Der Umbau war in der Architektur nie völlig randständig. Viele Büros beginnen ihre Praxis mit Adaptierungen, Erweiterungen oder Umnutzungen, weil diese Projekte kleiner, überschaubarer und näher an der gebauten Realität sind als der große Entwurf auf der grünen Wiese. Neu ist heute allerdings die Gewichtung. Was früher als eine Disziplin unter vielen galt, rückt nun ins Zentrum der Debatte.

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Lorenzo De Chiffre beschreibt diese Verschiebung als „Entwurfswende“. Gemeint ist damit kein modischer Begriff, sondern ein tiefgreifender Wandel im architektonischen Selbstverständnis. Über Jahrzehnte war die Profession stark auf den Neubau ausgerichtet: ein freies Grundstück, ein Programm, ein Entwurf. Nun werde immer deutlicher, dass dieses Modell die Realität des Bauens nur noch unzureichend abbilde. „Der Bestandserhalt wird zum Normalfall“, sagt De Chiffre.

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Darin liegt für ihn ausdrücklich keine Einschränkung architektonischer Kreativität. Im Gegenteil: Die Arbeit am Vorhandenen eröffne einen produktiven Dialog. Während der Neubau oft mit dem Bild des leeren Blatts verbunden sei, antworte der Bestand bereits mit räumlichen, materiellen und historischen Vorgaben. Ein Gebäude, so formuliert es De Chiffre, „sagt“ etwas. Darauf müsse Architektur reagieren.

„Wenn man mit einem Bestandsgebäude arbeitet, ist man mit einer vorhandenen Struktur konfrontiert, auf die man reagieren muss. Das Gebäude ‚sagt‘ uns etwas.“

Lorenzo De Chiffre

Gerade darin sieht er ein gestalterisches Potenzial, das in der klassischen Entwurfslogik lange unterschätzt wurde. De Chiffre bringt ein Beispiel: „Wenn eine desacralisierte Kirche zu einem Kindergarten wird, lassen sich standardisierte Typologien nicht einfach übernehmen. Es entstehen Räume, die nicht nach Handbuch funktionieren, sondern aus der konkreten Situation heraus entwickelt werden.“ Lorenzo De Chiffre spricht in diesem Zusammenhang von Kontingenz: vom Spielraum, der im Umgang mit dem Vorgefundenen entsteht.

Lorenzo de Chiffre
©ÖWV/Stefan Böck © ÖWV/Stefan Böck

Wenn das Gebäude mit am Tisch sitzt

Diese Sichtweise verschiebt auch die Rolle des Bestands. Er ist nicht bloß zu konservieren, aber auch nicht bloß Materialreserve. Vielmehr wird das vorhandene Gebäude zum aktiven Gegenüber im Entwurfsprozess. De Chiffre knüpft damit an Positionen aus Architekturtheorie und Umbaupraxis an, die davon ausgehen, dass Bauteile, Strukturen und räumliche Konstellationen einen eigenen Aussagewert besitzen.

Das ist besonders relevant, weil nur ein kleiner Teil der Bausubstanz überhaupt unter Denkmalschutz steht. Der weitaus größere Bestand umfasst Alltagsarchitektur, Zweckbauten, Wohnhäuser und Strukturen aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Gerade hier liegt ein enormes Transformationsfeld. Für De Chiffre ist der Bestand deshalb nicht nur etwas, das bewahrt, sondern auch etwas, mit dem gearbeitet werden kann. Er lässt offen, wie weit Eingriffe reichen sollen. Weiterentwicklung ist ebenso denkbar wie radikale Umdeutung.

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Damit wendet er sich gegen eine verbreitete Vorstellung in der Branche: dass Umbau zwangsläufig komplizierter, langsamer und teurer sei als Neubau. Diese Annahme hält er in vielen Fällen für verkürzt oder schlicht falsch. Allerdings, und das betont er ausdrücklich, kann Architektur diese Wahrnehmung nicht allein korrigieren. Es gehe ebenso um Finanzierung, Recht, Normen und politische Steuerung.

Der Umbau ist damit immer auch ein öffentlicher Diskurs. Denn sobald vom Erhalt bestehender Gebäude die Rede ist, stellen sich Fragen nach Ressourcenverbrauch, CO₂-Bilanz, Bodenpolitik und gesellschaftlichem Nutzen. De Chiffre verweist auf die Bauwirtschaft als einen zentralen Hebel in der Klimadebatte. Weltweit sei der Sektor für rund vierzig Prozent der Emissionen verantwortlich, weshalb der Umgang mit dem Bestand weit über eine rein architektonische Fachfrage hinausreiche.

„Die verbreitete Ansicht, dass Umbau komplizierter, teurer und langsamer sei, ist in vielen Fällen schlicht falsch.“

Lorenzo De Chiffre

Neue Ästhetik, neue Konflikte

Mit der Entwurfswende ist auch eine Debatte über Ausdruck und Erscheinungsbild verbunden. De Chiffre warnt vor vorschnellen ästhetischen Festlegungen. Bestandstransformation bedeute nicht automatisch eine rohe, fragile oder bewusst unfertige Architektur. Aber wenn zerlegbare Konstruktionen, wiederverwendete Bauteile oder additive Eingriffe mitgedacht werden, dann könne daraus tatsächlich eine andere Formensprache entstehen.

Diese neue Ästhetik ist nicht konfliktfrei. De Chiffre verweist auf eine Debatte in Deutschland, ausgelöst durch die Auszeichnung für die Erweiterung des Zentrums für Kunst und Urbanistik ZK/U in Berlin-Moabit. Kritische Stimmen beschrieben die Architektur als ungeordnet oder „klapprig“. Für ihn zeigt sich darin mehr als eine bloße Geschmacksfrage. Hinter der ästhetischen Kritik stehe häufig auch ein Unbehagen gegenüber den sozialen und politischen Implikationen des Umbaus.

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Denn wer Bestandserhalt fordert, kritisiert oft implizit eine Wegwerflogik des Bauens. Im 20. Jahrhundert, so die Diagnose, wurde zu viel abgerissen, zu viel ersetzt und zu wenig weitergedacht. Der Umbau steht damit auch für ein anderes Verhältnis zu Material, Geschichte und Gebrauchswert. Er ist nicht nur eine technische oder formale Antwort, sondern auch eine kulturelle.

Dass entsprechende Initiativen und Debatten – wie zuletzt HouseEurope! – nicht überall die notwendige Reichweite erzielen, bewertet De Chiffre kritisch. Zugleich sieht er in der Architekturszene insgesamt ein klares Problembewusstsein. Sein Eindruck: Der Wille, nachhaltiger zu bauen und den Bestand ernst zu nehmen, ist in der Profession längst angekommen.

Was sich in der Lehre ändern muss

Besonders spannend wird De Chiffres Sichtweise dort, wo er die Konsequenzen für die Ausbildung beschreibt. Lange Zeit, sagt er, sei die Praxis beim Thema Umbau der Lehre voraus gewesen. Das habe auch pragmatische Gründe. Lehrveranstaltungen mit realen Bestandsgebäuden sind aufwendig. Man braucht Zugang zu Objekten, Besichtigungen, Daten, Ansprechpartner und eine Bewertungskultur, die nicht automatisch große Eingriffe belohnt.

Genau darin liegt für ihn jedoch die didaktische Chance. Wenn eine gute Lösung darin besteht, wenig zu verändern, dann fordert das die traditionelle Entwurfslehre heraus. Architekturunterricht müsse sich öffnen hin zu einer prozesshaften und dialogischen Praxis. Wer im Bestand entwirft, muss nicht nur mit dem Gebäude in Dialog treten, sondern auch mit den Menschen, die es nutzen, genutzt haben oder künftig nutzen sollen. Architektur könne in diesem Feld nicht mehr top-down verordnet werden. Stattdessen entstehen Prozesse der Ko-Kreation und Ko-Produktion. Das verändere die Rolle der Architekt*innen grundlegend.

Grein als Beispiel für gelebte Transformation

Wie produktiv dieser Ansatz sein kann, zeigt das von De Chiffre geschilderte Beispiel des Schiffsmeisterhauses in Grein an der Donau. Dort entwickelte eine Gruppe von Studierenden gemeinsam mit lokalen Akteur*innen Nachnutzungsszenarien für ein komplexes Bestandsgebäude. Entscheidend war nicht nur der Entwurf, sondern das Zusammenspiel mit der Stadtgemeinschaft: Gemeinderat, Nachbarschaft, Eigentümer und lokale Gewerbetreibende wurden Teil des Prozesses.

Aus studentischen Ideen entstand schließlich ein reales Nutzungskonzept. Heute beherbergt die „Schiffsmeisterei“ unter anderem einen Antiquitätenhandel, eine kleine Kunstgalerie und touristische Apartments. Für De Chiffre ist das ein anschaulicher Beleg dafür, dass Umbaulehre weit mehr sein kann als ein akademisches Spezialthema. Sie kann reale Entwicklung anstoßen.

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Anders fällt sein Blick auf Wien aus, insbesondere auf die Debatte um die Alte WU. Hier sieht er eine vertane Chance. Bildungsräume abzureißen, um neue Bildungsräume zu schaffen, hält er für das falsche Signal. Gerade ein solches Projekt hätte aus seiner Sicht das Potenzial, beispielhaft zu zeigen, wie Bestandserhalt und zukunftsfähige Nutzung zusammengedacht werden können.

Am Ende bleibt De Chiffre dennoch optimistisch. Nicht, weil die Probleme klein wären, sondern weil sich mit einer kreislauffähigen, umbauorientierten Architektur ein neues, gestalterisch reiches Feld öffnet. Dafür braucht es allerdings politische Instrumente: Fördermodelle, steuerliche Anreize, CO₂-Bepreisung und vor allem Regelwerke, die nicht länger fast ausschließlich vom Neubau aus gedacht sind. Die Forderung nach einer „Umbauordnung“ statt einer primär neubauorientierten Bauordnung verweist genau in diese Richtung.

Sein Ausblick ist klar: Nicht der Neubau definiert die Zukunft der Architektur, sondern der intelligente Umgang mit dem Vorhandenen. Der Entwurf verschiebt sich vom Erfinden zum Weiterdenken und genau darin liegt für Lorenzo De Chiffre die eigentliche Herausforderung wie auch das gestalterische Potenzial.

Zur Person

Lorenzo de Chiffre

Lorenzo De Chiffre ist Architekt und Senior Scientist am Forschungsbereich Hochbau und Entwerfen der TU Wien. Er studierte an der Königlichen Dänischen Kunstakademie und an der University of East London. Seit 2011 ist er an der TU Wien in Forschung und Lehre tätig. 2016 promovierte er mit einer Arbeit über das Wiener Terrassenhaus; 2017 kuratierte er im Architekturzentrum Wien die Ausstellung „Das Terrassenhaus: Ein Wiener Fetisch?“. In aktuellen Publikationen und Lehrprojekten beschäftigt er sich vor allem mit der Transformation des Bestandes, der Entwurfslehre und den kulturellen Fragen des Umbaus.

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