Für Georg Bechter beginnt Architektur nicht beim Grundriss und Licht nicht bei der Leuchte. Beides entsteht für ihn aus einem kreativen Zusammenspiel von Nutzung, Material, Konstruktion und Wahrnehmung. Vor allem aber interessiert ihn weniger die spektakuläre Wirkung des Lichts als vielmehr dessen Fähigkeit, einen Raum lesbar zu machen. „Licht wird nie zu einem architektonischen Material. Es ist immateriell. Licht kann aber alles über Wände, Böden oder Möbel erzählen. Zumindest alles was mit Sichtbarkeit zu tun hat. Ohne Licht gibt es kein Leben und auch keine Erzählung. Gutes Licht kann die Erzählung verbessern, kann noch besser sichtbar machen, kann Materialien in ihrem Charakter herausarbeiten.“ Licht ist damit kein Gegenstand, den man der Architektur hinzufügen könnte, sondern es ist die Bedingung ihrer Wahrnehmung. Diese Perspektive prägt auch Georg Bechters Verständnis vom Entwerfen. „Ich als Architekt kann keinen Grundriss ohne das Licht beziehungsweise das Tageslicht denken. Der Grundriss ist ein Ergebnis komplexer Überlegungen aus Funktionen, Gewohnheiten, physisch machbarem. Licht ist ein weiterer wichtiger Baustein.“ Der Raum entsteht also nicht aus einer einzelnen Idee, er ergibt sich aus dem Überlagern verschiedener Anforderungen. Licht gehört von Anfang an dazu, weil es bestimmt, wie diese räumlichen Entscheidungen später wahrgenommen werden.

Das F. X. Mayr Health Retreat Rickatschwende setzt auf die Beleuchtung von Dot 28 und Sfere 28. © Dominic Kummer

Veränderung als Kontinuum

Dabei interessiert Georg Bechter gerade das, was sich nicht vollständig planen lässt. Tageslicht verändert sich mit Wetter, Jahreszeit und Tageszeit. Es bewegt sich über Böden und Wände, verändert Farben und Oberflächen und macht den Raum als etwas Zeitliches erfahrbar. „Am Tage lieben wir es, wenn der Raum so gestaltet ist, dass ich als sein „Benutzer“ merke, wenn sich das Licht verändert, wenn eine Wolke vorüberzieht, oder die Sonne erstrahlt. Immer wieder verwirrt es uns, wenn wir uns lange Zeit in künstlich belichteten Räumen aufhalten, und wir erst merken, dass es schon dunkel ist, wenn wir aus dem Raum herauskommen. Am Abend wird der Raum mit Kunstlicht neu definiert. Hier können wir durch gezielte Planung neue Atmosphären schaffen.“ In dieser Unterscheidung liegt auch seine Arbeitsweise: Das Tageslicht wird nicht gegen seine Veränderlichkeit abgesichert, im Gegenteil: Es macht diese Veränderung spürbar. Künstliches Licht hingegen folgt einer anderen Logik. Wenn die äußeren Bedingungen verschwinden, kann es den Raum neu ordnen und andere Atmosphären erzeugen. Planung bedeutet für Georg Bechter deshalb nicht, jede Wirkung vorwegzunehmen. Vielmehr schafft sie die räumlichen Bedingungen, in denen sich Licht entfalten und Wahrnehmung verändern kann. Die technische Präzision steht dabei nicht im Gegensatz zum Flüchtigen, sondern ermöglicht dessen Wirkung.

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Ohne Licht gibt es kein Leben und auch keine Erzählung.

Georg Bechter
Das mit dem Big See Award 2026 ausgezeichnete Wohnhaus Sonnenhalde, in Zusammenarbeit mit Architekt Thomas Mennel gestaltet, unter anderem beleuchtet mit Cera P 28, Cera C 28 und Dot 28. © Dominic Kummer

Offenbarung des Echten

Wie eng Licht und Material für den Architekten und Lichtdesigner verbunden sind, zeigt sich besonders dort, wo Beleuchtung einerseits Atmosphäre schafft und andererseits Dinge überprüft. Licht kann einen Raum aufwerten, lenken und differenzieren, doch es kann ebenso offenlegen, was tatsächlich vorhanden ist. Auf die Frage, ob gutes Licht einen mittelmäßigen Raum retten kann oder ob sich gerade im Licht zeigt, ob Architektur wirklich gelungen ist, antwortet er: „Wahrscheinlich beides. Gutes Licht kann räumliche Qualitäten unterstützen, inszenieren, oder von nicht so schönen Ecken ablenken. Licht macht aber auch sichtbar, und im guten Licht, werde ich merken, ob der Holzfußboden jemals einen Wald gesehen hat, oder ob er doch aus der Kunststofffabrik kommt.“ Darin steckt eine Haltung, die Georg Bechters Arbeit über die reine Lichtgestaltung hinaus prägt: Wahrnehmung ist auch eine Form der Überprüfung. Materialien sollen nicht nur gut aussehen, sie sollen in ihrer Beschaffenheit erkennbar werden. Somit liegt die Aufgabe des Lichts nicht darin, mit dem Weichzeichner die Architektur zu überdecken, sondern ihre Eigenschaften lesbar zu machen. Georg Bechters kreative Arbeit bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Planung und Veränderung, zwischen dem Gemachten und dem Vorgefundenen, zwischen technischer Kontrolle und dem besonderen Moment, in dem die Sonne eine Pause macht.
www.georgbechterlicht.at ■

Haus M. in Alberschwende ist eine Erweiterung eines Bestandshauses. Hier kommen die Leuchten Cono 28, Dot 28 und Sfere zum Einsatz. © Dominic Kummer
Ein gefragtes Multitalent: Georg Bechter ist Architekt, Tischler, Künstler und Lichtdesigner und hat den Austrian Interior Design Award 2025 gewonnen. © Georg Bechter Licht