Neun Meisterstücke, unterschiedliche konstruktive Herausforderungen und viel handwerkliches Können: Bei der Präsentation am 19. September 2026 in der Berufsschule Wien zeigten angehende Tischlermeister*innen, wie vielfältig sich modernes Tischlerhandwerk interpretieren lässt. Vom Sakralschrank über einen Musikinstrumentenschrank und einen Schreibtisch bis hin zu Sitzmöbeln, Sideboards und einer Anrichte reichte das Spektrum der präsentierten Arbeiten. Neun fertiggestellte Meisterstücke konnten Besucher*innen bei der diesjährigen Präsentation aus nächster Nähe betrachten. Dabei zeigte sich: Hinter einer auf den ersten Blick klaren Form stecken oft viele Stunden Planung, aufwendige Berechnungen und anspruchsvolle handwerkliche Lösungen.
Was man auf den ersten Blick nicht sieht
Ein gutes Beispiel dafür war ein Sessel aus Wiener Ahorn. Eigens entwickelte Profile, Gratleisten und verdeckte Verbindungen bestimmen seine Konstruktion. Für die einzelnen Frässchritte mussten zahlreiche Schablonen angefertigt werden. Rund 140 Arbeitsstunden flossen in die Herstellung des Sessels. Besondere Anforderungen stellte auch ein Schrank für Musikinstrumente. Seine Unterkonstruktion ist vom Flugzeugbau des frühen 20. Jahrhunderts inspiriert. Neben der Gestaltung galt es, die klimatischen Anforderungen an die Aufbewahrung der Instrumente zu berücksichtigen. Für die bauchigen Türen entwickelte der Kandidat zudem einen eigenen Beschlag, der nach seinen Angaben bereits zum Patent angemeldet wurde. Ein Schreibtisch wiederum entstand als Weiterentwicklung eines Gesellenstücks. Das Untergestell sollte ohne senkrechte oder waagrechte Füße, Stollen, Stege oder Zargen auskommen. Entsprechend komplex waren die Berechnungen der Winkel und Verbindungen.
Holz trifft auf Glas und Kunststein
Dass sich die Meisterstücke nicht auf den klassischen Werkstoff Holz beschränkten, zeigte ein rund 80 Kilogramm schwerer Blumen-Schmuckkasten. Gefräster Kunststein wurde dabei mit zwei ESG-Sonderglasplatten kombiniert. Das von Blumenmustern inspirierte Fräsprogramm erstellte die Kandidatin selbst. Verdeckte Fächer sowie Öffnungsmechanismen mit Magneten ergänzen die Konstruktion. Einen ganz anderen gestalterischen Ausgangspunkt hatte ein Tisch, dessen Formensprache von der „Enterprise“ aus der gleichnamigen Fernsehserie inspiriert wurde. Tisch, Sideboard und ein wendbarer Korpus bilden eine Einheit. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei den bündig ausgeführten Übergängen der unterschiedlichen Verbindungen und der fein geschliffenen und geölten Oberfläche.
Die Kunst des Biegens
Gleich mehrere Arbeiten beschäftigten sich mit gebogenen Bauteilen. Besonders deutlich wurde das bei einer Sitzbank mit fließenden Formen und durchlaufend gereihten Furnieren. Die gebogenen Elemente entstanden mittels Schichtverleimung, selbst die schrägen Sonderfüße wurden mithilfe eigens angefertigter Schablonen hergestellt. Geheimlade, Seitenladen und Rückklappe sind in das Möbel integriert. Eichenholz und ein darauf abgestimmter Stoff nehmen Bezug auf den Fischgrätboden des Altbaus, für den die Bank bestimmt ist. Noch aufwendiger gestaltete sich die Herstellung der gebogenen Elemente eines Sideboards. Rift- und Halbriftbretter wurden zugeschnitten, in der Schweiz gedämpft und gebogen und anschließend zu einem massiven Korpus verleimt. Traditionelle Techniken wie Keilzinken und Gratfräsungen kamen dabei ebenso zum Einsatz wie Linoleum. Metall wurde bewusst auf wenige Bauteile reduziert.
Meisterprüfung als Leistungsschau
Die Präsentation bot nicht nur Gelegenheit, die fertigen Möbel zu besichtigen. Zahlreiche bereits aktive Meister*innen nutzten den Termin, um sich mit den Kandidatinnen und Kandidaten über Konstruktionen, Materialien und Lösungswege auszutauschen. Nicht für alle Teilnehmer*innen bedeutet das fertige Meisterstück bereits den Abschluss der Meisterprüfung: Einzelne Module stehen teilweise noch aus. Die präsentierten Arbeiten machten dennoch sichtbar, welches Spektrum die Meisterprüfung abdeckt. Traditionelle Verbindungstechniken stehen dabei neben selbst entwickelten Konstruktionen, Biegetechniken und der Kombination unterschiedlicher Materialien. Gerade diese Verbindung von handwerklichem Wissen, Planung und individueller Gestaltung machte die diesjährige Meisterstückpräsentation zu einer Leistungsschau des Tischlerhandwerks. (gh)