„Als ich diese Studie gesehen habe, war ich offen gesagt geschockt.“ Besagte Studie, die den Tiroler Bauunternehmer Anton Rieder aus der Fassung gebracht hat, stammt vom renommierten Institut der deutschen Wirtschaft (DIW). Es hat die Entwicklung der Produktivität im Bauwesen in der EU untersucht. Die schlechte Nachricht: In den 18 Jahren von 2005 bis 2023 ist die Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter*in am Bau im EU-Schnitt um 0,7 Prozent pro Jahr gesunken. Die ganz schlechte: Österreich liegt mit einem Minus von jährlich 3,1 Prozent an letzter Stelle.

Minus 73 Prozent

Kumuliert betrachtet ergibt sich für Österreich ein Rückgang der Produktivität von 73 Prozent. Und die DIW-Studie ist kein Exot. Eine Reihe weiterer Untersuchungen stellt der heimischen Bauwirtschaft kein gutes Zeugnis aus. Das Institut für Höhere Studie (IHS) hat die Entwicklung der Bruttowertschöpfung der unterschiedlichen Wirtschaftssektoren in Österreich verglichen: Während die Produktivität am Bau seit 2005 um die erwähnten 3,1 Prozent pro Jahr sank, stieg sie über alle Sektoren hinweg um 0,2 Prozent, im verarbeitenden Gewerbe sogar um 1,4 Prozent.

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Anton Rieder.
Bauunternehmer und Kammervertreter Anton Rieder: „Als ich diese Studie gesehen habe, war ich offen gesagt geschockt.“ © Christoph Ascher

Recht gut schlug sich noch der Tiefbau. Hier stieg die Produktivität seit 2009 um 0,9 Prozent pro Jahr. Im Hochbau, der für das Baugewerbe so wichtig ist, ging es dagegen mit jährlich 3,4 Prozent stetig weiter in den Keller. „Diese Zahlen haben mich fast noch mehr erschüttert als die DIW-Studie“, meint Rieder, zugleich stellvertretender Bundesinnungsmeister des Baugewerbes. „Die österreichische Bauwirtschaft ist sehr leistungsfähig. Immerhin sind zahlreiche heimische Bauunternehmen in Europa sehr erfolgreich. Dennoch sind diese Zahlen ein eindeutiger Hinweis, dass wir ein strukturelles Problem haben.“ Deshalb brauche es eine vertiefte Betrachtung, woran es wirklich liege.

Gründliche gelesen

Beide Studien wurden in der Meta-Studie „Grundlagen zur Produktivitätsanalyse in der Bauwirtschaft“ analysiert, die von der Zukunftsagentur Bau (ZAB) in Kooperation mit der Universität Innsbruck durchgeführt wurde. Im Rahmen dieser bandaktuellen Arbeit „wurden sämtliche öffentlich verfügbaren Studien und Daten zur Produktivität in der Bauwirtschaft gesammelt, ausgewertet und miteinander verglichen“, erläutert Georg Hanstein, der Projektleiter der ZAB.

Produktivität
Kein schönes Bild: die Produktivität am Bau fiel in den Keller, während sie in der Gesamtwirtschaft stieg. © IHS/Statistik Austria

Die Auswertung der Literatur ergibt aus Sicht der Studienautoren „ein bemerkenswert konsistentes“ Bild: „Unabhängig von methodischen Ansätzen, geografischem Fokus und institutionellem Hintergrund kommen die analysierten Studien übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Bauwirtschaft in ihrer Produktivitätsentwicklung hinter anderen Wirtschaftssektoren zurückbleibt“ urteilen sie. Dabei zeige Österreich die „schwächste Entwicklung der betrachteten Volkswirtschaften“.

Die Studienautoren raten allerdings zur Vorsicht bei der Deutung der Daten. Die Befunde seien „differenziert zu interpretieren, da insbesondere das Festhalten an Personal in konjunkturellen Schwächephasen rechnerische Produktivitätsrückgänge erzeugen kann, ohne eine tatsächliche Leistungsminderung widerzuspiegeln“.

An Fachkräften festhalten

Das unterstreicht auch ZAB-Experte Hanstein: „Österreichische Unternehmen halten an ihren Fachkräften auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten häufig fest. Das ist sozial sinnvoll und sichert Know-how im Betrieb. Gleichzeitig wirkt es sich statistisch negativ auf die Arbeitsproduktivität aus.“ Zudem müsse man berücksichtigen, „dass wir hierzulande deutlich höhere Qualitäts- und Sicherheitsstandards haben als in vielen anderen Ländern. Das erhöht den Aufwand“, so Hanstein weiter. Man könne daher die Zahlen nicht ohne weiteres vergleichen.

Für Bauunternehmer Rieder, einer der Initiatoren der Meta-Studie, sind deren Ergebnisse dennoch ein weiterer, sehr ernstzunehmender Weckruf. „Ich höre immer wieder Stimmen aus der Bauwirtschaft, die behaupten, dass die Produktivität in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Nur werden diese Aussagen in den seltensten Fällen mit belastbaren Zahlen untermauert“, meint er. „Genau deshalb war es mir so wichtig, dass wir uns die vorhandenen Studien genau ansehen und die Diskussion auf eine sachliche Grundlage stellen.“

Natürlich, so Rieder weiter, können man darüber streiten, wie groß der jährliche Rückgang nun tatsächlich sei. Eines sei aber unstrittig: „Die Produktivität am Bau ist in Österreich rückläufig. Und der europäische Vergleich zeige, „dass das keineswegs ein Naturgesetz ist.“ Das bestätigt die DIW-Studie: In den Niederlanden stieg die Produktivität in den vergangenen 20 Jahren um 0,8 Prozent pro Jahr, in Dänemark um 0,7 Prozent.

Genau analysieren

Nun geht es aus Rieders Sicht darum, genau zu analysieren, warum Österreich schlechter als diese Länder performt, und wo man den Hebel ansetzen sollte. Ein massives Problem stellt, nicht nur aus seiner Sicht, der steigende bürokratische Aufwand dar. „Die Zahl der Angestellten in der Administration ist im Verhältnis zum Personal auf der Baustelle in den vergangenen Jahren massiv gestiegen“, meint etwa ZAB-Experte Hanstein.

Die Frage ist nur, wer dafür verantwortlich ist: „Oft wird argumentiert, dass die EU den zunehmenden bürokratischen Aufwand verursacht. Dann frage ich mich nur, warum in den Niederlanden und Dänemark die Produktivität dennoch so stark gestiegen ist“, sagt Rieder. Nachsatz: „Soweit ich weiß, sind beide Länder Mitglied der EU.“

Der Unterschied liegt aus seiner Sicht darin, wie die EU-Regelungen umgesetzt werden. „In den Niederlanden und Dänemark werden vor allem die Ziele definiert, und man überlässt der Wirtschaft die konkrete Umsetzung. In Österreich und Deutschland werden lange detaillierte Vorschriften erstellt, die einen enormen Aufwand erzeugen.“

Tradierte Prozesse

Eine weitere Ursache für die schwache Performance des heimischen Baus ortet Rieder in der tradierten Form der Zusammenarbeit: „Internationale Untersuchungen zeigen sehr deutlich, dass die strikte Trennung zwischen Planung und Ausführung sowie die klassische Vergabe von Einzellosen produktivitätshemmend wirkt.“ Dieses System erzeuge zwangsläufig zahlreiche Schnittstellen. Jeder Beteiligte verfolge seine eigenen Interessen. Es entstehe ein ausgeprägtes Silodenken. Rieder: „Genau das kostet Zeit, Geld und letztlich Produktivität.“

Für den stellvertretenden Bundesinnungsmeister ist die vorliegende Meta-Studie daher nur ein erster Schritt. Auch die Autoren der Studie schlagen vor, in einem nächsten Schritt die Ursachen für die Defizite näher zu beleuchten – und dabei zwischen indirekter Produktivität in der Verwaltung und direkter Produktivität auf der Baustelle zu unterscheiden. Zudem denkt Rieder daran, den Mitgliedsbetrieben einfache Instrumente zur Verfügung zu stellen, mit denen sie ihre eigene Produktivität messen können. Rieder: „Das wäre aus meiner Sicht eine wichtige Maßnahme, um das Thema dauerhaft im betrieblichen Alltag zu verankern.“