„Genau wie die Bauwirtschaft selbst, befindet sich auch die österreichische Betonfertigteilbranche in einem tiefgreifenden Wandel – dieser Wandel ist tief von Nachhaltigkeit geprägt und wird mittlerweile in allen Unternehmen unserer Branche aktiv mitgetragen.“ Anton Glasmaier, Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke (VÖB) und Vorstandsvorsitzender des Branchenverbunds Beton Dialog Österreich, spricht eine Entwicklung an, die aus Sich vieler Expert*innen nicht mehr aufzuhalten ist: Die Nachhaltigkeit ist am Bau angekommen. Und sie ist gekommen, um zu bleiben.

Viele Ansätze

Sie hat die verschiedensten Ausprägungen: Nachhaltig bauen reicht von der Reduktion der CO2-Emissionen bei der Produktion der verwendeten Baustoffe über den sparsamen Umgang mit Materialien beim Bau und der Steigerung der Vorfertigungsrate bis hin zum verstärkten Fokus auf die Kreislaufwirtschaft – Stichwort: Recycling und Re-Use. Aber es geht auch um die Verwendung nachhaltiger Materialien wie Lehm oder Hanf.

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„Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur die Reduktion eigener Emissionen. Es geht auch darum, Bauunternehmen konkrete Werkzeuge für ressourcenschonendere, transparente und wirtschaftlich tragfähige Bauprozesse zur Verfügung zu stellen“, verdeutlicht Harald Zulehner, Geschäftsführer des Schalungs- und Gerüstbauanbieters Doka in Österreich, die breite Palette der Möglichkeiten.

Zentraler Bestandteil

„Nachhaltigkeit ist ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie“, meint man bei Doka. Mit dem Ziel, bis 2040 Net Zero zu erreichen, das für die gesamte Umdasch Group gelte, setze man auf „konkrete und messbare Maßnahmen in den Bereichen Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft“. Seit 2021 habe man an den österreichischen Standorten die sogenannten Scope-1- und Scope-2-Emissionen um mehr als 50 Prozent reduziert. Und man treibe die Dekarbonisierung weiter „konsequent voran“.

Nachhaltiges Wirtschaften „bedeutet für uns vor allem eines: zukunftsfähiges Wirtschaften“, betont Doka Österreich-Chef Zulehner. „Indem wir etwa unseren Energieverbrauch reduzieren, auf erneuerbare Quellen umstellen oder Strom über unsere PV-Anlagen selbst erzeugen, machen wir uns unabhängiger von volatilen Faktoren wie Öl- und Gaspreisen.“

Roadmap bis 2050

Eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung der Bauwirtschaft spielt die Reduktion der CO2-Emissionen bei der Zementherstellung. Die heimische Zementindustrie hat sich in ihrer Roadmap vorgenommen, bis zum Jahr 2050 CO₂-neutral zu produzieren. Und sie sieht sich auf einem guten Weg. „Österreicher Zement ist Spitzenreiter beim Klimaschutz“, meint die Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ).

Laut Angaben der VÖZ sank die CO₂-Emission je Tonne produzierten Zement 2025 auf 467 Kilogramm. Damit gehöre die heimische Produktion zu den emissionsärmsten weltweit. „Die österreichische Zementindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und investiert seit Jahren hunderte Millionen Euro in Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und innovative CO₂-Abscheidungstechnologien“, sagt VÖZ-Geschäftsführer Sebastian Spaun. „Lokale Abfallkreisläufe liefern heute die Energie für die Klinkerproduktion, fossile Brennstoffe wurden zu rund 90 Prozent aus den Zementwerken verdrängt“, meint er und ergänzt: „Unsere Leitbetriebe sichern damit die Grundlage moderner Infrastruktur und regionaler Wertschöpfung mit heimischen Rohstoffen, auf kurzen Wegen und mit wachsendem Einsatz von Recyclingstoffen.“

Fußabdruck senken

Zu den wichtigen Kunden der Zementindustrie zählen die Transportbetonhersteller. Sie setzten laut Christoph Ressler, Geschäftsführer des Güteverbands Transportbeton, bei der Dekarbonisierung „verstärkt auf klinkerreduzierte Bindemittel, die den CO₂-Fußabdruck des Betons erheblich senken“.

Eine Stufe weiter in der Wertschöpfungskette dürfte man die Bemühungen der Hersteller begrüßen. „Nachhaltigkeit ist bei Leyrer + Graf kein Schlagwort, sondern eine Frage der unternehmerischen Haltung“, meint beispielsweise Stefan Graf, CEO des niederösterreichischen Bauunternehmens Leyrer + Graf. „Gerade in der Bauwirtschaft, wo große Mengen an Material und Energie eingesetzt werden müssen, ist entsprechendes Potenzial vorhanden – und damit auch unsere Verantwortung. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass die Lösungen auf Papier und Regularien oft leichter klingen, als sie tatsächlich sind.“

E-Radlader im Einsatz bei Leyrer + Graf
E-Radlader im Einsatz bei Leyrer + Graf: Dort ansetzen, wo wir selbst Einfluß nehmen können. © Leyrer + Graf/Benjamin Wald

Bei Leyrer + Graf setzte man dort an, „wo wir selbst Einfluss nehmen können“. Dazu gehören Investitionen in Photovoltaik, Elektromobilität und effizientere Bauprozesse. „Viele Fortschritte werden jedoch davon abhängen, welche Technologien in den kommenden Jahren marktreif und wirtschaftlich verfügbar werden – sei es bei alternativen Antrieben, innovativen Baustoffen oder neuen Energielösungen“, so Graf.

Offen für neue Lösungen

Die Entwicklung der Branche sei daher eng mit technologischen Innovationen verbunden. „Unsere Aufgabe als Bauunternehmen ist es, offen für neue Lösungen zu sein, diese zu erproben und dort einzusetzen, wo sie einen echten Mehrwert schaffen“, sagt Graf. „Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht kein Zustand, den man erreicht, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess.“

Giesserei von TRM
Giesserei von TRM: Rohr- und Pfahlsysteme zu 100 Prozent aus recyceltem Eisen hergestellt. © Loewenzahm

Der Tiroler Hersteller Rohr- und Pfahlsystemen TRM schreibt „Nachhaltigkeit“ ebenfalls groß. „Nachhaltigkeit ist bei TRM ein zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie und prägt sowohl die Produktion als auch die Produktentwicklung“, verdeutlicht Vertriebsleiter Thomas Aumüller. „Unsere Rohr- und Pfahlsysteme werden zu 100 Prozent aus recyceltem Eisen hergestellt und sind selbst nach einer Lebensdauer von mehr als 100 Jahren wieder vollständig recycelbar. Damit leisten unsere Produkte einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und zu einer nachhaltigen Bauweise.“ Darüber hinaus investiere man kontinuierlich in energieeffiziente Produktionsprozesse – etwa durch die Nutzung von Abwärme für das regionale Fernwärmenetz, einer großen Photovoltaikanlagen.

Nicht nur ein Trend

Nachhaltigkeit dürfe allerdings nicht nur ein Trend sein, so Aumüller weiter, sondern müsse „von echtem Interesse geprägt“ sein. Der TRM-Vertriebschef: Daher sollte es bereits in der Planung und Ausschreibung berücksichtigt werden. Abbruch, Wiederaufbereitung und Wiedereinsatz müssen bezahlt werden, und es braucht einen Bauherrn, der bereit ist, dies umzusetzen.“

Grüne Stadtvillen Mödling
Grüne Stadtvillen Mödling von der ARE: Nachhaltigkeit in der Praxis. © Stefan Seelig

Dessen ist man sich bei vielen der angesprochenen Bauherren durchaus bewusst. Zu ihnen  zählt die bundeseigene ARE Austrian Real Estate (ARE). „Für die ARE spielt das Thema eine große Rolle. Das beginnt bereits in der Entwicklung von Brownfields statt Greenfields, reicht von den eingesetzten Materialien bis hin zum Energiesystem und endet nicht zuletzt beim effizienten Betrieb der Gebäude“, verdeutlicht ARE-Geschäftsführer Gerald Beck.

Pflicht und Markt

Das Unternehmen sehe zukunftsweisende Bauweisen sowohl als seine Pflicht als auch als Anforderung, um am Markt erfolgreich bestehen zu können. „Die Entwicklung wird von uns als Auftraggeberin gemeinsam mit den sich weiterentwickelnden Baufirmen und Produzenten vorangetrieben“, so Beck weiter. Das zeige sich beispielsweise am Vorfertigungsgrad am Bau, wo sich vieles zunehmend in die Fabrik verlagere und ganze Wände oder Fassadenelemente fertig angeliefert würden, genauso wie bei der technologischen Entwicklung von Haustechnik und Energiesystemen. „Auf der anderen Seite wird die Entwicklung auch von der Nachfrage beeinflusst: Effiziente, resiliente und flexible Gebäude sind nicht die Zukunft, sondern schon Gegenwart“, sagt Beck. Er verweist dabei auf die ARE-Projekte „Village im Dritten“ oder „Im grünen Mödling“.

16 Wirtschaftsparks

In Niederösterreich zählt Ecoplus, die Wirtschaftsagentur des Landes, zu den großen Auftraggeber*innen der Bauwirtschaft. Sie betreibt 16 Wirtschaftsparks. Nachhaltige Bauweise sei für Ecoplus „ein zentrales Zukunftsthema an der Schnittstelle von Innovation, Klimaschutz und Wirtschaftsentwicklung“, betont das Unternehmen. Nachhaltige Bauweise sei dabei heute weit mehr als das energieeffiziente Bauen.

Grünraumgestaltung Kreilhof
Ecoplus-Wirtschaftspark Kreilhof in Waidhofen an der Ybbs: klimafitte Standortentwicklung. © Martin Helm

„Von der Revitalisierung bestehender Flächen über erneuerbare Energien bis hin zu innovativen Materialien setzen wir auf Lösungen, die ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Entwicklung verbinden“, sagt Ecoplus-Geschäftsführer Helmut Miernicki. „Gemeinsam mit Unternehmen, Gemeinden und Forschungspartnern schaffen wir zukunftsfähige Wirtschaftsräume.“ Er verweist dabei unter anderem auf den Wirtschaftspark IZ NÖ-Süd, für den Ecoplus mit dem Erdreich Preis 2026 in der Kategorie Flächenrecycling ausgezeichnet wurde.

Klare Regeln und faire Vorgaben

Um nachhaltige Bauweisen konsequent voranzutreiben, wünschen sich die Vertreter der Bau- und Immobilienwirtschaft klare und faire Vorgaben vonseiten der Politik. Transportbeton-Vertreter Ressler hat hier vor allem eine faire Ökobilanzierung über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks im Blick. „Eine Ökobilanzierung, die nur die Herstellung betrachtet, greift zu kurz“, stellt er fest. „Transportbeton punktet gerade mit seiner Langlebigkeit und Robustheit – das muss sich in der ganzheitlichen Betrachtung widerspiegeln. Dafür bemühen wir uns um aktuelle, belastbare Ökodaten, die wir unseren Planungspartnern bereitstellen können.“

Infrastruktur für die Transformation

VÖZ-Geschäftsführer Spaun fordert von der Regierung, dass in die Infrastruktur investiert wird, die aus Sicht der Zementindustrie notwendig ist, um die grüne Transformation der Branche zu bewerkstelligen. „Die gute Nachricht ist: Unsere Transformation ist klar geplant und technologisch machbar. Technisch wissen wir, was in den Werken zu tun ist – die Herausforderung liegt außerhalb der Werkszäune“, sagt Spaun. „Die Branche ist bereit zu investieren und bekennt sich klar zu den Klimazielen. Jetzt ist die Politik gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Ohne CO₂-Speicher, Pipelines und leistbaren Industriestrom bleiben Nullemissionen bis 2040 ein Wunschtraum.“

Kein Nullsummenspiel

Bauunternehmer Graf beobachtet, „dass zwischen dem grundsätzlichen Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und der tatsächlichen Entscheidungspraxis oft eine Lücke vorhanden ist, deren Ursache nicht leicht zu beheben sei. „Nachhaltigkeit und die Transformation dorthin sind kein Nullsummenspiel. Sie wird sich nur dann breiter durchsetzen, wenn ökologische, wirtschaftliche und technische Aspekte gleichermaßen in Entscheidungen einfließen“, meint Graf. Um das Thema in der Bauwirtschaft weiter voranzubringen, braucht es aus seiner Sicht weniger komplizierte und überbordende Regularien und mehr Klarheit. Graf: „Die Branche benötigt konkrete Leitlinien, nachvollziehbare Kriterien und langfristige Planungssicherheit.“