BIRGIT TEGTBAUER: Bauwerksbegrünung wird oft mit Neubauten assoziiert. Welche Rolle spielt sie Ihrer Erfahrung nach im Bestand?

OLIVER STERL: Unsere Städte erwärmen sich zunehmend – besonders die dichten Bestandsstrukturen mit hoher Versiegelung und erheblichem Wärmespeichervermögen sind von urbanen Hitzeinseln besonders betroffen. Um diese Stadtbereiche langfristig lebenswert zu halten, stehen grundsätzlich zwei Wege offen: technisch aufwendige und kostenintensive Maßnahmen wie Klimatisierung oder mikroklimatische Installationen im Außenraum – oder der Einsatz eines vergleichsweise einfachen, wirtschaftlichen und zugleich hochwirksamen Systems: der Bauwerksbegrünung. Durch Verdunstungskühlung, Verschattung und Feuchteregulierung verbessert sie das Mikroklima signifikant und reduziert sowohl die gefühlte als auch die tatsächliche Lufttemperatur an heißen Tagen.

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Welche Arten von Bestandsgebäuden eignen sich besonders für eine nachträgliche Begrünung – und wo stößt man an Grenzen?

Grundsätzlich ist nahezu jedes Gebäude begrünbar. In der Praxis können jedoch denkmalpflegerische Auflagen, brandschutztechnische Anforderungen oder verkehrsrechtliche Rahmenbedingungen die Umsetzung erheblich erschweren oder im Einzelfall verhindern. Daher analysieren wir jedes Projekt individuell und entwickeln darauf abgestimmte Maßnahmen, die technisch, rechtlich und wirtschaftlich tragfähig sind.

Aus welchen Motiven heraus entscheiden sich Bauherr*innen im Bestand für Begrünungsmaßnahmen: gestalterische Aufwertung, energetische Aspekte, ESG-Kriterien, Förderungen oder Image?

Sanierungsprojekte werden zunächst häufig von technischen und wirtschaftlichen Parametern geprägt. Sobald jedoch Begrünungskonzepte ins Spiel kommen, verändert sich die Diskussion spürbar: Sie wird emotionaler. Begrünung erzeugt unmittelbar wahrnehmbare Qualitätsgewinne – visuell wie atmosphärisch. Unser Anspruch ist es, jedem Projekt durch gezielte Begrünung eine positive, fast sinnliche Dimension hinzuzufügen. Ein aktuelles Beispiel ist die Umgestaltung einer bislang wenig attraktiven Innenhof-Dachfläche in der Wiener Siccardsburggasse zu einem Dachgarten, inspiriert von den Prinzipien des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx. Dieses Element war entscheidend, um die Bewohnerinnen und Bewohner für das Gesamtprojekt zu gewinnen.

Inwiefern kann Bauwerksbegrünung zur Aufwertung einer Immobilie beitragen?

Entscheidend sind Temperatur und Mikroklima. Räume, die emotional positiv besetzt sind und ein angenehmes Umfeld bieten, besitzen klare Vorteile in der Vermarktung. Es ist absehbar, dass diese Qualitäten künftig auch systematisch in Gebäudezertifizierungen einfließen – mit entsprechend messbaren ökonomischen Effekten.

Welche bautechnischen Prüfungen sind bei Bestandsgebäuden vor einer Fassaden- oder
Dachbegrünung im Regelfall erforderlich?

Im Zuge jeder Sanierung erfassen wir den Bestand so präzise wie möglich und analysieren dessen geometrische, statische, bauphysikalische und brandschutztechnische Eigenschaften. Auf dieser Grundlage wird das geeignete Begrünungssystem definiert. Insbesondere dach- und fassadengebundene Systeme erfordern eine vertiefte statische Bewertung.

Welche Anforderungen stellen Sie an Ausschreibung und Detailplanung, um spätere Schäden oder Haftungsfragen zu vermeiden?

Unsere Planungen folgen klaren gestalterischen und funktionalen Leitlinien: alltagstaugliche Freiräume, ganzjährig attraktive Bepflanzung, gegebenenfalls auch nutzbare Elemente wie Nasch- oder Gemeinschaftsgärten. Bereits in einer frühen Phase stimmen wir diese Konzepte eng mit ausführenden Fachbetrieben ab, um technische Details zu klären. Das Ergebnis ist eine funktionale Ausschreibung, die der ausführenden Firma ausreichend Spielraum für systemspezifische Optimierungen lässt.

Gibt es typische „Fehlerquellen“ bei der nachträglichen Begrünung, die in der Planung oder Ausführung immer wieder unterschätzt werden?

Ein häufig unterschätzter Faktor ist das Wachstum der Vegetation und das damit verbundene zusätzliche Gewicht, das in der statischen Planung berücksichtigt werden muss. Ebenso relevant sind brandschutztechnische Aspekte, etwa durch pflanzeneigene Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, die im Brandfall das Verhalten beeinflussen können.

Wie integrieren Sie Begrünungssysteme in bestehende Fassadenaufbauten, insbesondere bei  gedämmten oder denkmalgeschützten Fassaden?

Die Integration von Begrünungssystemen ist stets eine projektspezifische Aufgabe. Sowohl technische als auch gestalterische Lösungen werden individuell entwickelt und auf die jeweiligen Rahmenbedingungen – etwa bei gedämmten oder denkmalgeschützten Fassaden – abgestimmt.

Sehen Sie Begrünung eher als additive Maßnahme oder als integralen Bestandteil eines Sanierungskonzepts?

Wir verstehen Bauwerksbegrünung nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil einer ganzheitlichen Sanierungsstrategie. Ziel ist es, mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand ein Optimum in zentralen Handlungsfeldern zu erreichen – von energetischer Sanierung und CO₂-neutraler Energieversorgung über Klimawandelanpassung und Kreislaufwirtschaft bis hin zu urbaner Verdichtung und sozialer Nachhaltigkeit. In diesem Kontext ist Begrünung ein wesentlicher Baustein.

Wird Bauwerksbegrünung im Bestand in den kommenden Jahren vermehrt zum Standard werden bzw. was braucht es dafür?

Angesichts steigender Temperaturen und wachsender Anforderungen an Lebens- und Arbeitsqualität ist Bauwerksbegrünung faktisch bereits heute Standard – sowohl im Neubau als auch in der Sanierung. Zudem verankern Flächenwidmungs- und Bebauungspläne zunehmend verbindliche Mindestanteile für Dach- und Fassadenbegrünung. Die Entwicklung geht klar in die richtige Richtung.

Zur Person

DI Oliver Sterl studierte nach der HTBLA Hochbau an den Technischen Universitäten von Graz und Wien Architektur. Seit 2005 ist er Partner und Geschäftsführer von RLP Rüdiger Lainer + Partner Architekten ZT GmbH in Wien. Das Architekturbüro arbeitet seit über 30 Jahren in den Kernbereichen Städtebau, Architektur und Generalplanung. Parallel dazu ist es auf dem Gebiet der Revitalisierung/Altbausanierung erfolgreich.
Nähere Infos: www.lainer.at