„Wir wollen mit diesem Projekt zeigen, dass die Kosten beim Thema Nachhaltigkeit kein Dealbreaker sind.“ Das Projekt, über das Margarete Berl hier spricht, ist die Sanierung eines Gründerzeithauses aus dem Jahr 1880 in der Van-der-Nüll-Gasse in Wien-Favoriten. Die Projektleiterin von Bauträger Sedlak Immobilien erläutert das Besondere an dem Vorhaben: „Erstmals wird in Österreich ein Bestandshaus streng nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft saniert.“
Ziele der EU-Taxonomie
Mit den Arbeiten wurde vor Kurzem begonnen. Sie sollen im Mai 2027 abgeschlossen werden. Konkret erfüllt das Vorhaben die Umweltziele 4 der EU-Taxonomie, die den Übergang zur Kreislaufwirtschaft beschreiben. Sie sehen unter anderem vor, dass bei einer Sanierung möglichst viel der bestehenden Bausubstanz erhalten bleibt – ein Richtwert sind 50 Prozent – und ein bestimmter Anteil der Abbruchmaterialien wiederverwendet oder recycelt wird.
Beim Projekt in Wien-Favoriten hat man sich laut Projektleiterin Berl vorgenommen, „mindestens 70 Prozent der nicht gefährlichen Bau- und Abbruchabfälle zu recyceln oder direkt wiederzuverwenden“. Dieses Ziel gilt nicht nur für den eigentlichen Abbruch, sondern auch für Materialien, die während der Bauphase anfallen.
Reihe von Maßnahmen
Um dieses Ziel zu erfüllen, setzt Sedlak auf eine Reihe von Maßnahmen, die bereits in der Planungsphase berücksichtigt wurden. So bleiben im Gebäude vorhandene Terrazzoböden erhalten, sofern ihr Zustand dies zulässt. Anstatt den Bodenaufbau vollständig zu entfernen, wird der Bestand geprüft, instandgesetzt und weiterverwendet. Auch bei den Mauerwerken versucht man, möglichst viel Substanz zu nutzen: Ziegel aus abgetragenen Wänden werden gereinigt, sortiert und anschließend erneut verbaut.
Das Gleiche gilt für den Umgang mit Trockenbauwänden. „Üblicherweise werden Gipskartonplatten bei Sanierungen entsorgt, in unserem Projekt werden sie ausgebaut, zwischengelagert und wieder eingesetzt“, so Berl. Dieses Vorgehen erfordert eine genaue Dokumentation der Bauteile und eine enge Abstimmung zwischen Planung und Ausführung. Wieder zum Einsatz kommen auch Bestandteile der Fenster: Die Rahmen müssen zwar ausgetauscht werden, ein großer Teil der Glasscheiben wird jedoch aufbereitet und für die Herstellung von neuen Isoliergläsern verwendet, die man wieder in das Gebäude einbaut. Das ist möglich, da man die bestehenden Öffnungen unverändert lässt.
Von Wien gefördert
Das Pilot-Projekt wird von der Stadt Wien im Rahmen des Stadterneuerungsprogramms Wie Neu+ begleitet und gefördert. Ziel dieses Programms ist es, bestehende Gebäude klima- und zukunftsfit zu machen und gleichzeitig neue Wege im Umgang mit Ressourcen zu erproben. Wie Berl betont, „ist die Unterstützung der Stadt wesentlich gewesen, um das Vorhaben in dieser Form umzusetzen“. Gleichzeitig habe das Projekt viel Überzeugungsarbeit erfordert. „Alle Beteiligten sind es gewohnt, bei einer Sanierung anders vorzugehen. Wenn Bauteile erhalten bleiben sollen, müssen Planer, Statiker und ausführende Firmen von Anfang an gemeinsame Lösungen entwickeln“, sagt die Projektleiterin.
Der Aufwand sei dadurch höher als bei einer konventionellen Sanierung. „Entscheidungen müssten früher getroffen werden, und nicht jeder Arbeitsschritt lässt sich mit den üblichen Routinen durchführen“, meint Berl. Dennoch sieht sie in derartigen Projekten großes Potenzial für die kommenden Jahre. „Die Rahmenbedingungen ändern sich. Die Entsorgung wird teurer, Ressourcen werden knapper, und durch die EU-Taxonomie entstehen neue Anforderungen und Finanzierungsvorteile für nachhaltige Projekte“, meint Berl.
Verhältnis wird sich drehen
„Ich bin überzeugt, dass sich die Kosten in den nächsten Jahren angleichen werden oder das Verhältnis sich sogar dreht“, sagt die Sedlak-Managerin weiter. „Außerdem darf man nicht nur die Errichtungskosten betrachten. Wenn ein Gebäude langlebiger geplant und ausgeführt wird, spart man Kosten über den gesamten Lebenszyklus.“
Für Berl liegt die wichtigste Erkenntnis des Projekts darin, den Umgang mit bestehenden Ressourcen neu zu lernen. Viele Prinzipien der Kreislaufwirtschaft seien früher selbstverständlich gewesen und würden heute unter neuen technischen und regulatorischen Bedingungen wiederentdeckt. „Wenn Gebäude so geplant werden, dass sie lange genutzt und später ohne großen Verlust an Material zerlegt werden können, kann das einen entscheidenden Beitrag zu einer nachhaltigeren Bauwirtschaft leisten.“