Deponieverbot gab Schub
Frau Döll, die GzG Gipsrecyclinganlage in Stockerau ist seit knapp einem Jahr in Betrieb. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Monika Döll: Sehr positiv. Offiziell sind wir im Spätsommer 2025 in Betrieb gegangen. Die Eröffnung fand dann im Oktober statt. Seit Anfang 2026 merken wir einen deutlichen Anstieg bei den angelieferten Mengen. Das hängt unmittelbar mit den neuen gesetzlichen Vorgaben zusammen. Seit 1. Jänner 2026 dürfen Gipskartonplatten nicht mehr deponiert werden. Dieses Deponieverbot hat unserem Betrieb einen starken Schub gegeben.
Gehen wir genauer auf die gesetzlichen Regelungen ein. Wie wichtig sind sie?
Sehr wichtig. Bereits mit der Recyclinggipsverordnung, die Anfang 2025 in Kraft getreten ist, wurden wichtige Grundlagen geschaffen. Seit April 2025 gilt die Pflicht, Gipskartonplatten getrennt von anderen Bauabfällen zu sammeln. Nur so können wir das Material hochwertig recyceln. Außerdem definiert die Verordnung klare Qualitätsstandards für Recyclinggips. Erfüllt das aufbereitete Material diese Anforderungen, verliert es seine Abfalleigenschaft und kann wieder als Produkt eingesetzt werden.
Woher stammen die angelieferten Gipskartonplatten?
Den größten Teil erhalten wir aus Ostösterreich. Gleichzeitig erreichen uns aber auch Lieferungen aus Oberösterreich, Salzburg sowie aus dem benachbarten Ausland, etwa aus Bayern oder der Slowakei. Das zeigt, dass unsere Anlage gut angenommen wird. Trotzdem wird längst nicht jede Gipskartonplatte bei uns landen. Dafür ist das Potenzial einfach zu groß.
Wie läuft der Recyclingprozess konkret ab?
Zunächst wird jeder Lkw, der zu uns kommt, verwogen. Anschließend prüfen wir die Qualität des Materials. Entscheidend ist, dass möglichst wenige Fremdstoffe enthalten sind. Auf unserer Website haben wir deshalb ein einfaches Ampelsystem veröffentlicht, das zeigt, welche Materialien zulässig sind und welche nicht. Anschließend gelangen die Gipskartonplatten in den Aufgabetrichter der Anlage. Dort werden sie zunächst zerkleinert. Danach werden Metalle wie Schrauben mit Magnetabscheidern entfernt. Es folgen mehrere Sieb-, Sortier- und Reinigungsschritte. Papier wird getrennt gesammelt, ebenso andere Störstoffe wie Folien, Fliesen oder Tapetenreste. Am Ende bleibt hochwertiger Recyclinggips in Form kleiner Gipsnuggets übrig.
Was passiert anschließend mit diesem Recyclinggips?
Er wird per Bahn CO₂-neutral in das Gipsplattenwerk von Saint-Gobain nach Bad Aussee transportiert. Dort dient er als Rohstoff für neue Gipskartonplatten. Je nach Produkttyp können wir heute bis zu 40 Prozent Recyclinggips einsetzen. International gibt es zwar auch Produkte mit einem deutlich höheren Anteil, für uns liegt dieser Wert derzeit wirtschaftlich und technisch im optimalen Bereich.
Wie groß ist die Kapazität Ihrer Anlage und bis wann wollen Sie die volle Auslastung erreichen?
Unsere maximale Verarbeitungskapazität liegt bei 60.000 Tonnen pro Jahr. Dieses Niveau wollten wir im ersten Betriebsjahr bewusst noch nicht erreichen. Unser Ziel ist ein kontrollierter Hochlauf. Wenn sich die aktuellen Entwicklungen fortsetzen und sich die neuen Abläufe am Markt etablieren, rechnen wir damit, diese Kapazität in den kommenden Jahren auszuschöpfen.
Ihre Anlage ist derzeit die einzige ihrer Art in Österreich. Bedeutet das automatisch, dass der gesamte Recyclingmarkt über Sie läuft?
Nein, davon sind wir noch weit entfernt. Das Potenzial ist wesentlich größer als die Mengen, die derzeit bei uns ankommen. Deshalb gehe ich davon aus, dass nach wie vor ein beträchtlicher Teil des Materials andere Wege nimmt. Wie groß dieser Anteil tatsächlich ist, lässt sich allerdings nicht seriös beziffern.
Wie groß schätzen Sie das Marktpotenzial in Österreich ein?
Nach unseren Berechnungen fallen österreichweit deutlich mehr als 100.000 Tonnen Gipskartonabfälle pro Jahr an. Daran sieht man, dass noch erhebliche Mengen anders entsorgt werden. Ein Teil wird sicherlich ins Ausland gebracht, weil Gipskarton als sogenannter Grüne-Liste-Abfall vergleichsweise einfach grenzüberschreitend transportiert werden kann. Welche anderen Entsorgungswege im Einzelnen gewählt werden, kann ich allerdings nicht beurteilen.
Wo sehen Sie derzeit die größte Herausforderung als Betreiber der Recycling-Anlage?
Ganz klar bei der Trennung auf der Baustelle. Recycling beginnt nicht erst in unserer Anlage, sondern bereits dort, wo die Gipskartonplatten ausgebaut werden. Nur sauber getrenntes Material kann hochwertig recycelt werden. Werden Betonstücke, Ziegel oder andere Baustoffe mitgeliefert, steigt unser Sortieraufwand erheblich. Gleichzeitig erhöhen solche Fremdstoffe das Risiko von Schäden an unserer Anlagentechnik.
Wenn Sie die Qualität der heutigen Trennung mit einer Schulnote bewerten müssten – welche wäre das?
Im Durchschnitt würde ich derzeit einen Vierer vergeben. Unser Ziel wäre natürlich zumindest ein Zweier. Hier braucht es noch viel Aufklärungsarbeit auf den Baustellen und bei allen Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette.
Welche Folgen hat eine schlechte Trennung? Wo ist das Problem?
Für unsere Kunden entstehen zusätzliche Kosten, weil stärker verunreinigtes Material aufwendiger sortieren werden muss. Für uns bedeutet es mehr manuellen Aufwand und vor allem eine höhere Belastung unserer Maschinen. Deshalb profitieren letztlich alle von einer sauberen Trennung – die Baustellen, die Recyclingunternehmen und die Hersteller neuer Gipskartonplatten.
Gibt es eine Botschaft, die Sie der Bauwirtschaft mitgeben möchten?
Ich wünsche mir, dass sich der Kreislaufgedanke in der Bauwirtschaft weiter etabliert. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind geschaffen. Jetzt geht es darum, dass die getrennte Sammlung von Gipskartonplatten auf den Baustellen zur Selbstverständlichkeit wird. Nur wenn die Qualität des Ausgangsmaterials stimmt, können wir daraus wieder hochwertige Produkte herstellen und den Stoffkreislauf dauerhaft schließen.
Infobox:
Die GzG-Gipsrecyclinganlage in Stockerau ist die erste Anlage ihrer Art Österreichs. Sie wird von einem Joint-Venture von Porr, Saint-Gobain Austria und Saubermacher betrieben. Die Geschäftsführung besteht aus drei Mitgliedern: Monika Döll (Saint-Gobain), Andreas Mehlmauer-Larcher (Porr) und Julian Lechner (Saubermacher).