Themen sind sehr unterschiedlich, doch sie folgen einer gemeinsamen Bewegung: Design wird nicht mehr nur als Formgebung verstanden. Es untersucht zunehmend die Bedingungen, unter denen Dinge entstehen, verwendet und erlebt werden.

© Studio F.A. Porsche Vienna

Dazu passt auch das Professional Breakfast „New Materials“. Gefragt wird, welche Werkstoffe nachhaltige Innovation tatsächlich vorantreiben können – ressourcenschonend, zirkulär und zugleich funktional und ästhetisch. Die Vienna Design Week bezeichnet Nachhaltigkeit und Zirkularität dabei als „unverzichtbaren Bestandteil zeitgenössischer Designpraxis“. Das Thema ist damit nicht als Zusatz zu verstehen, sondern als eine Frage, die Gestaltung inzwischen grundsätzlich betrifft: Wie werden Materialien gewonnen, verarbeitet, genutzt und wieder in Kreisläufe zurückgeführt?

© Max Scheidl

Zum 20. Geburtstag gehört schließlich auch der Blick auf die eigene Geschichte. Das Mak zeigt die Plakate der Vienna Design Week seit ihren Anfängen. Sie dokumentieren nicht nur die Entwicklung der visuellen Identität des Festivals, sondern auch Veränderungen im Verständnis davon, wie Design öffentlich vermittelt wird. Das „Archiv des Zufalls“ sammelt wiederum persönliche Fundstücke aus den wechselnden Festivalzentralen. Gerade diese unscheinbaren Dinge erzählen von einer anderen Seite der Festivalgeschichte: von Entscheidungen, Umwegen und zufälligen Entdeckungen, die hinter einer Veranstaltung stehen.

Leichtigkeit im Hier und Jetzt - die Arbeit von Yoomin Sun.
Die Vienna Design Week ist gerüstet für das große Geburtstagsfest. © Studio Sirene

Die 20. Ausgabe erzählt deshalb weniger eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte als eine Geschichte fortgesetzter Veränderung. Gabriel Rolands Beschreibung des Jubiläums als „Etappenziel“ trifft diesen Charakter ziemlich genau. Nach zwei Jahrzehnten wird nicht nur gefeiert, sondern überprüft, was aus den ursprünglichen Ansprüchen geworden ist und welche Aufgaben sich inzwischen stellen. Die Frage „Welche Rolle will – und kann – Design künftig spielen?“ ist dafür vielleicht die passendste Überschrift. Sie lässt offen, wie die Antwort ausfallen wird. Genau darin liegt die Spannung dieser Jubiläumsausgabe: Design erscheint nicht als fertige Lösung, sondern als eine Praxis, die ihre eigenen Möglichkeiten immer wieder neu bestimmen muss.