Die Abfallsammelstelle im südburgenländischen Strem erlebte an einem Vormittag einen Ausnahmezustand: Statt der Reihe nach Sperrmüll zu entsorgen, trafen die Anliefernden auf ein Team in weißen Overalls, das ausgewählte Fenster, Türen, Sanitärobjekte und Möbelstücke aus Anhängern und Kofferräumen holte. Die Gegenstände wurden gereinigt, vermessen und wie in einem Schauarchiv präsentiert. Was als kurze Intervention begann, war der erste Testlauf für ein größeres Vorhaben: den Umbauhof.
Initiiert wurde das Pilotprojekt von Architektur Raumburgenland im Rahmen der Architekturtage, die unter dem Motto „Geht‘s noch? Planen und Bauen für eine Gesellschaft im Umbruch“ standen. Das Kollektiv asphalt entwickelte ein performatives Konzept, um den kommunalen Bauhof testweise zum Umbauhof zu erweitern. An zwei bewusst gegensätzlichen Standorten entstanden Pop-up-Umbauhöfe: am großflächigen Bauhof Eisenstadt und an der kleinen Sammelstelle in Strem. Dort sammelten, katalogisierten und präsentierten die Betreiber Bauteile und machten sie der Öffentlichkeit zugänglich.
Sammelstelle als Schaufenster für zirkuläres Bauen
Der Hintergrund ist volkswirtschaftlich wie ökologisch bedeutsam: Der Bausektor verursacht weltweit rund 38 Prozent der CO2-Emissionen, in Österreich stammen fast 77 Prozent des gesamten Abfallaufkommens von Baustellen. Vor Ort zeigte sich immer wieder, wie viel davon eigentlich noch brauchbar wäre, wie etwa eine massive Holztür, die entsorgt wurde, weil sie als nicht mehr modern galt – ersetzt durch eine furnierte Leichtbautür aus dem Baumarkt.
Genau hier setzt der Umbauhof an: als Schnittstelle zwischen Rückbau und Wiederverwendung. Anders als der meist unter Zeitdruck stehende Abriss schafft er den räumlichen und zeitlichen Puffer, damit Bauteile eine zweite Verwendung finden können. „Es fehlte nicht an der Bereitschaft zur Wiederverwendung, sondern an der Vorstellungskraft, was aus den Dingen noch werden könnte. Ebenso mangelte es an einer Infrastruktur, die Wiederverwendung als selbstverständlichen Bestandteil der Baukultur sichtbar und zugänglich macht“, so das Kollektiv asphalt.
Impulse aus Forschung und Praxis
Das nun vorliegende Buch dokumentiert den Feldversuch und bettet ihn in einen breiteren Diskurs ein. Recherche, Fotodokumentation und Gespräche mit Besucherinnen sowie Mitarbeitenden der Sammelstellen treffen auf Gastbeiträge aus Architektur, Materialforschung und Politik. Unter den Autorinnen und Autoren sind Hermann Czech, Astrid Staufer, Dirk E. Hebel und Dietrich Erben. Sie beleuchten den Umbauhof aus unterschiedlichen Blickwinkeln: als klimapolitisches Instrument, als ästhetische Frage, als rechtliche Herausforderung und als performative Praxis.
Verbindung von Abfallwirtschaft und Bauwesen
Andrea Kessler von materialnomaden sieht im Umbauhof einen ersten Schritt vor allem in der Bewusstseinsbildung. „Er schließt Brücken zwischen den beiden Wirtschaftszweigen – der Abfallwirtschaft und dem Bauwesen“, so Kessler. Allen Beiträgen ist die Überzeugung gemeinsam, dass der Umbauhof kein fertiges Konzept ist, sondern ein lernendes Modell. Es zeigt, wie aus einer bestehenden kommunalen Infrastruktur ein Motor für zirkuläres Bauen werden kann – und wie ein Umdenken im Umgang mit Baumaterialien konkret beginnen könnte.