Der Kühlbedarf entwickelt sich vom sommerlichen Sonderfall zur festen Größe der Gebäudetechnik. Wien Energie verzeichnete 2026 einen um 20 Prozent höheren Fernkälteabsatz als im Vorjahr. Der Verbrauch lag damit auch leicht über dem bisherigen Rekordsommer 2024. An Tagen mit 35 Grad Celsius sei der Bedarf rund 60 Prozent höher als an durchschnittlichen Sommertagen mit 25 Grad Celsius.
Die Zahlen beziehen sich auf das Wiener Fernkältesystem und sind keine österreichweite Marktstatistik. Zudem weist das Unternehmen nicht aus, welcher Teil des Zuwachses auf höhere Temperaturen und welcher auf neue Anschlüsse zurückgeht. Dennoch zeigt die Entwicklung, wie rasch sich die Anforderungen an Gebäude verändern.
Hitze wird zur Planungsgrundlage
Der meteorologische Hintergrund ist eindeutig. Laut GeoSphere Austria war 2026 der heißeste Sommer der österreichischen Messgeschichte. Die durchschnittliche Lufttemperatur lag um 2,6 Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020. An 157 Messstationen wurde ein neuer Rekord bei der Zahl der Hitzetage registriert. In Bad Deutsch-Altenburg wurden am 5. August 41,2 Grad Celsius gemessen, der bislang höchste Wert in Österreich.
Ein einzelner Rekordsommer erlaubt noch keine Absatzprognose für die kommenden Jahre. Die Häufung heißer Sommer verändert jedoch die Planung. Sommerlicher Wärmeschutz und Kühlung müssen bei Neubauten und Sanierungen früher berücksichtigt werden. Wer eine Heizungsanlage plant, sollte daher prüfen, ob das Gebäude künftig auch gekühlt werden soll und welche Wärmeabgabe- beziehungsweise Kühlsysteme dafür geeignet sind.
Fernkälte bleibt ein urbanes System
Wien Energie versorgt nach eigenen Angaben inzwischen rund 300 Gebäude über acht netzgebundene Kältezentralen und 17 dezentrale Anlagen. Das Fernkältenetz ist 33 Kilometer lang und erreicht eine Leistung von 250 Megawatt. Bis 2030 will das Unternehmen rund 100 Millionen Euro investieren und die Leistung auf 370 Megawatt erhöhen.
Fernkälte eignet sich vor allem für dicht bebaute Gebiete und Gebäude mit hohem, gebündeltem Kühlbedarf: Krankenhäuser, Büros, Hotels, Handelsflächen, Kulturgebäude oder größere Wohnanlagen. Das Netz liefert kaltes Wasser bis zum Gebäude. Übergabestation, hydraulische Verteilung, Kühldecken, Gebläsekonvektoren und Regelung bleiben jedoch Teil der gebäudeinternen Technik. Damit entstehen auch bei einem Netzanschluss Planungs-, Montage- und Wartungsaufgaben für die Gebäudetechnik.
Außerhalb geeigneter Fernkältegebiete werden dezentrale Lösungen wichtiger. Reversible Wärmepumpen können aktiv kühlen, indem sie ihren Kältekreislauf umkehren. Erd- und Grundwasserwärmepumpen ermöglichen zudem eine passive Kühlung, bei der im Wesentlichen Pumpen und Wärmetauscher arbeiten.
Erst die Kühllast senken
Der steigende Bedarf sollte nicht dazu führen, jedes Gebäude vorschnell mit zusätzlicher Kälteleistung auszustatten. Die wirtschaftlichste Kilowattstunde Kälte ist jene, die gar nicht erzeugt werden muss.
Der klimaaktiv-Ratgeber „Erneuerbar Kühlen“ nennt die Vermeidung von Wärmeeinträgen als erstes Prinzip. In einem beispielhaft betrachteten Wohnraum können solare Einträge durch Fenster bis zu 80 Prozent der sommerlichen Wärmelast ausmachen. Außenliegender Sonnenschutz, geeignete Verglasung, Dämmung, Nachtlüftung und eine Reduktion interner Lasten sollten deshalb vor der Dimensionierung einer aktiven Kühlung geprüft werden.
Für Installateurbetriebe erweitert sich damit der Beratungsumfang. Eine seriöse Lösung beginnt mit der Kühllast und den tatsächlichen Komfortanforderungen. Danach folgen die Wahl des Systems und die Abstimmung mit Fassade, Sonnenschutz, Lüftung und Stromversorgung.
Kondensat wird zur technischen Schlüsselfrage
Wer wassergeführte Heizflächen zum Kühlen nutzt, muss zusätzlich Taupunkt und Luftfeuchtigkeit berücksichtigen. Zu niedrige Oberflächentemperaturen können Kondensat verursachen. Erforderlich sind deshalb eine passende Regelung, Taupunktüberwachung und dampfdichte Dämmung der kalten Leitungen. Bei Gebläsekonvektoren und Klimageräten kommen Kondensatableitung, Filterhygiene, Schall und regelmäßige Wartung hinzu.
Auch die Inbetriebnahme gewinnt an Bedeutung. Heizkurve und hydraulischer Abgleich reichen bei kombinierten Heiz- und Kühlsystemen nicht aus. Kühlgrenzen, Vorlauftemperaturen, Volumenströme und die Umschaltung zwischen Sommer- und Winterbetrieb müssen dokumentiert und bei Bedarf nachjustiert werden.
Die Marktentwicklung verlangt damit mehr als zusätzliche Klimageräte. Sie verschiebt das Berufsbild in Richtung ganzjähriges Raumklima. Betriebe, die Heizung, Kühlung, Hydraulik und Regelung gemeinsam beherrschen, können daraus ein dauerhaftes Planungs- und Servicegeschäft entwickeln.