Steigende Baukosten, knappe öffentliche Budgets und der Druck zur Klimaneutralität verändern die Bau- und Immobilienbranche grundlegend. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Gebäude und Infrastrukturen: Schulen sollen Ganztagsbetrieb ermöglichen, Unternehmen ihre Arbeitswelten transformieren, Gemeinden ihre Ortskerne beleben, urbane Brachen verlangen ebenso wie ganze Regionen nach sozialräumlich sinnvollen, generationengerechten, das Miteinander stärkenden und klimabewussten Neunutzungen.
Die klassische Antwort auf diese Herausforderungen lautet noch immer: neu bauen, noch mehr Boden versiegeln, alte durch neue Bausubstanz ersetzen. nonconform stellt diese Logik infrage. Das in Österreich und Deutschland tätige Büro für Zukunftsraum-Entwicklung verfolgt unter dem Stichwort Baureduktionsplanung einen Ansatz, der Bauvolumina bewusst reduziert: Durch präzise Analyse der Bedarfe sowie vorhandener Raumstrukturen, durch kluges Umorganisieren und bessere Nutzung entstehen zukunftstaugliche Projekte mit reduzierter Baunotwendigkeit, mehr Raumqualität, hoher Nutzungsvielfalt, flächensparend, zu geringeren Kosten und mit besserer CO2-Bilanz.
Planung vor der Planung: Gehirnschmalz statt Beton
Baureduktionsplanung beginnt nicht mit dem Entwurf eines Gebäudes, sondern mit einer grund-legenden Frage: Was wird wirklich gebraucht – und wie lässt sich dieser Bedarf mit möglichst wenig baulichem Eingriff erfüllen? Denn: „Der größte Hebel für Kosten- und Klimareduktion ist der Quadratmeter, der gar nicht erst bebaut wird. Er spart nicht nur Investitionskosten, sondern benötigt auch keine jahrzehntelangen Ausgaben für Betrieb, Energie und Instandhaltung“, sagt Roland Gruber, Gründer und Partner von nonconform. Statt Bauvolumina zu maximieren, plädiert nonconform für Nutzungsvielfalt und Multifunktionalität. Gebäude und Infrastrukturen werden dabei als „Systeme“ betrachtet, in denen Räume unterschiedliche Funktionen erfüllen können – je nach Tageszeit, Nutzer*innen-Gruppe oder organisatorischem Konzept.
Baureduktionsplanung stellt deshalb die herkömmliche Planungslogik auf den Kopf: Der Entwurf steht nicht am Anfang, sondern am Ende eines intensiven Klärungsprozesses, der sogenannten „Phase Null“. In deren Verlauf versucht nonconform gemeinsam mit Auftraggeber*innen und unter Einbindung aller Stakeholder*innen, die Ziele, gewünschte Nutzungen sowie Betrieb und Verantwortungen zu klären. Wirksame Antworten liegen nicht in effizienter Software-gestützter Planung, sondern in der Verbindung von Fachwissen und Alltagswissen. Genau hier entstehen die Erkenntnisse, die Bauvolumina reduzieren können. Baureduktionsplanung fragt: Welche Funktionen werden tatsächlich benötigt? Wie lassen sich existierende Flächen beziehungsweise Kubaturen besser nutzen oder teilen? Welche Nutzungen lassen sich kombinieren und wie lässt sich das am besten organisieren?
Erst, wenn diese Fragen beantwortet sind, wird entschieden, ob und was gebaut beziehungsweise umgenutzt oder umgebaut werden muss. Katharina Forster, Partnerin bei nonconform: „Der wichtigste Baustoff ist Hirnschmalz. Wenn wir zuerst klären, was wirklich gebraucht wird, können wir oft deutlich weniger bauen – und gleichzeitig bessere Lösungen entwickeln. Baureduktion ist demnach kein Verzicht. Es geht darum, Investitionen klüger einzusetzen – und mit weniger (neu) bebauter Fläche mehr Nutzen zu schaffen.“ Johanna Treberspurg, Partnerin bei nonconform: „Baureduktionsplanung präzisiert das Spielfeld für die Entwurfsplanung und sorgt am Anfang des gesamten Planungs- und Bauprozesses dafür, dass an dessen Ende zufriedene Nutzerinnen und Nutzer stehen, die sich mit dem neuen Raumangebot stärker identifizieren.“
Strategien der Baureduktion
Baureduktionsplanung nutzt ein methodisches Instrumentarium, das über das klassische Paradigma „Reduce, Reuse, Recycle“ hinausgeht und den Handlungsspielraum vergrößert:
Refuse: die Ablehnung einer Bauaufgabe, wenn die Analyse zeigt, dass der Bestand bei effizienterer Nutzung bereits ausreicht. Das schützt vor Fehlinvestitionen und „versunkenen Kosten“ in unrentable Gebäudestrukturen.
Reframe: häufig der wirkmächtigste Eingriff, ohne einen einzigen Stein zu bewegen. Durch die Veränderung des Blicks, der Organisation oder der Nutzungsrhythmen wird der Raum transformiert. Hierbei hilft die sogenannte „Baureduktions-Brille“, die gezielt nach Synergien, Kooperationen und der Aktivierung von Verkehrsflächen für Zusatznutzungen sucht. Es geht darum, nicht ausgeschöpfte Nutzungskapazitäten des jeweiligen Raumsystems zu erkennen und unsichtbaren Leerstand zu vermeiden (zum Beispiel in Abendstunden und Ferienzeiten ungenutzte Schulgebäude).
Repair: Bestehende Substanz wird – so schonend wie möglich – angepasst. Wo bauliche Eingriffe unvermeidbar sind, setzt Baureduktionsplanung auf Kreislauffähigkeit und reversible Lösungen.
Dieser integrierte Planungsmodus verbindet räumliche Analyse mit organisationsbezogenem Denken und partizipativer Aushandlung. Durch den gemeinsamen Lernprozess zwischen Auftraggeber*innen, Nutzenden und Planenden werden Ziele geschärft und alternative, oft nicht-bauliche Lösungen identifiziert. Wie diese Logik in der Praxis wirkt, zeigen aktuelle Beispiele aus dem nonconform-Werkkatalog.









































