Tragwerksplanung ist längst mehr als die statische Berechnung eines Bauwerks. Sie ist heute ein hochdigitalisierter Teil des Entwurfsprozesses und spielt eine zentrale Rolle bei den großen Zukunftsfragen des Bauens: Wie lassen sich Gebäude ressourcenschonender planen? Wie kann man bestehende Strukturen weiterentwickeln, statt sie abzureißen? Und wie viel Material braucht ein Gebäude tatsächlich?

Architektur & Bau FORUM: Herr Hofmann, was genau macht ein Tragwerksplaner im Jahr 2026 eigentlich?

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Der FIYU FAST 10 für Platten ab 12 mm Stärke fixiert reversibel oder unlösbar. Für Plattenstärken ab 18 mm eignet sich der neue Nut-Feder-Verbinder auch als Mittelwandverbinder. Geeignet für das P-System.

Arne Hofmann: Im besten Fall unterstützen wir Architektinnen und Architekten dabei, gute Lösungen für ein Bauwerk zu entwickeln. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, statische Berechnungen zu liefern. Wir versuchen vielmehr, Lösungen zu finden, die das Projekt voranbringen und im Idealfall sogar die Architektur stärken.

Wann beginnt diese Zusammenarbeit im Planungsprozess?

Das ist sehr unterschiedlich. Unser Ziel ist aber immer, möglichst früh eingebunden zu sein. Wir arbeiten zum Beispiel häufig bereits bei Wettbewerben mit Architekturbüros zusammen. Je früher wir einsteigen, desto größer ist der Hebel und desto besser kann am Ende auch das Ergebnis werden.

Sind Tragwerksplaner manchmal diejenigen, die eine architektonische Idee stoppen müssen, weil sie technisch nicht umsetzbar ist?

Das versuchen wir möglichst zu vermeiden. Unser Anspruch ist nicht zu sagen, dass etwas nicht geht. Vielmehr versuchen wir, gemeinsam mit den Planungsbeteiligten Lösungen zu entwickeln. Wenn eine erste Idee noch nicht funktioniert, bauen wir darauf auf und entwickeln sie weiter, bis eine tragfähige Lösung entsteht.

Also eher „Enabler“ als Verhinderer?

Genau. Der Begriff „Enabler“ beschreibt das ganz gut. Wir sehen uns als Sparringspartner der Architektur. Unser Ziel ist nicht zu erklären, was nicht funktioniert, sondern Wege aufzuzeigen, wie eine Idee umgesetzt werden kann.

So schön kann Tragwerk: Wien Museum im Bau © B+G

Hat diese Rolle auch Einfluss auf den gestalterischen Prozess?

Absolut. Um ein gutes Tragwerk entwickeln zu können, muss man die architektonische Idee wirklich verstehen. Gleichzeitig tragen wir gewissermaßen zwei Hüte: Einerseits versuchen wir, die Architektur bestmöglich umzusetzen. Andererseits müssen wir auch früh einschätzen können, ob ein Konzept wirtschaftlich realistisch ist. Häufig sind es am Ende nämlich die Kosten, die einen Entwurf beeinflussen oder begrenzen.

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Ein Beispiel aus Wien ist der spektakuläre Aufbau des Wien Museums am Karlsplatz. Wenn man davorsteht, wirkt es fast so, als würde der Baukörper über dem Bestand schweben. Welche Rolle hat die Tragwerksplanung dort gespielt?

Das Projekt war tatsächlich sehr spannend. Wir sind erst nach dem Wettbewerbsgewinn in die Planung eingestiegen. Die Idee des auskragenden Baukörpers kam von den Architekten. Unsere Aufgabe bestand darin, dieses „Schweben“ konstruktiv zu ermöglichen. Das Dach ruht auf einer Konstruktion im Innenhof, von der aus die Lasten nach unten abgetragen werden. Dadurch konnten wir vermeiden, dass zusätzliche Lasten über das bestehende Museum abgetragen werden müssen. Das Bestandsgebäude musste also nur minimal ertüchtigt werden.

Das Wien Museum am Karlsplatz © B+G

Digitalisierung spielt bei solchen Projekten eine große Rolle. Wie stark ist die Tragwerksplanung heute digital geprägt?

Sehr stark. Handskizzen sind im Entwurfsprozess weiterhin wichtig. Aber wenn es um die konkrete Umsetzung geht, versuchen wir möglichst direkt im digitalen Modell zu arbeiten. So können alle Beteiligten auf derselben Grundlage kommunizieren.

Arbeitet ihr dabei mit Building Information Modeling?

Ja, BIM ist eine wichtige Grundlage. Allerdings ist BIM zunächst einmal nur ein Begriff. Entscheidend ist, wie konsequent man es im Projekt tatsächlich lebt. Wir arbeiten beispielsweise mit Plattformen, über die alle Planungsbeteiligten auf ein gemeinsames Modell zugreifen können. Änderungen im Statikmodell lassen sich so direkt im 3D-Modell nachvollziehen und umgekehrt.

Ein großes Thema ist derzeit das Bauen im Bestand. Welche Rolle spielt die Tragwerksplanung dabei?

Eine sehr große. Die Beschäftigung mit bestehenden Strukturen wird in Zukunft immer wichtiger. In unserem Büro gibt es dazu sogar eine eigene Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit Bestandsprojekten beschäftigt.

Welche besonderen Herausforderungen entstehen dabei?

Im Bestand gibt es fast immer Überraschungen. Selbst wenn alte Pläne vorhanden sind, weiß man oft erst auf der Baustelle genau, wie ein Gebäude tatsächlich gebaut wurde. Deshalb ist es wichtig, flexibel reagieren zu können und Lösungen auch während des Bauprozesses weiterzuentwickeln.

Computermodell einer Tragwerksplanung
Digitalisierung in der Tragwerksplanung: "Der Stempel" des Wien Museums © B+G

Ein weiteres großes Thema ist Nachhaltigkeit. Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Hebel der Tragwerksplanung?

Ein großer Teil der CO₂-Emissionen eines Gebäudes entsteht im Rohbau, vor allem durch Beton. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wo und in welchem Umfang Emissionen entstehen. Wir arbeiten deshalb intensiv mit Life-Cycle-Analysen und können bei vielen Projekten bereits früh abschätzen, welche CO₂-Bilanz ein Gebäude haben wird. Die zentrale Frage lautet dabei oft: Wie viel Material ist wirklich notwendig?

Es wird viel über vereinfachtes Bauen und reduzierte Normen diskutiert. Was würde das für die Tragwerksplanung bedeuten?

Ich glaube, die größte Herausforderung liegt weniger bei den Normen als beim Planungsaufwand. Ressourcenschonende Konstruktionen erfordern häufig deutlich mehr Planung. Eine standardisierte Betondecke lässt sich relativ schnell dimensionieren. Wenn man Material reduzieren möchte, wird die Konstruktion komplexer und die Planung aufwendiger.

Learning Center JKU Linz
Learning Center der JKU Linz: Wieviel Material braucht es? © B+G

Wenn man das Prinzip „Einfach bauen“ ernst nimmt, bedeutet das für Tragwerksplaner mehr Freiheit oder mehr Verantwortung?

Auf jeden Fall mehr Verantwortung. Wenn man auf Nummer sicher dimensioniert, verbraucht man meist mehr Material. Gleichzeitig tragen wir eine enorme Verantwortung für die Sicherheit eines Gebäudes. Ein Tragwerk darf schlicht nicht versagen. Deshalb bewegen wir uns immer in einem Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Ressourceneffizienz und Wirtschaftlichkeit.

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Zur Person

Arne Hofmann (C) ÖWV Stefan Böck

Arne Hofmann ist Architekt, Partner und Managing Director beim international tätigen Ingenieurbüro Bollinger+Grohmann in Wien. Das Unternehmen arbeitet weltweit an komplexen Bauprojekten an der Schnittstelle von Architektur, Ingenieurwesen und digitaler Planung. Hofmann beschäftigt sich insbesondere mit integrativen Planungsprozessen zwischen Architektur und Tragwerksplanung, digitalen Entwurfs- und Berechnungsmethoden sowie ressourcenschonenden Konstruktionen.