Der überraschende Beschluss des Umweltministeriums, bei der Sanierungsoffensive nur noch auf den Heizkesseltausch zu setzen, erhitzt auch noch Tage nach der Verkündung die Gemüter in der Baubranche. „Wenn es darum geht, den Energieverbrauch zu senken, führt an Investitionen in die Gebäudesubstanz kein Weg vorbei. Investitionen in neue Heizungstechnologien mögen zwar im Sinne einer Verbesserung der CO₂-Bilanz kurzfristig von Vorteil sein, bringen aber keine substanziellen Energie-Einsparungen, wenn nicht auch das Gebäude klimafit gemacht wird“, meint der Obmann des Österreichischen Baumeisterverbandes (ÖBV) Robert Jägersberger. „Primär gilt es, den Energiebedarf zu senken und erst in weiterer Folge geht es darum, den reduzierten Energiebedarf CO₂-schonend zu decken.“
Thermische Sanierung: Kunde soll selbst entscheiden
Grundsätzlich sollte aus Sicht des Baugewerbes der Kunde oder Förderungswerber selbst entscheiden dürfen, welche Sanierungsmaßnahmen im Einzelfall die besten Resultate bringen. Ein künstlicher Eingriff, wie er nun stattgefunden hat, sei hier kontraproduktiv. Darüber hinaus führe „die wiederholt an den Tag gelegte Stop-and-Go-Politik der öffentlichen Hand zur Verunsicherung jener Menschen“, die grundsätzlich bereit wären, klimaverbessernde Investitionen in ihr Zuhause zu tätigen. „Diese müssen während der Planungsphase damit rechnen dürfen, dass die ausgelobten Förderungen zum Zeitpunkt der Beantragung dann auch tatsächlich lukriert werden können“, so der ÖBV. Obmann Jägersberger: „Planbarkeit ist für derartige Investitionsentscheidungen eine wesentliche Voraussetzung, aber diese ist aktuell nicht gegeben.“
Wohnbau-Milliarde nutzen
Um die im Regierungsprogramm angekündigte Sanierungsoffensive wieder in die Spur zu bringen, fordert das Baugewerbe, jene Teile der im Februar 2024 beschlossenen Wohnbau-Milliarde zu nutzen, die – insbesondere aufgrund der restriktiven Zuschuss-Kriterien – von den Ländern nicht abgeholt wurden. Das Baugewerbe plädiert dafür, die nicht zur Auszahlung kommenden Mittel für eine neue Sanierungsoffensive zu verwenden, wobei der Sanierungsbegriff durchaus breiter definiert werden sollte: Anstatt lediglich die Sanierung einzelner Gebäudeteile oder der Gebäudehülle zu fördern, sollten aus Sicht des ÖBV umfassende bauliche Sanierungen forciert werden – zum Beispiel die Sanierung von Ortskernen.
Damit würden auch wesentlichen Zielsetzungen des Regierungsprogramms Rechnung getragen werden, meint der ÖBV weiter. Konkret: die „laufende Evaluierung des Wohnbaupakets“, die „Unterstützung thermisch-energetischer Sanierung durch gezielte Förderprogramme“ sowie eine „Umsetzung der baukulturellen Leitlinien des Bundes zur Belebung der Stadt- und Ortskerne“. Zusätzlich zu einer Energie- und CO₂-Einsparung wären laut ÖBV mit derartigen Förderprogrammen auch beachtliche positive Nebeneffekte im Hinblick auf Bodenverbrauch und Siedlungspolitik verbunden.
Sanierung rechnet sich
Der ÖBV verweist auf die Förderaktion Sanierscheck Anfang der 2010er Jahre. Damals sei die Hebelwirkung von Sanierungsförderungen von den zuständigen Ministerien beziffert worden: Pro 100 Millionen Euro Förderung wurde damals ein Investitionsvolumen von 700 Millionen Euro ausgelöst. Ein Investitionsvolumen dieser Größenordnung beschert dem Staat Steuerrückflüsse in Höhe von in etwa 180 Millionen Euro und zusätzliche Beitragszahlungen an die Sozialversicherung in Höhe von rund 120 Millionen Euro. „Diese Zahlen belegen, dass öffentliche Impulse für bauliche Sanierungen nicht nur aus Gründen der Klima- und CO₂-Bilanz, sondern auch wegen der volkswirtschaftlichen Effekte enorme Vorteile bringen. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass entsprechende bauliche Sanierungsmaßnahmen eine überdurchschnittliche inländische Wertschöpfung generieren und einen besonders hohen Beschäftigungsmultiplikator aufweisen“, meint der ÖBV.
„Ich appelliere an die Bundesregierung, nicht am falschen Platz zu sparen und im Wege einer Sanierungsoffensive Impulse für bauliche Maßnahmen zu setzen. Der Heizkesseltausch alleine greift hier zu kurz. Eine nachhaltige Reduktion des Energieeinsatzes wird nur in einem Gesamtpaket, welches auch die Gebäudesubstanz mit einschließt, zu bewerkstelligen sein“, meint Obmann Baugewerbe-Vertreter Jägersberger. „Das Baugewerbe steht mit seiner praxiserprobten Expertise gerne zur Verfügung, um ein optimiertes Fördermodell zu entwickeln.“