„Der Köder muss nicht dem Fisch schmecken, sondern der Mutter des Fisches.“ Dies war eine der Erkenntnisse beim Talk am See der Gebäude Installation am 27. Mai in der Österreich-Zentrale des Systemherstellers Viega am Attersee. Das Thema der Panel Discussion: „Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik“. (Stream zum Nachsehen auf Facebook: hier)
Medaillengewinner am Panel
Das Thema kommt nicht von ungefähr. Das Handwerk leidet massiv unter dem Fachkräftemangel. Die Installateure sind besonders stark davon betroffen. Warum das so ist und wie man das Problem lösen kann – darüber diskutierte eine kompetente Runde unter der Leitung von Gebäude Installation-Chefredakteur Martin Hehemann. Mit dabei: Eva-Maria Schupfer, Leiterin der Abteilung Bildungspolitik in der Wirtschaftskammer Oberösterreich, Lehrlingsexperte Robert Frasch, Installateur Paul Forstenlechner, World-Skills-Medaillengewinner René Steinkellner und Viega-Schulungsleiter Jörg Wiesbauer.

Die These zum Köder, dem Fisch und seiner Mutter basiert auf der Einschätzung von Experte Frasch. Er ist Gründer und Leiter des Netzwerks Lehrlingspower, das den Erfahrungsaustausch zwischen Ausbildern und Personalverantwortlichen fördert, und befasst sich intensiv mit der Frage, wie man dem Fachkräftemangel begegnen kann.
Falsche Adressaten
Nach Ansicht von Frasch wird die Diskussion um den Fachkräftemangel häufig am eigentlichen Problem vorbeigeführt. Nicht die Jugendlichen seien die größte Herausforderung, sondern deren Eltern. „Viele junge Menschen könnten sich eine Lehre durchaus vorstellen. Die entscheidende Hürde liege oft darin, dass Eltern weiterhin den schulischen Bildungsweg bevorzugen und diesen als sicherer und prestigeträchtiger wahrnehmen“, so Frasch. „Wer mehr Lehrlinge gewinnen wolle, muss deshalb die Eltern erreichen und überzeugen.“

Frasch verwies auf aktuelle Jugendstudien, wonach die Lehre bei Jugendlichen deutlich besser angesehen sei, als vielfach angenommen werde. Gleichzeitig würden viele Eltern ihre Kinder zunächst in weiterführende Schulen drängen. Dies geschehe auch deshalb, weil Schulen aufgrund sinkender Schülerzahlen verstärkt um Jugendliche werben müssten. „Zahlreiche junge Menschen schlagen dadurch Bildungswege ein, die nicht unbedingt ihren Talenten oder Interessen entsprechen.“
2040 fehlen 150.000 Personen
Wie groß die Herausforderung tatsächlich ist, machte WK-Vertreterin Schupfer deutlich. Der Fachkräftemangel sei natürlich auch in Oberösterreich spürbar und werde sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. „Derzeit fehlen in Oberösterreich rund 40.000 Fachkräfte. Für das Jahr 2040 werden es laut einer Prognose 150.000 Personen sein“, meinte die Abteilungsleiterin der WK OÖ.
Die Ursachen liegen laut Schupfer vor allem im demografischen Wandel. Während in den 1980er-Jahren in Oberösterreich noch rund 23.000 Jugendliche pro Jahrgang zur Verfügung standen, seien es heute nur noch etwa 15.000 bis 16.000. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge schrittweise in Pension. Die Zahl der Nachrückenden reicht nicht aus, um diese Lücke zu schließen.
Gute Chancen
Trotzdem sieht Schupfer eine gute Ausgangsposition für das Handwerk. Vier von zehn Jugendlichen in Oberösterreich entscheiden sich für eine Lehrausbildung. Die Lehre sei damit die häufigste Bildungswahl. Gleichzeitig zeigten Erhebungen der Wirtschaftskammer, dass Lehrabsolvent*innen am Arbeitsmarkt besonders gefragt seien.
Um die jungen Menschen verstärkt für die Lehre zu gewinnen, setzt die Wirtschaftskammer auf zahlreiche Maßnahmen. Dazu gehören Berufsorientierungsprogramme, Potenzialanalysen für Jugendliche, Informationsangebote für Eltern sowie Initiativen wie die Duale Akademie. Allein in Oberösterreich wurden in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 Potenzialanalysen durchgeführt. Dabei erhalten Jugendliche und ihre Eltern professionelle Unterstützung bei der Frage, welche Ausbildung zu den individuellen Talenten und Interessen passt. Schupfer betonte zudem die Bedeutung neuer Bildungswege wie der Höheren Berufsbildung.

Paul Forstenlechner, Geschäftsführer des gleichnamigen Installationsbetriebs in Perg, sieht in der aktuellen wirtschaftlichen Situation sogar eine Chance. Die schwierige Lage vieler Industriebetriebe führe dazu, dass sich mehr qualifizierte Bewerber bei Handwerksunternehmen melden. „Bei uns in der Region sind zahlreiche große Industriebetriebe ansässig. Immer dann, wenn dort Personal abgebaut werde, steigt die Zahl der Bewerbungen bei uns“, meinte Forstenlechner.
Ausbildung im Haus
Bei Forstenlechner setzt man dennoch stark auf die Ausbildung im eigenen Haus: „Wir nehmen pro Jahr sechs bis acht Lehrlinge auf“, so der Firmenchef. Derzeit beschäftigt man 24 Auszubildende. Von den 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stammt rund die Hälfte aus dem eigenen Nachwuchs. Forstenlechner: „Bei uns im Betrieb haben wir nur wenige Akademiker. Und das ist kein Zufall. Das Handwerk lernt man draußen auf der Baustelle und nicht im Hörsaal.“

Er erläuterte, mit welchen Argumenten er junge Menschen von einer Lehre in seinem Betrieb überzeugt. Dazu zählt auch eine klare Rechnung: Ein Mitarbeiter, der bei Forstenlechner mit der Lehre begonnen habe, habe in den ersten zehn Jahren im Alter von 16 bis 24 rund 350.000 Euro verdient. „Nehmen Sie mein Beispiel: Ich habe in dieser Zeit die Matura gemacht, war beim Bundesheer und habe dann Maschinenbau studiert. Diesen Rückstand muss man erst einmal aufholen“, so Forstenlechner. „Wenn man Jugendlichen und ihren Eltern diese Rechnung vorlegt, ist das schon ein Argument.“
Start unter den Installateuren
Zu den Kandidaten, die sich von dieser Kalkulation haben überzeugen lassen, dürfte René Steinkellner gehören. Der junge Mann hat bei Forstenlechner die Lehre gemacht – und ist ein echter Star unter den heimischen Installateuren: Er gewann 2023 die Austrian Skills und wurde bei den World Skills in Lyon 2024 mit einer Medallion for Excellence ausgezeichnet. Für Steinkellner war von Anfang an klar, „dass ich ein Handwerk ausüben möchte“. Die Frage war nur: welches. Bei einem Schnuppertag überzeugte ihn der Beruf des Installateurs. Dazu zählte auch ein ganz pragmatischer Aspekt: „Als Maurer oder Zimmerer arbeitet man im Sommer sehr viel in der prallen Sonne. Das ist beim Installateur besser“, so Steinkellner trocken. Letztlich habe ihn diese Kombination aus handwerklicher Arbeit und guten Arbeitsbedingungen überzeugt.

Jörg Wiesbauer, Schulungs- und Seminarleiter bei Viega sowie Ausbilder am Wifi, beobachtet die Entwicklung des Nachwuchses seit vielen Jahren. Er ist durchaus optimistisch. „In jeder Generation gebe es motivierte und leistungsbereite junge Menschen. Die Aufgabe der Betriebe besteht darin, diese Talente zu erkennen und zu fördern.“ Großen Handlungsbedarf sieht er beim Image des Berufs. Viele Menschen würden beim Begriff Installateur noch immer an Klischees denken. Tatsächlich habe sich das Berufsbild massiv verändert. „Moderne Gebäudetechnik ist ein Hightech-Bereich, der umfassendes technisches Wissen erfordert.“
Was bedeutet die KI?
Ein großer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Frage, welche Auswirkungen Künstliche Intelligenz und strukturelle Veränderungen in der Industrie auf das Handwerk haben werden. Und hier waren sich die Diskutanten einig: Beide Entwicklungen spielen dem Handwerk in die Karten. „Die KI kann keine Leitungen verlegen. Sie wird den Beruf des Installateurs auf absehbare Zeit nicht ersetzen“, meinte Wiesbauer. Besonders im Bereich der Sanierung seien menschliche Erfahrung, Improvisationsfähigkeit und handwerkliches Können unverzichtbar.
Auch Frasch sieht eine große Chance für das Handwerk. Viele klassische Büro- und Einstiegsjobs würden durch KI zunehmend unter Druck geraten. Banken, Versicherungen und andere Dienstleistungsbranchen seien bereits intensiv mit der Automatisierung von Tätigkeiten beschäftigt. Davon könne das Handwerk als Arbeitgeber profitieren.
Neue Ausbildung
Um das zu nutzen, arbeiten die Installateure daran, ihren Beruf attraktiver zu machen. Thomas Luksch, der stellvertretende Innungsmeister der Installateure in Oberösterreich, der ebenfalls anwesend war, berichtete wie: Demnächst wird die neue Ausbildung zur „Installations- und Energietechnik“ möglich sein, in der die beiden bislang getrennten Zweige Gas/Sanitär und Heizung vereint werden. Luksch: „Ich bin zuversichtlich, dass wir im September 2027 die ersten Lehrlinge mit diesem Berufsbild haben werden.“