Wir beobachten mehrere Aspekte der Entwicklungen des Handwerks bzw. dessen Stellenwerts für die Wirtschaft und die Gesellschaft über die Jahre und Jahrzehnte. Bei den Tischlern sind diese Veränderungen zum Teil eklatant – u.a. bedingt durch neue Technologien und das veränderte Einkaufsverhalten der Konsumenten. Eine Konstante aber bleibt: Der Werkstoff Holz, der durchaus sehr emotional besetzt ist“, sagt Heidrun Bichler-Ripfel, Leiterin des Instituts für angewandte Gewerbeforschung (IAGF) der Wirtschaftskammer Österreich (WKO).
Das Konsumverhalten in Sachen Möbel hat sich über die Jahrzehnte massiv verändert: War zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren das Material teuer und die Arbeitskraft vergleichsweise günstig, hat sich dieses Verhältnis auch mit der Einführung neuer Werkstoffe und globaler Holzimporte gedreht. Sein Übriges tat die Etablierung der großen Möbelhausketten. Ein „Zeitmarker“ dazu: Der erste „Ikea“ in Österreich öffnete im September 1977 seine Pforten. „Früher lag der Fokus auf Generationenmöbeln, die man innerhalb der Familie weitervererbte. Mit dem Siegeszug der schnelllebigen Möbel verkürzte sich die Nutzungsdauer, diese Wegwerfprodukte wurden auch nicht weitergegeben“, so die Expertin.

Heidrun Bichler-Ripfel, Institut für angewandte Gewerbeforschung
Qualität, Langlebigkeit und Individualität gewinnen wieder an Bedeutung. Das ist für mich die zentrale Botschaft an die Tischler.
Veränderte Perspektive
„Viele Menschen – vor allem im städtischen Umfeld – müssen erst wieder entdecken, dass maßgefertigtes und zugleich leistbares Handwerk möglich ist. Denn sobald im Möbelhaus Individualität gefragt ist, wird es oft sehr teuer und das Ergebnis bleibt dennoch hinter den Erwartungen zurück. Gerade darin liegt eine große Chance für das Tischlerhandwerk“, so Bichler-Ripfel. Zwar präge nach wie vor ein Wegwerf-Mindset unser Konsumverhalten. Gleichzeitig sei jedoch ein Umdenken – auch beschleunigt durch die Corona-Pandemie – spürbar: Qualität, Langlebigkeit und Individualität gewinnen wieder an Bedeutung. „Das ist für mich die Botschaft an die Tischler – es liegt an den Betrieben, gefunden zu werden“. Die Möglichkeiten, Menschen direkt zu erreichen und von den Vorteilen des Handwerks zu überzeugen, sind heute vielfältiger denn je. Und wie sieht es in der Praxis aus? Zwei Beispiele zeigen, wo sich Theorie und Praxis gleichen und wo sie auseinanderklaffen.
Kultur in Holz
Wie das Tischler Journal feiert auch die Tischlerei Griessenberger in Zeillern in Niederösterreich heuer achtzigsten Geburtstag: 1946 wurde der Familienbetrieb von Ludwig Griessenberger gegründet, 1973 übernahmen Tischlermeister Manfred und Tischlermeisterin Waltraud Griessenberger das Unternehmen und machten daraus „Kultur in Holz“. 1996 trat Manfred Griessenberger nach Abschluss der HTL Mödling, der Meisterklasse Pöchlarn und der Akademie für Möbeldesign in das Unternehmen ein, 2007 übernahm er die Geschäftsführung. Der Spezialisierung auf die Produktion hochwertiger Möbel zieht sich durch die Geschichte des Betriebs, wiewohl sich Stil und Fokus über die Jahre verändert haben. Heute steht die für ihre Designs mehrfach ausgezeichnete Manufaktur für individuelle Lösungen und ein feines Gespür für Gestaltung.
Manfred Griessenberger, Kultur in Holz
Veränderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Das ist gut und wichtig und hält das Handwerk lebendig.
Trendwende geschafft
„Ich habe bereits während meiner Ausbildungen im elterlichen Betrieb mitgearbeitet und durfte dabei viel lernen“, berichtet Manfred Griessenberger. Ein wichtiger Ort der Kundenansprache war die Möbelmesse in Wien, die in den damaligen Zeiten noch Volksfestcharakter hatte. Hier begann auch seine „Einzelkarriere“: „Ich habe mit meinen Möbeln eine eigene, designorientierte Richtung eingeschlagen und diese am Messestand präsentiert. Diese Möglichkeit ergab sich genau zum richtigen Zeitpunkt, als das Geschäft mit den Stuben – damals unser zentrales Standbein – im Abflauen war. Damit gab es einen beinahe nahtlosen Übergang, der von meinem Vater auch immer unterstützt wurde. So haben wir alle meine Entwürfe in der Werkstatt als Prototyp gebaut – meine Möbel nicht nur als Modell, sondern als „in echt“ zu sehen, hat mich wertvolle Erfahrungen sammeln lassen.“
Laufende Veränderungen
An massive Wendepunkte kann sich Griessenberger nicht erinnern: „Die Veränderungen sind bei uns im Betrieb immer laufend und ohne große Brüche passiert.“ Auffällige gewandelt habe sich der Aufwand, den man in Beratung und Planung investiere: „Früher waren unsere Stuben eher standardisierte Modelle, wodurch die Planung einfacher war. Heute fertigen wir ausschließlich Einzelstücke und bieten ein umfassendes Leistungsspektrum an: Wir gestalten nicht nur Möbel, sondern auch Stoffe, verfügen über einen Schauraum mit hochwertigen Polstermöbeln und übernehmen komplette Ausstattungskonzepte.“
Neben dem Firmenfokus änderte sich im Laufe der Jahre auch die Zahl der Mitarbeiter: Zu Hoch-Zeiten arbeiteten 35 Personen in der Werkstatt, aktuell ist man inklusive Chef zu fünft. Diese Reduktion war für den 56-Jährigen ein wichtiger Schritt: „Für mich ist diese Größe ein gesundes Maß. Wir sind im Betrieb gut aufgestellt, haben Spaß bei dem, was wir tun und können uns unsere Projekte aussuchen. Dieses Privileg weiß ich sehr zu schätzen.“
Die Jungen kommen zurück
Nach wie vor bedient man ausschließlich Privatkunden, der örtliche Fokus hat sich jedoch verändert: „Früher war das Geld hauptsächlich in Wien zuhause, heute machen wir viel in Amstetten und Umgebung. Unsere Region hat in Sachen Kaufkraft stark aufgeholt.“ Einen Wandel merkt Griessenberger auch in der Altersstruktur der Kunden: „Die Hemmschwelle, zum Tischler zu gehen, sinkt auch bei jungen Menschen unter dreißig wieder. Sie legen Wert auf Qualität, möchten gleich etwas Gescheites.“ Damit bestätigt er die These: Ein Umdenken, dass hochwertige Produkte in Möbelhäusern auch nicht günstiger sind, findet statt; als Benefit gibt es beim Tischler persönliche Ansprache, qualitätvolle Montage und Service dazu.
Kein Ablaufdatum
Von einem Ablaufdatum will der Unternehmer nichts wissen, im Gegenteil – Manfred Griessenberger sagt dem Handwerk eine lange und erfolgreiche Zukunft voraus: „Veränderungen sind gut und wichtig und halten das Handwerk lebendig. Man darf nur nicht stehen bleiben und muss für Veränderungen offen bleiben.“ Die Chance für das Handwerk sieht der Tischlermeister neben der hohen Produktqualität in der „Lust der Kunden auf einen Ansprechpartner, der sie bei der Umsetzung ihrer Wünsche unterstützt. Der persönliche Kontakt ist immer noch das Wichtigste in der Branche. Dieser lässt sich nicht ersetzen und wird noch eine weitere Renaissance erfahren – da bin ich mir sicher.“
Ansprüche im Wandel
Die neuen Ansprüche bestätigt auch Andreas Schweitzer: „Mein Großvater lieferte Küchen noch ohne Vorab-Ansicht, heute wird von A bis Z alles bis ins kleinste Detail geplant. Das ist weder gut noch schlecht. Und dahingehend wird auch die weitere Entwicklung gehen: Wir Tischler werden noch mehr zum Dienstleister werden, Handel und Kooperation mit Partnerbetrieben werden wichtiger werden“, so der Tischlermeister, Innenarchitekt und stellvertretender LIM im Burgenland.

Andreas Schweitzer, Tischlerei Schweitzer
„Eines ist klar: Ohne Engagement in der Ausbildung kann das Tischlerhandwerk nicht weiter existieren.
In bester Familientradition
Die Tischlerei Schweitzer in Strem, die Andreas gemeinsam mit seinem älteren Bruder Stefan III. führt, hat zwar noch keinen 80er, aber eine über 70jährige Geschichte vorzuweisen: Tischlermeister Stefan Schweitzer II. übernahm die von seinem Vater Stefan Schweitzer I. 1955 gegründete Bau- und Möbeltischlerei 1987. Im Jahr 2000 – gemeinsam mit der Produktions-Erweiterung – fiel die Entscheidung zur Übergabe, seit 2016 ist der Betrieb als GmbH fix in den Händen der dritten Generation. Die Brüder haben schon früh in der Werkstatt mitgeholfen, den Beruf von der Pike auf im elterlichen Betrieb erlernt und die Meisterklasse an der Ortweinschule in Graz absolviert. Andreas hat zusätzlich die Ausbildung zum zertifizierten Fachtrainer „in der Tasche. Denn Unterrichten und die Ausbildung sind ein großes Steckenpferd.“ Und das wird mit besonderer Leidenschaft und auf mehreren Schienen gefördert: Man bietet die klassische Tischler- bzw. Tischlereitechniklehre im Betrieb an und bildet zusätzlich einen Lehrling aus, der das Gewerbegymnasium Güssing besucht. Zudem unterrichtet Schweitzer an der landwirtschaftlichen Fachschule in Güssing im ersten Jahr die Grundlagen der Holztechnik.
Freie Entscheidung
Von „übernehmen müssen“ war auch bei den Schweitzers keine Rede: „Mein Bruder und ich haben uns freiwillig für die Tischlerei entschieden. Und unter Druck hätte es keinesfalls funktioniert. Auch wenn ich in der Jugend oft lieber zum Fußballspielen gegangen wäre als in der Werkstatt mitzuhelfen – im Nachhinein bin ich sehr froh, das wirtschaftliche Denken quasi von klein auf mitbekommen zu haben.“
Mehrere Standbeine
Auch bei der Tischlerei Schweitzer passierten die Veränderungen schrittweise. Der Betrieb mit aktuell zehn Mitarbeitern reüssiert nach wie vor als Bau- und Möbeltischlerei – mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr. „Die Bautischlerei macht zum Großteil mein Bruder, ich kümmere mich vor allem um den Innenausbau und die Ausbildung“, so Andreas Schweitzer. Bei Maschinen und Software hält man sich laufend auf dem neuesten Stand, ebenso wie in Sachen erneuerbare Energien: Durch eine Hackschnitzelheizung, eine PV-Anlage und drei elektrische Firmenbusse ist man mittlerweile unabhängig von den schwankenden Strompreisen.
Von den privaten Kunden immer stärker nachgefragt wird die gesamte Projektabwicklung: „Wir machen Fenster, Böden, Türen bis hin zur kompletten Inneneinrichtung, alles aus einer Hand. Bei einem soeben fertiggestellten Projekt wurden wir auch mit dem Bau eines Kachelofens und der Ausführung der kompletten Lichttechnik betraut. Das war früher nicht so und kommt immer mehr.“
Keine Angst vor der KI
„Wir Tischler haben keine Angst, von der KI wegrationalisiert zu werden“, so Schweitzer. Der 46-Jährige erlebt die Entwicklungen sowohl positiv als auch negativ: „Die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz erhöhen einerseits den Zeitdruck von Kundenseite, andererseits beschleunigen sie gewisse interne Prozesse wie Recherchen, Texterstellung und die Aufbereitung unserer zuvor von Hand gezeichneten Planungen. Hat es früher mehrere Stunden gedauert, ein Rendering zu erstellen, ist das heute in ein paar Minuten erledigt.“
Ein guter Mittelweg führt zum Erfolg
Wie schaut aber nun der Weg für eine erfolgreiche Zukunft des Handwerks aus? Alles wie immer oder alles neu? Es herrscht Einigkeit darüber, dass es hier eine Mischung aus beidem braucht. „Nicht stehenbleiben, nie aufgeben und auch in Krisen stets positiv denken“, fasst Andreas Schweitzer zusammen. Zudem sind „die Ausbildung und der wertschätzende Umgang mit den Mitarbeitern das Um und Auf. Dafür müssen die Möglichkeiten, die unser Beruf bietet noch viel mehr öffentlich bekanntgemacht werden ebenso wie die Verdienstmöglichkeiten, die schon lange nicht mehr als schlecht einzustufen sind.“ ■