Im Rahmen der Klimaschutzstrategie „AK klimafit“ wurde das denkmalgeschützte Hauptgebäude der Arbeiterkammer Wien in der Prinz-Eugen-Straße umfassend saniert und in seiner Dachlandschaft neu gedacht. Ziel war es, ökologische, energetische und funktionale Anforderungen zu verbinden und bislang ungenutzte Dachflächen in zukunftsfähige, klimaaktive Räume zu transformieren. Planung und Umsetzung erfolgten zwischen 2022 und 2025 unter anspruchsvollen technischen und denkmalrechtlichen Rahmenbedingungen. 

Kern der Maßnahme war die Umwandlung der bestehenden Kiesdächer in elf Teilbereichen in Null-Grad-Dächer mit Retentions-Solar-Gründachsystemen sowie in intensiv begrünte, nutzbare Dachterrassen. Insgesamt wurden 1.970 m² als Retentions-Gründächer – überwiegend mit integrierter Photovoltaik – ausgeführt. Weitere 585 m² stehen nun als grüne Aufenthaltsterrassen zur Verfügung, davon 446 m² ebenfalls mit Retentionsaufbau. 

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Dachaufbau im Bestand: Statik, Bauphysik und Gewicht im Fokus

Die Sanierung erforderte zunächst die Erneuerung der Dachkonstruktion, Abdichtung und Wärmedämmung, insbesondere in den überwiegend in Holzbauweise ausgeführten Dachgeschossen. Trotz vorhandener Bestandsunterlagen zeigte sich im Bauverlauf, dass die tatsächliche Ausführung teilweise abwich. Unvorhergesehene Mängel und konstruktive Besonderheiten machten kurzfristige, präzise abgestimmte Lösungen notwendig. 

Besondere Aufmerksamkeit galt der bestehenden Dachstatik sowie bauphysikalischen Anforderungen – unter anderem im Bereich von Holzbaukonstruktionen und Schüller-Decken. Für die drei Aufenthaltsterrassen war eine exakte Balance zwischen erforderlicher Mindestaufbauhöhe für die Begrünung und maximal zulässigem Flächengewicht zu entwickeln. Ziel war es, trotz statischer Limitierungen einen möglichst hohen Begrünungseffekt zu erzielen. Im Bereich der Terrasse A3 wurde dazu eine zusätzliche Stahlkonstruktion in den Dachaufbau integriert, um eine sichere Nutzung überhaupt erst zu ermöglichen. 

Erschwerend kam hinzu, dass Null-Dächer mit Retentionsaufbau in Österreich bislang kaum realisiert wurden. Entsprechend herausfordernd gestaltete sich die Suche nach ausführenden Unternehmen mit Bereitschaft und Know-how für diese technisch anspruchsvolle Bauweise. 

PV-Pergola auf der Dachterrasse: Die Stahlkonstruktion übernimmt Verschattung und Energiegewinnung zugleich – darunter entstehen intensiv begrünte Aufenthaltsbereiche mit Retentionsaufbau.
PV-Pergola auf der Dachterrasse: Die Stahlkonstruktion übernimmt Verschattung und Energiegewinnung zugleich – darunter entstehen intensiv begrünte Aufenthaltsbereiche mit Retentionsaufbau. © Grünplan

Retention und Solar: Synergien auf Null-Grad-Gefälle

Das Herzstück des Projekts bildet das Retentions-Solar-Gründach mit permanentem Wasserspeicher. Spezielle Retentionselemente im Dachaufbau und unter den Terrassenplatten ermöglichen eine Wasserspeicherung von bis zu fünf Litern pro Quadratmeter. Insgesamt steht damit ein Retentionsvolumen von 100.980 Litern – rund 100 m³ – am Dach zur Verfügung. Das gespeicherte Wasser wird zeitverzögert an die Vegetation abgegeben, reduziert die Abflussmenge bei Starkregen und entlastet das städtische Kanalsystem. 
Gleichzeitig verbessert die Kombination aus Begrünung und Photovoltaik die energetische Performance. Auf 1.970 m² Dachfläche wurden 343 PV-Module mit einer Gesamtleistung von 148,05 kWp installiert – ausreichend für die Versorgung von bis zu 62 Wohnungen mit Sonnenstrom. Die temperaturausgleichende Wirkung des Gründachs kühlt die Module, steigert deren Wirkungsgrad um fünf bis sieben Prozent und reduziert sommerliche Überhitzung in der obersten Geschoßebene. 

Bemerkenswert ist die konstruktive Lösung der PV-Unterkonstruktion: Diese wird ausschließlich durch das Substrat gehalten und kommt ohne zusätzliche Durchdringung der Dachabdichtung aus – ein entscheidender Vorteil im sensiblen Bestands- und Denkmalkontext. 

Retentions-Gründächer mit integrierter Photovoltaik im Innenhof: Die extensive Begrünung kühlt die Module, erhöht deren Ertrag und reduziert gleichzeitig Regenabflussspitzen.
Retentions-Gründächer mit integrierter Photovoltaik im Innenhof: Die extensive Begrünung kühlt die Module, erhöht deren Ertrag und reduziert gleichzeitig Regenabflussspitzen. © Grünplan
Die flach geneigten PV-Module sind in den extensiven Retentionsaufbau eingebunden und profitieren von der temperaturausgleichenden Wirkung der Vegetationsschicht.
Die flach geneigten PV-Module sind in den extensiven Retentionsaufbau eingebunden und profitieren von der temperaturausgleichenden Wirkung der Vegetationsschicht. © Grünplan

Monitoring und Dauerhaftigkeit

Ein innovatives, unterdruckbasiertes Leckageortungssystem sorgt für zusätzliche Sicherheit. Über ein Netzwerk aus Vliesstreifen und dünnen Schläuchen erkennt das System eindringendes Wasser im Dachaufbau, pumpt es gezielt ab und meldet potenzielle Schäden automatisch an die Gebäudeleittechnik. Damit wurde ein Monitoringkonzept umgesetzt, das über den derzeit üblichen Stand der Technik hinausgeht und insbesondere bei Null-Grad-Dächern neue Maßstäbe setzt. 

Die extensive und intensive Begrünung trägt zudem wesentlich zur Langlebigkeit der Dachabdichtung bei. Durch den Schutz vor UV-Strahlung und extremen Temperaturschwankungen kann sich deren Lebensdauer in etwa verdoppeln. Teilweise kamen Dachbegrünungsmaterialien aus recycelten Rohstoffen zum Einsatz, bestehende Plattenbeläge wurden wiederverwendet – ein weiterer Beitrag zur Ressourcenschonung. 

Biodiversität und Aufenthaltsqualität

Die Null-Grad-Dächer wurden überwiegend mit extensiven Vegetationsmatten (1.435 m²) ausgeführt. Ergänzend entstanden Trogbepflanzungen mit direktem Bodenanschluss an die Retentionskörper (150 m²), bepflanzt mit 1.212 Stauden und Gräsern, 4.169 Zwiebelpflanzen sowie ausgewählten Gehölzen. Die Dachlandschaft fördert Biodiversität, schafft neue Lebensräume – inklusive Bienenstöcken – und verbessert das Mikroklima durch Verdunstungskühlung. 

Auf den Terrassen A2 und A3 wurden Stahl-Pergolen errichtet, die als PV-Tragkonstruktion dienen und zugleich verschattete Arbeits- und Aufenthaltsbereiche im Freien schaffen. Mitarbeitende und Besucher*innen erhalten damit neue, qualitätsvolle Räume über den Dächern Wiens – ein Aspekt, der über rein technische Zielsetzungen hinausweist. 

Musteraufbau des Retentions-Solar-Gründaches: Drain- und Retentionselemente, Filtervlies und Sub-stratschicht bilden die Basis für Begrünung und aufgeständerte Photovoltaik.
Musteraufbau des Retentions-Solar-Gründaches: Drain- und Retentionselemente, Filtervlies und Substratschicht bilden die Basis für Begrünung und aufgeständerte Photovoltaik. © AH3 Architekten
Verlegung der Retentionskörper am Null-Grad-Dach: Die modularen Speicherelemente bilden die Basis für permanent verfügbaren Wasserrückhalt und verzögerten Abfluss.
Verlegung der Retentionskörper am Null-Grad-Dach: Die modularen Speicherelemente bilden die Basis für permanent verfügbaren Wasserrückhalt und verzögerten Abfluss. © AH3 Architekten

Bauen im Denkmal und im laufenden Betrieb

Als denkmalgeschütztes Objekt unterlag das Gebäude strengen Vorgaben von Stadtbildgestaltung, Denkmalschutz und UNESCO-Schutzzone. Nicht alle technisch möglichen Maßnahmen – etwa eine weitergehende Erhöhung der Wärmedämmung – konnten umgesetzt werden. Planung und Detailausbildung, etwa bei Absturzsicherungen und Terrassengestaltung, erforderten eine präzise Abstimmung zwischen bauphysikalischer Optimierung und denkmalrechtlichen Anforderungen. 

Hinzu kamen die beengte innerstädtische Lage, komplexe Baustellenlogistik, Ab- und Antransport der Materialien sowie die Umsetzung im laufenden Büro- und Veranstaltungsbetrieb. Nachbarrechte sowie Baum- und Naturschutzauflagen waren ebenso zu berücksichtigen. 

Leuchtturmprojekt für klimaresiliente Dachlandschaften

Mit einer CO₂-Bindung von rund 45 Tonnen in 50 Jahren, einer deutlichen Reduktion des Regenwasserabflusses und der energetischen Nutzung der Dachflächen steht das Projekt exemplarisch für eine integrale, klimaresiliente Bestandsentwicklung. 

Entscheidend für den Erfolg war neben der technischen Innovationskraft die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten und das Vertrauen des Auftraggebers in das Planungsteam. So entstand über den Dächern Wiens ein Leuchtturmprojekt, das zeigt, welches Potenzial in der Aktivierung bestehender Dachflächen liegt – ökologisch, energetisch und sozial.

Montage der zusätzlichen Stahlkonstruktion auf Terrasse A3: Das neue Tragwerk macht die bislang nicht begehbare Dachfläche statisch nutzbar.
Montage der zusätzlichen Stahlkonstruktion auf Terrasse A3: Das neue Tragwerk macht die bislang nicht begehbare Dachfläche statisch nutzbar. © AH3 Architekten

Bautafel

Objekt: Arbeiterkammer Wien, Prinz-Eugen-Straße 20–22 / Plößlgasse 2, 1040 Wien Projektzeitraum: 2025 (Umsetzung)
Auftraggeber: AK Wien – Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien Architektur: AH3 Architekten ZT GmbH
Landschaftsarchitektur: grünplan Landschaftsarchitekten
Energieplanung: PowerSolution Energieberatung GmbH
Örtliche Bauaufsicht: di hartl planungs- und baumanagement gmbh & co kg
Baustellenkoordination: h2+ projektmanagement gmbh
Dachdecker: Schmitzer Dach & Bau GmbH
Baumeister: Schüller Bau GmbH
Garten- und Landschaftsbau: Ing. Rudolf Richter GmbH
Dachsysteme: Bauder GesmbH
Installateur: Caverion Österreich GmbH
Photovoltaik und Elektrotechnik: Ing. Emmerich Csernohorszky GmbH