Der nächste Auftrag für die Tischlerei liegt womöglich dort, wo ihn kaum jemand vermutet: im Keller des Gemeindeamts. Denn dort lagern Tische, Sessel und Schränke, während die Gemeinde neue Möbel bestellt. Peter Kneidinger kennt solche Bestände aus seiner Arbeit bei den Materialnomaden. Das Wiener Unternehmen plant und organisiert die Wiederverwendung von Bauteilen und Materialien, vom alten Parkett bis zur Büroeinrichtung. In manchen Gemeinden, schätzt Kneidinger, ließen sich mit den eingelagerten Möbeln sämtliche Büros gleich mehrfach ausstatten.
Überblick verschaffen
Was fehlt, ist oft der Überblick: Welche Möbel sind noch brauchbar? Was lässt sich reparieren oder anpassen? Für Tischlereien steckt darin ein oft noch unterschätztes Geschäftsfeld. Nämlich das Können zu verkaufen, mit dem ein alter Tisch wieder seinen Zweck erfüllt.
Wer Material weiterverwenden will, muss wissen, was er vor sich hat. Während die Materialnomaden dieses Wissen im Bestand zusammentragen, setzt das Forschungsprojekt Trace-Wood wesentlich früher an. Es untersucht, wie Informationen das Holz vom Wald bis zum fertigen Möbel begleiten können.
Ein Code, viele Verarbeitungsschritte
Den Anstoß gab laut Projektkoordinator und Teamleiter beim Kompetenzzentrum Holz (Wood K plus) Martin Riegler die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR). Sie verlangt für erfasste Holzprodukte Nachweise über ihre legale und entwaldungsfreie Herkunft. Die Pflichten unterscheiden sich je nach Rolle in der Lieferkette. Eine Pflicht zur Kennzeichnung jedes Stammes mit einem Code ergibt sich daraus nicht.
Wood K plus, ein österreichisches Forschungszentrum für Holz und verwandte Materialien, nahm mit seinen Projektpartnern die gesamte Verarbeitungskette in den Blick: Sägen zerteilen das Holz, Hobel verändern seine Oberfläche. Die Herausforderung dabei: Die Zuordnung zum Ausgangsmaterial darf dabei nicht verloren gehen.
Die Verbindung halten
Trace-Wood setzt auf einen robusten 2D-Code direkt auf dem Holz. Die Markierung verweist auf einen Datensatz, der etwa Herkunft, GPS-Koordinaten, Holzart, Lieferant oder Qualitätsangaben enthalten kann. Entfernt ein Bearbeitungsschritt den Code, muss der Betrieb die Kennzeichnung erneuern und die Verbindung zu den bisherigen Daten erhalten.
Frisches Holz ist feucht, im Winter mitunter gefroren. Das Projektteam testete Druckköpfe und Tinten deshalb auf verschiedenen Holzarten und Oberflächen.
Vom Versuch in die Werkstatt
Gemeinsam mit Möbelproduzent Team 7 erprobte Trace-Wood den Ansatz am Beistelltisch „Sidekick“. Auch nach Zuschnitt und Hobeln sollte sich das Holz noch seinem Ursprung zuordnen lassen. Der Demonstrator zeigte, dass sich die digitale Spur bis zum Möbel aufrechterhalten lässt. Zur Kennzeichnung gehört auch eine Datenbank. Ein im Projekt entwickeltes Dashboard macht Informationen zu Lieferungen, Holzart, Qualität und Zertifikaten zugänglich und zeigt den Herkunftsort auf einer Karte.
Eine fertige Lösung für die Tischlerei ist Trace-Wood allerdings noch nicht. Für den laufenden Betrieb braucht es Druck- und Lesetechnik, Datenverwaltung und Schnittstellen. Ebenso wichtig ist die Organisation: Wer erfasst die Angaben und wer darf darauf zugreifen? „Man muss schon ein wenig Energie investieren, damit man dieses System für den eigenen Betrieb adaptiert“, sagt Riegler. Größere Hersteller haben dafür eher Personal, für kleinere Betriebe wären zentrale IT-Dienstleistungen denkbar.
Was der Tischler davon hat
Die Daten sollen auch den Einkauf erleichtern. „Durch die Rückverfolgbarkeit weiß ich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, welches Holz ich einkaufe oder bekomme und kann schauen, welcher Lieferant welche Qualitäten liefert“, erklärt Riegler. Bei hochwertigen Einzelstücken könnte die dokumentierte Herkunft zudem zum Verkaufsargument werden. Informationen zu Beschichtungen, Klebstoffen oder Beschlägen helfen später bei Reparatur und Demontage. Solche Daten könnten künftig auch in einen digitalen Produktpass einfließen. Die eindeutige Zuordnung schafft die Voraussetzung, sie über die Nutzungsdauer hinweg zu erhalten.
Mangel an Information
Genau dieser Informationsmangel beschäftigt die Materialnomaden im Bestand. Sie begleiten Bau- und Sanierungsprojekte möglichst früh. Sie erfassen Gebäude digital und nehmen potenziell nutzbare Elemente in eine Datenbank auf: von Bodenbelägen, Fenstern und Türen bis zu Dachstühlen und tragenden Holzbauteilen.
Ausbauen ist erst der Anfang
Die Bestandsaufnahme soll klären, welche Verwendung infrage kommt. Dafür zählen Zustand, mögliche Schadstoffe und Beschädigungen ebenso wie der Aufwand für die Demontage. Soll gebrauchtes Holz wieder tragende Aufgaben übernehmen, muss es die technischen Anforderungen für den neuen Einsatz erfüllen. Dafür arbeiten die Materialnomaden laut Kneidinger mit Sägewerken und Forschungseinrichtungen zusammen. Sie klären, welche Prüfungen und Aufbereitungsschritte nötig sind und wer für das fertige Produkt haftet. Wie das aussehen kann, zeigt die Aufbereitung von Stabparkett. Nach dem Ausbau lassen sich geeignete Elemente industriell neu kalibrieren, mit einer neuen Feder und einer neuen Oberfläche versehen. Der nächste Nutzer erhält somit keinen unsortierten Altbestand, sondern ein aufbereitetes Produkt.
Mehrere Anknüpfungspunkte
Für Tischlereien ergeben sich mehrere Anknüpfungspunkte. Sie können Quellen für brauchbare Materialien erkennen, den Ausbau begleiten und Bauteile reparieren oder anpassen. Ihr Wissen ist etwa bei der Ertüchtigung von Kastenfenstern gefragt – hierzu hat die Bundesinnung der Tischler bereits gemeinsam mit der Holzforschung Austria Basisforschung betrieben und stellt die Ergebnisse ihren Mitgliedern zur Verfügung.
Im Möbelbau beginnt die nächste Nutzung schon beim Entwurf: Lassen sich Verbindungen lösen, Teile austauschen und unterschiedliche Materialien wieder trennen?
Der Neupreis als Messlatte
Peter Kneidinger sieht die Chance nicht zuletzt im Service für vorhandene Möbel. „Dann müssen die Kunden kein neues Möbel mehr kaufen, sondern kaufen sich die Dienstleistung des Tischlers, der ihnen das Möbel adaptiert und so herrichtet, dass es gut funktioniert“, sagt er. Digitale Inventare können dabei helfen, kommunale Lagerbestände für solche Aufträge überhaupt erst zugänglich zu machen.
Der ökologische Nutzen ersetzt allerdings keine Kalkulation. Kneidinger nennt für die Projekte der Materialnomaden eine klare Grenze: „Die Wiederverwendung darf in unseren Projekten maximal so viel kosten wie eine vergleichbare Neulösung“. Ausbau, Transport, Prüfung und Aufbereitung müssen sich in diesem Rahmen ausgehen. Größere Mengen gleicher Bauteile erleichtern das Arbeiten: Tausend gleichartige Türen bieten andere Möglichkeiten als ein Sammelsurium verschiedener Einzelstücke.
Nicht nur Peter Kneidinger sieht in Restaurierung, Renovierung und Reparatur wachsende Geschäftszweige. Für die Tischlerei kann das dann tatsächlich bedeuten: Der nächste Auftrag beginnt nicht mit der Materialbestellung, sondern mit einer Bestandsaufnahme im nächstgelegenen Gemeindekeller. ■
Was rechtlich auf die Branche zukommt
Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) soll weltweit verhindern, dass Holz und andere Rohstoffe mit Entwaldung oder Waldschädigung in Verbindung stehen. Für das Tischlerhandwerk bringt die Verordnung neue Nachweispflichten, wobei die Bürokratie dank jüngster Nachbesserungen im EU-Recht für die meisten Betriebe abgefedert wurde. Welche Pflichten eine Tischlerei konkret treffen, hängt entscheidend von den Bezugsquellen ihrer Rohstoffe und der Betriebsgröße ab.
Nach aktuellem Stand gilt die Verordnung ab dem 30. Dezember 2026 für große und mittlere Unternehmen. Für die allermeisten Tischlereien, die als Klein- und Kleinstunternehmen (KMU) eingestuft sind, beginnt die Anwendung regulär am 30. Juni 2027. Die frühere Frist (Dezember 2026) greift für KMU nur dann, wenn sie Holz direkt aus Nicht-EU-Staaten importieren oder Rohholz direkt vom Waldbesitzer beziehen.
Digitaler Produktpass: Die EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte schafft den Rahmen für Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit. Dazu gehört auch der digitale Produktpass. Er soll künftig Informationen über Materialien, Inhaltsstoffe, Reparaturmöglichkeiten und Verwertungswege zugänglich machen.
Möbel zählen im EU-Arbeitsplan 2025 bis 2030 zu den priorisierten Produktgruppen. Konkrete Verpflichtungen entstehen aber erst durch weitere produktspezifische Vorschriften. Tischlereien müssen daher derzeit nicht automatisch für jedes Möbel einen digitalen Produktpass ausstellen. Es empfiehlt sich dennoch, Informationen über Materialherkunft, Beschichtungen, Beschläge und Reparaturmöglichkeiten strukturiert zu dokumentieren.

Martin Riegler, Projektkoordinator Trace-Wood
Durch die Rückverfolgbarkeit kann ich schon früh erkennen, welches Holz ich bekomme und welcher Lieferant welche Qualitäten liefert.

Peter Kneidinger, Materialnomaden
Die Wiederverwendung darf in unseren Projekten maximal so viel kosten wie eine vergleichbare Neulösung.