„Dieses Jahr wird als eines der kühlsten in die Geschichte eingehen!“ So eröffnet Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher, Physiker und Generaldirektor des IIASA, seinen Vortrag beim Startschuss für die Science and Timber Construction Alliance, Sitca am 1.Juli 2026. Diese Zukunftsperspektive ist notwendig, um an die Unausweichlichkeit zu erinnern, anders zu bauen. Denn wenn wie bisher weiter gebaut wird, besteht eine existenzielle Bedrohung unserer Zivilisation. Zur Erinnerung: die (bekannte) menschliche Zivilisationsgeschichte entwickelte sich erst in den letzten 12.000 Jahren, in einer relativ stabilen Klimaphase – wobei es die Lebensform Homo sapiens schon viel länger gibt.
Ein Overshoot über die angestrebten +2° ist ohnehin unvermeidlich, doch die Frage bleibt: wie lange und wie hoch wird die Temperatur noch weiter steigen? Die reale Aufgabenstellung an Entscheidungsträger*innen lautet: Menschen durch diese Phase zu bringen, die momentan mit 150 Jahren berechnet wird. Danach soll eine Temperatursenkung möglich werden, doch nur, wenn jetzt etwas getan wird.
Der größte Hebel
Und hier kommt der Bausektor ins Spiel, weil die globale gebaute Umwelt mehr als ein Drittel der CO₂-Emissionen verursacht. „Hier befindet sich also der größte Hebel, um eine drohende ‚Heißzeit‘ noch abzuwenden“, betont Schellnhuber. Dabei spielt der Holzbau eine große Rolle, und zwar auch und vor allem in den Städten. Denn Städte sind derzeit genau so gebaut, dass möglichst viel Hitze kumuliert wird und zurückstrahlt. Durch Holzbau können Städte hingegen von CO₂-Emittenten zu Kohlenstoffsenken werden.
Um diese Prozesse voranzutreiben und zu internationalisieren, wurde die Initiative ins Leben gerufen. Sie möchte den Bausektor durch nachhaltige Waldwirtschaft und modernen Holzbau zu einem Haupttool für den Klimaschutz zu machen. Dabei spielt die „Wald-Bau-Pumpe“ eine wichtige Rolle. Die Idee dahinter erklärt Schellnhuber so: „Durch die Verbrennung fossiler Energieträger und die Zerstörung natürlicher Ökosysteme hat sich die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre deutlich erhöht. Bäume nehmen CO₂ durch Photosynthese auf und speichern den Kohlenstoff in ihrem Holz. Wird dieses Holz für langlebige Gebäude genutzt, bleibt der Kohlenstoff über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gebunden, während im Wald neue Bäume nachwachsen und weiteres CO₂ aufnehmen. Auf diese Weise wird der Atmosphäre kontinuierlich CO₂ entzogen und über den Wald sinnbildlich in die gebaute Umwelt ‚gepumpt‘. Nachhaltige Forstwirtschaft und Holzbau können so gemeinsam mit Wiederverwendung und modernen Recyclingtechnologien eine langfristige Kohlenstoffsenke bilden“. Dieses Konzept bildet den Ausgangspunkt der Sitca.
Erich Wiesner, CEO von Wiehag betont, dass es um ökonomisch klar nachvollziehbare, wissenschaftlich fundierte Fakten geht, um Entscheidungsträger*innen aus Politik, Behörden, Immobilien- und Bauwirtschaft weltweit vom unvermeidlichen Paradigmenwechsel zu überzeugen.
Ewald Rametsteiner, Vizedirektor der Forstabteilung der FAO, unterstreicht zudem die Bedeutung internationaler Vernetzung: „Weltweit sind wir mit einer Diskrepanz zwischen dem dringenden Bedarf an klimafreundlichen Baustoffen und der bislang geringen öffentlichen Wahrnehmung von nachhaltig produziertem Holz im Bauwesen konfrontiert.“
Ein gesunder Wald ist Voraussetzung. Und: „Wir integrieren Biodiversität und soziale Aspekte von Beginn an, um die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung sicherzustellen.“ ergänzt Daniela Kleinschmitt, Präsidentin des Internationalen Waldforschungsverbandes IUFRO, der als weiterer Partner fungiert.
Mit dieser Holzinitiative setzt man Ergebnisse aus Forschungsprojekten zu Wiederverwertbarkeit und Kreislaufwirtschaft um. Auch der Re-Use Gedanke ist präsent, denn auch einen nachwachsenden Rohstoff möchte man sorgsam verwenden: Beim heuer erstmalig vergebenen österreichischen Staatspreis Holzbau ging der Innovationspreis an eine Halle aus wiederverwertetem Holz.
Zu den offiziellen Gründungspartnern der Sitca gehören:
- Wissenschaft: IIASA (Internationales Institut für angewandte Systemanalyse) und der Internationale Waldforschungsverband IUFRO.
- Industrie: Hilti, Wiehag, binderholz, Egger und Stora Enso.
- Öffentlicher Sektor: Die Österreichischen Bundesforste und das österreichische Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft (BMLUK).