Von fast jedem Wiener Aussichtspunkt aus sind sie zu sehen: die drei parallelen, 300 Meter langen und bis zu 94 Meter hoch aufragenden Häuserzeilen im Süden der Stadt, geplant von Architekt Harry Glück (1925–2016), als beinahe autarker Stadtteil mit der kompletten sozialen und kommerziellen Infrastruktur für 10.000 Menschen. Bis zum Hochhausboom der 1990er-Jahre waren sie die höchsten Wohnbauten der Donaumetropole, und noch heute prägen sie ihre Silhouette: die Blöcke A, B und C des Wohnparks Alt Erlaa mit insgesamt 3.200 Wohnungen. Während zeitgleich andere Großsiedlungen entstanden, die schon nach Kurzem als öde Schlafstädte oder soziale Brennpunkte verrufen waren, gilt Alt Erlaa seit 1976, ja heute scheint es mehr denn je, als internationale Best Practice des sozialen Wohnbaus, mit der Versorgungsqualität einer intakten Kleinstadt, mit dem Sozialleben eines Dorfs und der Wohnqualität eines Reihenhauses.

Landleben in der Metropole
Die unmittelbarste Erfahrung von „Landleben in einer Metropole“ stellt für die Hälfte aller Mieter*innen ihr eigener „Garten“ dar, den Harry Glücks Konzept des Terrassenhochhauses ermöglicht. Im Bestreben, vielen Großstädter*innen eine leistbare Alternative zum Häuschen im Grünen zu bieten, hat der Architekt die unteren zwölf Etagen seiner sich nach oben hin verjüngenden Bauten Stock für Stock zurückversetzt und jeder der ost- beziehungsweise westorientierten Wohnungen eine großzügige bepflanzbare Terrasse unter freiem Himmel vorgelagert. Jede Terrasse ist entlang der gesamten Brüstung mit großen Pflanzentrögen ausgestattet, die mit einer Erdfläche von knapp vier Quadratmetern je Trog für deutlich mehr als ein paar Balkonblumen Platz bieten. In der Vegetationszeit setzt sich die parkartige Landschaft zwischen den drei Häuserzeilen die Fassaden entlang bis in eine Höhe von 40 Metern fort.

Ab der 13. Etage verjüngen sich die Gebäude nicht mehr weiter und reichen – je nach Höhe des Abschnitts – bis in das 22. oder 26. Vollgeschoß hinauf. Hier verfügen so gut wie alle Wohnungen über eine geräumige Loggia. Was in anderen Siedlungen gang und gäbe ist, nämlich Satellitenschüsseln auf Balkonen oder Loggien als Rumpelkammern, findet sich in Alt Erlaa so gut wie nirgends: Die Pflanzentröge bilden eine wahre Arche Noah – mit Gemüse und Küchenkräutern, Heilpflanzen und Beeren, ja sogar Obstbäumen, Weinstöcken und Sträuchern. Auch die Loggien sind voll mit Topfpflanzen – und man kann von den oberen Geschoßen aus nicht nur die Wiener Innenstadt, sondern an schönen Tagen auch die Alpen sehen. Umgekehrt sind die privaten Freiräume so angeordnet, dass sie von oben oder der Seite nicht einsehbar sind. Die gegenüberliegende Hochhauszeile wiederum ist 170 Meter entfernt, sodass sich die Bewohner*innen ungeniert auch nackt auf ihren Terrassen aufhalten.

Wohnen wie die Reichen
Auf Ebene 23 beziehungsweise 27 schließlich hat Harry Glück seine zum Markenzeichen gewordenen Dachschwimmbäder errichtet. Der Anspruch „Wohnen wie die Reichen“, den der Architekt in seinen sozialen Wohnbauten erhob, erfüllt sich spätestens hier oben, wenn man in rund 90 Metern Höhe aus einem der sieben 33 Meter langen Becken steigt und einem ganz Wien zu Füßen liegt. Ein Luxus ist auch die Betreuung der Anlage durch die im Wohnpark stationierte Hausverwaltung mit 50 Mitarbeitenden aus allen Gewerken, die sich im Schichtbetrieb um die Instandhaltung der Freizeit- und Sportanlagen ebenso kümmern wie um die Pflege der Grünflächen oder um Reparatur- und Wartungsarbeiten in den Wohnungen. Ihr 24-Stunden-Service ist ein wichtiger Teil der Lebensqualität in Alt Erlaa und genauso wie die Dachschwimmbäder nur durch die große Zahl an Nutzer*innen finanzierbar.

Wobei dieser Service kein Luxus ist. Er rechnet sich in Form einer beinahe unglaublichen Langlebigkeit der Bauten, die in 50 Jahren noch keine Sanierung nötig hatten. Erst jetzt steht der Austausch der 24.000 Holzfenster sowie der knapp 3.200 Terrassen- und Loggientüren an. Allerdings nicht, weil diese keine zeitgemäßen Dämmwerte mehr aufweisen würden, sondern weil die Förderkriterien für die geplante Umstellung des Wohnparks auf Erdwärme dies erfordern.
Ein reges Vereinsleben
Ungewöhnlich ist auch das Vereinsleben in Alt Erlaa, das in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft nicht reger sein könnte. Infolge ihrer Terrassierung weisen die drei Wohnblöcke in den unteren Geschoßen eine Trakttiefe von bis zu 50 Metern auf, woraus im Gebäudeinneren große Bereiche ohne Tageslicht resultieren. Harry Glück nutzte diese Volumina, um in der ersten und zweiten Etage eine Vielzahl von 60 Quadratmeter großen und miteinander kombinierbaren Raumeinheiten für Gemeinschaftseinrichtungen zu schaffen. Zum einen wurden darin sieben Hallenschwimmbäder, Saunen und Solarien, Dampfkammern und Fitnesscenter sowie acht Kinderspielräume untergebracht. Zum anderen übergab man die Zellen im Rohzustand an mehr als 30 Vereine aus dem Wohnpark, die sie für ihre Zwecke gestalteten und verwenden. Die Palette reicht von Tischtennis, Schießsport, Jiu-Jitsu und Gymnastik über Tanzsport und Theater bis hin zu Schach, Bridge und Philatelie, Keramik, Handarbeit und Modellbau.

Vom Wohnpark zum Bezirkszentrum
Die Vielfalt an gemeinschaftlichen Einrichtungen ist der Schlüssel zum einzigartig dichten sozialen Geflecht im Wohnpark. Ihr steht die Ausstattung mit öffentlichen und kommerziellen Angeboten in nichts nach. Quer zu den drei Wohnblöcken schuf Harry Glück eine Versorgungsachse, die eine Kirche, Kindergärten, Schulen, einen Jugendclub, zwei große Sporthallen und als Zentrum der Anlage den sogenannten Kaufpark umfasst. Das barrierefreie zweigeschoßige Einkaufszentrum umschließt einen urbanen Platz, gesäumt von Läden wie Cafés, und zählt rund 40 Händler und Dienstleistende. Ein Dutzend Gastronomiebetriebe, ein Ärztezentrum, einige Büros und Kanzleien sowie eine städtische Bücherei ergänzen das Angebot. Damit hat sich Alt Erlaa von einer vermeintlich auf sich bezogenen Satellitenstadt zu einem Bezirkszentrum entwickelt.

Freiraum als Qualitätsmerkmal
Da Harry Glück die Baumasse – und so auch die Tiefgaragen – im Wesentlichen auf die drei Terrassenhäuser konzentrierte, verblieb beinahe auf zwei Dritteln des 20 Hektar großen Areals der gewachsene Boden: keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt, in der Grünräume im sozialen Wohnbau zunehmend zu Restflächen verkommen und diese zu allem Überfluss auch noch für Garagen untergraben werden. Das Freihalten des üppig begrünten Freiraums von oberflächlichem Autoverkehr wiederum ermöglicht den Kindern und Jugendlichen im Wohnpark einen gefahrlosen Schulweg sowie quasi uneingeschränkte Bewegung. Wenig überraschend gilt Alt Erlaa als ebenso kinder- wie altengerecht und erzielt in soziologischen Studien die höchsten Wohnzufriedenheitswerte im Wiener Wohnbau. Umfassende Nachhaltigkeitsstudien, die es zum Wiener Wohnbau bisher noch nicht gibt, würden unter Einbeziehung aller relevanten ökologischen und ökonomischen Aspekte wohl zu einem ähnlichen Ergebnis führen – und dem gegenwärtigen Baugeschehen damit kein gutes Zeugnis ausstellen.
Der Autor

Dr. Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und veröffentlichte über Alt Erlaa sowohl ein Buch als auch einen Film. Website: www.urbanplus.at












