Die Herausforderungen sind vielfältig: Fehlender leistbarer Wohnraum, steigende Baukosten, Klimaziele und ein weiterhin hoher Flächenverbrauch beschäftigen Politik und Gesellschaft in ganz Europa. Seit Jahresbeginn steht Daniel Fügenschuh an der Spitze des Architects Council of Europe. Im Podcast-Interview mit dem Architektur & Bau FORUM spricht er über die Prioritäten seiner Amtszeit und darüber, welche Antworten die Architektur auf die drängenden Fragen unserer Zeit geben kann.

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Architektur & Bau FORUM: Herr Fügenschuh, Sie stehen heute an der Spitze der europäischen Architektenschaft. Was ging Ihnen durch den Kopf, als feststand, dass Sie dieses Amt übernehmen werden?

Daniel Fügenschuh: Im Vordergrund standen sofort die großen Herausforderungen, mit denen sich unsere Berufsgruppe beschäftigt, allen voran leistbares Wohnen und nachhaltiges Bauen. Das ACE vereint 53 Mitgliedsorganisationen aus ganz Europa. Umso wichtiger ist es, gemeinsame Positionen zu entwickeln und gegenüber der Politik zu vertreten.

Viele Architektinnen und Architekten kennen die Bundeskammer der Ziviltechniker*innen. Ist das ACE auf europäischer Ebene vergleichbar?

In gewisser Weise ja. Auch wir arbeiten in Fachgruppen und beschäftigen uns mit Zukunftsfragen unseres Berufsstandes. Der Unterschied liegt vor allem im Zeithorizont: Auf europäischer Ebene müssen Entwicklungen oft Jahre im Voraus erkannt werden. Wenn sich neue Richtlinien oder Änderungen im Vergaberecht abzeichnen, beginnen wir frühzeitig mit der inhaltlichen Vorbereitung und bringen uns aktiv in politische Prozesse ein.

Wie groß ist der Einfluss des ACE in Brüssel?

Wir verfügen nicht über die Ressourcen großer Industrieverbände. Gleichzeitig haben wir einen wichtigen Vorteil: Unsere Positionen orientieren sich nicht nur an den Interessen der Berufsgruppe, sondern am Gemeinwohl. Architektinnen und Architekten tragen Verantwortung für die Qualität unserer Lebensräume. Mit dieser Perspektive finden wir durchaus Gehör.

Wie wichtig ist die europäische Ebene heute für den Berufsalltag?

Sehr wichtig. Ein großer Teil der Gesetzgebung hat heute einen europäischen Ursprung und wird anschließend national umgesetzt. Das betrifft Wohnen, Nachhaltigkeit oder den Gebäudebestand gleichermaßen. Viele Herausforderungen stellen sich europaweit, deshalb müssen auch die Lösungsansätze europäisch diskutiert werden.

Wie verlief Ihr Weg an die Spitze des ACE?

Nach dem Studium habe ich in mehreren europäischen Ländern gearbeitet, unter anderem in England, Frankreich und den Niederlanden. Dadurch entstand früh ein europäischer Blick auf unseren Beruf. Später wurde ich Mitglied einer Arbeitsgruppe des ACE, anschließend Vorstandsmitglied und schließlich Präsident.

Daniel Fügenschuh
Daniel Fügenschuh, Präsident des Architects Council of Europe (ACE) © Stefan Böck

Sie führen weiterhin Ihr Büro in Innsbruck und sind in der österreichischen Bundeskammer aktiv. Wie lässt sich das vereinbaren?

Natürlich ist das eine Herausforderung. Die europäische Arbeit bringt viele Reisen mit sich. Gleichzeitig haben wir das ACE organisatorisch neu aufgestellt und uns auf die zentralen Themen konzentriert. Dadurch können wir heute deutlich effizienter arbeiten.

Wie politisch verstehen Sie Ihre Funktion als ACE-Präsident?

Sehr politisch. Gute Projekte allein reichen nicht aus. Wenn wir die notwendigen Veränderungen erreichen wollen, müssen wir auch die politischen Rahmenbedingungen mitgestalten. Themen wie Bodenverbrauch, Nachhaltigkeit oder soziale Fragen lassen sich nur lösen, wenn Politik, Planung und Gesellschaft gemeinsam handeln.

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Ist leistbares Wohnen derzeit das zentrale Handlungsfeld?

Ganz klar. Das Thema hat auf europäischer Ebene enorm an Bedeutung gewonnen. Österreich und insbesondere Wien verfügen durch ihre Tradition des sozialen Wohnbaus über vergleichsweise gute Voraussetzungen. Dennoch stellen sich auch bei uns Fragen der Leistbarkeit und der Wohnqualität.

Gleichzeitig müssen wir den Gebäudebestand fit für die Zukunft machen. Dabei geht es nicht nur um Energieeffizienz, sondern auch um soziale, kulturelle und städtebauliche Qualitäten. Gerade die Sanierung bietet enormes Potenzial, weil Verbesserungen oft schneller und ressourcenschonender umzusetzen sind als Neubauten.

In diesem Zusammenhang wird häufig das New European Bauhaus genannt. Worum geht es dabei?

Das New European Bauhaus ergänzt den Green Deal um eine kulturelle und soziale Dimension. Es geht um die Frage, wie Menschen ihre gebaute Umwelt erleben und nutzen. Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch Technik, sondern auch durch Identifikation, Beteiligung und Baukultur.

Nachhaltigkeit und Leistbarkeit werden oft als Gegensätze dargestellt. Sehen Sie das auch so?

Nein. Nachhaltigkeit und Leistbarkeit müssen gemeinsam gedacht werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass vermeintlich billige Lösungen langfristig oft sehr teuer werden. Deshalb ist es entscheidend, Qualität von Beginn an mitzudenken

Ein Thema, das europaweit intensiv diskutiert wird, ist der Umgang mit dem Gebäudebestand. Wie positioniert sich das ACE dazu?

Die Sanierung des Gebäudebestands gehört zu den zentralen Zukunftsaufgaben Europas. Ein großer Teil unserer Gebäude muss in den kommenden Jahren modernisiert werden, sowohl aus klimapolitischen Gründen als auch im Hinblick auf die Energieversorgung. Gleichzeitig steckt im Bestand enormes Potenzial. Es geht nicht nur um technische Verbesserungen, sondern um die qualitative Weiterentwicklung bestehender Gebäude und Stadtquartiere.

Kann die Wohnungskrise auch über den Bestand entschärft werden?

Davon bin ich überzeugt. Wenn wir vorhandene Gebäude besser nutzen und gezielt weiterentwickeln, können wir deutlich schneller zusätzlichen Wohnraum schaffen, als wenn wir ausschließlich auf Neubau setzen. Deshalb müssen wir den Bestand stärker als Ressource begreifen.

Welche Rahmenbedingungen müssten sich dafür ändern?

Ein wesentlicher Punkt sind bestehende Vorschriften und Normen. Viele Regelwerke wurden ursprünglich für Neubauten entwickelt und lassen sich nur eingeschränkt auf Bestandsgebäude anwenden. Gerade bei Sanierungen braucht es mehr Flexibilität. Vereinfachungen würden Sanierungen beschleunigen und gleichzeitig Kosten reduzieren.

Gleichzeitig wird auch beim Neubau über Vereinfachungen diskutiert. Wo liegt die richtige Balance, um nicht billige Plattenbauten zu errichten?

Grundsätzlich ist es sinnvoll, über Vereinfachungen nachzudenken. Gleichzeitig darf das nicht dazu führen, dass Qualität verloren geht oder ein Zwei-Klassen-Wohnbau entsteht. Im Bestand sehe ich großes Potenzial für Erleichterungen. Beim Neubau müssen wir sehr genau darauf achten, welche Standards tatsächlich verzichtbar sind.

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Unterstützen Sie Instrumente wie die CO₂-Bepreisung?

Grundsätzlich ja. Allerdings darf man einzelne Maßnahmen nie isoliert betrachten. Ob CO₂-Bepreisung, Sanierungsförderung oder regulatorische Vorgaben: wir bewegen uns in einem komplexen System, in dem unterschiedliche Ziele aufeinander abgestimmt werden müssen.

Ein einheitlicher CO₂-Preis auf Baustoffe würde einen starken Wandel auslösen.

Das ist richtig. Lange Zeit konzentrierte sich die Diskussion fast ausschließlich auf den Energieverbrauch im Betrieb eines Gebäudes. Die graue Energie, also jene Energie, die bereits in Materialien, Herstellung und Errichtung steckt, wurde kaum berücksichtigt. Heute wissen wir, dass auch dieser Aspekt entscheidend ist. Wer ein funktionierendes Gebäude abreißt und neu errichtet, verursacht zusätzliche Emissionen. Hier findet derzeit ein wichtiges Umdenken statt.

Sie übernehmen Ihr Amt in einer Zeit, in der der Green Deal Gegenwind bekommt. Spüren Sie diese Entwicklung?

Die Themen sind weiterhin präsent, werden heute aber teilweise anders begründet. Neben Nachhaltigkeit stehen inzwischen Resilienz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit stärker im Fokus. Inhaltlich überschneiden sich diese Themen jedoch häufig mit den Zielen des Green Deal.

Welche Rolle spielt der Bodenverbrauch auf europäischer Ebene?

Eine sehr große. Österreich fällt zwar mit besonders hohen Flächenverbrauchswerten auf, grundsätzlich beschäftigt das Thema aber nahezu alle europäischen Länder. Dabei geht es nicht nur um Umweltfragen. Zersiedelung verursacht hohe Infrastruktur- und Folgekosten und wirkt sich negativ auf die Qualität unserer Lebensräume aus. Deshalb betrachten wir Bodenverbrauch immer auch als wirtschaftliches und gesellschaftliches Thema.

Wenn Sie mit europäischer Brille auf Österreich blicken: Wo stehen wir architektonisch und baukulturell?

Österreich genießt in vielen Bereichen einen ausgezeichneten Ruf. Das betrifft die Architektur ebenso wie den Wohnbau und die Baukultur insgesamt. Verbesserungspotenzial sehe ich vor allem bei der Umsetzung notwendiger Reformen. Viele Themen werden lange diskutiert, ohne dass Entscheidungen getroffen werden. Hier würde ich mir mehr Mut und Konsequenz wünschen.

Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Architekturwettbewerben? Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil Wettbewerbe eine der besten Möglichkeiten sind, Qualität sichtbar und vergleichbar zu machen. Zudem bieten sie jungen Büros die Chance, sich am Markt zu etablieren. Innovation entsteht selten durch reine Billigstbieter-Verfahren.

Gleichzeitig gelten viele Verfahren als sehr aufwendig, besonders für kleinere Büros.

Diese Kritik ist teilweise berechtigt. Deshalb plädieren wir für schlankere Wettbewerbe mit klareren Aufgabenstellungen. Es sollte darum gehen, die Qualität von Ideen zu vergleichen und nicht bereits vollständig ausgearbeitete Projekte einzufordern.

Sollten sich österreichische Büros stärker um Projekte in ganz Europa bemühen?

Grundsätzlich ja. Österreich verfügt über eine starke Architekturszene und liegt geografisch mitten in Europa. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Hürden, etwa unterschiedliche Rechtslagen oder sprachliche Barrieren. Genau deshalb versuchen wir als ACE, den grenzüberschreitenden Austausch zu erleichtern.

Versteht sich das ACE auch als Serviceplattform?

Absolut. Neben der politischen Interessenvertretung bieten wir Informationen, Kontakte und Netzwerke an. Wer sich für Wettbewerbe oder Projekte in anderen europäischen Ländern interessiert, findet bei uns Unterstützung und Zugang zu relevanten Partnern.

Wenn wir dieses Gespräch am Ende Ihrer Amtszeit noch einmal führen würden: Woran würden Sie erkennen, dass diese Zeit erfolgreich war?

Mein wichtigstes Ziel ist, dass wir mit unserer fachlichen Expertise einen positiven Beitrag zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit leisten können, von der Wohnbaukrise über die Transformation des Gebäudebestands bis hin zu Fragen der Nachhaltigkeit und Baukultur. Wenn es gelingt, diese Themen stärker ins Bewusstsein zu rücken und bessere Rahmenbedingungen für qualitätsvolle Planung zu schaffen, wäre bereits viel erreicht. Darüber hinaus möchte ich mehr junge Architektinnen und Architekten für die Mitarbeit in den Berufsorganisationen gewinnen. Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, sich einzubringen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Zur Person

Daniel Fügenschuh ist Architekt und Inhaber eines Architekturbüros in Innsbruck. Nach dem Studium an der Universität Innsbruck sammelte er Berufserfahrung in mehreren europäischen Ländern, darunter England, Frankreich und die Niederlande. Neben seiner planerischen Tätigkeit engagiert er sich seit vielen Jahren in der österreichischen Berufsvertretung (ZT Bundeskammer), der er als Präsident vorsteht. Seit Jänner 2026 steht er als Präsident des Architects Council of Europe (ACE) an der Spitze der europäischen Architektenschaft und vertritt die Interessen von rund 580.000 Architektinnen und Architekten. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen leistbares Wohnen, die Transformation des Gebäudebestands, nachhaltiges Bauen und die Förderung von Baukultur.