Die Diskussion ist nicht neu. Seit Jahren wird in der Bauwirtschaft darüber gesprochen, wie sich Baukosten senken und Verfahren vereinfachen lassen. Unter dem Schlagwort „Bauen außerhalb der Norm“ hat die Debatte zuletzt neue Dynamik erhalten. In Deutschland sorgt der Gebäudetyp E für Aufmerksamkeit, in Österreich beschäftigt sich unter anderem ein Forschungsprojekt der Forschungsförderungsgesellschaft mit dem Thema.
Mit einem aktuellen Positionspapier hat sich nun auch Austrian Standards in die Diskussion eingebracht. Für Stefan Wagmeister, Bereichsleiter für Standardisierung und internationale Beziehungen bei Austrian Standards, ist der Zeitpunkt bewusst gewählt: „Wir werden von manchen als Teil des Problems gesehen, wir verstehen uns aber auch als Teil der Lösung“, sagt er im Podcastgespräch mit dem Architektur & Bau FORUM.
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Das Papier soll dazu beitragen, die Diskussion breiter zu führen. Aus Sicht von Stefan Wagmeister greift es zu kurz, die Frage leistbaren Bauens allein auf Normen oder technische Regelwerke zu reduzieren. Vielmehr müsse geklärt werden, welche Anforderungen tatsächlich notwendig seien, welche Schutzziele verfolgt werden und welches Qualitäts- und Komfortniveau die Gesellschaft künftig sicherstellen wolle. „Wir müssen eine inhaltliche Diskussion darüber führen, was leistbar ist, welche Anforderungen dahinterstehen, welche Schutzziele und Qualitäten notwendig sind und wie wir einen möglicherweise wohlverdienten Komfort auch künftig sichern können“, formuliert er.
Dabei verweist Wagmeister auf einen Aspekt, der seiner Ansicht nach in der aktuellen Diskussion häufig zu wenig Beachtung findet: die tatsächlichen Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Grundstücksakquise über Planung und Bau bis hin zur Wiederverwendung von Materialien und zur Kreislaufwirtschaft.
Die Norm ist gewissermaßen der niedergeschriebene Stand der Technik. Sie ist aber per se kein Gesetz.
Stefan Wagmeister
Was Standards leisten sollen
Ein zentrales Anliegen des Positionspapiers ist die Einordnung der Rolle von Standards. In der öffentlichen Diskussion würden unterschiedliche Regelwerke oft vermischt. Wenn von Normen gesprochen werde, seien damit häufig auch gesetzliche Vorgaben, OIB-Richtlinien oder Förderrichtlinien gemeint. Tatsächlich seien Standards zunächst technische Empfehlungen. „Die Norm ist gewissermaßen der niedergeschriebene Stand der Technik und damit eine Regel der Technik. Sie ist aber per se kein Gesetz“, betont Wagmeister.

Verbindlich werden Standards erst dann, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben oder zwischen Vertragspartnern vereinbart werden. Grundsätzlich handelt es sich um freiwillige Dokumente, die auf gesichertem Wissen und Praxiserfahrungen beruhen. Gerade darin sieht Wagmeister ihren wesentlichen Nutzen. Standardisierung schaffe einen gemeinsamen Rahmen, der Sicherheit, Vertrauen und Vergleichbarkeit ermögliche. Wer sich an Standards orientiere, könne auf bestehendes Wissen zurückgreifen und müsse technische Lösungen nicht jedes Mal neu entwickeln. „Standardisierung ist kein Gesetz, sondern zeigt einen Weg auf, der sich bereits bewährt hat“, so Stefan Wagmeister. Gleichzeitig betont er, dass dieser Weg nicht der einzige sein müsse. Wer innovative Lösungen verfolgen wolle, könne dies tun, müsse allerdings selbst den Nachweis erbringen, dass die angestrebten Ziele ebenso erreicht werden. Diese Sichtweise deckt sich mit den Aussagen des Positionspapiers. Dort wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass technische Standards Innovation ermöglichen können, weil sie eine gemeinsame Sprache schaffen, Komplexität reduzieren und Investitionssicherheit fördern.
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Schutzziele, Qualität und Komfort
Besonders deutlich wird Wagmeister, wenn es um die Frage geht, welche Inhalte künftig überhaupt geregelt werden sollen. Die eigentliche Diskussion müsse aus seiner Sicht dort ansetzen, wo über Schutzziele, Qualität und Komfort entschieden wird. Als Beispiel nennt er den Schallschutz. Dieser werde regelmäßig als Bereich genannt, in dem Einsparungen möglich wären. Gleichzeitig sei Lärmbelastung eines der größten Gesundheitsprobleme moderner Gesellschaften. „Über das Schallschutzniveau kann und soll man diskutieren. Das ist aus meiner Sicht aber in erster Linie eine politische Diskussion“, stellt Wagmeister klar.
Ähnlich argumentiert er bei der Barrierefreiheit. Zusätzliche Investitionen seien zunächst mit Kosten verbunden, könnten aber langfristig wesentlich höhere Aufwendungen vermeiden. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sei daher zu überlegen, welche Anforderungen künftig notwendig sind. Auch Nachhaltigkeit ordnet Wagmeister in diesen Zusammenhang ein. Die Frage sei nicht allein, was ein Gebäude bei der Errichtung kostet, sondern wie sich Entscheidungen über den gesamten Lebenszyklus auswirken. „Abstriche sollten aus meiner Sicht jedenfalls dort nicht gemacht werden, wo es um Sicherheit, Gesundheit oder Investitionen in die Zukunft geht“, betont er.
Spielräume im Bestand
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs betrifft das Bauen im Bestand. Planerinnen und Planer kritisieren seit Jahren, dass bestehende Gebäude häufig an aktuellen Regelwerken gemessen werden und dadurch Lösungen erschwert werden, die technisch weiterhin funktionieren würden. Stefan Wagmeister kennt diese Diskussionen. Austrian Standards habe deshalb bei neuen rein nationalen Bau-Önormen einen ergänzenden Hinweis im Vorwort eingeführt. Dieser stellt klar, dass Normen lediglich einen möglichen Weg zur Erfüllung technischer Anforderungen darstellen. Gerade bei Sanierungen, in der Denkmalpflege oder bei Bauaufgaben im Bestand könnten andere Lösungen mitunter besser geeignet sein als standardisierte Ansätze: „Innovativere oder angepasste Lösungen, die den jeweiligen Projektanforderungen besser gerecht werden, können ebenso zum Ziel führen“, betont Wagmeister. Auch dieser Gedanke findet sich im Positionspapier wieder. Dort wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Önormen rechtlich nicht bindend sind und alternative Lösungen möglich bleiben, sofern die jeweiligen Anforderungen erfüllt werden.
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Abstriche sollten jedenfalls dort nicht gemacht werden, wo es um Sicherheit, Gesundheit oder Investitionen in die Zukunft geht.
Stefan Wagmeister
Standards und Innovation
Dass Standardisierung und Innovation kein Widerspruch sein müssen, gehört zu den Kernthesen des Positionspapiers. Neue Entwicklungen im Bereich Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder klimaresilientes Bauen entstünden zunächst häufig in Forschungs- und Pilotprojekten. Sollen sie später breiter eingesetzt werden, brauche es jedoch nachvollziehbare Methoden und gemeinsame Regeln. „Wenn es gelingt, solche Entwicklungen für viele Menschen nutzbar zu machen, kann Standardisierung eine wichtige Brücke schlagen“, ist Wagmeister überzeugt. Für Austrian Standards bedeutet das auch, neue Themen frühzeitig aufzugreifen und unterschiedliche Fachbereiche stärker miteinander zu vernetzen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft ließen sich heute nicht mehr isoliert betrachten. Deshalb müsse Standardisierung zunehmend fachübergreifend gedacht werden. Zugleich verweist Wagmeister auf die offene Struktur des Normungsprozesses. Fachleute können in Komitees mitarbeiten, Stellungnahmen zu Entwürfen abgeben oder Überarbeitungen bestehender Regelwerke anregen.

Mehr Fakten, weniger Zuschreibungen
Zum Abschluss des Gesprächs formuliert Wagmeister einen Wunsch für die weitere Diskussion über Deregulierung und das Bauen außerhalb der Norm. Die Debatte solle stärker auf Fakten basieren und die tatsächlichen Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette untersuchen, denn „erst dann lässt sich wirklich beurteilen, wo die tatsächlichen Kostentreiber liegen“, so Wagmeister. Vor allem aber wünscht er sich eine klare Trennung der unterschiedlichen Ebenen, die in der öffentlichen Diskussion häufig vermengt werden: Sicherheit, Schutzziele, Qualität, Komfort und technische Standards. Mit dem Positionspapier versteht sich Austrian Standards dabei als Gesprächspartnerin für diese Debatte. Die Frage, welche Anforderungen künftig gelten sollen und welche Standards sich die Gesellschaft leisten will, wird aus Sicht der Organisation jedoch nicht allein in der Normung entschieden werden können. Sie bleibt letztlich eine politische und gesellschaftliche Aufgabe.
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Zur Person
Stefan Wagmeister ist stellvertretender Bereichsleiter für Standardisierung bei Austrian Standards International. Er verantwortet die nationale, europäische und internationale Normungsarbeit der Organisation für den Bereich Bauwesen als Teamleiter und Community Manager und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen der technischen Regulierung, Standardisierung und deren Auswirkungen auf die Bauwirtschaft. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Weiterentwicklung technischer Regelwerke, die Vernetzung österreichischer Akteure mit europäischen Normungsprozessen sowie der Dialog zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Fachöffentlichkeit.