„Die Beteiligten betrachten Bauprojekte häufig nicht als gemeinsames Produkt. In der Automobilindustrie würde niemand während der Produktion noch darüber diskutieren, welche Tür eingebaut oder welche Farbe gewählt wird. Beim Bau passiert genau das jedoch regelmäßig.“ Die Wiener Baumeisterin Renate Scheidenberger spricht ein Thema an, das laut Ansicht vieler Expertinnen und Experten eines der wesentlichen Gründe für die nicht gerade überragende Produktivität am Bau ist: die klassische Form der Zusammenarbeit bei Bauprojekten.

Falsche Vokabel

Wobei „Zusammenarbeit“ mitunter die falsche Vokabel sein dürfte. „Planung, Ausführung und Entscheidungen laufen oft nicht synchron. Dazu kommen zahlreiche Schnittstellen und unterschiedliche Eigeninteressen. Jeder optimiert seinen eigenen Bereich, anstatt das Gesamtprojekt in den Mittelpunkt zu stellen“ so Scheidenberger weiter. Die Folge aus Ihrer Sicht: „Genau dadurch entstehen Verzögerungen, Mehrkosten und Konflikte.“

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Scheidenberger ist Mitgründerin des Vereins Koo.Bau, der die Zusammenarbeit auf den heimischen Baustellen verbessern möchte. „Koo.Bau steht für eine neue Kultur der Zusammenarbeit in der Baubranche – mit Fokus auf den Menschen, begleitet durch digitale Plattformen, praktische Werkzeuge und echte Begegnungen“, heißt es auf der Website des Vereins.

Prominente Namen

Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist breit in der Koo.Bau-Community vertreten. Architekten, Planer und Projektmanager sind ebenso mit dabei wie Mitarbeiter*innen von Bauunternehmen oder Auftraggebern. Dazu gehören Namen wie die Delta Gruppe, die Porr oder Swietelsky.

Die aktuelle Praxis, die derzeit bei Bauprojekte vorherrscht, führt aus Sicht von Baumeisterin Scheidenberger dazu, dass enorme Ressourcen verloren gehen. „Statt gemeinsam Lösungen zu entwickeln, beschäftigen sich später Sachverständige, Juristen und andere Beteiligte damit, Probleme aufzuarbeiten oder Streitigkeiten zu lösen. Würde dieselbe Energie von Anfang an in die gemeinsame Projektentwicklung fließen, könnten viele Schwierigkeiten vermieden werden.

Mindestens zehn Prozent

Leonidas Gerald Schafferer, Bauingenieur und Mediator, der ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern von Koo.Bau zählt, schätzt, dass durch eine bessere Kooperation die Kosten bei Bauprojekten „um mindestens zehn Prozent“ gesenkt werden könnten. Das sieht auch der Bauunternehmer Anton Rieder so. „Ich halte Einsparungen von zehn bis 15 Prozent für durchaus möglich“, sagt er. „Entscheidend ist dabei gar nicht allein die Kostenseite. Der eigentliche Vorteil besteht darin, dass sich alle Beteiligten auf das Projekt konzentrieren und nicht permanent auf mögliche Vertragslücken oder spätere Nachforderungen“ ergänzt der stellvertretende Bundesinnungsmeister Bau. Im klassischen System beschäftige man sich häufig mit Claims und Gegenclaims. „Es wird spekuliert, welche Leistungen später zusätzlich verrechnet werden können. Das bindet enorme Ressourcen. Kooperative Modelle lenken den Fokus dagegen wieder auf die eigentliche Aufgabe: ein gutes Bauprojekt erfolgreich umzusetzen.“

Renate Scheidenberger, Baumeistern und Gründungsmitglied Koo.Bau
Renate Scheidenberger, Baumeistern und Gründungsmitglied Koo.Bau: „Statt gemeinsam Lösungen zu entwickeln, beschäftigen sich später Sachverständige, Juristen und andere Beteiligte damit, Probleme aufzuarbeiten oder Streitigkeiten zu lösen." © SCA

Das Problem sei oftmals das Mindset, meint Schafferer. „Viele Beteiligte denken zunächst an ihre eigenen Interessen. Bauunternehmen möchten wirtschaftlich arbeiten, Bauherren wollen Risiken minimieren und Planer verfolgen wiederum ihre eigenen Ziele. Dadurch entstehen oft konträre Interessen“, sagt er. „Statt gemeinsam nach der besten Lösung für das Projekt zu suchen, versucht jeder, seine eigene Position abzusichern.“ Er beschreibt die Alternative dazu: „Alle Beteiligten arbeiten möglichst früh miteinander, tauschen Informationen aus und übernehmen gemeinsam Verantwortung.“ Statt gegeneinander zu arbeiten, entstehe ein gemeinsames Verständnis für das Projekt.

Funktioniert in der Praxis

Was nach frommem Wunschdenken klingt, funktioniert bereits in der Praxis. Ein Instrument, das für eine verbesserte Kooperation eingesetzt wird, ist zum Beispiel die sogenannte Last Planer-Methode im Lean Construction-Ansatz. Sie funktioniert folgendermaßen: Zu Beginn eines Projekts kommen die wichtigsten Beteiligten zusammen. Dazu gehören Bauherr, Architekt, Statiker, örtliche Bauaufsicht, Generalunternehmer sowie die verantwortlichen Vorarbeiter der einzelnen Gewerke. Gemeinsam wird der Bauablauf Schritt für Schritt geplant. „Das ist am Anfang mehr Aufwand. Aber diese investierte Zeit lohnt sich“, so Scheidenberger.

Lean-Besprechungen

Anschließend finden regelmäßig weitere Lean-Besprechungen statt, in denen die unmittelbar auf der Baustelle verantwortlichen Personen ihre nächsten Arbeitsschritte koordinieren. „In einer klassischen Baubesprechung sitzen meist Bauleiter*innen und Führungskräfte zusammen. Die Personen, die tatsächlich täglich auf der Baustelle arbeiten, sind oft nicht dabei. Informationen müssen anschließend weitergegeben werden und gehen dabei teilweise verloren“, erläutert Schafferer. In der Lean-Besprechung würden dagegen genau jene Menschen miteinander, die die Arbeiten unmittelbar koordinieren. „Dadurch werden Entscheidungen schneller getroffen und Missverständnisse reduziert.“

Leonidas Gerald Schafferer
Leonidas Gerald Schafferer: „Ich halte Einsparungen von zehn bis 15 Prozent für durchaus möglich." © Andrea Metzler

Scheidenberger beschreibt das an einem Beispiel: „Nehmen wir an, der Zimmerer stellt fest, dass er wegen Personalausfällen seine Schalungsarbeiten nicht rechtzeitig fertigstellen kann. Früher hätten nachfolgende Gewerke möglicherweise ihre Mitarbeiter abgezogen und später Mehrkosten wegen Wartezeiten verrechnet.“ Im Lean-Prozess würden die Beteiligten gemeinsam überlegen, wie sie das Problem lösen können. Ein Beispiel: „Der Dachdecker oder Spengler stellt kurzfristig Mitarbeiter*innen zur Verfügung, damit die Arbeiten abgeschlossen werden können. So entstehen weder Stillstand noch unnötige Zusatzkosten.“

Viel Potenzial

Scheidenberger und Schafferer sind überzeugt davon, dass kooperativen Ansätzen am Bau die Zukunft gehört – die Vorteile sind ihrer Ansicht überzeugend: „Wir wünschen uns einen grundlegenden Kulturwandel. Weg vom Denken in Einzelinteressen, hin zu einem gemeinsamen Verständnis für das Bauprojekt als Produkt“, meinen sie. „Wenn alle Beteiligten frühzeitig zusammenarbeiten, Verantwortung übernehmen und offen kommunizieren, entstehen bessere Gebäude, geringere Kosten, weniger Konflikte und letztlich zufriedenere Menschen auf allen Seiten.“