Die verdichtete Flachbausiedlung Pumpligahn (1980 – 1995) ist das größte und bekannteste Werk des Tiroler Architekten Norbert Fritz. Mit dem bis heute in Tirol einzigartigen Konzept erfuhr er überregional Anerkennung, während sein Gesamtwerk kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist – wohl auch aufgrund der schlichten, stark auf Formen und Materialien der Region zurückgreifenden Architektur.
Die Idee, eine Siedlung zu bauen, trage ich seit über 15 Jahren mit mir herum. Diese Siedlung sollte eine Alternative zu den „Legebatterien“, den Wohnblöcken mit der erdrückenden Wirkung ihres „falschen“ Maßstabes, bilden. Sie sollte aber auch eine Alternative sein zu den massierten „Siedlungen“ von Einfamilienhäusern mit ihren verzweifelten Versuchen, Individualität durch „Repräsentation“ zu gewinnen. Ich wollte eine Antwort suchen auf die Bedürfnisse des Wohnens in der Gemeinschaft mit den uralten Abhängigkeiten vom Maßstab, von der Orientierbarkeit, vom Wechsel zwischen Gemeinraum und lntimraum und unseren „neuen“ Sehnsüchten nach „Freiheit“, nach Licht und Sonne, aus begreiflichen Gründen wollte ich aber die „Repräsentation“ oder das „Protzen“ vermeiden. Dieses „Dorf“ durfte ich nicht als Wiederholung und Aneinanderreihung von in sich abgeschlossenen Häusern verstehen, sondern als Ganzes, als ein Bauwerk, welches sich durch Gassen und Plätze, durch Häuser und Höfe gliedert.
Norbert Fritz, 1983

Die auf einem steilen Hanggrundstück oberhalb von Innsbruck errichtete Siedlung Pumpligahn ist das größte und bekannteste Werk des Tiroler Architekten Norbert Fritz. In einem über fünfzehn Jahre dauernden Prozess verwirklichte er in dieser verdichteten Flachbausiedlung seine Vorstellungen vom Leben in einer dorfähnlichen Gemeinschaft. Mit dem bis heute in Tirol einzigartigen Konzept erfuhr er überregional Anerkennung, während sein Gesamtwerk kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist – wohl auch aufgrund der schlichten, stark auf Formen und Materialien der Region zurückgreifenden Architektur.

Der Siedlung vorausgegangen ist eine jahrzehntelange praktische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen. Den Grundstein legten das Studium in der Meisterklasse von Roland Rainer an der Akademie der bildenden Künste in Wien sowie ein Praktikum in dessen Büro, bei dem er am Atelierhaus in St. Margarethen mitwirkte. Die enge Zusammenarbeit prägte Norbert Fritz nachhaltig und floss in sein für sich, seine Mutter und seine Schwester maßgeschneidertes Haus in Sadrach (1963 – 1966) ein. In diesem Erstlingswerk sind bereits viele jener Themen angelegt, die er später konsequent weiterentwickelte: die präzise Einbettung in das Gelände, der gezielte Umgang mit Besonnung und Ausblicken, ein aus der Beschäftigung mit alten Bauernhäusern abgeleiteter Konstruktionsraster, fließende Raumfolgen, die von Stuben inspirierte Innenraumgestaltung sowie seine Vorstellungen von Raumökonomie und der Reduktion auf das Wesentliche.

Mit den ersten, meist auf persönliche Beziehungen zurückgehenden Aufträgen wie dem Haus Ruckenbauer oder dem Haus Fischer entfernte sich Fritz in den 1970er-Jahren zunehmend von den Ideen der klassischen Moderne und griff verstärkt auf traditionell-bäuerliche Formen zurück. Zugleich entwickelte er ausgehend vom menschlichen Maßstab und inspiriert von den Hofhäusern und Siedlungsstrukturen auf der griechischen Insel Sifnos sein Konzept der „menschlichen Raumzellen“. Aber auch das Um- und Weiterbauen wurde – nicht nur im Wohnbau – zu einem wichtigen Betätigungsfeld.

Durch seine der Bürogründung vorausgehende Anstellung als Raumplaner für das Land Tirol knüpfte Norbert Fritz wichtige Kontakte, die ihm später zu Aufträgen im ländlichen Raum verhalfen. Beginnend mit der umfangreichen Neugestaltung des Ortszentrums von Reith im Alpbachtal (1972 – 1974) erweiterte er etliche Friedhofsanlagen und begleitete mehrere Gemeinden wie Prutz, Mils bei Hall und Baumkirchen bei ihren Dorferneuerungsprozessen. Mit dem Ziel, bestehende Strukturen auf eigenständige und zeitgenössische Art und Weise fortzuschreiben, entstanden auch das Gemeindezentrum in Strass im Zillertal (1989 – 1993) und das Ausflugsgasthaus „Badl Alm“ in Innervillgraten (1999 – 2000) als letztes großes Projekt.

Noch zu Lebzeiten übergab der zunehmend durch Krankheiten eingeschränkte und 2006 verstorbene Architekt seinen Nachlass dem Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, den Stefan Klausner 2019 im Rahmen seiner von Christoph Hölz betreuten Masterarbeit aufarbeitete. Auf Basis dieser umfangreichen Recherchen zeigt das aut in Kooperation mit dem Archiv für Bau.Kunst.Geschichte eine Ausstellung, die erstmals Leben und Werk von Norbert Fritz einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Entlang seiner Biographie werden ausgewählte Projekte mit Texten, Plänen, historischen Fotografien sowie aktuellen Aufnahmen von Stefan Klausner vorgestellt – ergänzt durch Modelle aus dem Nachlass und zwei von Studierenden gebaute Modelle, die das Haus Fritz dem Atelierhaus von Roland Rainer gegenüberstellen. (bjr)

Information

Norbert Fritz (1935 – 2006):
Ein Tiroler Architekt zwischen Tradition und Moderne
20. November 2026 bis 20. Feber 2027
aut. architektur und tirol
Lois Welzenbacher Platz 1
6020 Innsbruck
