Jahrelang entwickelte sich die Digitalisierung im Bauwesen linear: zuerst BIM, dann die Cloud, gefolgt von mobilen Apps. Während frühere digitale Revolutionen wie CAD oder BIM vor allem Werkzeuge lieferten, bringt Künstliche Intelligenz eine neue Denkweise in den Entwurfsprozess. KI ist keine weitere Software, die in bestehende Planungsabläufe integriert wird. Sie verändert die Logik, nach der Architektur entsteht.
KI schneller als BIM
Diese Ansicht vertreten jedenfalls zahlreiche Expert*innen. Zu Ihnen zählt Neil Leach. Der britische Architekt und Professor an der Florida International University sowie der Harvard Graduate School of Design ist Autor mehrerer Bücher über KI in der Architektur. Während BIM und CAD-Tools vorwiegend von digitalen Experten genutzt werden, können KI-gestützte Tools auch von Nichtexperten angewandt werden. Daher wird sich aus Sicht von Fachleuten wie Leach die Verbreitung von KI deutlich schneller entwickeln, als es bei BIM und CAD-Tools der Fall war.
Die Vision: Obwohl BIM zu einem unverzichtbaren Werkzeug in der Architektur- und Ingenieurpraxis geworden ist, sind kritische Informationen zu Fassaden und Gebäudehüllen häufig noch über verschiedene Modelle, Spezifikationen, Analysewerkzeuge und Disziplinen hinweg verstreut. Durch die Verknüpfung von BIM-Modellen mit Performance-Simulationen, Materialdaten, Kostenparametern und baulichen Einschränkungen kann KI als digitaler Co-Pilot agieren.
Tiefe Einblicke
Planungs- und Ingenieurteams ermöglicht die Kombination von BIM und KI demnach tiefere Einblicke in ein Projekt zu einem früheren Zeitpunkt, fundiertere Entscheidungen und größere Sicherheit beim Umgang mit zunehmend komplexen Fassadensystemen. „Konflikte können schneller identifiziert, Performance-Ziele früher validiert und Designalternativen effizienter bewertet werden“, meint Leach. Das Ergebnis: qualitativ hochwertigere Gebäudehüllen, die den hohen Anforderungen an Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit gerecht werden.
Die KI könnte zudem helfen, den Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft zu bewältigen – ohne die Menschen dabei völlig zu ersetzen. Denn die KI, so die Verfechter der Technologie, ist dann am wirkungsvollsten, wenn sie von erfahrenen Fachkräften eingesetzt wird. „Mensch und Computer zusammen können Experten noch effizienter machen, während eine ungesteuerte Nutzung weniger erfahrene Mitarbeiter ratlos zurücklassen kann“, erklärt Charles Portelli, Digital Innovation Strategist beim internationalen Architekturbüro Perkins & Will. „Dies stärkt die Rolle des Architekten als Wegweiser und Übersetzer und nicht als einfachen Anwender eines Tools.“
Advanced Building Skins Conference in Bern

Der britische Architekt Neil Leach wird die Keynote auf der Advanced Building Skins Conference in Bern halten. Sie findet am 3. und 4. November 2026 statt. Leach wird den Einfluss der KI auf die Architektur- und Ingenieurpraxis erörtern und darlegen, wie KI die architektonische Kreativität, Planungsabläufe und berufliche Rollen verändert. Dabei wird er kritische Fragen zu Urheberschaft, Ethik und den sich wandelnden Verantwortlichkeiten von Architekten, Ingenieuren und Projektentwicklern ansprechen.