Die ausgewählten Teams erforschen, wie sich Abbruchmaterial wiederverwenden, biobasierte Baustoffe verarbeiten, Decken kreislauffähig konstruieren, Fassaden aus Muschelschalen entwickeln und Materialkreisläufe bereits im Entwurf sichtbar machen lassen.
„Mit Explore! haben wir ein Förderformat geschaffen, das jungen, forschungsinteressierten Talenten eine Plattform gibt. Wir unterstützen Ideen in einer frühen Phase, um ihr Potenzial auszuloten. Ideen, die sonst häufig nicht weiterentwickelt und in eine große Forschungsstruktur eingebettet werden können. Die ausgewählten Projekte zeigen ganz bewusst eine große fachliche und geografische Bandbreite – von Chile über Dänemark bis Deutschland und spiegeln somit die Zielsetzungen der Stiftung wider.“
Ralf Pasel, Stiftungsrat Architektur der Sto-Stiftung
Die Förderprojekte zum Auftakt des neuen Stiftungsformates reichen von der Materialentwicklung und Ausführungspraxis bis zur Tragwerksplanung und Digitalisierung. Sie verbindet der Anspruch, Erkenntnisse für eine ressourcenschonende, kreislauffähige Baupraxis zu gewinnen. „Neue Antworten auf die Fragen des Bauens entstehen häufig an den Schnittstellen verschiedener Disziplinen“, sagt Ralf Pasel. „Explore! schafft Freiräume für diesen Austausch und für die Erprobung konkreter Ideen.“
Abbruchschutt für tragende Decken wiederverwenden
An der Technischen Universität Darmstadt untersucht das Team um Sandro Siefert und Prof. Oliver Tessmann, wie sich mineralischer Abbruchschutt direkt für CO₂-intensive horizontale Bauteile wiederverwenden lässt. Dafür wird unregelmäßiger Betonbruch per 3D-Scan erfasst, digital zugeschnitten und über eine topologische Verzahnung zu tragfähigen Deckenstrukturen gefügt. Ein 1:1-Prototyp soll den digitalen und physischen Fertigungsprozess unter Praxisbedingungen nachweisen.

Myzelbasierte Dämmplatten für das Ausbauhandwerk
Johannes Paganetty von der Städtischen Fachschule für Farb- und Lacktechnik München untersucht, wie sich myzelbasierte Dämmplatten fachgerecht mit Putz- und Farbsystemen beschichten lassen. Das Projekt betrachtet die gesamte Verarbeitungskette: von der Herstellung der Prüfkörper aus Pilzgeflecht und pflanzlichen Reststoffen über Haftungsprüfungen bis zur Beschichtung. Ziel ist eine Handreichung, mit der Verarbeitungsbetriebe die Tragfähigkeit und Beschichtbarkeit des biobasierten Untergrunds beurteilen können.
„Ich freue mich sehr, dass wir mit Johannes Paganetty einen Preisträger aus dem Maler- und Lackiererhandwerk haben. Das Projekt bringt die Perspektive des ausführenden Gewerks in die Forschung zu einem neuen Baustoff ein.“
Inge Totzke, Stiftungsrätin Handwerk der Sto-Stiftung
Tragfähige Decken aus Holz und Stampflehm
Das Karlsruher Institut für Technologie entwickelt mit HolSDeck ein vorgefertigtes Deckensystem aus Holz und Stampflehm. Der Lehm soll nicht allein bauphysikalische Funktionen übernehmen, sondern aktiv zur Lastabtragung beitragen. Das Team von Prof. Riccardo LaMagna und Tamara Haußer testet unterschiedliche Verbindungselemente zunächst an Kleinbauteilen, anschließend an Deckenbauteilen im Maßstab 1:1. Das Ziel: den Holzanteil reduzieren, Materialien sortenrein rückgewinnen und ein kreislauffähiges Deckensystem entwickeln.

Robotergefertigte Fassaden aus Muschelschalen
An der Royal Danish Academy in Kopenhagen untersucht das Team um Prof. Paul Nicholas Fassadenplatten aus Muschelschalen, Seegras und Biopolymeren. Historische Konstruktionsweisen treffen hierbei auf robotische Fertigung. Durch gezielt variierte Materialdichten und Oberflächenstrukturen sollen die Platten Regenwasser einerseits ableiten und andererseits zur Kühlung speichern. Die Forschenden vergleichen die Prototypen unter realen Witterungsbedingungen an einer Testfassade.
Materialkreisläufe schon im Entwurf bewerten
Das Chilenische Forscherteam der Universidad Católica de Santiago de Chile um Prof. Renato D’Alençon entwickelt mit pMFA ein BIM-integriertes Prospective Material Flow Analysis Verfahren für eine vorausschauende Materialflussanalyse, die zirkuläre Materialströme bereits aktiv in die frühe Konzeptionsfase einer Projektplanung miteinbezieht. Die Methode soll Architektinnen und Architekten schon während des Entwurfs zeigen, wie sich Materialentscheidungen langfristig auf Rückbau, Wiederverwendung und künftige Stoffströme auswirken. Geplant ist ein digitales Dashboard, das unterschiedliche Bauweisen über einen Zeitraum von 50 Jahren vergleichbar macht.
„Seit mehr als 20 Jahren fördert die Sto-Stiftung Auszubildende, insbesondere im Handwerk und in der Architektur. Mit Explore! erweitern wir die Zielgruppen der Stiftung und unterstützen neugierige junge Menschen mit Initialförderungen. So können sie Forschungsfragen zur Weiterentwicklung der Baubranche zum Beispiel im Rahmen von Semesterarbeiten verfolgen.“
Carlo Stotmeister, stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsvorstands
Neue Fördersäule verbindet Kopf und Hand
Mit Explore! fördert die Sto-Stiftung interdisziplinäre Forschungsvorhaben mit Baubezug, die wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis übertragen. Das Programm richtet sich an Fachkräfte und Nachwuchstalente aus Architektur, Innenarchitektur, Bauingenieurwesen, Bauphysik, Bauchemie, Bioingenieurwesen sowie Materialforschung. Ebenso können sich Technikerinnen und Techniker, Meisterinnen und Meister sowie Fachkräfte des Ausbaugewerbes bewerben. Im Mittelpunkt stehen Vorhaben, die neue Materialien, Fertigungs- und Konstruktionsmethoden, Bestandsgebäude oder digitale Planungs- und Bauprozesse weiterentwickeln und wissenschaftlich begleiten.
