Raucheiche von Janua © Janua

Es war, als wäre Holz aus seiner Rolle des reinen Konstruktionsmaterials herausgeschlüpft und hätte sich zur gestalterischen Hauptrolle emanzipiert: Fühlbare, ja schon fast emotionale Oberflächen übernahmen die Führung auf der internationalen Möbelmesse in Mailand, die dem nachwachsenden und immer wichtigeren Rohstoff die Bühne gab, sich aus seiner neutralen Rolle zu befreien und eine neue sinnliche Erfahrung zu initiieren. Gelungen ist das durch eine Bewegung, die sich „Material Honesty“ nennt: eine neue Ehrlichkeit des Werkstoffes, der zu sich selbst steht und auf andere Art und Weise wahrgenommen werden will. Für Holz bedeutet das den weiter anhaltenden Abschied von lackierten Oberflächen hin zu sichtbaren Maserungen, offenen Poren, gebürsteten Flächen, matten Öl-Finishes und – wenn man so will – auch handwerklichen Unregelmäßigkeiten. Ja, auch diese will man sehen, ohne Wenn und Aber.

Kollektion Tornado von Riva 1920 © Riva 1920

Zwischen Skulptur und Architektur

Auffallend ist, dass das Möbelstück selbst oft zur Architektur wird. Massive Tischplatten suggerieren Wertigkeit, asymmetrische Kanten und monolithische Silhouetten zeichnen ein neues Bild der Einrichtung. Dem gegenüber stehen oft ultrafein bearbeitete Oberflächen, die mit einer fast schon textilen Struktur und einer weichen Haptik noch mehr Gefühl und Nahbarkeit hineinbringen und ein Gegengewicht zur Robustheit darstellen. Aufgefangen und unterstrichen wird das von einem Trend, der sich „Soft Industrial“ nennt: Dabei werden verschiedenen Materialien mit Holz kombiniert: etwa gebürstetes Metall, patiniertes Aluminium, strukturiertes Glas oder feingemaserter Naturstein, die Holz Kante zeigen lassen, ohne dabei seine einladende Sinnlichkeit zu verlieren. Besonders dunkle Hölzer eignen sich dafür; eine Tendenz, die dieses Jahr ohnehin stark durchscheint und den hellen, skandinavisch anmutenden Look ein wenig ablöst.

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Leuchte Ortensia von Porada © Porada
Stuhl Ori von Rimadesio © Rimadesio

Hand anlegen

Nicht zu übersehen ist auch eine wiederentdeckte Wertschätzung dem Handwerk gegenüber, das zu einer neuen Höchstform aufzublühen scheint. Dieser Trend macht das Konstruktionsprinzip selbst zum Design, etwa mit Verbindungen, die ganz ohne Metall auskommen und stattdessen lieber traditionelle Methoden anwenden. Nicht selten wird dabei ein wenig nach Japan geäugelt, wo Steck- und Zapfverbindungen nach wie vor sehr populär sind und auch in Europa in so manchem Entwurf miteinfließen. Ins Auge stechen ebenfalls viele Details wie Fräsungen, Kerbungen und handbearbeitete Kanten, die einem Objekt oft den letzten Schliff angedeihen lassen. All das trägt dazu bei, Design nahbarer, menschlicher und emotionaler zu machen, indem selbst starre Materialien durch Unregelmäßigkeiten, die beim Arbeiten entstehen, eine eigene Seele bekommen.

Tisch Nave von Zanat © Zanat
Beistelltisch Sooso von Walter Knoll © Walter Knoll

Vom Wunsch zur Wirklichkeit

Klar ist, dass die gesamte Möbelbranche noch mehr den Weg zur Natur sucht. Und zwar als Versprechen und nicht als Werbegag. Nachhaltigkeit ist damit längst keine Stilrichtung mehr, die man sich erlaubt und leistet, sondern bereits ein Standard. Das ist vor allem den Konsumenten geschuldet, die in den letzten Jahren immer stärker nach Zertifizierungen, Materialpässen, Produktionsmethoden und Transportdistanzen nachfragen. Aber es ist wohl auch die Sehnsucht nach einer Welt, die noch in Ordnung scheint und in der gerade Holz als wichtige Lebensressource einer der Hauptprotagonisten ist – als Baumaterial und als Gestaltungselement. Wie der Salone eindrücklich zeigt: Die Verbindung ist schon da, man muss sie nur noch ergreifen. ■

Stuhl All´Essenza von Ton © Ton
Hocker Kinomi von Koyori © Koyori