Am 30. Juli 2026 war der Earth Overshoot Day. Ab diesem Zeitpunkt verbraucht die Menschheit rechnerisch mehr natürliche Ressourcen, als die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Besonders relevant ist die Entwicklung für das Bauwesen, das große Mengen an Materialien benötigt. Wie Ressourcen effizienter genutzt und länger im Kreislauf gehalten werden können, wird daher zu einer zentralen Frage der Branche. Die Bau 2027 vom 11. bis 15. Januar 2027 in München widmet dem Thema Material und Ressource besondere Aufmerksamkeit.

Lange lag der Schwerpunkt auf Neubau und Flächenentwicklung. Zunehmend rückt dagegen der Gebäudebestand in den Fokus. Laut Wuppertal Institut lagern allein in Deutschland rund 20,8 Milliarden Tonnen Baumaterialien in Wohn- und Nichtwohngebäuden. Das gesamte anthropogene Materiallager wird mit rund 51,7 Milliarden Tonnen beziffert. Gebäude und Städte werden damit zunehmend auch als potenzielle Rohstoffquellen betrachtet.

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Vom Ressourcenverbrauch zum Materiallager

Das Wuppertal Institut beschreibt diesen Perspektivwechsel als Entwicklung „vom Ressourcenfresser zum Ressourcenlager“. Damit verändert sich auch der Blick auf Planung und Bau. Erhalt, Weiterentwicklung und Umnutzung bestehender Gebäude gewinnen gegenüber Abriss und Neubau an Bedeutung.

Benedikt Hotze vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) verweist in diesem Zusammenhang auf das 2019 veröffentlichte Manifest „Das Haus der Erde“: „Der BDA hat schon 2019 im Manifest „Das Haus der Erde“ einen Vorrang von Weiterbauen und Umnutzen des Bestandes vor Abriss und Neubau gefordert. Was damals manchen noch irritiert haben mag, ist schnell zur zentralen Kernforderung im Bauwesen geworden: Umbau ist der neue Neubau.“

Neben baukulturellen und planerischen Aspekten sprechen auch ökologische und ökonomische Gründe für eine stärkere Nutzung des Bestands. Erhalt, Umnutzung und Aufstockung können dazu beitragen, Ressourcen zu schonen und in Materialien gebundene Emissionen zu vermeiden. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen sieht in der Weiternutzung bestehender Gebäude ebenfalls einen wichtigen Ansatz für mehr Ressourceneffizienz.

Auch die Planung selbst bietet Ansatzpunkte für einen geringeren Materialverbrauch. Kompakte Grundrisse, kleinere Rastermaße und materialoptimierte Konstruktionen können den Ressourceneinsatz reduzieren. Eine Studie der Technischen Universität München kommt zu dem Ergebnis, dass sich die grauen Emissionen einer Konstruktion durch kompaktere Grundrisse mit kleinerem Rastermaß um rund zehn Prozent reduzieren lassen, ohne dass wesentliche Einbußen bei der Wohnqualität entstehen.

„Die Wohnfläche pro Kopf steigt seit Jahren kontinuierlich. Gleichzeitig müssen wir Wege finden, um die Wohnansprüche unserer Zeit mit einem geringeren Ressourcenverbrauch zu vereinbaren. Kompaktere Gebäudetypologien können den Materialbedarf, die grauen Emissionen und die Baukosten deutlich senken. Die Schweiz zeigt uns das bereits seit Jahren“, sagt Annalena Veit vom Lehrstuhl für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen der Technischen Universität München in München.

Kreislaufwirtschaft als wirtschaftlicher Faktor

In Deutschland fallen jährlich rund 220 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Ressourceneffizienz, Versorgungssicherheit und Klimaschutz. Die Kreislaufwirtschaft wird damit zunehmend auch zu einem wirtschaftlichen Thema.

Nach Angaben von Construction Products Europe werden derzeit lediglich rund 40 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle in Europa recycelt oder wiederverwendet. Die europäische Bauwirtschaft steht zugleich für Bauinvestitionen von rund 1,7 Billionen Euro, beschäftigt 18 Millionen Menschen und erwirtschaftet etwa elf Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts.

Ein wichtiger Ansatz ist Urban Mining. Dabei werden bereits verbaute Materialien und Bauteile als potenzielle Rohstoffquelle betrachtet. Wiederverwendung und der Einsatz von Sekundärrohstoffen sollen dazu beitragen, Materialien länger zu nutzen und den Bedarf an neuen Rohstoffen zu reduzieren.

Auch die Baustoffe selbst befinden sich im Wandel. Bei Beton und Zement arbeiten Hersteller, Forschungseinrichtungen und Industrie unter anderem an klinkerreduzierten Zementen, alternativen Bindemitteln, Recyclingbeton, Carbon Beton sowie Verfahren zur Kohlendioxid-Abscheidung und -Speicherung. Parallel gewinnen biobasierte Baustoffe wie Holz, Hanf, Flachs, Stroh und Lehm an Bedeutung.

Neben den Emissionen aus dem Gebäudebetrieb werden zunehmend jene aus Herstellung, Transport, Bau, Sanierung und Rückbau betrachtet. Lebenszyklusanalysen, Umweltproduktdeklarationen und die Erfassung grauer Emissionen gewinnen daher an Bedeutung.

Digitale Transparenz für Materialkreisläufe

Damit Bauteile und Materialien wiederverwendet werden können, müssen Informationen über ihre Eigenschaften verfügbar sein. Herkunft, Zusammensetzung, Umweltwirkungen und Rückbaupotenziale werden damit zu wichtigen Entscheidungsgrundlagen.

Mit der neuen europäischen Bauproduktenverordnung gewinnt auch die digitale Dokumentation von Bauprodukten an Bedeutung. Digitale Produktpässe sollen Umweltinformationen, Konformitätsdaten und weitere produktspezifische Angaben über den Lebenszyklus verfügbar machen. Ziel ist eine bessere Transparenz und Rückverfolgbarkeit entlang der Wertschöpfungskette.

„Dass Nachhaltigkeit auf allen Ebenen der Bau- und Immobilienbranche Einzug hält und immens an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnt, zeigt die Regulatorik. Mit der verpflichtenden Einführung des digitalen Produktpasses sowie der Gebäudeökobilanzierung werden Transparenz und Qualität über den gesamten Lebenszyklus von Produkten und Gebäuden zum neuen Normal für Herstellende und Planende. Die Bau 2027 ist ein guter Ort, um loszulegen und in die Tiefen dieser Themen einzusteigen“, sagt Johannes Kreißig, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) in Stuttgart.

Auch künstliche Intelligenz, Sensorik und Robotik kommen zunehmend bei der Erfassung und Aufbereitung von Materialien zum Einsatz. Sie können dabei helfen, Baustoffe im Bestand zu identifizieren, Bau- und Abbruchabfälle automatisiert zu sortieren und Sekundärrohstoffe gezielter bereitzustellen.

Lösungen für den Bestand

Der Umgang mit Materialien und Ressourcen wird damit zu einem zentralen Thema für die Weiterentwicklung der Bauwirtschaft. Neben dem Erhalt bestehender Gebäude geht es um materialeffiziente Konstruktionen, wiederverwendbare Bauteile, neue Baustoffe und digitale Werkzeuge.

Auf der Bau 2027 in München werden vom 11. bis 15. Januar 2027 Lösungen aus den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Materialeffizienz und digitale Transparenz vorgestellt. Hersteller, Planende, Forschungseinrichtungen und Start-ups präsentieren unter anderem neue Baustoffe, digitale Anwendungen sowie Konzepte für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands.