Wie beurteilen Sie das Thema „Fachkräftemangel“ im Baugewerbe?
Ich sehe zwei Engpässe, die sich in den nächsten Jahren massiv verschärfen werden: bei den Fachkräften und bei den Führungskräften. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, und mit ihnen viele erfahrene Poliere sowie Bauleiter:innen. Seit 2021 hat die Branche zudem mehr als 20.000 Beschäftigte verloren. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage am Bau gehen derzeit auch die Anmeldungen bei den hochwertigen Ausbildungen zurück, von der Polier- und Bauleiterausbildung über Managementlehrgänge bis zu den Studienprogrammen. Wer heute bei der Qualifizierung spart, dem fehlt in wenigen Jahren die Führungsebene auf der Baustelle und im Betrieb.
Beitrag der Ausbildung
Welchen Beitrag kann die Aus- und Weiterbildung hier leisten?
Den entscheidenden. Fachkräfte am Bau entstehen in den Betrieben und in der Bildung. Oberösterreich bildet mit rund 21.400 Lehrlingen über alle Branchen mehr aus als jedes andere Bundesland, darauf können wir aufbauen. Die Lehre allein reicht aber nicht. Wir müssen Menschen in den Betrieben halten und weiterentwickeln. Die Bauakademie OÖ begleitet sie dabei bis zu zwei berufsbegleitenden Bachelor-Studien mit der Universität für Weiterbildung Krems. Wer sieht, dass es am Bau echte Aufstiegschancen gibt, bleibt in der Branche.
Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Digitalisierung?
Eine große, allerdings anders als viele erwarten. Die Bauproduktivität hinkt der übrigen Industrie seit Jahren hinterher, das zeigt auch unsere Metastudie mit der Universität Innsbruck. Digitale Werkzeuge können hier viel bewegen. In einer aktuellen Studie mit 42consulting haben wir uns angesehen, warum sie in kleinen und mittleren Bauunternehmen trotzdem oft schon bei der Einführung scheitern. An der Technik liegt es selten, entscheidend ist die Unternehmenskultur. Wer vor dem Kauf einer Software die eigenen Abläufe analysiert und die Belegschaft vom Polier bis zur Bauleitung früh einbindet, erreicht, dass das Programm im Alltag auch genutzt wird. Einen Produktivitätsknick in der Einführungsphase sollten Führungskräfte offen ansprechen und einplanen. Digitalisierung macht den Beruf außerdem für junge Menschen attraktiver. Mit dem Bau.KI.Pilot begleiten wir Betriebe beim Einstieg in künstliche Intelligenz. Digitale Kompetenz gehört für mich in jede Ausbildung am Bau, von der Lehre über die Polierausbildung und die Bauleitung bis zu Top-Management-Ausbildungen.
