„Tatsächlich sind viele Entwicklungen bisher nicht in dem Tempo eingetreten, wie wir sie erwartet hatten. Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir bestimmte Puffer unterschätzt haben oder ob Systeme derzeit noch von Reserven leben.“ Herbert Saurugg, internationaler Blackout – und Krisenvorsorgeexperte, spricht in einem ausführlichen Interview mit der Bauzeitung in dieser Ausgabe über die Auswirkungen des Irankriegs auf die Lieferketten – auch und ganz besonders über jene der heimischen Bauwirtschaft (siehe den Brennpunkt-Artikel auf den Seiten 14 und 15). Einen Grund zur Entwarnung sieht Saurugg aber nicht: „Das macht die Lage aber nicht weniger ernst. Es bedeutet lediglich, dass die erwarteten Auswirkungen ziemlich sicher verzögert eintreten werden.“
Wie sehen das die Betriebe?
Die Bauzeitung wollte wissen, wie das die Betriebe des heimischen Baugewerbes sehen. Deshalb widmete sie ihre aktuelle Leser*innen-Umfrage der Lieferketten-Thematik. „Wie stark belastet der Iran-Konflikt Ihre Lieferketten/die Verfügbarkeit von Materialien?“ lautete die erste Frage. Die Ergebnisse spiegeln die Einschätzung von Experte Saurugg wider. 53 Prozent der Befragten geben an, dass ihre Lieferketten gar nicht (32 Prozent) oder nur sehr gering (21 Prozent) betroffen sind. 22 Prozent entscheiden sich für „etwas“ als Antwort, 18 Prozent für „spürbar“ und nur 7 Prozent für „sehr stark“.
In anderen Worten: Die angesagte Katastrophe ist ausgeblieben. Das wird allerdings möglicherweise nicht so bleiben – wenn es nach der Einschätzung der Leser*innen der Bauzeitung geht. „Wie sehr rechnen Sie in den kommenden sechs Monaten mit Preissteigerungen bei Baumaterialien aufgrund des Iran-Konflikts?“, lautete die nächste Frage. „Überhaupt nicht“ (6 Prozent), „kaum“ (9 Prozent) oder „etwas“ (31 Prozent Prozent) antworten fast die Hälfte der Befragten. Die Mehrheit erwartet allerdings Ungemach: 43 Prozent rechnen mit „deutlichen“ Preissteigerungen, 11 Prozent sogar mit „sehr starken. Auch hier stimmen die Betriebe also dem Experten zu.
Konjunktur leidet
Und selbst, wenn der Irankrieg die Lieferketten noch nicht spürbar unterbrochen hat – die Konjunktur am Bau leidet bereits kräftig. Nur 18 Prozent der Befragten geben an, dass der Krieg die Konjunktur gar nicht (7 Prozent) oder nur in geringem Ausmaß (11 Prozent) beeinträchtige. Die übrigen beantworten diese Fragen mit „etwas“ (34 Prozent), „spürbar“ (36 Prozent) oder „sehr stark“ (12 Prozent).
Die Kommentare der Teilnehmer*innen bestätigen diese Zahlen. „Die Vertrauenskrise hält an. Die Investitionen sind zu gering. Die Baukonjunktur und generell die Konjunktur zu schwach“, heißt es in einem Statement, „Unsicherheiten für die Zukunft“ in einem anderen. „Preiserhöhungen, die nicht weitergegeben werden können. Staat muss noch mehr sparen und wo wird gespart? Natürlich werden weiter keine Bauaufträge rausgehen. Der Bau badet weiter die Hälfte des Sparpaketes aus“, meint ein/e Teilnehmer*in. Ein/e andere schreibt: „Die Vertrauenskrise hält an. Die Investitionen sind zu gering. Die Baukonjunktur und generell die Konjunktur zu schwach.“
Preise steigen
Vor allem die Preissteigerungen machen der Bauwirtschaft zu schaffen. „Durch die massiven Energie- Preissteigerungen verteuert sich das Bauen erheblich“, heißt es in einem weiteren. „Die Industrie nutzt alles aus und kann den Hals nicht vollkriegen“, schimpft ein/e Teilnehmer*in. „Die Preise für diverse Vorprodukte sind gestiegen – und das wird weitergehen“, bestätigt ein weiteres Statement. Es gibt allerdings auch andere Stimmen. Auf die Frage nach den Auswirkungen des Kriegs antworten einige auch: „keine“.