Drei Tage lang drehte sich für die Stipendiat*innen beim Farb- und Lacktechniker-Seminar der Sto-Stiftung alles um Gestaltung, Werkstoffe, Forschung und Austausch. Wer heute im Ausbaugewerbe arbeitet, braucht nicht nur handwerkliches Können, sondern auch technisches Verständnis, Kreativität und Lust auf Innovation.

Der Auftakt fand im „Haus der Farbe“ in Zürich statt. Die Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur beschäftigt sich intensiv mit Farben im architektonischen Kontext. Dort erfuhren die Teilnehmenden, wie Schweizer Gemeinden und Kantone mit abgestimmten Farbwelten arbeiten. Das Institut entwickelt Farbreihen, an denen sich Bauherrinnen und Bauherren bei Neubauten oder Renovierungen orientieren.

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Welche Wirkung erzielen Farben? Die Teilnehmenden stellten harmonische und dissonante Kombinationen zusammen.
Welche Wirkung erzielen Farben? Die Teilnehmenden stellten harmonische und dissonante Kombinationen zusammen. © pivopix – Christoph Große

Im Mittelpunkt steht beispielsweise die Frage, wie Farben zusammenwirken. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erstellten besonders harmonische, aber auch dissonante Farbkombinationen und beurteilten die Ergebnisse. Schnell zeigte sich: Gute Gestaltung braucht Mut. Das Fazit lautete deshalb, ungewöhnliche Kompositionen stärker auszuprobieren und nicht immer nur auf sichere Lösungen zu setzen.

Dazu kamen praktische Übungen mit unterschiedlichen Bindemittelsystemen. Die Nachwuchskräfte testeten, wie sich beispielsweise Kalk, Leinöl, Acrylat oder Silikat auf Pigmente auswirken und welche Farbwirkung sich dadurch erzielen lässt. Auch die Deckkraft verschiedener Anstrichfarben prüften sie anhand von Musterplatten.

Den Effekt der Bindemittel auf die Farbintensität konnten die Nachwuchstalente selbst ausprobieren.
Den Effekt der Bindemittel auf die Farbintensität konnten die Nachwuchstalente selbst ausprobieren. © pivopix – Christoph Große

Forschung zum Anfassen

Am zweiten Seminartag ging es weiter zu Sto nach Stühlingen, einem Hersteller von Farben, Putzen, Lacken und Beschichtungs- sowie Wärmedämmverbundsystemen. Dort startete die Gruppe in der Sto-Infofabrik. Das Besucherzentrum verbindet Technik, Design und Unternehmensgeschichte auf rund 650 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Besonders spannend fanden die Nachwuchskräfte den Blick hinter die Kulissen der Materialprüfung. Dort erfuhren sie unter anderem, wie das Sto-Labor Geruchsbelästigungen von Farben untersucht. In speziellen Emissionskammern messen Fachleute, wie lange Lacke Lösemittel an die Raumluft abgeben. Geschulte Prüferinnen und Prüfer bewerten auch die Geruchsintensität nach standardisierten Verfahren.

Im Anschluss gab die Forschungs- und Entwicklungsabteilung Einblicke in aktuelle Themen rund um Putze und pastöse Armierungen. Dabei führten die Azubis sogenannte Ziehversuche durch: Eine Maschine zieht kontrolliert an zwei verbundenen Materialien, bis die Verbindung nachgibt oder reißt. So zeigt sich schonungslos, wie fest ein Putz haftet und wie belastbar eine Farbschicht ist.

Das Haus der Farbe in Zürich entwickelt Farbreihen für Schweizer Kantone, an denen sich Bauträger bei Renovierung und Neubau orientieren.
Das Haus der Farbe in Zürich entwickelt Farbreihen für Schweizer Kantone, an denen sich Bauträger bei Renovierung und Neubau orientieren. © pivopix – Christoph Große

Ein weiterer Programmpunkt führte die Gruppe in eine sogenannte EOTA-Kammer (EOTA: European Organisation for Technical Assessment). Dort simulieren Fachleute reale klimatische Bedingungen, um Fassaden- und Wärmedämm-Verbundsysteme unter Belastung zu testen. Auch Zukunftsthemen standen auf dem Programm. Ein Fachvortrag beschäftigte sich mit bionischen Farben. Die Teilnehmenden erfuhren, wie Oberflächen von natürlichen Vorbildern wie dem Lotus inspiriert werden und welche speziellen Prüfverfahren dahinterstehen.

Welche Wirkung erzielen Farben? Die Teilnehmenden stellten harmonische und dissonante Kombinationen zusammen.
Welche Wirkung erzielen Farben? Die Teilnehmenden stellten harmonische und dissonante Kombinationen zusammen. © pivopix – Christoph Große

Nachhaltige Ideen aus dem Klassenzimmer

Neben den fachlichen Inhalten blieb viel Raum für Gespräche über Job und Karriere. Hannes Heldwein absolviert aktuell den Malermeister und den staatlich geprüften Farb- und Lacktechniker an der Farbenschule München. Er sagt: „In der Schule habe ich gemerkt, dass ich gemeinsam mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern schneller und nachhaltiger lerne, als wenn ich mir den Stoff allein erarbeite.“ Er möchte den elterlichen Betrieb übernehmen und dort seine eigenen Ideen einbringen. Besonders wichtig sei ihm deshalb das technische Hintergrundwissen. „Der Meister lernt, wie es funktioniert, und der Farb- und Lacktechniker lernt, warum es funktioniert. Das ist mir wichtig, um es Kunden erklären zu können.“

In seiner Abschlussarbeit zum Techniker entwickelt Hannes Heldwein eine nachhaltige Gipsspachtelmasse. Hintergrund ist der Kohleausstieg in Deutschland. Bislang stammt ein großer Teil des verwendeten Gipses aus Kohlekraftwerken. „Ich habe einen nachwachsenden Rohstoff in meine Gipsspachtelmasse eingearbeitet, der nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis funktioniert. Ich glaube, ich habe ein echt gutes Produkt entwickelt“, sagt er stolz.

Hannes Heldwein entwickelt in seiner Abschlussarbeit eine nachhaltige Gipsspachtelmasse. „Mir ist wichtig, dass das nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis funktioniert“, sagt er.
Hannes Heldwein entwickelt in seiner Abschlussarbeit eine nachhaltige Gipsspachtelmasse. „Mir ist wichtig, dass das nicht nur im Labor, sondern auch in der Praxis funktioniert“, sagt er. © pivopix – Christoph Große

Der Turbo für die Karriere

Die Weiterbildung zum Farb- und Lacktechniker verbindet mehrere Qualifikationen miteinander. Mit ihrem Abschluss sind die Nachwuchstalente staatlich geprüfte Techniker sowie Meister und besitzen die Fachhochschulreife. Jennifer Gemünden, Fachlehrerin an der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart, betont: „Durch die Qualifikation sind unsere Absolventinnen und Absolventen sehr flexibel einsetzbar und können direkt als Expertinnen und Experten in den Job einsteigen.“

Besonders beeindruckt zeigt sich die Lehrerin von den unterschiedlichen Karrierewegen ehemaliger Schülerinnen und Schüler. Manche leiten heute eigene Betriebe, andere arbeiten im Farbdesign oder übernehmen Führungspositionen. Für Jennifer Gemünden zählt nicht nur der Abschluss selbst, sondern auch die Gemeinschaft. „Ich empfehle jedem, die zweijährige Fachschule in Erwägung zu ziehen. Neben der fachlichen Qualifikation vernetzen sich unsere Schülerinnen und Schüler untereinander und mit den Ehemaligen. Wir sind wie eine große Familie.“

Gemeinsam lernen und Erfahrungen austauschen – die Gruppe wuchs in drei Tagen zu einem tollen Team zusammen.
Gemeinsam lernen und Erfahrungen austauschen: Die Gruppe wuchs in drei Tagen zu einem tollen Team zusammen. © pivopix – Christoph Große

Gemeinschaft, Fachwissen und neue Perspektiven

Zum Abschluss des Seminars stand eine Felsenfahrt am Rheinfall auf dem Programm. Nach intensiven Tagen voller Fachwissen, Diskussionen und praktischer Übungen blieb dort Zeit für Gespräche und neue Kontakte. Genau dieser Austausch machte das Seminar für viele besonders wertvoll. Die Teilnehmenden trafen Gleichgesinnte, die ähnliche Ziele verfolgen. Die Sto-Stiftung schafft dafür nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern vor allem ein Netzwerk, das junge Handwerker*innen stärkt. Für die Teilnehmenden war genau das der wichtigste Gewinn dieser drei Tage.