Nur wenige Maschinen prägen Baustellen so offensichtlich wie Hochbaukrane – sind diese doch im Normalfall schon von Weitem sichtbar. Die Krane unterstützen Materialflüsse auf Baustellen, beeinflussen Bauabläufe und sind längst mehr als nur Hebemaschinen. Mit zunehmender Digitalisierung der Baustelle entwickeln sich die Turmdrehkrane zunehmend auch zum vernetzten Bestandteil komplexer Bauprozesse, ein wichtiger Vorteil, gerade in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die das Bausegment aktuell prägen.

„Der Wohnbau bleibt aufgrund des gestiegenen Zinsniveaus und der anhaltenden Kaufzurückhaltung unter Druck“, erläutert etwa Zeljko Tenjovic, seines Zeichens Geschäftsführer von Wolffkran in Österreich. „Die stärkste Dynamik verzeichnen wir derzeit im Infrastrukturbau sowie im Industriebau, wo Fertigungserweiterungen und neue Kapazitäten im Bereich erneuerbare Energien und Datenzentren für konstante Nachfrage sorgen. Der Gewerbebau ist zweigeteilt: Logistik und Rechenzentren laufen, der klassische Bürobau bleibt verhalten.“ Insgesamt verschiebe sich die Nachfrage dem Geschäftsführer zufolge „hin zu technisch anspruchsvolleren Projekten — ein Umfeld, in dem leistungsstarke Hochbaukrane klar im Vorteil sind“.

Werbung
MAFELL Ziegel-Anreiß-System ZAS: exakt, einfach und sauber
MAFELL hat das weltweit erste Anreißsystem für Dachziegel mit einer App entwickelt. Das Ziegel-Anreiß-System ZAS spart Zeit beim Messen, Zuschneiden und Verlegen und erhöht die Sicherheit.

Gefragt sind heute also nicht allein größere Traglasten oder höhere Hakenhöhen, vielmehr rücken Effizienz, digitale Unterstützung, kurze Montagezeiten und eine möglichst wirtschaftliche Nutzung der verfügbaren Kranressourcen in den Mittelpunkt des Kundeninteresses. Turmdrehkrane werden zunehmend als Bestandteil eines integrierten Baustellenmanagements betrachtet – mit Auswirkungen auf Planung, Betrieb und Wartung gleichermaßen.

Beengte Platzverhältnisse werden, gerade bei anspruchsvollen Infrastrukturprojekten, zunehmend zur Herausforderung. Die Hersteller entwickeln ihre Kräne daher zunehmend an Kundenanforderungen ausgerichtet weiter. © Wolffkran

Wohnbau in der Krise

Die Entwicklung der verschiedenen Marktsegmente verläuft aktuell sehr differenziert. Der klassische Wohnbau bleibt aufgrund gestiegener Finanzierungskosten, hoher Baupreise und einer insgesamt verhaltenen Investitionstätigkeit unter Druck. Davon betroffen sind insbesondere kleinere Untendreher und mittlere Obendreher, die traditionell auf Wohnbauprojekten eingesetzt werden.

„Die Bautätigkeit in Österreich ist nach wie vor sehr verhalten, vor allem im Hochbau ist die Investitionsfreude immer noch sehr gering“, erklärt Rainer Grundwald, Geschäftsführer von Stirnimann. „Wir bemerken in letzter Zeit vor allem im städtischen Bereich eine verstärkte Nachfrage nach größeren Obendreherkranen mit Ausladungen ab 70 Meter und Maximallasten von zwölf Tonnen und darüber. In dicht verbauten Gebieten kommen auch vermehrt Wippkrane zum Einsatz. Sofern es die Platzverhältnisse zulassen, werden auch große Schnellmontagekrane wie der ‚Igo T130‘ oder der neue ‚Igo T139‘ vermehrt eingesetzt.“

Die Nachfrage in anderen Bereichen entwickelt sich indes deutlich stärker. Öffentliche Infrastrukturmaßnahmen, der Ausbau von Verkehrswegen, Investitionen in Energie- und Umwelttechnik sowie industrielle Großprojekte sorgen weiterhin für eine stabile Auslastung leistungsstarker Turmdrehkrane. Auch der Bau von Rechenzentren, Produktionsanlagen und großvolumigen Logistikimmobilien stellt hohe Anforderungen an Hebekapazität und Reichweite.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Kranmarkt wider. Unternehmen investieren mittlerweile deutlich selektiver in eigene Kranflotten und greifen projektbezogen häufiger auf Mietlösungen zurück. Für Vermieter bedeutet dies gleichzeitig höhere Anforderungen an Verfügbarkeit, Service und technische Beratung. Immer öfter beginnt die Zusammenarbeit bereits in der Planungsphase eines Projekts, wenn Standorte, Kranhöhen oder Kletterkonzepte gemeinsam mit Bauunternehmen und Planungsbüros entwickelt werden.

Mehr Leistung, mehr Möglichkeiten

Unternehmen wie Kammerlander, Kaiser Krane, KSD, Stirnimann oder XL-Kranlogistik haben das hauseigene Leistungsspektrum in den vergangenen Jahren dementsprechend teils deutlich erweitert. Neben der Bereitstellung von Turmdrehkranen übernehmen sie zunehmend Engineering-Leistungen, Transportlogistik, Montageplanung und projektbezogene Beratung. Gerade bei komplexen Baustellen entscheidet heute nicht mehr allein die Leistungsfähigkeit des Krans über den Projekterfolg, sondern die Qualität des gesamten Logistikkonzepts.

Zudem verändern sich auch die Anforderungen an die eingesetzten Hochbaukrane. Noch vor einigen Jahren standen bei Investitionsentscheidungen häufig maximale Traglasten oder Hakenhöhen im Vordergrund. Heute betrachten Bauunternehmen den Kran wesentlich stärker als Teil eines wirtschaftlichen Gesamtsystems.

Besonders innerstädtische Baustellen stellen die Planer dabei vor neue Herausforderungen. Verdichtete Bebauung, begrenzte Lagerflächen und enge Zeitfenster für Anlieferungen verlangen Krane mit großen Arbeitsbereichen bei möglichst geringem Platzbedarf. Gleichzeitig müssen steigende Fertigteilgewichte, großformatige Fassadenelemente oder vorgefertigte Gebäudemodule sicher bewegt werden. Daraus ergeben sich Anforderungen an höhere Tragmomente, größere Ausladungen und flexible Turmsysteme.

„Diese Entwicklung beobachten wir deutlich. Ein wichtiger Treiber sind größere und schwerere Schalungs- und Fertigteilsysteme, die höhere Traglasten erfordern. Gleichzeitig entstehen viele Projekte auf innerstädtischen Baustellen mit begrenzten Platzverhältnissen“, verweist Tenjovic. „Dadurch steigen die Anforderungen in zwei Richtungen gleichzeitig: Zum einen werden höhere Tragfähigkeiten und größere Ausladungen benötigt, zum anderen müssen die Krane trotz beengter Platzverhältnisse präzise und effizient arbeiten können. Hinzu kommt, dass Bauunternehmen heute stärker auf Flexibilität achten. Sie erwarten Krane, die sich an unterschiedliche Bauphasen und wechselnde Anforderungen anpassen lassen.“

Hinzu kommt, wie von Tenjovic angesprochen, der Trend zur industriellen Vorfertigung. Immer mehr Bauteile werden außerhalb der Baustelle produziert und als komplette Module angeliefert. Für den Kran bedeutet dies nicht zwangsläufig höhere Maximaltraglasten, wohl aber eine höhere Präzision beim Positionieren sowie eine zuverlässige Verfügbarkeit während des gesamten Bauablaufs.

Kran-Lebenszyklus abbilden

Viele Hersteller tragen dieser Entwicklung mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer Krane Rechnung. Dabei stehen nicht mehr ausschließlich höhere Leistungsdaten im Vordergrund, auch Effizienz, Bedienkomfort und digitale Unterstützung rücken immer stärker in den Fokus. Liebherr verfolgt diesen Ansatz beispielsweise seit mehreren Jahren äußerst konsequent. Die aktuellen Turmdrehkran-Baureihen zeichnen sich durch modulare Turmsysteme, leistungsfähige Verstellausleger sowie optimierte Antriebstechnik aus. Gleichzeitig erweitert das Unternehmen kontinuierlich sein digitales Angebot. Mit „Connect“ und dem „Tower Crane Portal“ können Nutzer*innen Betriebsdaten, Wartungsinformationen und Flottenkennzahlen zentral verwalten. Ergänzend stehen digitale Kranmodelle für die Baustellenplanung zur Verfügung, die sich in BIM-gestützte Planungsprozesse integrieren lassen. Ziel ist es, den gesamten Lebenszyklus eines Krans – von der Projektplanung über den Betrieb bis zum Service – digital abzubilden.

Auch Wolffkran verfolgt eine ähnliche Strategie. Neben der Weiterentwicklung seiner Obendreher investiert das Unternehmen gezielt in digitale Services. Mit „Wolff Link“ steht eine Plattform zur Verfügung, über die sich Betriebsdaten in Echtzeit erfassen, Wartungszustände überwachen und Serviceeinsätze effizient planen lassen. Für Betreiber großer Kranflotten entsteht dadurch ein deutlich besserer Überblick über Auslastung, Verfügbarkeit und Wartungsbedarf.

„Die Hochbaukranbranche wird derzeit vor allem durch Assistenzsysteme, Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung von Baustellen geprägt. Ein Schwerpunkt liegt auf Systemen, die Kranführer bei wiederkehrenden oder besonders anspruchsvollen Hebevorgängen unterstützen“, unterstreicht Tenjovic. „Mit unserem ‚Wolff High-Speed Positioning System‘ (HiSPS, Anm. d. Red.) lassen sich beispielsweise Bewegungsabläufe speichern und automatisiert ausführen. Gerade bei Betonier- und Schalungsarbeiten mit vielen identischen Hebevorgängen kann dies die Effizienz deutlich erhöhen.“

Optimierte Sicherheit mit Hakenkameras

Hakenkameras würden dabei nicht nur den Kranfahrer bei komplexen Hebevorgängen unterstützen, sondern auch die Sicherheit auf der Baustelle erhöhen. „Unsere ‚Wolff Cam‘ liefert Livebilder direkt vom Haken und unterstützt damit die sichere und präzise Positionierung von Lasten. Gleichzeitig wird die Bedienung intuitiver. Mit ‚Wolff Intuitive Control‘ muss der Kranführer beispielsweise nicht mehr in den Koordinaten des Krans denken, sondern kann die Last per Funkfernsteuerung direkt in die gewünschte Richtung bewegen. Die erforderliche Umrechnung übernimmt das System. Das erleichtert die Bedienung, reduziert potenzielle Fehlbedienungen und unterstützt insbesondere bei komplexen Hebevorgängen. Darüber hinaus gewinnen digitale Service- und Diagnoselösungen an Bedeutung. Mit Wolff Assist können Servicetechniker beispielsweise per Smart Glasses unterstützt werden, wodurch sich Fehlerdiagnosen und Supportprozesse beschleunigen lassen.“

Die Entwicklungsarbeit der Hersteller verlagert sich dabei zunehmend von der reinen Maschinenkonstruktion hin zu ganzheitlichen Systemlösungen. Der Kran wird nicht länger isoliert betrachtet, sondern als Bestandteil einer vernetzten Baustelle, in der Maschinen, Planung und Baustellenlogistik miteinander kommunizieren.

„Aktuell gibt es viele Entwicklungen bei der Steuerung der Krane, um weitere sicherheitstechnische Aspekte abzudecken sowie die Bedienerfreundlichkeit im Betrieb und auch im Zuge der Montagetätigkeit weiter zu verbessern, bis hin zu Entwicklungen für einen teilautonomen Betrieb“, erklärt beispielsweise Grundwald. So werde die gesamte Bedienung und die Überwachung der sicherheitstechnischen Parameter mittlerweile elektronisch beziehungsweise digital unterstützt. „Darüber hinaus bieten Potain-Krane mit ‚Potain Connect‘ ein System mit Remote-Zugriff zur Ferndiagnose, Parameteränderung, Ortsbestimmung etc. sowie Überwachung der Kranaktivitäten bis hin zur Verwaltung der gesamten Kranflotte. Die so generierten Daten können darüber hinaus auch in vorhandene ERP-Systeme integriert werden.“

Zeljko Tenjovic,
Geschäftsführer Wolffkran Österreich

Der Kran wird zunehmend zum Taktgeber der digitalen Baustelle. Betriebsdaten fließen in Echtzeit in die Projektsteuerung ein, Lieferlogistik und Gewerkeabfolge lassen sich präziser koordinieren. Auch im Energiemanagement übernehmen smarte Krane eine aktive Rolle durch gezielte Laststeuerung und die Einbindung in baustellenweite Energiesysteme.

Rainer Grundwald, Geschäftsführer Stirnimann

Der Kran wird weiterhin das zentrale Element auf der Baustelle sein. Ich kann mir in Zukunft eine digitale Vernetzung der Krane mit anderen Baugeräten und auch mit dem Baustellenpersonal zur Erhöhung der Sicherheit und Optimierung der Baustellenabläufe sehr gut vorstellen.

LIebherr Kran Im Praxiseinsatz bei der Seebühne Bregenz

Im Juli 2026 feierte Verdis „La traviata“ Premiere auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele. Schon Monate vor der ersten Vorstellung lief der Aufbau des Bühnenbilds, welches als zerbrochener Spiegel über dem Bodensee entworfen wurde. Die Spiegelwand ragt an ihrer höchsten Stelle 25 Meter über die Wasserfläche und umfasst rund 700 Quadratmeter. Sie setzt sich aus 86 einzelnen Flächen zusammen, die in der Montagehalle als gefräste Holzbauteile vorbereitet und mit bedruckten Folien beklebt werden. Der eingesetzte „150 EC-B 8 Litronic“ von Liebherr ist ein Flat-Top-Kran und wurde auf einem im Wasser verankerten Unterwagen montiert. Auf der Seebühne übernahm der Flat-Top-Kran mit einer Konfiguration von 32,8 Metern Hakenhöhe und 55 Metern Ausladung das Setzen der Stahlträger sowie das Heben von Bauteilen für die Spiegelwand. Die kompakte Bauweise ohne Spitze erleichtert den Einsatz auf der Baustelle am Wasser, an der mehrere Gewerke parallel arbeiten.