Die Restaurierung historischer Objekte gilt oft als Domäne spezialisierter Betriebe mit langer Tradition. Die Tischlerei Wiesauer hingegen steht für einen anderen Ansatz: jung, interdisziplinär und bewusst an der Schnittstelle von klassischem Tischlerhandwerk und Denkmalpflege positioniert. „Unser Betrieb bietet eine sehr gute Mischung aus traditionellem Tischlerhandwerk und Restaurierung“, sagt Geschäftsführer Siegfried Wiesauer. Gerade diese Verbindung ermögliche es, auch umfangreiche Projekte mit eigener Infrastruktur umzusetzen – von der ersten Analyse bis zur finalen Dokumentation.

Forschende Handwerker

Tatsächlich ist das Unternehmen breiter aufgestellt, als es der Begriff Tischlerei vermuten lässt. Neben Handwerkern arbeiten auch Archäologen und technische Fachkräfte im Team. Sie erstellen Befundungen, begleiten Projekte und fungieren als Vermittler zwischen Auftraggebern, Planern und Behörden. Dieses Zusammenspiel prägt das Selbstverständnis des Betriebs. „Man ist forschender Handwerker“, so Wiesauer – eine Beschreibung, die auch Norman Neuhold, gewerblicher Geschäftsführer und Tischlermeister, bestätigt: „Auf jeden Fall fühle ich mich manchmal eher als Forscher.“

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Oft müssen im Restaurierungs-Prozess Lösungen erst entwickelt werden. Bei der Villa Beer etwa waren Teile der Bodenaufbauten stärker beschädigt als angenommen. Die einzelnen Dielen mussten alle entnommen, nummeriert, vollständig erneuert und neu verlegt werden. Links im Bild die Wiedermontage des Parkettbodens, rechts die Bodenbearbeitung im Speisezimmer. © Fotostudio Huger
© Wiesauer

Fokus auf Erhaltung

Der Unterschied zur klassischen Tischlerei zeigt sich vor allem in der Arbeit am Bestand. Während im Neubau Gestaltungsspielräume dominieren, steht bei historischen Objekten die Erhaltung im Mittelpunkt. „Wir müssen die historischen Gegebenheiten mit den Bestimmungen des Denkmalamtes, den Kundenwünschen sowie der heutigen Nutzung in Einklang bringen“, erklärt Wiesauer. Für Neuhold bedeutet das auch, den „Geist der ursprünglichen Handwerker“ weiterzutragen. Die Arbeit erfolgt oft unter völlig anderen Bedingungen: mehr Handarbeit, mehr Detailwissen, mehr Zeit. Materialien werden teils selbst angemischt, Entscheidungen basieren auf Erfahrung und genauer Analyse statt auf standardisierten Abläufen.

Die originale Eingangshalle um 1930 und nach der Renovierung 2026. © Julius Scherb
© Hertha Hurnaus

„Will ich machen!“

Wie komplex diese Prozesse sind, zeigt sich exemplarisch an der Restaurierung der Villa Beer in Wien, einem Hauptwerk des Architekten Josef Frank (siehe auch Tischler Journal 4/26, Seite 38). Für beide Geschäftsführer war das Projekt eine Ausnahmesituation. „Ich war bereits in der Besichtigungsphase euphorisch, aber auch etwas nervös“, erinnert sich Wiesauer. Neuhold formuliert es direkter: „Mein erster Gedanke war: Will ich machen! Wenn ich dieses Projekt bewältige, schaffe ich auch alles andere.“

Die Herausforderungen lagen im Detail – und in der Vielfalt. Von großflächigen Parkettarbeiten bis zu feinsten Rekonstruktionen von Beschlägen und Möbeln reichte das Spektrum. Viele Lösungen mussten im Prozess erst entwickelt werden. So stellte sich etwa heraus, dass Teile der Bodenaufbauten stärker beschädigt waren als angenommen und vollständig erneuert werden mussten. Gleichzeitig galt es, unsichtbare technische Anpassungen vorzunehmen, etwa Belüftungssysteme in historischen Einbaumöbeln zu integrieren. „Die größte Herausforderung war es, einen neuen Qualitätsstandard zu definieren“, sagt Wiesauer.

Historische Anleihen

Trotz dieser Eingriffe blieb der Anspruch klar: so viel Originalsubstanz wie möglich zu erhalten. Historische Materialien und Techniken spielen dabei eine zentrale Rolle, nicht zuletzt wegen ihrer spezifischen Eigenschaften. „Nur unter Verwendung originaler Materialien können wir die Authentizität garantieren“, betont Wiesauer. Doch Kompromisse sind unvermeidlich – etwa bei Schadstoffbelastungen, Artenschutz oder technischen Anforderungen. Auch Neuhold verweist auf Grenzen: „Einige früher gebräuchliche Hölzer stehen inzwischen unter Artenschutz.“ In solchen Fällen gilt es, Alternativen zu finden, ohne den Charakter des Objekts zu verfälschen.

Projektleiter Norman Neuhold in der Werkstatt am Standort Graz: Das Spektrum der Restaurierung reicht von großflächigen Parkettarbeiten bis zu feinsten Rekonstruktionen von Beschlägen und Möbeln. © Lex Karelly

Offen für Innovationen

Die Stärke des Betriebs liegt in seiner Vielfalt. Unterschiedliche handwerkliche Hintergründe treffen auf wissenschaftliche Expertise, Erfahrung auf Experimentierfreude. „Am meisten fasziniert mich, wie Restauratoren und Tischler voneinander lernen können“, sagt Neuhold. Diese Offenheit führt auch zu Innovationen, etwa beim Einsatz neuer Reinigungstechniken oder bei der Entwicklung nachhaltiger Sanierungssysteme.

Restaurierung ist für Wiesauer längst kein Nebenfeld mehr, sondern wirtschaftliches Fundament. Gleichzeitig bleibt sie eine Nische, die angesichts wachsender Sensibilität für Bestandserhalt und kulturelle Identität an Bedeutung gewinnt. „Diese Nische bietet einen Markt mit Zukunft aufgrund der Vergangenheit“, formuliert es Neuhold. In der Arbeit der Tischlerei Wiesauer wird deutlich, was das konkret bedeutet: Ein Handwerk, das nicht nur bewahrt, sondern forscht und versteht – und gerade darin seine Zukunft findet. www.wiesauer-co.at ■

Laserreinigung von Kunststein-Nischen und Fensterbänken in der Villa Beer durch Ines Schlömicher. © Fotostudio Huger