Seit vielen Jahren erforscht Hubert Feiglstorfer traditionelle Bauweisen in Europa und Asien. Dabei interessiert ihn besonders, wie Klima, verfügbare Materialien und kulturelle Traditionen die Architektur prägen – und was wir daraus für nachhaltiges Bauen lernen können. Seine Forschungsreisen führen ihn regelmäßig in den Himalaya, zuletzt nach Nepal. Dort beginnt auch unser Gespräch.

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Über 40 Grad im Freien: Warum eine Lösung für kühle Räume im Beton liegt
41,2 Grad im August 2026. So heiß war es in Österreich noch nie. Architekturbüros und Bauträger stehen vor der Frage: Wie bleiben Wohnungen und Büros kühl, ohne dass Klimageräte den Strombedarf hochtreiben?

Architektur & Bau FORUM: Herr Feiglstorfer, Sie kommen gerade von einer Forschungsreise aus Nepal zurück. Wie war die Reise, und welche Regionen sind für Ihre Forschung persönlich besonders inspirierend?

Hubert Feiglstorfer: Es war eine Reise aus einer Serie von Auslandsaufenthalten, welche mich im Rahmen meiner Forschungsarbeit vorrangig in europäische und asiatische Länder bringt. Nach Forschungsaufenthalten im Sommer 2026 in Italien, Frankreich, Griechenland und Norwegen, ging diese letzte Reise nach Nepal und in zwei Wochen findet die Forschung in Bhutan ihre Fortsetzung. Diese Reisen ermöglichen vor Ort Daten zu erheben und Gespräche zu führen. Um die Reisezeit bestens zu nutzen, gibt es in der Regel keine freien Tage; man arbeitet von früh morgens bis spät abends, bei sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen – von kühlen hochalpinen besiedelten Regionen auf über 3500m bis in die heißen Niederungen – alles zusammen ein körperlich erschöpfendes Unterfangen. Besonders inspirierend ist dabei, ökologische und sozio-ökonomische Umstände vor Ort kennenzulernen und in Bezug auf regionsspezifische architektonische Entwicklungen zu untersuchen.

Simikot im NW von Nepal auf ca. 2950 m Seehöhe. Blick auf die Wohnebene eines Bauernhauses. Einbaumleitern führen hinunter in den Stall, andere hinauf auf das Dach, wo sich kleine Räume zum Lagern und Schlafen befinden. Die Flachdächer werden zum Trocknen verwendet.
Simikot im NW von Nepal auf ca. 2950 m Seehöhe. Blick auf die Wohnebene eines Bauernhauses. Einbaumleitern führen hinunter in den Stall, andere hinauf auf das Dach, wo sich kleine Räume zum Lagern und Schlafen befinden. Die Flachdächer werden zum Trocknen verwendet. © H. Feiglstorfer

Dabei werde ich von lokalen Fachkräften aus Architektur und Anthropologie begleitet, welche zu den regionalen Entwicklungen Bescheid wissen. Mit ihnen zusammen erfolgt die ethnografische Forschung zu unterschiedlichen Themen im Umfeld vernakulärer Architektur – beispielsweise zu ihrer Errichtung oder ihrer Nutzung. Sie sprechen am Untersuchungsort die lokale Sprache und können auf diese Weise die Forschungstätigkeit hervorragend unterstützen. Zur Erklärung: Ethnografische Forschung ist eine qualitative Methode durch welche das alltägliche Leben bestimmter Personen oder Gemeinschaften untersucht werden kann. Dabei werden Feldnotizen erstellt, Interviews abgehalten, Fragebögen ausgefüllt oder teilnehmende Beobachtungen durchgeführt.

An der Akademie der Wissenschaften leiten Sie verschiedene Forschungsprojekte, z.B. Climate and Contemporary Transformations of Vernacular Architecture – also zu Klima und Klimawandel und möglichen Veränderungen in der Architektur, die daraus folgen. Welche Veränderungen könnte dies betreffen?

Ein von mir geleitetes FWF-finanziertes Forschungsprojekt beschäftigt sich mit ritueller Topografie im westlichen Himalaya; jenes Forschungsprojekt, welches ebenfalls von mir geleitet wird und welches Sie ansprechen ist von der EU finanziert. Es handelt sich um ein ERC-Consolidator Projekt mit dem Acronym CLIMATE-Arch (101088693). Der ganze Titel lautet: Climate and Contemporary Transformations of Vernacular Architecture: Interaction, Effects and Perspectives. Unter welchen Bedingungen haben sich vernakuläre Architekturen entwickelt, mit einem Blick auf kontemporäre Entwicklungen, welche wir im Projekt ab der Nachkriegszeit eingrenzen wie auch auf potenzielle zukünftige Entwicklungen bis Ende 2100. Die Forschungs- und Kulturvergleichsregionen sind die alpine Region und die Himalaya Region.

Forschung zu Veränderungen ist eine komplexe Aufgabe, welche wir uns gestellt haben. Hier geht es einerseits um die Veränderung von Gebäuden, Nutzung, Werten etc. und andererseits um Einflussfaktoren auf die Veränderungen. Diese können beim Klima und dessen Veränderung selbst liegen aber natürlich auch daran, wie sie Bewohner und Bewohnerinnen adaptieren, wie sie mit vernakulärer Architektur umgehen, im Sinne von Pflege und Erhaltung versus Abriss oder verfallen lassen.

Simikot. Die alten Häuser werden baufällig. Sie werden verlassen und an anderer Stelle im Dorf werden neue Gebäude errichtet, welche in der Vorstellung der Bewohner und Bewohnerinnen den neuen sozialen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht werden sollen. Dabei werden Bautraditionen an die veränderte Situation angepasst.
Simikot: Die alten Häuser werden baufällig. Sie werden verlassen und an anderer Stelle im Dorf werden neue Gebäude errichtet, welche in der Vorstellung der Bewohner und Bewohnerinnen den neuen sozialen und wirtschaftlichen Anforderungen gerecht werden sollen. Dabei werden Bautraditionen an die veränderte Situation angepasst. © H. Feiglstorfer

Dies wiederum hat Einfluss auf das Klima, da eine Nichtverwendung von Gebäuden oder der Abriss und Neuaufbau wiederum einen Einfluss auf das Klima haben. Also geht es auch um Einflussfaktoren, welche die Erhaltung bzw. den Schutz von vernakulären Architekturen fördern.

Demnach sprechen wir von Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen, einer technischen, einer sozialen, einer ökologischen und einer ökonomischen, welche in den jeweiligen Kulturräumen unterschiedlich konnotiert sind.

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Sie verfolgen die These, dass das Klima zu jeder Zeit einen maßgeblichen Einfluss auf lokale Bautechniken und Gebäudeformgebung hatte. Wie werden sich Bautraditionen verändern und wird es solche in 50 oder 80 Jahren überhaupt noch geben? Welche Rolle spielen bei diesen Veränderungen ökologisch nachhaltige Rohstoffe?

Klima ist ein bestimmender Faktor für die schützenden Hüllen, mit denen sich Menschen umgeben. Die erste Hülle ist die Kleidung, die zweite jene des Gebäudes, wobei diese beiden Hüllen wiederum aufeinander abgestimmt werden. Lokale Bautechniken, wir können diese auch mit dem Begriff „vernakuläre Architektur“ kategorisieren, ist auf Umweltbedingungen und natürliche Rohstoffressourcen abgestimmt. Entsprechend werden Bauteile wie Wände, Böden, Dächer, etc. auf die jeweils gegebenen klimatischen Außenbedingungen und die jeweils geschaffenen Innenbedingungen abgestimmt. Die Innenbedingungen können durch zahlreiche Maßnahmen beeinflusst werden, etwa Heiz- oder Kühlmethoden, Beschattungsmethoden, aber auch topografische Lage, Orientierung oder Höhenerschließung des Gebäudes sind zentrale Parameter.

Simikot. Investoren errichten Hotels, welche in Dimension, Proportion und Bauweise den Pfad der Bautraditionen hinter sich lassen.
Simikot: Investoren errichten Hotels, welche in Dimension, Proportion und Bauweise den Pfad der Bautraditionen hinter sich lassen. © H. Feiglstorfer

Zusätzlich von Bedeutung ist hierbei, wie Gebäude genutzt werden, wann geheizt und gelüftet wird, wann sich die Personen in welchen Räumen aufhalten, etc.

Wir sind keine Hellseher und können uns nur auf Basis von wissenschaftlichen Parametern ein Bild über Entwicklungen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts machen. Handwerkstraditionen haben besonders durch die Industrialisierung von Herstellungs- und Verarbeitungsprozessen, durch damit zusammenhängende Massenproduktion und Fertigteilbauweisen an Bedeutung verloren. Dieses Phänomen der Veränderung finden wir in alpinen Regionen ebenso wie in Himalaya Regionen, jedoch zeitlich versetzt, mit anderen Geschwindigkeiten der Veränderung und letztendlich mit anderen gesellschaftlichen Auswirkungen. Besonders in Gegenden, in welchen infrastrukturelle Entwicklungen langsamer von Statten gehen aber auch in solchen in welchen das Bauhandwerk als kulturelles Erbe eine besondere Inwertsetzung erfahren hat, kann dieses noch sehr lebendig sein. Entsprechend wird es einer gesellschaftlichen Entwicklung zuzuschreiben sein, wie weit Bewusstsein für Bautraditionen aufrechterhalten werden kann. Entsprechende Dynamiken der Veränderungen, wie am Beispiel von nordindischen oder nepalischen Dörfern abgelesen werden kann, können innerhalb weniger Jahre ganze Dörfer ihre nach Bautraditionen errichteten Gebäude verlieren. Entweder werden diese verlassen oder die alten Gebäude werden abgerissen und mit „modernen“ Mitteln, oftmals Beton und Blech, wiederaufgebaut.

Geschützte Gebäude nehmen bei dieser Diskussion eine Sonderstellung ein, doch sind sie in einer starken Minderheit und es wird an einem kulturbewussten Beitrag der Gesellschaft liegen, wie weit vernakuläre Gebäude zur weiteren Erhaltung in Wert gesetzt und damit für die Gesellschaft erhaltenswert gemacht werden können. Faktoren wie Tourismus und Zweitwohnsitze, welche zur Erhaltung von Bautraditionen beitragen, spielen hier eine wichtige Rolle. Sie werden mitbestimmen, ob und in welchem Umfang es Handwerkstraditionen weitergeben wird.

Hubert Feiglstorfer im Podcaststudio des Architektur & Bau FORUM
Hubert Feiglstorfer im Podcaststudio des Architektur & Bau FORUM © Stefan Böck/ÖWV

Für vernakuläre Architekturen verwendete Baumaterialien waren in der Regel ökologisch nachhaltig, beispielsweise Lehm oder Holz. Sie zeichneten sich durch geringe Transportwege aus. Moderne Materialien wie Beton, Metall oder synthetisch hergestellte Produkte hinterlassen meist einen relativ hohen CO₂-Abdruck. Sollte diese CO₂-steigernde Spirale verlassen werden, spielen ökologisch nachhaltige Produkte eine maßgebliche Rolle.

Der derzeitige Trend bei Massenbauweisen geht jedoch vielerorts leider immer noch in die Richtung einer nicht ökologischen Transformation. In Indien oder Nepal, beispielsweise, erfahren Baumaterialien wie Beton oder Metall für den Hausbau eine sehr gute Bewerbung am freien Markt und es gibt keine politischen oder nationalen Regulierungen, welche beispielsweise auf einer CO2 Steuer aufbauend nachhaltige Rohstoffe fördern würden.

Simikot. Der Küchenofen ist die einzige Wärmequelle im Haus, dort wo sich die Personen des Hauses und Gäste treffen. Die Sonne scheint durch das Lüftungs- und Entrauchungsloch – die einzige Öffnung in der Außenwand, wodurch die Wärme möglichst lange im Raum gehalten wird.
Simikot. Der Küchenofen ist die einzige Wärmequelle im Haus, dort wo sich die Personen des Hauses und Gäste treffen. Die Sonne scheint durch das Lüftungs- und Entrauchungsloch – die einzige Öffnung in der Außenwand, wodurch die Wärme möglichst lange im Raum gehalten wird. © H. Feiglstorfer

Das Netzwerk Lehm vereint Lehmbau-Praktiker:innen aus ganz Österreich. Wie ist dieses Netzwerk entstanden, und was hat den Anstoß gegeben?

Das Netzwerk Lehm entstand auf Basis einer langjährigen Initiative von Fachleuten, Handwerkern und Handwerkerinnen, und Studierenden, für welche Lehm eine besondere Rolle darstellt. Zusammen mit Roland Meingast und Andreas Rischanek leite ich beim Netzwerk die Arbeitsgruppe „Lehmbaubestand, Sanierung und Qualitätssicherung“. Weiters leite ich zusammen mit Lehmfachleuten die Arbeitsgemeinschaft ARGE Lehm und Lehmbau, vormals Lehmbau BOKU genannt. Diese Arbeitsgemeinschaft wurde bereits vor dem Netzwerk gegründet und ist als solche als Partnerorganisation des Netzwerk Lehm aktiv.

An der BOKU arbeiten Expert*innen auf den Gebieten Architektur, Lehmbau und Materialforschung zusammen. Sie veranstalten Weiterbildungskurse für Fachkräfte und Laien. Was kann man nach einem absolvierten Kurs konkret tun – welche Projekte werden damit realistisch?

Nach meiner zweiten Dissertation, welche ich mit einem Schwerpunkt zum Baumaterial Lehm am Institut für Angewandte Geologie an der BOKU durchführen konnte, war es mir ein Anliegen, das Thema Lehm und Lehmbau über den akademischen Tellerrand hinaus für alle am Thema Interessierten zugänglich zu machen. So haben wir an der BOKU unter der Leitung von Prof. Franz Ottner ein mehrtägiges Studierenden-Lehmbaupraktikum initiiert, welches es nun seit etwa 10 Jahren gibt. Das Interesse seitens der Studierenden ist enorm und es sind jährlich etwa 60 und mehr Anmeldungen, obwohl wir aus Kapazitätsgründen nur etwa 25 Studierende im Kurs aufnehmen können.

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Ein ähnliches Praktikum haben wir ein paar Jahre später unter der Leitung von Dr. Karin Stieldorf an der TU Wien initiiert, welches ich in der Zwischenzeit zusammen mit Roland Meingast leitend weiterführe. Im Rahmen des Lehmbaumoduls an der TU Wien, zu welchem dieses Lehmbau Praktikum gehört, bieten Roland Meingast und ich auch eine Lehrveranstaltung zum Thema „Erhalten und sanieren von Lehmbauten in Österreich“ an.

Darüber hinaus halten Roland Meingast und ich für Planer- und Planerinnen über die ZT-Akademie ausführliche Lehmbau-Seminare und wir bieten im Museumsdorf Niedersulz einen mehrtägigen Lehmbaukurs für Fachleute wie auch für Laien und Interessierte an. Wir halten unterschiedliche Weiterbildungsseminare ab, wie ein 3-tägiges Lehmbauseminar Mitte September 2026 in einem der letzten noch erhaltenen Ringöfen als Austragungsort in der Steiermark, organisiert vom Steirischen Volksbildungswerk.

Leoben. Der Theorieteil unseres Lehmbaupraktikums fand hier im Dachraum des letzten noch erhaltenen Ringofens der Steiermark statt.
Leoben: Der Theorieteil des Lehmbaupraktikums fand hier im Dachraum des letzten noch erhaltenen Ringofens der Steiermark statt. © H. Feiglstorfer

Für manche der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ist es der erste Kontakt mit Lehm und dessen Verarbeitung, für andere ist es eine Ergänzung in deren Handwerksleben oder für die Erhaltung und Sanierung ihres Hauses.

Nach einem absolvierten Kurs ist man in der Lage qualitative Kriterien von Lehmen und Lehmmischungen zu verstehen und diese auch selbst herzustellen; weiters werden unterschiedliche Lehmverarbeitungsmethoden, wie das Verputzen vermittelt. Verputzen ist jene in der Baupraxis meist verwendete Anwendung von Lehm.

Als Gegenargumente zum Lehmbau hört man vor allem technische und bauliche Einwände wie Wasserempfindlichkeit. Wie löst man diese Probleme im modernen Lehmbau?

In Lehmbaugegenden wie dem Weinviertel stehen Jahrhunderte alte Bauernhäuser, deren Mauern in Lehm errichtet sind. Zahlreiche von diesen haben noch einen Außenlehmputz, welcher mit Kalktünche beschichtet ist. Diese Kalktünche musste regelmäßig, meist jährlich, nachbeschichtet werden und schützte den dahinterliegenden Lehm vor Auswaschung. Um dieses Problem bei Gebäudesanierungen zu umgehen, werden heute bei Massivlehmbauten die Fassaden in der Regel mit Kalk verputzt. Zusammen mit dem Kalkputz behält die Lehmmauer die diffusionsoffene Eigenschaft, welche eine besondere Qualität von Lehmmauern darstellt.

Vielmehr ein Problem tut sich in ariden Gegenden dieser Erde auf, in welchen durch den Klimawandel Regenfälle stärker ausfallen bzw. länger andauern, was Flachdächer undicht werden lässt. In vielen Gegenden des Himalayas stoßen wir auf dieses Problem. Hierfür wird häufig zu einem Sekundärdach aus Metall, oft als Pultdach, gegriffen, was sowohl bauphysikalische wie auch gestalterische Probleme mit sich bringt oder die Dächer werden einfach mit Plastikplanen abgedeckt.

Simikot. Flachdächer halten den stärkeren und länger andauernden Regenfällen nicht mehr Stand und werden mit Plastikplanen abgedeckt.
Simikot: Flachdächer halten den stärkeren und länger andauernden Regenfällen nicht mehr Stand und werden mit Plastikplanen abgedeckt. © H. Feiglstorfer

Seit den 1960er Jahren verdrängt „westliche Moderne“ vielerorts gewachsene Bautraditionen. Dabei gibt es auch im Westen Beispiele tief verwurzelter Baukultur, wie etwa die Kellergassen im Weinviertel. Wie kann man solche Traditionen stärken und für die heutige Zeit weiterentwickeln?

Diese vermeintlichen Modernisierungsschritte der „westlichen Moderne“ haben sich nicht nur kleinregional als kontraproduktiv herausgestellt, sondern sind global zu einem schier unlösbaren Problem geworden. Dies betrifft den Neubau wie auch Erhaltungsmaßnahmen an Bestandsbauten, welche heute zum Teil wieder rückgebaut werden müssen, da sie dem Bauwerk wirklich geschadet haben.

Die tief verwurzelte Baukultur, welche Sie ansprechen, umschreibt vernakuläre Architektur, welche wir in den jeweils regionalen Ausformungen weltweit vorfinden. Plakativ gesprochen, „der gesamte Westen“ kennt oder kannte vernakuläre Architekturen, welche in Material, Verarbeitung und Gestaltung auf die häuslichen Bedürfnisse und die sozialen, ökologischen und ökonomischen Gegebenheiten abgestimmt waren.

Die von Ihnen angesprochene „westliche Moderne“ versprach Verbesserungen, von diesen sie jedoch einige schwer einhalten konnte. Eine problematische Phase war sicherlich das 20. Jahrhundert seit der Nachkriegszeit, in der eine starke Abkehr von Bautraditionen feststellbar ist. Dies zeichnete sich aus durch viele Abrisse von vernakulären Bauten, durch Fehlsanierungen und flächenintensive Siedlungserweiterungen mit frei stehenden Einfamilienhäusern, welche mit Bautraditionen in den meisten Fällen nichts mehr oder nur mehr wenig zu tun hatten.

Die Abkehr in der Nutzung von lokalen Materialressourcen hin zu uniformen Baustoffen birgt unterschiedliche Probleme. Lokale Bautraditionen gehen dadurch verloren und damit auch gestalterische und bautechnische Qualitäten. Gebäudeproportionen änderten sich in Richtung einer Beliebigkeit. Fehlende Dachüberstände, große Glasflächen, ungünstige Gebäudelagen und Gebäudeorientierungen sind nur einige Beispiele, welche in weiterer Folge aus klimatischer Sicht den Wohnkomfort verringern können.

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Dieser Strukturwandel bedingt auch, dass es in einigen Gegenden schwer wurde, für traditionelle Bautechniken Handwerkskräfte zu finden. Dies betrifft etwa Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Tischler, Bodenleger, Maler und andere. Deren Lehrausbildung beinhaltet diese traditionellen Techniken wenig und berücksichtigt auch wenig die Verarbeitung von ökologisch nachhaltigen Baustoffen wie Lehm.

Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert rücken ökologisch nachhaltige Baustoffe wieder mehr in das Blickfeld von Bauherren und Investoren, auch der Planer und Planerinnen und etwas verlangsamt in einigen Sektoren der Bauwirtschaft.

Blicken wir auf die Verwendung von mineralischen Baustoffen, finden wir besonders durch den Einsatz von Zement und Beton eine starke Abkehr von lokalen Bautraditionen.

Hubert Feiglstorfer

Traditionen weiterzuentwickeln, wie in Ihrer Frage angesprochen, bedingt die Verfügbarkeit von Handwerksleuten mit dem entsprechenden Wissen. Betrachten wir den Holzbau, nicht nur, aber besonders im Westen Österreichs, finden wir in der Gesellschaft ein noch tief verwurzeltes Bewusstsein zu Handwerkstraditionen. Blicken wir auf die Verwendung von mineralischen Baustoffen, finden wir besonders durch den Einsatz von Zement und Beton eine starke Abkehr von lokalen Bautraditionen. Der Fertigteilbau, welcher häufig Holz als konstruktiven Kern beinhaltet, ist bautechnisch und gestalterisch ebenfalls schwer mit lokalen Bautraditionen in Verbindung zu bringen.

Traditionen weiterzuentwickeln bedarf auch einer Generation, welche das Selbstverständnis in sich trägt, diese an die folgenden Generationen weiterzutragen. Gehen wir zurück auf die Nachkriegszeit der 50er Jahre, so sind seither mehr als 70 Jahre und damit mehr als zwei Generationen vergangen, welche sich von Bautraditionen entfernt haben. Nicht nur das Wissen, auch die Einstellung zur Aufrechterhaltung von Bautraditionen ging damit vielfach verloren.

Gesellschaften, in denen Traditionen gefolgt werden, sind zu stärken, bei Bedarf auch mit Fördermitteln. Das Interesse von jungen Handwerkern und Handwerkerinnen kann in dieser Umgebung gestärkt werden. Seitens Planer und Planerinnen könnte der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen und ökologisch nachhaltigen Baustoffen verstärkt als eine Haltung vermittelt werden, als eine Lebenseinstellung. Der Werkraum Bregenzerwald ist dahingehend ein Vorzeigebeispiel. Hier werden Handwerksbetriebe eingebunden, es wird Handwerkswissen an Junge weitergegeben und es werden Innovationen gesucht.

Beim Aufrechterhalten von Bautraditionen aus vernakulären Architekturen ist besonders bei Neubauten sehr wohl zu berücksichtigen, dass sich Formen des Zusammenlebens in den Ortschaften aber auch in den Häusern über die letzten Generationen sehr geändert haben; auch Ansprüche den Wohnkomfort betreffend haben sich über die letzten Generationen sehr geändert, beispielsweise das soziale Gefüge von Dorfgemeinschaften betreffend. In den Häusern finden sich zahlreiche Veränderungen, etwa die Belichtung betreffend, Sanitäranlagen, Heizung, Wärmedämmung, oder im sozialen Zusammenleben, etwa das Thema der Individualität in der Raumnutzung und vieles andere. Dieses Kontinuum an Veränderungen ist bei Neuplanungen entsprechend zu berücksichtigen. Das Ziel ist es, auf bestehendem Wissen aufzubauen und dieses durch Innovationen an soziale Veränderungen ökologisch nachhaltig zu adaptieren. Entsprechend würde ich viel mehr vom Lernen von Traditionen als vom Aufrechterhalten von Traditionen sprechen.

Sie haben das Beispiel der Kellergassen gebracht, welche ein sehr gutes Beispiel für eben Gesagtes darstellen. In Niederösterreich befinden sich etwa 1300 Kellergassen, welche prägend für die Kulturlandschaft NÖ, im Besonderen im Weinviertel geworden sind. Seitens Land NÖ wird große Anstrengung betrieben, Bewusstsein zum Wert und zur Erhaltung in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Team von Kellergassen-Beratern und -Beraterinnen ist dafür mit Fördergeldern seitens Land NÖ im Einsatz. Diese Bauwerke wurden ursprünglich als Weinlager für die Bauern und von den Bauern der Umgebung mit den Baumaterialien aus der näheren Umgebung errichtet. Kaum eines der verbliebenen Presshäuser wird heute noch zum Pressen verwendet und kaum eine der Kellerröhren zum Lagern, wofür sie ursprünglich errichtet wurden. Einige werden für gesellschaftliche Zwecke, etwa am Wochenende oder für kleine Feste verwendet. Einige der Keller wurden verkauft und viele der Besitzer und Besitzerinnen haben sich ganz einfach in ihren Keller verliebt und sehen in der Erhaltung einen zentralen Wert für sich. Ein handwerkliches Wissen über Bautraditionen, um den Keller möglichst effizient und authentisch zu erhalten, ist hierbei unumgänglich. Andererseits wird heute kaum mehr jemand eine Kellerröhre graben und ein Presshaus dieser Art neu errichten. In diesem Fall hilft das Wissen über Bautraditionen primär zur Bestandserhaltung. Dafür hat das Land NÖ über ein Leader Projekt zahlreiche Fachvorträge zur Erhaltung von Kellergassen in unterschiedlichen Gemeinden im Weinviertel veranlasst, welche ich zu einem wesentlichen Teil abhalten durfte. Weites wurde Informationsmaterial zu den maßgeblichen Handwerkstechniken in Bezug auf Kellergassen zusammengestellt, darunter ein Buch und auch Filme, welche Sie kostenlos online abrufen können. In der Folge 2 „Mauerwerk: Stein und Lehm“ führe ich Sie durch den Film.

Weinviertel NÖ: Ein Filmprojekt im Rahmen eines Leader Projektes führt durch die wesentlichen baulichen Themen von Weinviertler Kellergassen.
Weinviertel NÖ: Ein Filmprojekt im Rahmen eines Leader Projektes führt durch die wesentlichen baulichen Themen von Weinviertler Kellergassen. Link: https://www.youtube.com/watch?v=u6UcGUe7H54 © Screenshot

Nehmen wir ein anderes Beispiel, nämlich das Schaffen von Wohnraum. Zahlreiche der Ortskerne in Österreich haben ein Abwanderungsproblem. Dennoch, die Häuser in den Ortskernen bestehen. Viele von diesen bräuchten Erhaltungsmaßnahmen, auch um diese an einen zeitgemäßen Wohnkomfort anzupassen. Danach könnten diese Bestände, welche meist in eine sehr reizvolle Ortskernumgebung eingebettet sind, wieder bewohnt werden. Dennoch werden günstige Baugründe, oft an den Rändern der Ortschaften gelegen, angeboten, was zur weiteren Zersiedelung und nicht zur Stärkung von Ortskernen beiträgt.

Blicken wir andererseits auf Neubauten an den Ortsrändern, folgen diese oft einer gestalterischen Wahllosigkeit und berücksichtigen ökologisch nachhaltige Kriterien relativ peripher. Als Bauberater des Landes NÖ kann ich nach etwa 150 durchgeführten Beratungen zumindest ein gesteigertes Interesse seitens Beratungswerber und -werberinnen am Einsatz nachhaltiger Baustoffe feststellen. Dies hat jedoch nichts mit Bautraditionen zu tun, welche mit vernakulärer Architektur in Verbindung zu bringen wären. Zur Erklärung: Vernakuläre Architektur wäre dabei als Architektur zu verstehen, welche mit lokal verfügbaren Ressourcen im Kontext einer lokalen Gemeinschaft errichtet wurde.

Prominente Stimmen in der vernacular architecture kommen derzeit fast alle aus Ländern außerhalb des westlichen Architektur-Establishments, wie Liu Jiakun (Pritzker 2025), der nach dem Erdbeben 2008 Rebirth Bricks aus Trümmern entwickelte, oder Marina Tabassum (Aga Khan Award 2025) die das modulare Khudi Bari in Bangladesch entwickelte. Was lernen wir von ihnen – und warum gelingt ihnen, was hier so schwerfällt?

Liu Jiakun hat die Rebirth Bricks entwickelt. Sie wurden aus Bauschutt, Strohfasern und Zement nach dem Erdbeben 2008 in Sichuan entwickelt und versinnbildlichen Wiederverwertung, Nachhaltigkeit, Stücke der Erinnerung und zugleich Zeichen für einen Neuanfang – ein Meisterwerk im Vereinen vielschichtiger Aussagen und zugleich wird die Simplizität eines funktionalen Ziegels bewahrt.

Marina Tabassum entwickelte 2020 mit den Khudi Bari (bengalisch für „Kleines Haus“) als Reaktion auf extreme Wetterereignisse ein modular aufgebautes Notunterkunftsystem für Menschen in Bangladesh, welche vom Klimawandel und Überschwemmungen betroffen sind. Bambus, Stahlverbindungen sowie Wände und Dächer aus Wellblech. Mit Khudi Bari wurde ein mobiler, flexibler und skalierbarer Gebäudetypus geschaffen, dies unter Einbindung der Bevölkerung, um die Gebäude in Folge zu errichten und in Stand zu halten.

Beide Projekte resultieren aus Katastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen und bieten innovative, funktionale, flexible und modulare Antworten, welche in ihrer Materialität bestimmte Botschaften der Erneuerung und des Wiederbeginns in sich tragen. Sie nehmen damit aktuelle ökologische Herausforderungen als asiatische Vertreter auf.

Als weiterer wichtiger Vertreter aus Japan könnte Shigeru Ban mit Paper Dwellings genannt werden. Dabei werden kostengünstige, lokal beschaffte Papierröhren und Bierkästen genutzt, um schnell modulare Trennwandsysteme und temporäre Unterkünfte zu schaffen.

Hubert Feiglstorfer im Podcaststudio des Architektur & Bau FORUM
Hubert Feiglstorfer

Hubert Feiglstorfer

„In weiten Feldern gibt es in Österreich fundierte Ausbildung, besonders, wenn es um konventionelle Bautätigkeiten geht. Bei traditionellem Handwerk lassen viele der Lehrlingsausbildungsstätten aus.“

Die modulare Idee einer temporären Notunterkunft wurde auch mit Better Shelter aufgenommen, ein System, welches in Schweden entwickelt wurde. Es bietet Platz für eine Familie und es ist möglich, diese Unterkunft innerhalb einer Stunde aufzustellen.

Aus Australien stammen die Planer und Planerinnen des Pixel Crisis Accommodation Projektes. Es ist ebenfalls ein modulares Baukonzept und geeignet für Krisengebiete, bei welchem lokal verfügbare Materialien wie Holz, Stroh oder Kork verwendet werden.

Das Architectural Recovery Team an der TU Delft in den Niederlanden hat ein weiteres modulares Unterkunftsystem aus Brettsperrholz entwickelt. Es bietet bei Katastrophenfällen sowohl unmittelbare Unterkunft und kann auch zu einer Dauerunterkunft ausgebaut werden.

Auf dem Micro-Home Sektor gibt es zahlreiche Innovationen zu transportierbaren und erweiterbaren Häusern, welche wiederverwendete Materialien nutzen und welche Antworten auf klimatische Herausforderungen zu finden versuchen. Das Wikkelhaus, beispielsweise, entwickelt in den Niederlanden, bei welchem rezyklierter Karton und Holz verwendet werden. Das Tiny House Shadow, entwickelt in Finnland, bei welchem rezyklierte kohlenstoffarme Materialien verwendet werden, oder aus Österreich, entwickelt an der TU Wien, das Lisi Haus. Dies ist ein Plusenergie-Nachhaltigkeitshaus aus nachwachsenden Rohstoffen.

Dies war natürlich nur eine kleine Auswahl aus zahlreichen Projekten mit ähnlichen Intentionen. Über diese und andere innovative Objekte wird ein laufender Diskurs zwischen Planern und Planerinnen aufrecht gehalten. Besonders auf dem Gebiet des ressourcenschonenden Umgangs mit Materialien, mit der Verwendung lokal verfügbarer Baustoffe, mit Nutzungs-Modularität und sozialer Adaptierbarkeit wird international geforscht, experimentiert und besonders in Hinblick auf klimagerechte Bauweisen nach Anpassungen gesucht.

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Was müsste sich strukturell ändern, also bei den Baunormen, in der Ausbildung und Förderung, damit traditionelle Bauweisen in Österreich von der Ausnahme zur selbstverständlichen Wahl wird?

Das sind sehr wichtige Fragestellungen und sie sprechen Mechanismen an, über welche vor allem von politischer Seite gesteuert werden kann.

Es sind etwa Bauordnungen, OIB Richtlinien und Verordnungen zum Schutz von Gebäuden, welche in Bezug auf traditionelle Bauweisen einen Einfluss haben können.

All diese Reglements haben eine lange Historie in ihrer Entwicklung und für viele Bereiche ihre Berechtigung. Blicken wir auf die vielen Leerstände in den Dorfkernen, sollten die baurechtlichen Bestimmungen besonders für die Nachnutzung des Altbestandes überdacht und möglicherweise adaptiert werden. Denken wir etwa an Vorschriften zu Themen wie Mindestbelichtung, Mindestraumhöhen, Mindestdurchgangsbreiten, vorgeschriebene Steigungsverhältnisse bei Stiegen, etc., dann vernehme ich immer wieder ein Klagen von Hausbesitzern und -besitzerinnen über einen enormen finanziellen Aufwand oder über schwer zu überwindende baurechtliche Hürden. Dies betrifft etwa die Umwidmung von historisch genutzten Wirtschaftsräumen auf Wohnräume oder die gewerbliche Nachnutzung von ursprünglich anders gewidmeten Altbauten. Es wäre verfehlt, an dieser Stelle eine Pauschalbewertung abzugeben und der Platz ist hier zu knapp, um bauliche Details und rechtliche Reglements zu besprechen, aber ein bundesweiter Diskurs unter Einbeziehung von Altbaubesitzern, Bauwerbern und Bauwerberinnen und Gewerbetreibenden etwa aus Tourismus und Gastronomie könnte hierbei hilfreich sein.

Die Ausbildung ist ein sehr breites Feld, denken wir an die Ausbildung von Handwerksleuten, von Bauunternehmern und -unternehmerinnen oder von Planern und Planerinnen. In weiten Feldern gibt es in Österreich fundierte Ausbildung, besonders, wenn es um konventionelle Bautätigkeiten geht. Bei traditionellem Handwerk lassen viele der Lehrlingsausbildungsstätten aus. Ähnlich ist es bei der Ausbildung von Planern und Planerinnen, wo traditionelles Handwerk im universitären Bereich eine untergeordnete Rolle spielt. Hier ist jedoch ein Umdenkprozess im Sinne eines Ökologisierungsprozesses im Gange. Denken wir an Lehm und Lehmverarbeitung: über Jahrzehnte spielte dieser Baustoff keine oder eine höchst periphere Rolle. Mittlerweile wurde an der Kunst Uni in Linz über das Basehabitat im Rahmen der Architektur ein Schwerpunkt Lehm ins Leben gerufen oder an der TU Wien im Architekturstudium das Modul Lehmbau eingerichtet. Lehm ist nur ein Beispiel, welches in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Ich beschäftige mich mit den Studierenden an der TU Wien im Rahmen meiner Lehrveranstaltungen zu vernakulärer Architektur auch mit anderen Handwerkstraditionen, etwa zu unterschiedlichen Dachdeckungsarten, wie Schilf-, Stroh-, Schindel- oder Steindächern oder zu unterschiedlichen Traditionen im Errichten eines Mauerwerks. Im kommenden Wintersemester halte ich mit den Studierenden einen Trockensteinmauer-Kurs ab.

Trockensteinmauerkurs in Sooß.
Trockensteinmauerkurs in Sooß. © Trockensteinmauernschule Austria

Dabei ist das Verstehen von Architektur über das Material und dessen handwerkliche Verarbeitung ein wesentlicher Aspekt. Dies sind wichtige Prozesse der Veränderung und es wird sicherlich noch mehr brauchen, um dem Handwerk und Handwerkstraditionen wieder mehr Wichtigkeit zu geben und deren Einsatz wieder zu einem Selbstverständnis werden zu lassen.

In vielen Regionen Österreichs sucht man lange nach qualifizierten Handwerkskräften. Ein paar Ältere lassen sich noch finden, die das Wissen und den Ehrgeiz haben und fantastische Arbeiten durchzuführen im Stande sind. Lehmputze, Kalkputze, Holzbretterböden auf Polsterhölzern, Sanierungsarbeiten im Bau- und Möbelsektor, Kastenfenster, etc., sind Beispiele für Handwerkstätigkeiten, für welche in vielen ländlichen Gegenden ein großer Bedarf aber leider kein Angebot besteht. Auch hierfür gibt es mehrere Gründe, diese zu analysieren mehr Raum braucht als wir hier zur Verfügung haben – aber hier besteht Änderungsbedarf.

Förderungen ist ein weiteres großes Thema mit enormem Regulierungspotential. Es ist sicherlich ein wichtiger Anreiz zur Erhaltung und Förderungen sollten, wenn überhaupt, fallbezogen und gezielt vergeben werden. Besonders Anreize zur Erhaltung von nicht unter Schutz stehenden erhaltenswerten Baubeständen könnten wiederum besonders in Ortskernen so manches Gebäude vor Abriss oder einem Kaputtsanieren schützen. Das Land NÖ hat zusammen mit der Bauberatung in Kellergassen ein Förderprogramm installiert – natürlich immer abhängig vom Nachfüllen des Fördertopfes.

Die Rudolf-Steiner-Schule Wien-Mauer (Dietrich Untertrifaller Architekten, 2024) kombiniert Holz mit Lehm. Die Innenwände wurden mit Lehmputz aus der vor Ort ausgehobenen Erde ausgeführt. Ist das schon ein Signal für eine Wende, auch für Stadtprojekte?

Die Rudolf-Steiner-Schule Wien-Mauer ist sicherlich eines der Vorzeigebeispiele für die Kombination von Holz und Lehm. Dank des Engagementes von Planenden wie Dietrich Untertrifaller Architekten und Andreas Breuss sind solche Innovationen möglich. Das Thema Holz und Lehm wird immer mehr aufgegriffen, besonders auch in Verbindung mit vor Ort gewonnen Baustoffen, was sich bei Lehm, je nach Standort, gut umsetzen lassen kann. Es sind höchst positive Signale in Richtung eines ökologischen Umdenkens, besonders auch, wenn diese Einstellung im öffentlichen Bausektor und im städtischen Raum angekommen ist. Ob wir hier bereits von einer Bauwende sprechen können, möchte ich an dieser Stelle nicht bestätigen. Dafür benötigt es vielleicht noch mehr Drehen an politischen und ökonomischen Rädchen, um diese Einstellung flächendeckender in der Masse der Baugeschehen zu verankern. Zumindest sollte dies noch nicht die Bauwende sein, ist es sicherlich ein Weg dorthin. In einigen Jahren und Jahrzehnten werden wir auf diese Veränderungen analytischer zurückblicken können.

Und zum Schluss ein kleiner Ausflug in höhere Sphären: Sie untersuchen auch die Zusammenhänge von Landschaft und rituellen Praktiken, im tibetisch-buddhistischen Kulturraum. Es geht hier um einen spirituellen Raum, der unter anderem durch konkrete bauliche Strukturen entsteht. Raum und Architektur prägen uns ja – aber was bedeutet das dann für eine gebaute Umgebung, wie wir sie jetzt haben, wenn man auch den geistigen Raum einbeziehen wollte?

Diese Frage bringt uns von einem relativ rationalen Diskurs zu einem sozialen, zu jenem des Zusammenlebens und der daraus resultierenden Bedeutungen von Raum. Landschaft, Ritualräume und soziale Dynamiken gehen hierbei ineinander über.

Lhasa in Tibet: Tibeter bei der Prostration vor dem Jokhang Tempel.
Lhasa in Tibet: Tibeter bei der Prostration vor dem Jokhang Tempel. © H. Feiglstorfer, 2014

Wir finden diese rituellen Räume in vielen Kulturen – mit einem davon, nämlich dem tibetisch-buddhistischen Kulturraum beschäftigte ich mich in meiner Forschung seit etwa 25 Jahren – derzeit in einem FWF Projekt an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit dem Titel „Spatial concepts and ritual topography in the Western Himalayas“.

Zur Person

Hubert Feiglstorfer im Podcaststudio des Architektur & Bau FORUM
Hubert Feiglstorfer im Podcaststudio des Architektur & Bau FORUM

Hubert Feiglstorfer (geboren 1967 in Steyr) ist österreichischer Architekt, Hochschullehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er studierte Architektur an der TU Wien und an der McGill University in Montreal (Kanada). Feldforschung in mehreren europäischen und asiatischen Ländern. Er arbeitet interdisziplinär an der Schnittstelle von Bautechnik, Architekturgeschichte, Architekturanthropologie und materieller Kultur. 2022 wurde sein 4-jähriges Forschungsprojekt „Raumkonzepte und rituelle Topografie im westlichen Himalaya“ bewilligt,2023 das 5-jähriges Forschungsprojekt “Climate and Contemporary Transformations of Vernacular Architecture – Interaction, Effects and Perspectives”. 2024 wurde das Projekt „Lehmbau Beratun“ in Kooperation mit der ARGE Lehmbau ins Leben gerufen. Seit 2025 unterrichtet Feiglstorfer im Fach „Vernakuläre Architektur“ am Institut für Hochbau und Entwerfen an der TU Wien.

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