Albert Achammer ist seit Mitte 2025 CEO der ATP Gruppe, eines der größten Planungsbüros Europas. Im Interview spricht er über die Notwendigkeit, das Berufsbild des Architekten zu überdenken: weg vom Spezialistentum, hin zum Generalisten mit Überblick. Im Zentrum steht dabei die integrale Planung als Methode, um Silos aufzubrechen, Qualität zu sichern und Nachhaltigkeit zu ermöglichen.
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Herr Achammer, Sie fordern, dass Architekten wieder verstärkt als Generalisten agieren? Warum eigentlich?
Albert Achammer: Die zunehmende Komplexität unserer Welt hat in vielen Bereichen dazu geführt, dass wir uns stark spezialisiert haben. Das ist auch im Bauwesen spürbar. Dabei besteht die Gefahr, dass man als Architekt den Überblick verliert. Ich bin jedoch überzeugt, dass Architektur genau diesen Überblick braucht: die Fähigkeit, das Ganze zu sehen, zu führen und zu koordinieren. Wer sich ausschließlich auf Gestaltung oder Technik konzentriert, läuft Gefahr, das große Ganze aus den Augen zu verlieren – und damit auch die Qualität des Endprodukts. Ein gelungenes Gebäude ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer bewussten, integralen Orchestrierung aller beteiligten Disziplinen.
Weg vom Silodenken
Was kann schiefgehen, wenn diese Orchestrierung fehlt?
In der Bauwirtschaft arbeiten wir oftmals in Silos, die streng voneinander getrennt sind: Der Architekt entwickelt eine Idee, die dann von anderen auf Umsetzbarkeit, Kosten oder Technik geprüft wird – aber selten im Dialog. Die Tragwerksplanung meldet sich später mit Einwänden, die Haustechnik zieht nach, und so beginnt ein ineffizienter Kreislauf. Dieses Hin und Her kostet nicht nur Zeit, sondern oft auch Qualität. Wir plädieren deshalb dafür, alle wesentlichen Beteiligten frühzeitig zusammenzubringen. Das ist in anderen Branchen längst Standard. Nur im Bauwesen hält sich dieses Silodenken hartnäckig.
Wie setzen Sie diesen integralen Gedanken bei ATP konkret um?
Wir verstehen uns als Netzwerk – intern wie extern. Neben Architektur, Tragwerksplanung und technischer Gebäudeausrüstung haben wir Spezialistinnen und Spezialisten für Brandschutz, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung im Haus. Gleichzeitig kooperieren wir mit externen Partnern. Diese Offenheit macht es möglich, bei fast jedem Projekt alle relevanten Akteure von Anfang an zu integrieren.

Albert Achammer, CEO von ATP Architekten Ingenieure (C) ÖWV
Kann es nicht auch Probleme schaffen, wenn der Architekt als Generalist agiert? Wie schaut es mit der Schnittstelle zum Generalunternehmer aus?
Ich halte den Begriff „Schnittstelle“ in diesem Zusammenhang für problematisch. Er suggeriert, dass es klare Grenzen der Verantwortung gibt: Bis hierhin denke ich mit, danach ist es nicht mehr mein Thema. Doch genau das ist ein Grundproblem unserer Branche. Jeder sucht seinen sicheren Bereich, anstatt gemeinsam die beste Lösung für das Projekt zu finden. Integrale Planung erfordert ein Denken in Anknüpfungspunkten, nicht in Grenzen. Natürlich gibt es historisch gewachsene Spannungen zwischen Planern und Generalunternehmern. Aber wenn wir über echte Zusammenarbeit sprechen, dann muss diese über Disziplingrenzen hinweg funktionieren.
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Ein zentrales Thema am Bau ist auch die Nachhaltigkeit. Wie kann integrale Planung helfen, die Klimaziele im Bauwesen zu erreichen?
Zunächst einmal müssen wir uns klarmachen: Jeder Bauprozess setzt CO₂ frei – ganz unabhängig vom Material. Die entscheidende Frage lautet daher: Müssen wir überhaupt bauen? Oder gibt es alternative Wege? Diese Fragen kann keine einzelne Disziplin beantworten. Erst durch den interdisziplinären Blick entstehen tragfähige, nachhaltige Lösungen.
Wir betrachten den Bestand nicht nur baulich, sondern auch technisch, wirtschaftlich und sozial. Das erlaubt uns, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die Bestand und Zukunft miteinander verbinden.
Albert Achammer
Wie früh sollten Architekten dabei in Projekte eingebunden werden?
Idealerweise sehr früh – noch bevor Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Leider erleben wir oft das Gegenteil: Die wesentlichen Weichenstellungen sind bereits erfolgt, wenn Architekturbüros eingeladen werden. Dabei liegt gerade in den frühen Phasen der größte Hebel für nachhaltiges und wirtschaftliches Planen.
Welche Rolle spielt das Bauen im Bestand dabei?
Eine sehr zentrale. In Österreich erleben wir bereits eine Umkehr: Der Großteil der Bauvorhaben betrifft Umbauten oder Erweiterungen. Neubauten auf der grünen Wiese werden seltener. Und das ist auch gut so. Bestandsprojekte sind komplex, aber genau darin liegt ihre Qualität. Unser integraler Ansatz hilft uns dabei, mit dieser Komplexität umzugehen. Wir betrachten den Bestand nicht nur baulich, sondern auch technisch, wirtschaftlich und sozial. Das erlaubt uns, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die Bestand und Zukunft miteinander verbinden.
Man hört häufig von großer Ineffizienz am Bau. Wie schätzen Sie das ein?
Das Potenzial ist enorm. Wir sprechen oft von 40 bis 50 Prozent Effizienzverlusten im Bauprozess – und das betrifft alle Phasen, von der Idee bis zur Umsetzung. Ein Beispiel: Wenn wir frühzeitig mit ausführenden Firmen sprechen, können wir präzisere Angebote abgeben. Das spart nicht nur Geld, sondern reduziert auch Risiken. Oder denken Sie an Produktentscheidungen: Oft legen wir Aufzüge oder andere Bauteile generisch aus – damit es in jeder Ausschreibung passt. Das führt zu überdimensionierten Schächten oder unnötigen Pufferflächen. Wenn man früher konkret wird, kann man passgenauer planen – und effizienter bauen.
Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung – etwa BIM?
BIM ist ein wertvolles Werkzeug, um Informationen transparent zu machen und fundierte Entscheidungen zu ermöglichen. Aber man darf sich nicht von der Technologie leiten lassen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie entfaltet nur dann ihr Potenzial, wenn Prozesse und Kultur mitziehen. Wir haben erlebt, dass junge Kollegen sich in der Detailtiefe digitaler Modelle verlieren – bis zur letzten Schraube. Aber man darf den Überblick nicht verlieren. Digitalisierung muss das Denken und Entscheiden unterstützen – nicht ersetzen.
Was heißt das konkret für die Arbeit mit Daten?
Wir müssen lernen, zwischen wichtigen und überflüssigen Daten zu unterscheiden. Ein überfrachtetes Modell ist nicht automatisch ein gutes Modell. Deshalb fragen wir bei neuen Projekten frühzeitig: Welche Daten braucht das Facility-Management später wirklich? Und wie können wir diese Daten gezielt erheben und weitergeben? Dieser Perspektivwechsel – vom Bau hin zum Betrieb – verändert unsere Arbeit nachhaltig. Denn es geht nicht darum, alles zu erfassen, sondern das Relevante nutzbar zu machen.